Technik | Green Building, 25.09.2025
Zukunft Bauen und Wohnen
Wie Reallabore Lösungen im Bestands-Bauwesen aufzeigen
Das Reallabor-Mapping des acatech Projekts „Bauen & Wohnen" gibt lokalen Initiativen eine Bühne – und zeigt, wie Transformation in der Bauindustrie aussehen kann. Wohnraum schaffen, ohne neue Flächen zu versiegeln. Klimaneutral bauen, soziale Fragen einbeziehen – und zugleich bezahlbar bleiben. Kommunen in Deutschland stehen beim Thema Bauen und Wohnen unter hohem Druck – haben aber auch Gestaltungsspielräume. Wie diese aussehen können, zeigt das Reallabor-Mapping des Projekts „Bauen und Wohnen: Plattform für Vernetzung, Synthese und Transfer". Es macht sichtbar, wie Kommunen und Verwaltungen, Initiativen und Expert:innen der Bauindustrie mit innovativen Ansätzen experimentieren und an zukunftsfähigen Lösungen arbeiten. Der Fokus liegt auf Bestandsgebäuden im urbanen Raum. Denn: In vielen Städten steht das Material für die Zukunft schon bereit.
Beispiel UmBauLabor: Bestand als RessourceEin Reallabor-Beispiel, das zeigt, dass Nachhaltigkeit nicht erst beim Neubau beginnt, sondern beim klugen Umgang mit dem, was bereits vorhanden ist: Das UmBauLabor von der Baukultur NRW. Hier geht es um Zirkularität, Klima- und Ressourcenschutz sowie wandelbare Raumprogramme im Bestand.
Erhalt vor Abriss und Neubau, so lautet das Ziel. Bestehende lokale und regionale Strukturen werden genutzt, neue Kreisläufe geschaffen und Abfall vermieden. Das Umbauen wird in einem Gebäude in Gelsenkirchen im Maßstab 1:1 erprobt – als lebendiges Experiment, das auch Menschen ohne Fachhintergrund ansprechen soll.
Reallabore: Lernorte für städtische Planungskultur
Das Mapping dokumentiert Reallabore, in denen neue Lösungen erprobt werden – nicht im Planungsbüro, sondern in der Realität. Keine Modellprojekte mit fertigen Konzepten, sondern offene Räume, in denen Neues getestet und auch Probleme und Fehler analysiert werden. Kooperationen aus Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft teilen Erfahrungen, Fortschritte und Ergebnisse. Ergänzt wird das Mapping durch Best-Practice-Beispiele, die bereits erprobte Ansätze zur Weiterentwicklung bestehender Quartiere und Gebäude zeigen. Das Tool liefert so für viele Städte wertvolle Impulse, um eigene Projekte anzustoßen, zukunftsfähige Prozesse zu etablieren und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Ein Beispiel: In Überlingen wurde unter besonderer Berücksichtigung energetischer, sozialer und wirtschaftlicher Aspekte mit dem Bau von rund 170 Wohnungen ein bedeutender Beitrag zu mehr bezahlbarem Mietwohnraum geleistet. Das neue Quartier ist mit einer klimaneutralen Wärmeversorgung ausgestattet – ein wesentlicher Baustein zur Umsetzung des regionalen Energie- und Klimaschutzkonzepts. Das Projekt ist Teil des Leuchtturmprojekts „STADTQUARTIER 2050", das gemeinsam mit der Stadt Stuttgart und weiteren Partnern realisiert wird.
Bezahlbar und bedarfsgerecht: BOHEI in Heilbronn
Das Projekt "BOHEI – Das Quartier um die Bolzstraße stellt sich neu auf – Integrierte ressourceneffiziente Stadtentwicklung im Heilbronner Süden” widmet sich einem für die Vor- und unmittelbare Nachkriegszeit typischen Stadtgebiet. In enger Zusammenarbeit mit den Anwohnenden sowie Vertreter:innen aus Planung, Architektur und Stadtentwicklung wurde ein Rahmenplan erarbeitet, der Bedürfnisse der Bewohnerschaft mit den Anforderungen eines ressourceneffizienten Quartiers verbindet. Im Mittelpunkt steht dabei – neben dem ökologischen Umbau – die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum im Einklang mit städtebaulichen Vorgaben.
Für den Erfolg solcher Projekte ist die gezielte Zusammenstellung und -arbeit der benötigten und beteiligten Akteure entscheidend. Nicht selten erweist sich das bestehende Baurecht jedoch als größte Hürde für die Umsetzung innovativer Ansätze zur Schaffung von Wohnraum.
Was das Reallabor-Mapping bietet – und warum es jetzt gebraucht wird
Ziel des Reallabor-Mappings ist es, lokales Erfahrungswissen aus Praxisprojekten sichtbar zu machen und zur Nachahmung und Umsetzung eigener Vorhaben anzuregen. Jedes Projekt auf der digitalen Landkarte hat eine eigene Profilseite mit detaillierten Angaben zu Zielgrößen (z. B. ökonomisch, sozial), Prozessgestaltung, Akteurskonstellation und Finanzierungsquellen (z. B. Bundes- oder Landesmittel, private Förderung). Auch das Forschungsdesign, die Zusammenarbeit der Projektbeteiligten sowie Ergebnisse und Erfahrungswerte werden dokumentiert.
Das Spektrum reicht von Stadt- und Quartiersentwicklung über Klimaanpassung bis hin zu Bauarten und -methoden oder Prozessgestaltung, viele Projekte decken auch mehrere Themenfelder gleichzeitig ab. Neben der Kartenansicht bietet das Mapping eine tabellarische Übersicht, und es lassen sich bis zu drei Projekte vergleichen.
Das Reallabor-Mapping lädt zum Austausch ein, gibt Impulse und bietet Orientierung. Kommunen, Planer:innen und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, können voneinander lernen und finden Anregungen, eigene Ideen und gemeinsame Strategien für mehr bezahlbaren Wohnraum im Bestand zu entwickeln. Denn die Transformation im Bausektor wird nicht allein durch politische Vorgaben und Visionen vorangetrieben, sondern vor allem durch praktische Erfahrung vor Ort.
Ein Beitrag zu nachhaltigem Planen und Bauen
Das Mapping-Tool wurde von acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, in wissenschaftlicher Begleitung durch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickelt. Es ist Teil des acatech Projekts „Bauen & Wohnen: Plattform für Vernetzung, Synthese und Transfer", das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wird.
Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte, praxistaugliche und übertragbare Lösungen für die Transformation des Gebäudesektors zu entwickeln. Im Zentrum der Plattform stehen die Themenfelder Baustoffe und Konstruktion, Stadt- und Quartiersentwicklung sowie Transformationsstrategien. Das Mapping ist ein zentrales Element des Projekts – es macht vorhandenes Wissen zugänglich, vergleichbar und übertragbar.
Martina Guckeisen ist Referentin für Kommunikation im Bereich Bauen & Wohnen: Plattform für Vernetzung, Synthese und Transfer an der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech.
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