Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 14.07.2025
"Gerechtigkeit – soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit – ist so etwas wie die Gesundheit des Gemeinwesens"
Christoph Quarchs philosophische Überlegungen zur Kinderarmut in Deutschland
Knapp drei Millionen Kinder und Jugendliche leben in Armut. Das entspricht etwa jedem fünften Kind, also zwanzig Prozent. Darüber hinaus gelten mehr als zwei Millionen Kinder als armutsgefährdet, weil sie in Haushalten leben, deren Einkommen unter 60 % des mittleren Einkommens liegt. Damit liegt Deutschland auf Platz 25 von 39 untersuchten OECD- und EU-Staaten - und das trotz einer alles in allem wohlhabenden Gesellschaft. Warum tun wir uns schwer damit, unseren Wohlstand so zu verteilen, dass auch Kinder und Jugendliche davon profitieren? Wo ist unser Gerechtigkeitssinn geblieben? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.
Herr Quarch, wie erklären Sie sich, dass in unserem Land so viel Kinder und Jugendliche in Armut leben müssen?
Kinderarmut ist ein Armutszeugnis für unsere ganze Gesellschaft. Da spielen vielen Faktoren zusammen - zumal, wenn man bedenkt, dass proportional zur Kinderarmut die Zahl der Superreichen ständig steigt. Man muss sich das klar machen: Knapp 4000 Personen in Deutschland besitzen mehr als ein Viertel des gesamten Finanzvermögens. Das zeigt, wie dsysfunktional unser System ist: Es lässt die Reichen reicher werden und den Mittelstand nach unten hin verarmen. Dass davon immer mehr Kinder und Jugendliche – und damit die Zukunft des Landes – betroffen sind, müsste in Berlin sämtliche Alarmglocken klingeln lassen – aber das geschieht nicht, weil die Wahlen von den Senioren entschieden werden und man deshalb wohl lieber die Renten erhöht als in Kinder und Jugend zu investieren.Okay, wir wollen aber nicht über Politik reden, sondern über Philosophie. Sie sprachen von verschiedenen Faktoren, die man für die hohe Kinderarmut bedenken muss. Welche mentalen Ursachen sehen dafür in unserer Gesellschaft?
In unserer Gesellschaft hat sich ein Mindset der Besitzstandswahrung ausgeprägt. Man will unter keinen Umständen seinen Wohlstand gefährden - wobei ich mich frage, wie man von Wohlstand reden kann, wenn mehr als jedes fünfte Kind von Armut betroffen ist. Aber lassen wir das. Mein Eindruck ist, dass wir viel zu sehr in der Vergangenheit leben und vor der Zukunft die Augen verschließen - wie wollen nicht wahrhaben, was da auf uns zukommt: Klimawandel, Migration, geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Turbulenzen, die KI-Revolution. Würden wir es wahrhaben wollen, würden wir alle Anstrengungen dafür unternehmen, dass die wenigen Kinder und Jugendlichen, die wir noch haben, hier und heute all das bekommen, was sie brauchen, um morgen das Land übernehmen zu können.
Aber ist das nur eine Frage der Zukunftsblindheit? Hat das nicht auch etwas mit unserem Gerechtigkeitssinn zu tun?
Absolut. Gerechtigkeit bedeutet oft nichts anderes mehr als: das bekommen, von dem man meint, dass es einem zusteht. Das heißt: Gerechtigkeit wird ökonomisch gedacht: im Sinne eines fairen Austauschs von Geben und Nehmen. Aber mit diesem Gerechtigkeitskonzept allein kann man keinen Staat machen. Dafür braucht es ein Konzept politischer Gerechtigkeit, was seinerseits erst einmal ein politisches Denken voraussetzt. Darunter verstehe ich im Anschluss an Aristoteles ein Mindset, das nicht von der ständigen Sorge getrieben ist, als Einzelner bloß nicht zu kurz kommen zu dürfen. Wer politisch denkt, fragt danach, wie der Wohlstand in einem Gemeinwesen – einer polis – verteilt sein muss, damit es allen gut geht; was wiederum die Voraussetzung für den Bestand und die Stabilität der Gesellschaft ist.
Das heißt in Kurzform: Weniger Egoismus und mehr soziales Engagement?
Im Prinzip Ja. Aber nicht aus moralischen, sondern aus pragmatischen Gründen. Die Reichen und die Alten sollten nicht deshalb ihren Wohlstand mit den Armen und Jungen teilen, weil sie dadurch moralische Pluspunkte sammeln – sondern weil sie damit etwas für die Stabilität und den Fortbestand der Gesellschaft tun. Gerechtigkeit – soziale Gerechtigkeit und Generationengerechtigkeit – ist so etwas wie die Gesundheit des Gemeinwesens – zumal dann, wenn man Gesundheit als das Gleichgewicht des Organismus deutet. Ist es gestört, werden wir krank. Genauso ist es mit der Gesellschaft: Ihr Gleichgewicht heißt Gerechtigkeit – doch wenn man über lange Zeit Ungerechtigkeit perpetuiert, wird sie irgendwann kollabieren; und das wird schneller geschehen, wenn ausgerechnet diejenigen ignoriert werden, die unsere Zukunft sind: unsere Kinder.

