Boris Arno Werschbizky
Wirtschaft | CSR & Strategie, 01.06.2025
Die Berichterstatter
Sie müssen nicht. Sie wollen!
Drei mittelständische Vorreiter zeigen, wie freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung zum Werkzeug für Wandel, Kundenbindung und Erfolg wird. forum zeigt, was andere KMU von ihnen lernen können.
Was verdient eigentlich der Mango-Bauer auf den Philippinen an genau dem Frucht-Balsamessig, den ich gerade kaufe? Bei vomFASS, einem international tätigen Feinkost-Franchise, kann man das ganz leicht herausfinden. Auf einem Papieranhänger an der Flasche: ein QR-Code. Wer ihn scannt, sieht, woher die Mangos stammen, wer sie angebaut hat – und wie viel Geld tatsächlich vor Ort ankam. Faire Bezahlung – in Echtzeit nachvollziehbar. „Für uns war das der logische nächste Schritt: Wir erzählen nicht nur Geschichten zu unseren Produkten – wir machen sichtbar, was sie für die Menschen bedeuten, die diese Produkte erst ermöglichen", erklärt Tobias Haußmann, Nachhaltigkeitsmanager bei vomFASS
Im Modehaus Ramelow in Norddeutschland öffnet man regelmäßig die Türen für den Dialog zum Thema Nachhaltigkeit: Bei Abendveranstaltungen sind Kund:innen eingeladen, Fragen zu stellen – etwa zur Herkunft der Kleidung oder zum CO2-Fußabdruck des Modehauses.
„Wir wollten nicht einfach nur reagieren – wir wollten offen erzählen, was wir tun", sagt Marketingchefin und Nachhaltigkeitsmanagerin Stephanie Essack. Und sie meint damit nicht nur Broschüren. Sondern auf der Grundlage von strukturierten Nachhaltigkeitsberichten.
In Gräfelfing bei München hat die Oberflächenbeschichtungsfirma Betz-Chrom ein ganzes Galvanikbecken für eine Art „Do-It-Yourself"-Forschung abgestellt. Ziel: das kanzerogene Chrom(VI) durch eine umweltfreundlichere Alternative zu ersetzen – gemeinsam mit Chemielieferanten und OEMs. Getestet an echten Kundenbauteilen.
„Wir haben gemerkt, dass viele in unserer Branche weitermachen, wie bisher, weil die Alternativen fehlen. Also haben wir gesagt: Dann müssen wir eben selbst anfangen, neue Verfahren zu entwickeln", erklärt Hannah Betz, die Junior- Geschäftsführerin von Betz-Chrom.
Drei Unternehmen, drei Branchen – ein gemeinsamer Nenner: Sie veröffentlichen freiwillig strukturierte Nachhaltigkeitsberichte entlang der Logik der CSRD – und das, obwohl sie rechtlich nicht dazu verpflichtet sind. Nicht aus Zwang, sondern, weil sie überzeugt sind, dass Transparenz nach außen, interne Klarheit und Verantwortung ein Wettbewerbsvorteil sind.
„Die meisten KMU kommen erst ins Tun, wenn sie müssen. Wir gehen freiwillig voran und glauben, dass uns der CSR-Bericht vorbereitet – auf Kundenanfragen, neue Vorgaben, auf das, was sowieso kommt.”
Hannah Betz, Betz-Chrom
CSRD? Nicht zwingend, aber spannend
Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) will die EU mehr Transparenz und Verbindlichkeit schaffen – und zwar nicht nur für börsennotierte Konzerne, sondern perspektivisch auch für mittelständische Unternehmen. Die Idee: Wer über soziale, ökologische und Governance-Themen berichtet, wird messbar, vergleichbar – und langfristig resilienter.
Die drei genannten Unternehmen sind von dieser Berichtspflicht formal nicht betroffen. Doch alle drei nutzen Standards entlang der CSRD freiwillig – etwa in Form der doppelten Wesentlichkeitsanalyse, der Orientierung an den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) oder durch die Implementierung von Umweltmanagementsystemen.
Vom Bauchgefühl zur Berichtslogik
![]() Pioniere – für freiwilliges Engagement
Betz-Chrom GmbH
Branche: Oberflächentechnik
Mitarbeitende: 70
Spezialist für funktionelle Oberflächenbearbeitung: von Hartverchromung bis chemisches Vernickeln. Zertifiziert nach vier ISO-Normen. „Bei Kundenanfragen zur Nachhaltigkeit verschicken wir unseren Bericht zusammen mit den Zertifikaten über unser Umwelt- und Energiemanagementsystem. Das spart Zeit. Und es zeigt, dass wir nicht erst anfangen, wenn’s Pflicht wird."
