Weniger Autos, mehr Miteinander

Wie Ridesharing den Zweitwagen auf dem Land ersetzen kann

Ridesharing revolutioniert Mobilität – besonders im ländlichen Raum, wo der Nahverkehr oft nicht ausreicht. Gemeinsam genutzte Fahrten sparen Zeit, Geld und Autos, entlasten die Umwelt und stärken die Gemeinschaft. Unternehmen, die sich anschließen, profitieren durch zufriedene Mitarbeitende und weniger CO2-Ausstoß –ein erfolgreiches Gemeinschaftsprojekt, das die Mobilität der Zukunft schon heute gestaltet.

© ASDF/@stock.adobe.com„Ridesharing" ist das geflügelte Wort für nachhaltige Mobilität. Dabei ist die Idee nicht neu: Sie hat ihre Wurzeln in den Mitfahrgelegenheiten, die während des Zweiten Weltkriegs in den USA populär wurden – ganz einfach, um Treibstoff zu sparen. In den 2000er-Jahren revolutionierte die Einführung von Smartphone-Apps das Ridesharing. Uber wurde mit kommerziellen Einzelfahrten auf Abruf, sog. „Ridehailing", über Nacht groß und Unternehmen entwickelten eigene Mitfahr-Apps als Service für ihre Mitarbeiter*innen.
 
Doch es braucht eine kritische Masse, damit Ridesharing wirklich gelingt. Für den perfekten Mitfahr-Match braucht es Autofahrer*innen, die ihre tägliche Fahrtstrecke online bekannt geben, und etwa gleich viele Pendler*innen, die das Angebot regelmäßig in Anspruch nehmen. Wenn aus einem Cluster benachbarter Unternehmen mit 1.000 bis 3.000 Angestellten – beispielsweise einem Gewerbegebiet – 10 bis 20 Prozent mitmachen, ist die kritische Masse erreicht. 200 bis 300 User müssen es schon sein für den Anfang, sonst verläuft so ein Projekt im Sande.

Ridesharing – ein Gemeinschaftsprojekt
Wie es gelingt, in einem Industriegebiet oder Landkreis Menschen für die gemeinsame Sache zu gewinnen, hat Dr.-Ing. Bernhard Edmaier untersucht. Der Experte für Mobilität hat in zahlreichen Förderprogrammen und Ausschreibungen herausgefunden: Um Ridesharing nachhaltig auf die Überholspur zu bringen, müssen sich IHK, das örtliche Landratsamt, die regionale Wirtschaftsförderung und ansässige Unternehmen zusammentun. Daraus entwickelte Edmaier ein Ridesharing-Konzept, das bereits in drei bayerischen Regionen erfolgreich zur Anwendung kommt.
 
2025 startet erstmals ein Pilotprojekt für ein ganzes Bundesland: „Gemeinsam mit dem Umweltministerium Thüringen planen wir mit weiteren Mitstreitern ein kombiniertes Angebot aus Carsharing und Ridesharing auf Landesebene! Den Auftakt machen Arbeitgeber in Städten wie Erfurt, Jena, Weimar und um Eisenach", freut sich Edmaier.

„Ridesharing ist einer der größten Hebel, um die Attraktivität von Industrie- und Gewerbegebieten zu erhöhen und dem standortbedingten Fachkräftemangel entgegenzuwirken.”
 
Als Arbeitgeber von Ridesharing profitieren
Im ländlichen Raum – wo viele mittelständische Betriebe und Hidden Champions ihren Firmensitz haben – ist der Mitarbeiterbedarf besonders hoch. Die Erreichbarkeit hingegen oft unzureichend. Ridesharing bietet einen der größten Hebel, um die Attraktivität von Industrie- und Gewerbegebieten zu erhöhen und dem standortbedingten Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Im städtischen Umfeld wiederum sind Parkplätze ein teures und rares Gut. Damit liegt es auch hier im Interesse von Arbeitgebern, Mitfahranreize zu schaffen.

Und dann gibt es noch die psychosozialen Faktoren: Menschen, die sich den Arbeitsweg mit anderen teilen, sind weniger gestresst, sozial besser integriert und erfahren Unterstützung durch eine Gemeinschaft. Das hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit – und damit auf die Effizienz der Arbeitskraft.
 
Durch das digitale Matching der Ridesharing-App entsteht ein Austausch, den es sonst nicht gäbe: Zwischen den Mitarbeitenden eines Unternehmens, aber auch zwischen Mitmenschen einer ganzen Region. Und dieses Zusammentreffen – vom Vorstand mit dem Azubi, von Menschen, die denselben Arbeitsweg teilen, von Bürger*innen unterschiedlichen Alters und Herkunft, die den Mitfahrservice für sich nutzen – kann großartige Ideen beflügeln und Horizonte erweitern.

