Nina Gawol
Umwelt | Wasser & Boden, 27.02.2026
Haitis Kampf gegen Bodenerosion und Armut
Von der Krise zur Resilienz
Wie Aufforstung und naturbasierte Anpassungen an den Klimawandel nicht nur Landschaften, sondern auch Lebensperspektiven zurückbringen.
Die Felder von Dieudonné Silfrard liegen an einem Hang im Norden Haitis – ein Gebiet, das von Bodenerosion betroffen ist. Immer wieder spült der Regen fruchtbare Erde davon, zurück bleiben karge Flächen und die Sorge um die nächste Ernte. Doch der Kleinbauer hat Hoffnung geschöpft: Gemeinsam mit der haitianischen Organisation Concert-Action pflanzt er Bäume auf seinem Land. Eines Tages soll hier ein sogenanntes Agroforstsystem entstehen.
Naturbasierte Lösungen als Antwort auf multiple Krisen
Im Fokus stehen dabei vier Handlungsfelder:
Ein Modell mit globaler Relevanz
Nina Gawol ist Kommunikationswissenschaftlerin mit einem Fokus auf Nachhaltigkeitsthemen. Bei OroVerde verantwortet sie die Öffentlichkeitsarbeit für ein internationales EbA-Projekt, das gemeinsam mit der Welthungerhilfe und lokalen Organisationen in Kuba, Haiti und der Dominikanischen Republik umgesetzt und der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI) gefördert wird.
Weiteres zum Thema Bodendegradation und damit verbundene Lösungsansätze finden Sie in den Ausgaben forum 01/2025 - Pioniere der Hoffnung und forum 03/2025 - Der Wert der Böden.
Die Felder von Dieudonné Silfrard liegen an einem Hang im Norden Haitis – ein Gebiet, das von Bodenerosion betroffen ist. Immer wieder spült der Regen fruchtbare Erde davon, zurück bleiben karge Flächen und die Sorge um die nächste Ernte. Doch der Kleinbauer hat Hoffnung geschöpft: Gemeinsam mit der haitianischen Organisation Concert-Action pflanzt er Bäume auf seinem Land. Eines Tages soll hier ein sogenanntes Agroforstsystem entstehen. Zwischen den jungen Baumsetzlingen wächst Kohl. Die Kohlernte sichert nicht nur die Ernährung seiner Familie, sondern bringt auch zusätzliches Einkommen, denn Kohl ist auf den lokalen Märkten sehr gefragt. Die Bäume hingegen brauchen Zeit. Doch sobald sie gewachsen sind, schützen sie den Boden dauerhaft vor Erosion, verbessern den Wasserhaushalt und schaffen ein stabiles Mikroklima. So verbindet das Agroforstsystem kurzfristige Ernährungssicherung mit langfristigem Bodenschutz – eine Lösung, die Mensch und Natur gemeinsam stärkt.
Wenn Böden sterben – Ursachen und Folgen der Erosion
In Haiti zeigt sich in dramatischer Weise, was passiert, wenn Naturkapital über Jahrhunderte ausgebeutet wird. Über 50 Tonnen Boden gehen jährlich pro Hektar mehr im Vergleich zur Dominikanischen Republik verloren . Das ist eine Folge von Entwaldung, nicht angepasster Landwirtschaft und zunehmenden Extremwetterereignissen durch den Klimawandel. Über 70 Prozent des Energiebedarfs im Land wird durch Holz gedeckt, was zu extensiver Abholzung führt. Wo keine Bäume mehr stehen, fehlt der natürliche Erosionsschutz.
Gleichzeitig arbeiten viele Kleinbäuerinnen und Kleinbauern auf steilen Hängen ohne Terrassierung oder andere Schutzmaßnahmen – oft, weil es an Wissen, Ressourcen oder Alternativen fehlt. Verstärkt wird diese Entwicklung durch den Klimawandel: Häufige Starkregen, weniger regelmäßig verteilte Niederschläge und steigende Temperaturen verschärfen Wasserknappheit und degradieren Böden weiter.
Die Folgen sind gravierend: Sinkende Erträge, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und wachsende Landflucht. Über eine Million Menschen sind laut der Internationalen Organisation für Migration innerhalb Haitis aufgrund der angespannten Sicherheitslage in der Hauptstadt Port-au-Pronce auf der Flucht. In ländlichen Regionen treffen die Geflüchteten auf weitere Herausforderungen: Umweltfaktoren wie Bodendegradation, Wasserknappheit und extreme Wetterereignisse verschärfen die ohnehin schwierigen Lebensbedingungen.
