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Johannes Bohnen

Die dritte Welle der Nachhaltigkeit

Die Zeit der politischen Unternehmensverantwortung ist gekommen

Nach sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit steht die dritte Welle bevor: die politische Verantwortung von Unternehmen. Corporate Political Responsibility (CPR) bedeutet, dass Unternehmen aktiv zur Stabilität liberaler Demokratien beitragen – nicht nur aus Idealismus, sondern im eigenen wirtschaftlichen Interesse. Warum dieser Paradigmenwechsel notwendig ist und wie Unternehmen ihn gestalten können.

© Curated Lifestyle für Unsplash+Es gibt historische und systematische Gründe, warum Unternehmen nach der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit die gesellschaftspolitische in den Blick nehmen sollten. Das Konzept, das diese dritte Welle der Nachhaltigkeit auf den Punkt bringt, lautet Corporate Political Responsibility (CPR). Unternehmen werden mit ihren großen Ressourcen und Stärken zunehmend dazu beitragen müssen, die sich akkumulierenden politischen Krisen – darunter auch Nebenfolgen ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten – abzufedern.
 
Systemverantwortung zu übernehmen, liegt gerade langfristig im eigenen strategischen Interesse, weil die liberale rechtsstaatliche Demokratie die attraktivste Geschäftsgrundlage bietet. Hier liegt die Verbindung des Politischen mit unternehmerischen Verantwortungs- und Nachhaltigkeitsbegriffen. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass soziale und ökologische Herausforderungen nicht allein von der Politik bewältigt werden konnten. Vielmehr mussten sich staatliche Regulierung und private Initiative ergänzen. Dabei gab es zahlreiche Kipppunkte, die diese Entwicklung beschleunigt haben.

Historischer Kontext: die Entstehung der ersten beiden Wellen
Die erste Welle der Nachhaltigkeit entstand im Zuge der sozialen Frage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch Industrialisierung und zunehmende Urbanisierung wuchsen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, die von der Arbeiterbewegung vorangetrieben wurden. Eine politische Reaktion darauf stellten – unabhängig von der Motivlage – beispielsweise die Bismarck'schen Sozialgesetze dar.
 
Und auch Unternehmen blieben nicht tatenlos. Exemplarisch lassen sich die in den 1860er Jahren in Essen gebauten Krupp‘schen Meisterhäuser nennen, die Arbeitern Wohnraum in Fabriknähe boten. Auch der Anstieg der Philanthropie im späten 19. Jahrhundert kann als Vorläufer des heutzutage etablierten Corporate Social Responsibility-Konzepts (CSR) gesehen werden.

Eine zweite Welle der Nachhaltigkeit entwickelte sich im Zuge der ökologischen Krisenwahrnehmung. Einschlägig sind etwa der 1972 vom Club of Rome veröffentlichte Bericht „Die Grenzen des Wachstums" oder die 1987 durch den Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen erfolgte Definition nachhaltiger Entwicklung.
 
Ein weiterer Kipppunkt war das Jahr 2011, als die EU mit ihrer CSR-Definition die ökologische Verantwortung unternehmerischen Handelns verankerte. Hinzu kommen zivilgesellschaftliche Klimaproteste, die seit dem Schulstreik der Aktivistin Greta Thunberg im Jahr 2018 die Welt erfasst haben. Unternehmen stehen damit unter Handlungsdruck. Im Zuge der Energiewende dekarbonisieren sie Produktionsprozesse, Lieferketten und Geschäftsmodelle und erfüllen zunehmende Nachhaltigkeits-Berichtspflichten, die sich etwa an den ESG-Kriterien (Ökologie, Soziales, gute Unternehmensführung) orientieren. Gleichzeitig sehen Unternehmen, dass grüne Technologien und Produkte – von Mobilität bis Wohnen – zunehmend lukrativ sind.

Die politische Dimension: die dritte Welle der Nachhaltigkeit
Die soziale und die ökologische Welle der Nachhaltigkeit sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert – entsprechendes Engagement wird immer deutlicher eingefordert. Fehlverhalten, etwa mangelnde ethische Kontrolle von Zulieferern oder übergebührliche CO2-Emissionen, sind mindestens begründungspflichtig, häufig skandalisierungsfähig. Wie sehr das sozial-ökologische Paradigma verankert ist, belegt paradoxerweise gerade das vielbeklagte „Greenwashing". Wer Nachhaltigkeit simuliert, weiß um deren gesellschaftliche Bedeutung.

Nun stehen wir am Beginn einer dritten Welle der Nachhaltigkeit – der politischen. Seit dem 21. Jahrhundert spitzt sich das demokratische Bedrohungsszenario zu: Die Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 beschädigte das Vertrauen in die Verlässlichkeit des kapitalistischen Wohlstandsversprechens. Die Flucht- und Migrationsbewegungen seit 2015 stellen die europäischen Nationalstaaten wie auch die EU im Ganzen vor politische und kulturelle Belastungsproben.
 