VOM FASS AG
Branche: Lebensmittel (Franchise)
Mitarbeitende: 84
Standorte: 235
Nachfüllen statt Wegwerfen: Essige, Öle oder Spirituosen – bei vomFass zählen der Inhalt und das Mehrweg-Prinzip. Das Franchise-Unternehmen zeigt, dass Berichterstattung keine lästige Pflicht ist – sondern eine Chance, Haltung zu zeigen und Kundenbindung zu stärken. „Für uns ist der Nachhaltigkeitsbericht kein Marketingtool, sondern ein Arbeitsdokument. Er hilft uns, das Wissen im Unternehmen zu bündeln
und gezielter weiterzugeben."
Gustav Ramelow KG
Branche: Mode-Einzelhandel
Mitarbeitende: 250
Standorte: 5
Tradition trifft Verantwortung: Mit seinem freiwilligen Nachhaltigkeitsbericht macht Ramelow vor, wie sich mittelständische Einzelhändler transparent und zukunftsorientiert aufstellen können. „Der Bericht hat unsere Gespräche verändert – mit Kund:innen, aber auch im Unternehmen. Früher lief vieles über Bauchgefühl. Jetzt reden wir faktenbasiert über Nachhaltigkeit. Das macht’s konkreter, verbindlicher
-glaubwürdig.
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Der Einstieg war bei allen trial and error. Daten aus sechs Filialen, von 230 Franchise-Partnern oder aus der chemischen Produktion. Alles musste irgendwie erfasst, sortiert, verstanden werden.
Bei Ramelow war es Stephanie Essack, die zwischen Marketing-Meetings und Jahreskampagne plötzlich Strombelege und Wasserabrechnungen auf den Tisch bekam. „Ich dachte: Wie schwer kann’s sein? Am Ende habe ich Wochen damit verbracht, Daten aus allen Häusern zu sammeln, sie aufzuschlüsseln, zu prüfen, ob das wirklich vollständig ist."
Bei vomFASS musste Tobias Haußmann seine CO2-Daten von Franchise-Partnern weltweit zusammentragen – teilweise per Zuruf, per E-Mail, per WhatsApp. „Einige haben sofort reagiert – andere haben’s gar nicht verstanden. Ich musste Verbrauchswerte modellieren und Flächen teilweise schätzen."
Bei Betz-Chrom widmete sich ein interdisziplinäres „Energieteam" dem Thema. Wichtigstes Werkzeug: Die Energiemanagement-Software. „Ohne die geht es in meinen Augen im produzierenden Gewerbe nicht. Es wäre unmöglich, zu berechnen, wie viel Energie auf ein einzelnes Bauteil entfällt. Trotzdem stießen wir immer wieder an Grenzen", sagt Hannah Betz. „Ich war total überrascht, wie aufwendig es wird, wenn man in die Tiefe gehen will. Vor allem, wenn du keine eigene Nachhaltigkeitsabteilung hast."
Für alle Unternehmen war der Berichtsaufwand größer als erwartet. Zwischendurch kamen Zweifel auf. Irgendwann haben wir nur noch geschrieben und geschrieben und in der Praxis kaum noch was umgesetzt. Das war nicht der Plan", berichtet Stephanie Essack …
„Wir wollten verstehen, was für unser Unternehmen wesentlich ist. Der Bericht hat uns gezwungen, genauer hinzusehen.”
Stephanie Essack, Ramelow
Was sichtbar wurde
Der Aufwand war groß – doch er hat sich gelohnt: Die Berichte wurden für alle befragten Firmen zur Diskussionsgrundlage – und zum Anstoß für praktische Maßnahmen.
Ramelow durchleuchtete alle Filialen energetisch, installierte ein Gründach auf dem Headquarter und erhob die CO2-Daten strukturiert. Ein zentraler Hebel war auch die Kommunikation nach außen: „Wir wollten zeigen, was wir tun – und zwar so, dass es Menschen verstehen, die keine ESG-Fachleute sind", sagt Stephanie Essack. Deshalb rief man Gesprächsabende mit Kund:innen ins Leben – offen, ohne PR-Filter. Bei vomFASS wurde der Nachhaltigkeitsbericht zu einer Art Story-Archiv für das ganze Unternehmen.