Durch den Nachhaltigkeitsaspekt überzeugt Ridesharing endgültig: Mit einer durchschnittlich 5- bis 10-prozentigen Verringerung des Verkehrsaufkommens im Einzugsgebiet der Mitfahr-App und der entsprechenden Reduzierung von Treibhausgasen. Unternehmen können so ihren CO2-Fußabdruck im Scope 3.7 (Arbeitswege) verbessern – ein wichtiger Stellhebel auf dem Weg zur Klimatransformation.

Als Kommune, Mitarbeitende und Bürger*innen von Ridesharing profitieren
Beispiel der Mitfahr-App „Starnberg-Ammersee- Mitfahren SAMi): Match einer Fahrerin mit 3 Interessenten für die Fahrt zur Arbeit und 2 Mitfahrenden für den RückwegVon Mitfahrkonzepten profitieren alle: die Umwelt, die Gemeinschaft, der Wirtschaftsstandort, die Lebensqualität… Und natürlich jene, die sie täglich nutzen: Sie gewinnen wertvolle Zeit und sparen im besten Fall ein ganzes Auto ein. Arbeitsplätze, Schulen, Ärzte, jedes gewünschte Ziel kann mit einer Mitfahr-App zuverlässig und bezahlbar erreicht werden – so flexibel, sicher und bequem wie mit dem eigenen Pkw. Ridesharing bedeutet auch: weniger Autos auf den Straßen – das verändert die Luftqualität, das Orts- und Landschaftsbild.

Wie konkret funktioniert Ridesharing?
Sind die lokalen Arbeitgeber an Bord, kann die Initiative für die Angestellten starten. Eine Mitfahr-Plattform wird zur Verfügung gestellt, die firmenintern, organisationsübergreifend oder von jedermann über Mobile-App, Web-App oder im Online-Kalender genutzt werden kann. An einem „Erlebnistag" fällt der Startschuss, Mitarbeiter*innen und Bürger*innen werden informiert, spielerisch geschult und über Anreize wie z.B. reservierte Parkplätze bei Bereitstellung des eigenen Pkw für die Sache motiviert. Ab diesem Zeitpunkt sorgen Multiplikatoren in den Unternehmen und ein monatliches Mitfahrmagazin dafür, dass sich „Ridesharing" in den Köpfen der Menschen verankert.
 
Auch die Einbindung von Firmen-Poolfahrzeugen oder Corporate Carsharing ist denkbar, um eine „Mobilitätsgarantie" zu schaffen. Das Team von Bernhard Edmaier unterstützt auch mit Gamification-Ideen. Dafür liefern Auswertungen zur Entwicklung der User- und Nutzungszahlen immer wieder neue Anreize. Denn: Das Projekt lebt vom Mitmachen. Es dauert zwei bis drei Jahre, bis es so richtig zum Fliegen kommt. Dann hat es das Potenzial, einen ganzen Landkreis – und demnächst ein ganzes Bundesland – nachhaltig zu verändern.

Da ist noch viel mehr drin
Wenn man bedenkt, dass Menschen in ländlichen Gebieten mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zu dreimal länger für eine Wegstrecke benötigen als mit dem Auto, wird klar, warum Ridesharing gerade hier besonders dringend gebraucht wird. „Die letzte Meile schließen", nennt das Bernhard Edmaier. Damit das gelingt, kooperiert er in viele Richtungen.
 
Unter anderem mit ÖPNV-Betreibern. Die DB Regio App „Wohin-Du-Willst" gibt seit 3 Jahren Auskunft über private Mitfahrangebote. Auch Münchens MVV-App zeigt seit kurzem Mitfahrplattformen an. Bis Ende 2025 wird man dort Start und Ziel eingeben können und findet (neben S- und U-Bahn, Tram und Bus) Ridesharing-Optionen auf allen Strecken, die der MVV nicht bedient.

Und es geht weiter: „Ab 2026 soll die Bezahlung von Mitfahrgelegenheiten über das Jobticket ermöglicht werden", verrät Edmaier. Die Idee: Wer ein Jobticket hat, kann damit auch Ridesharing nutzen. „Egal, ob ÖPNV oder privates Mitfahren: Ich zahle einmal und fahre den ganzen Monat kostenlos mit!". Mitfahren wird also immer attraktiver. Wer braucht da noch ein eigenes Auto?
 
Dr. Bernhard Edmaier unterstützt Kommunen und Unternehmen bei der Einführung nachhaltiger Mobilitätskonzepte. - www.step-mobility.com

Angelika Mühleck ist Co-Founderin der Nachhaltigkeitsplattform ESGready.de, auf der mittelständische Unternehmen Nachhaltigkeits-Experten wie Dr.-Ing. Bernhard Edmaier treffen. - www.esgready.de

Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.



     
        
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