Die daraus entstehenden Konfliktlinien werden von Populisten aufgegriffen und verschärft. Zu den inneren Bedrohungen liberaler Demokratien kommt die äußere, vor allem die russische Aggression. Vor diesem Hintergrund erneuerte die Politik ihren Einsatz für die wehrhafte Demokratie, etwa durch die Isolierung autoritärer parlamentarischer Kräfte oder den Ausbau von Verteidigungskapazitäten im Namen der „Zeitenwende".
 
Die Zivilgesellschaft wiederum demonstrierte in ganz Deutschland für den Fortbestand der Demokratie als solcher.
 
„Durch eine systematische CPR stärken Unternehmen die Demokratie und investieren in die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen ihres eigenen langfristigen Geschäftserfolgs.”

Unternehmen als Teil der Lösung: die Chancen von CPR
Und die Unternehmen? Sie suchen erkennbar nach dem richtigen Umgang mit den neuen Herausforderungen und beginnen zu verstehen, welche erstaunlichen Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen. Denn sie sind einzigartige Lernorte, an denen Menschen unterschiedlichen Alters sowie sozialer, ethnischer und religiöser Hintergründe zusammenkommen. Daraus ergibt sich eine große Chance für gesellschaftliche Selbstvergewisserung und Verständigung.

Ermutigend sind daher öffentliche Äußerungen von Unternehmenschefs gegen demokratiegefährdende Entwicklungen, z.B. von Evonik-CEO Christian Kullmann und der Unternehmerlegende Reinhold Würth. Weitere Kippunkte der dritten Welle sind große Demokratiekampagnen branchenübergreifender Unternehmensallianzen („Wir stehen für Werte", „Zusammenland") oder betriebsinterne Schulungen gegen Hassrede, Desinformation und Verschwörungserzählungen, wie sie z.B. über den „Business Council for Democracy" angeboten werden.

 
Wir stehen allerdings erst am Anfang eines Paradigmenwechsels hin zur echten politischen Verantwortungsübernahme von Unternehmen. Durch eine systematische CPR stärken Unternehmen die Demokratie und investieren in die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen ihres eigenen langfristigen Geschäftserfolgs. Denn ohne Rechtsstaat keine Planungssicherheit, ohne Toleranz keine ausländischen Fachkräfte und ohne Weltoffenheit kein prosperierender Handel.
 
Wer strategisch denkt, stabilisiert solche Kollektivgüter im Sinne einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risikovorsorge.

Political Branding: wie Unternehmen politische Verantwortung zeigen können
Wie kann das konkret aussehen? Für eine umfassende Positionierung bietet sich ein „Political Branding-Prozess" an, mit dem Unternehmen ihre politische Marke entwickeln. Zunächst muss ein politisches Leitbild formuliert werden, welches als Grundlage für interne wie externe Handlungsformate dient.
 
Dazu können gehören: CEO Activism (wirtschaftsrelevante politische Kommentare von Führungskräften in Reden, Interviews oder Artikeln), Employee Activism (Teilnahme der Mitarbeitenden an Unternehmenskampagnen, Wahlaufrufen oder Corporate Volunteering-Programmen, die den „tone from the top" ergänzen), Demokratie-Workshops (Vermittlung und Diskussion politischer Grundlagen anhand von Fallbeispielen) oder Debatten-Coachings (Erlernen rhetorischer Techniken und Einübung zivilen argumentativen Wettstreits). Natürlich gilt bei allen Maßnahmen, das Primat des Politischen zu respektieren.

Wer künftig in diesem Sinne CPR betreiben will, muss nicht auf eingespielte CSR-Aktivitäten verzichten. So wie die ökologische Nachhaltigkeit die soziale nicht ablöste, sondern erweiterte, verhält es sich auch mit der politischen Nachhaltigkeit.
 
Dieser lässt sich sogar eine Vorrangstellung zuschreiben, da soziale und ökologische Anliegen letztlich, um Wirkmacht zu beanspruchen, politischer Rechte wie Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit bedürfen. Richtig verstanden sind das Soziale und Ökologische eine Facette des Politischen. Hier liegt der strategischere Ansatz, weil es das Ganze in den Blick nimmt.
 
In politisch angespannten Zeiten sollten Unternehmen daher schon aus Eigeninteresse ein aktiver Teil der dritten Welle der Nachhaltigkeit sein. Unter dieser Website können Sie einen Leitfaden für Unternehmen mit 15 Prinzipien für einen wirksamen Dialog finden.
 
Dr. Johannes Bohnen ist Inhaber der Beratung BOHNEN Public Affairs in Berlin. Er hat den Begriff und das Konzept der CPR geprägt und dazu 2020 ein Buch mit gleichnamigem Titel verfasst. Zuvor war er u.a. als Geschäftsführer von
Scholz & Friends Berlin sowie in der Politik als Redenschreiber eines Bundesministers tätig.

Dieser Artikel ist in forum 03/2025 - Der Wert der Böden erschienen.

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Corporate Social Responsibility (CSR) ist zu eng gefasst. Die erforderliche Weiterentwicklung lautet Corporate Political Responsibility – kurz: CPR. Denn politische Nachhaltigkeit stärkt den Staat und ist ein Business Case für Unternehmen.




     
        
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