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Muss ich als Otto-Normal-Verbraucher die Unzufriedenheit einiger weniger Berufsgruppen ausbaden?

Als Bahnkunde und freiberuflicher Philosoph hadert Christoph Quarch mit den angekündigten Lokführer-Streiks

Bahnreisende müssen sich im Januar auf neue Streiks der Lokführer einstellen. Auch wenn GdL-Chef Claus Weselsky derweil unbefristete Streiks ausgeschlossen hat, werden Unannehmlichkeiten im Reiseverkehr nicht ausbleiben. Und was, wenn dann auch noch blockierte Innenstädte dazukommen, weil unsere Landwirte gegen das Ende der Agrar-Diesel-Subventionen zu Felde ziehen? Es könnte sein, dass ein turbulenter Jahresauftakt auf uns wartet – was manchen Bürger zu der Frage veranlasst: Muss ich als Otto-Normal-Verbraucher die Unzufriedenheit einiger weniger Berufsgruppen ausbaden? Darüber sprechen wir mit unserem Philosophen Christoph Quarch.

Herr Quarch, haben Sie Verständnis dafür, dass Bahnkunden über die Streikabsichten der Lokführer verärgert sind?
© structuro, pixabay.comAbsolut. Ich bin selbst bekennender Bahnfahrer und wäre ziemlich genervt, wenn ich im Januar so viele Bahnfahrten auf der Agenda hätte wie sonst. Für Bahn Kunden ist es einfach ärgerlich, wenn man in einen Arbeitskampf hineingezogen wird, der einen eigentlich nichts angeht; zumal, wenn man gleichzeitig auf die Bahn angewiesen ist. Dann fragt man sich, warum diese Lokführer eigentlich – gefühlt – alle paar Monate streiken müssen; und ob sie einen nicht dafür instrumentalisieren, ihre privaten Interessen durchzusetzen. Vor allem, wenn man aus den Medien erfährt, dass die Bahn ihnen 11 Prozent mehr Lohn plus 32 Monate Inflationsprämie angeboten hat. Puh, da muss ich als Freiberufler erst mal durchatmen.

Die Lokführer wollen außerdem eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Finden Sie die Forderung überzogen?
Ich weiß nicht, wie es ist, Lokführer zu sein. Deshalb will ich mir hier kein Urteil anmaßen. Aber aus der Außenperspektive finde ich diese Forderung problematisch. Die Gewerkschaft weiß doch, dass es der Bahn massiv an Personal mangelt. Wer soll die Züge fahren, wenn die aktuellen Lokführer drei Stunden weniger pro Woche arbeiten? An diesem Punkt vermisse ich die Solidarität der Beschäftigten mit ihrem Arbeitgeber. Und dahinter versteckt sich vermutlich ein größeres, gesellschaftliches Problem, über das viele Personalverantwortliche klagen: eine ziemlich selbstzentrierte Grundhaltung der Leute, die nicht mehr fragen, was sie ihrer Firma Gutes tun können, sondern die erwarten, dass ihre Firma ihnen Gutes tut.

Die GdL argumentiert, sie wolle eine kürze Wochenarbeitszeit, um den Lokführer-Job attraktiver zu machen. Das klingt doch so, als sei man durchaus um das Wohl der Bahn besorgt – nur dass man andere Wege dafür beschreiten möchte.
Ja, das klingt so, aber ich bezweifele, dass es wirklich so ist. Anderenfalls hätte man längst am Verhandlungstisch eine Lösung finden müssen. Nein, ich denke, dass wir tatsächlich nicht umhinkommen, die grundsätzliche Frage zu stellen, was eigentlich schiefgelaufen ist, dass die meisten Menschen in unserem Land allem voran ihre eigenen Interessen verfolgen und kaum einen Blick dafür haben, dass sie Teil einer Gesellschaft sind, auf deren Schultern sie ihren Ego-Trip fahren. Bei den Landwirten, die jetzt über den Wegfall der Diesel-Subventionen jammern, beobachte ich etwas Ähnliches: wenig Bewusstsein dafür, dass alles, was man für sich beansprucht, von anderen aufgebracht werden muss. Mir fehlt der Blick fürs Ganze.

Aber ist es nicht völlig normal, dass die Menschen zunächst mal an sich denken. Jeder muss doch irgendwie sehen, dass er sich und seine Familie ernähren und seinen Wohlstand erhalten kann.
Nein, ich finde das nicht normal; zumindest nicht natürlich. Von seiner biologischen Grundverfassung ist der Mensch kein Egoist, sondern ein soziales Wesen. Zu Egoisten sind wir erst dadurch geworden, dass wir uns mithilfe der neoliberalen Wirtschaft eine Welt eingerichtet haben, die Egoismus belohnt und soziales Denken bestraft. Natürlich ist das nicht – genauso wenig wie die Idee, Wohlstand sei gleichbedeutend mit materiellem Reichtum bzw. einem Maximum an freier Zeit. Philosophen und Weise haben das zu allen Zeiten bestritten und darauf hingewiesen, dass Wohlstand immer etwas ist, das man mit anderen teilt und das man anderen verdankt. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder lernen, auf die anderen Mitglieder der Gesellschaft zu hören, anstatt immer nur unsere eigenen Ansprüche geltend zu machen. Sonst verlieren wir vollends den Sinn für unsere Zusammengehörigkeit.

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 


     
        
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