Naturbasierte Lösungen als Antwort auf multiple KrisenInmitten dieser komplexen Lage setzt die Tropenwaldstiftung OroVerde gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen auf einen vielversprechenden Ansatz: die ökosystembasierte Anpassung an den Klimawandel (Ecosystem-based Adaptation, kurz EbA). Ziel ist es, ökologische und soziale Resilienz miteinander zu verbinden – und damit langfristig Lebensgrundlagen zu sichern.
- Aufforstung und Renaturierung: In besonders erosionsgefährdeten Gebieten werden gezielt widerstandsfähige Baumarten wie Mahagoni, Kapok oder Haitianische Catalpa-Eiche gepflanzt. Diese stabilisieren durch ihr Wurzelwerk den Boden, verbessern die Wasserspeicherung und fördern die Biodiversität. Durch Schutzzonen und Ergänzungspflanzungen sollen auch bestehende Wälder erhalten und erweitert werden.
- Nachhaltige Einkommensalternativen: Agroforstsysteme verbinden die Pflanzung von Bäumen mit geeigneten landwirtschaftlichen Kulturen und tragen so gleichzeitig zum Schutz der Wälder und zur Ernährungssicherheit bei. In biodivers gestalteten Parzellen werden Pflanzen, die sich gut mit Bäumen kombinieren lassen und stabile Einnahmequellen schaffen. Zusätzlich übernehmen Wälder eine zentrale Rolle als natürliche Wasserfilter und -speicher – ein entscheidender Faktor für die Versorgung der Bevölkerung, insbesondere in Zeiten zunehmender Trockenheit.
- Bodenschutzmaßnahmen: Terrassierung, Konturgräben und Kompostierung sind einfache, aber wirkungsvolle Methoden, um Erosion zu verhindern und die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern. Sie werden direkt in die Praxis eingebunden und an die lokalen Gegebenheiten angepasst.
- Wissenstransfer und Beteiligung: Schulungen, lokale Netzwerke und die Stärkung der Eigenverantwortung stehen im Zentrum der Projektarbeit. Es geht nicht nur um technische Lösungen, sondern um einen Wandel im Umgang mit natürlichen Ressourcen – getragen von der Gemeinschaft selbst. Ziel ist eine eigene Kultur der Anpassung an den Klimawandel.
Ein Modell mit globaler Relevanz Was in Haiti geschieht, ist symptomatisch für viele Regionen des Globalen Südens. Die Kombination aus fragiler Staatlichkeit, klimatischen Veränderungen und ökologischer Degradierung macht naturbasierte Lösungen wie EbA zu einem Schlüsselelement moderner Entwicklungszusammenarbeit. Sie lassen sich mit vergleichsweise geringen Mitteln umsetzen, bringen kurzfristige Erfolge für die Bevölkerung und stärken langfristig die Widerstandskraft der Ökosysteme.
Doch damit solche Projekte langfristig wirken, braucht es mehr: Die Einbindung lokaler Akteur*innen in Entscheidungsprozesse, etwa in Form von Wassermanagement-Gremien, ist ebenso entscheidend wie die Verankerung nachhaltiger Strategien in politische Programme. Auch internationale Kooperationen, innovative Finanzierungsansätze und das Engagement verantwortungsbewusster Unternehmen spielen eine zentrale Rolle.
Dabei ist insbesondere ein innovativer und einfacher Zugang zu Finanzierungsansätzen notwendig – auch und gerade für kleinere zivilgesellschaftliche Organisationen, die am nächsten an den Betroffenen arbeiten, aber strukturell benachteiligt sind. Ebenso wichtig ist die Bereitstellung von zuverlässigen, lokal aufgeschlüsselten Klimadaten, die eine fundierte Planung und Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen erst ermöglichen.
Und nicht zuletzt braucht es sinnvolle, global koordinierte Anpassungs- und Klimaschutzziele: Denn die Ursachen der globalen Erwärmung liegen maßgeblich im Globalen Norden – ihre gravierendsten Folgen jedoch treffen Kleinbauern wie Dieudonné Silfrard.
Weiteres zum Thema Bodendegradation und damit verbundene Lösungsansätze finden Sie in den Ausgaben forum 01/2025 - Pioniere der Hoffnung und forum 03/2025 - Der Wert der Böden.
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