Dinge, die über Jahre gewachsen waren, bündelten die Verantwortlichen jetzt strategisch – vom Refill-Prinzip bis zur Zusammenarbeit mit Fairtrade-Kooperativen. Besonders konsequent ging man den Weg der Lieferkettentransparenz: „Unsere Mangobauern-Geschichte ist keine Deko – sie ist ein realistisches, messbares Beispiel für fairen Handel", sagt Tobias Haußmann, „wir arbeiten auch intern mit dem Bericht – etwa bei der Auswahl neuer Produkte oder Lieferanten."
„Wir wussten, dass wir schon vieles richtig machen – aber ohne Struktur geht irgendwann der Überblick verloren. Der Bericht hat uns geholfen, all das, was schon da war, strategisch zu bündeln.”
Tobias Haußmann, vomFASS
Was sich Unternehmen wünschen, ...
... die mit ESG starten:
- Verlässliche politische Rahmenbedingungen
- Leitfäden & Best Practices
- Mediale Aufklärung über die Vielzahl der Gewerke, die bei nachhaltigem Management ineinandergreifen
- Eine Art „All-inclusive-Service", der sie flankierend begleite
Fehlende Verlässlichkeit
Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) sollte eigentlich eine neue Ära einleiten: verbindlich, vergleichbar, europaweit. Doch mit der Omnibus-Initiative plant die EU-Kommission jetzt, zentrale Bestandteile der Nachhaltigkeitsagenda aufzuweichen – durch drastisch reduzierte Berichtspflichten oder abgeschwächte Lieferkettenvorgaben. Für die, die frühzeitig freiwillig investiert haben, fühlt sich das nicht gut an.
„Wir haben Geld in die Hand genommen, wir haben uns durchgearbeitet – in der Annahme, dass die Vorgaben verbindlich kommen. Und jetzt hat das keinen Bestand. Das ist ärgerlich und betriebswirtschaftlich ein echter Nachteil. Dennoch sehen wir, dass uns die Berichterstellung Wettbewerbsvorteile bringt", erklärt Stephanie Essack.
Tobias Haußmann befürchtet, dass sich die politische Wankelmütigkeit auch auf die Unternehmen auswirkt: „Es gibt jetzt wieder viele, die sagen: Dann warten wir eben weiter ab. Aber wer so denkt, verliert den Anschluss – in der Lieferkette, bei den Daten, bei den Kund:innen."
Hannah Betz wünscht sich vor allem eines: Verlässlichkeit: „Die EU schießt ambitionierte Regelungen raus – und rudert dann zurück. Bei der REACH-Verordnung zum Beispiel. Wir haben für einen Einzelantrag zur weiteren Verwendung von Chrom(VI) 250.000 Euro investiert. Das ist sehr viel Geld für uns. Und jetzt wird überlegt, das Verfahren zu ändern. Da verliert man das Vertrauen."
Was bringt’s – außer Arbeit?
Trotz allem: Die drei Unternehmen berichten weiter. Weil sie überzeugt sind, dass es ihnen – und anderen – mehr bringt als reinen Image-Gewinn…
Bei vomFASS ist der Bericht inzwischen Grundlage für Entscheidungen geworden – etwa beim Sortiment oder der Lieferkette. Ramelow nutzt ihn intern zur Steuerung – und extern für Personal, Kund:innen und Stakeholder-Dialog. Betz-Chrom profitiert von klaren Antworten gegenüber Großkunden – ohne langen Mailverkehr.
Bei der CSRD und anderen Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit sitzen gerade viele Unternehmen „auf der langen Bank". Trotzdem – oder gerade deshalb – lohnt sich ein Blick auf diese drei „Berichterstatter". Sie zeigen, dass man nicht perfekt starten muss. Und dass Berichterstattung zwar einiges an Aufwand bedeutet, aber auch kein Hexenwerk ist – dafür jede Menge Orientierung bringt. Fürs eigene Team.
Für Kund:innen. Für Entscheider:innen. Und deswegen ist genau jetzt der richtige Moment, sich die drei Mittelständler zum Vorbild zu nehmen, die einfach mal gemacht haben. Freiwillig.
Boris Arno Werschbizky ist studierter Politikwissenschaftler und Journalist. Als Film- und TV-Produzent arbeitet er u.a. für das Wissensmagazin „Galileo" und bringt „grüne Helden" und nachhaltige Themen in die Medien.
ESGready.de – einer Plattform für den nachhaltigen Mittelstand.
Dieser Artikel ist in forum 03/2025 - Der Wert der Böden erschienen.
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