Der Philosoph, Speaker und Bestseller-Autor Christoph Quarch begleitet Unternehmen, unterrichtet an verschiedenen Hochschulen und veranstaltet philosophische Reisen. In seinen Vorträgen und Büchern greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophie zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen. Gemeinsam mit seiner Frau Christine Teufel gründete er die Neue Platonische Akademie für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft.
Aktuelle Bücher von ihm sind „Wacher Geist und fester Schritt. The Donkey School for Leadership" (2024), „Schönheit rettet die Welt” (2024) und "Der Club der alten Weisen" (2023).
Mehr zu ihm unter christophquarch.de und akademie-3.org
Weitere Artikel von Christoph Quarch:
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Christoph Quarchs Gedanken zum Frühlingserwachen
... und es wird Frühling. Nicht zum ersten Mal im Leben, sondern alle Jahre wieder. Und das ist auch gut so. Denn zusammen mit dem Frühling kommt bei vielen Menschen ein guter Vibe. Und wenn wir ehrlich sind, können wir davon im Augenblick gar nicht genug bekommen. Zumal mit der guten Stimmung oft auch neuer Schwung und neue Lebenslust kommen.
Wie sieht eine "Wahre Wirtschaft" aus?
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Unsere Wirtschaft steht an einem Wendepunkt. Der Philosoph Christoph Quarch zeigt, warum das bisherige ökonomische Mindset an seine Grenzen stößt – und warum es Zeit ist, die Maschine neu zu denken: weg von Profitmaximierung und Beschleunigung, hin zu einer Wirtschaft, die dem guten Leben dient. Ein Plädoyer für eine „wahre Wirtschaft“, die Mensch, Natur und Zukunft wieder ins Zentrum stellt.
Gute Politik bedient nicht Partikularinteressen
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Christoph Quarchs Überlegungen zum Wahlsonntag
Es ist wieder so weit: Am Sonntag wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit auch ein neuer Ministerpräsident gewählt. Und wie bei solchen Wahlen - gerade im "Ländle" - nicht unüblich: Zwischen 15 und 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler sind Umfragen zufolge noch unentschlossen, bei wem sie dieses Mal ihr Kreuzchen machen werden. Was hilft bei der Entscheidungsfindung?
Deutsche wünschen starke Führung
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Christoph Quarch analysiert die neue Sehnsucht nach Macht und Herrschaft
Wenn wir ehrlich sind, haben wir mit dem "starken Mann" in Deutschland ja nicht so gute Erfahrungen gemacht. Nichtsdestotrotz erfreuen sich hierzulande autoritäre Ideen zunehmender Beliebtheit. Mehr als 20 Prozent der Bundesbürger, so der kürzlich veröffentlichte Deutschland Monitor 2025 liebäugeln mit autokratischen Strukturen wie Einparteienherrschaft oder „starker Führer".
Der Zauber von Olympia - und Geschichten von Hass und Hetze
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Christoph Quarch wünscht sich einen Fokuswechsel in der Berichterstattung von den Olympischen Spielen
Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina neigen sich dem Ende. Und was haben wir nicht wieder für faszinierende Geschichten erlebt! Große Dramen wie den Sturz von Ski-Star Lindsey Vonn, die nur wegen Schneefall verpasste Medaille unseres Skispringer-Duos oder die verunglückte Kür von Eisläufer Ilia Malinin; genauso die märchenhaften Glücksmomente wie den Überraschungssieg des Brasilianers Lucas Braathen beim Riesenslalom.
Zukunft braucht Frieden
forum 02/2026
- Militär & Märkte
- Grüner Wasserstoff
- Moorschutz als Invest
- ESG loves KI
Kaufen...
Abonnieren...
20
MÄR
2026
MÄR
2026
Erneuerbare - rund um die Uhr (nutzen)
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solar-Initiativen (ABSI)
84524 Neuötting
21
APR
2026
APR
2026
Anzeige
Professionelle Klimabilanz, einfach selbst gemacht
Einfache Klimabilanzierung und glaubhafte Nachhaltigkeitskommunikation gemäß GHG-Protocol
Pioniere & Visionen
Wie sieht eine "Wahre Wirtschaft" aus?Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Jetzt auf forum:
Innovation und Kreativität brauchen Spielräume
Richtiges Haushalten denkt das Morgen mit
Keine Transformation ohne Frauen
Circular Valley Convention 2026 erfolgreich gestartet
Gemeinsam Städte zukunftsfähig machen
Gemeinsamer Appell an den Koalitionsausschuss zum Klimaschutzprogramm


















