75 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte - ein Grund zum Feiern?

Für Christoph Quarch ein Anlass zu einer leidenschaftlichen Kampagne für den Humanismus bei gleichzeitigem Abschied vom Neoliberalismus.

Am 10. Dezember jährt sich zum 75. Mal die Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde damit ein Dokument geschaffen, das den Anspruch erhebt, ein ethisches Fundament für das globale Miteinander zu formulieren – dessen Orientierungskraft allerdings seit Jahren erodiert: Der globale Süden, die arabische Welt aber auch Autokratien wie die Volksrepublik China stellen die Geltung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Frage und erheben den Vorwurf, sie sei ein rein westliches Projekt. Haben die Menschenrechte ihre Strahlkraft eingebüßt? Darüber reden wir mit dem Philosophen Christoph Quarch.

Eleanor Roosevelt mit einem Poster der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (in englischer Sprache), Lake Success, New York. November 1949 © FDR Presidential Library & Museum, CC BY 2.0Herr Quarch, sind 75 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte für Sie ein Grund zum Feiern?

Unbedingt. Bei allen möglichen Vorbehalten gegenüber der Entstehung und dem Wortlaut der Erklärung, muss man doch sagen, dass ihr Geist und Inhalt über allen Zweifeln erhaben sind. Die dreißig Artikel beschreiben nicht mehr und nicht weniger als die Bedingungen, die für ein menschenwürdiges Leben erfüllt sein müssen. Und es ist eine große zivilisatorische Errungenschaft, einen Rechtsanspruch auf diese Bedingungen zu formulieren. Wo immer die Würde von Menschen verletzt wird, ist es nun möglich, unter Bezugnahme auf die UNO-Erklärung zu intervenieren und die Wahrung der Menschenrechte einzufordern.

Organisationen wie amnesty internationalprangern Jahr für Jahr mehr Menschenrechtsverletzungen an. Auch die Geltung der Menschenrechte wird zunehmend infrage gestellt. Wie berechtigt ist der Vorwurf, dass es sich bei ihnen um ein rein westliches Projekt handelt?
Dass die Erklärung der Menschenrechte aus der europäischen Philosophie hervorgegangen ist, kann nicht bestritten werden. Es ist allerdings die Frage, ob man ihr das zum Vorwurf machen muss. Auch die moderne Wissenschaft und Medizin sind Erzeugnisse der europäischen Geistesgeschichte, aber man bedient sich ihrer trotzdem. Wahrscheinlich, weil sie unstrittige Erfolge dabei haben, das Wohlergehen der Menschen zu verbessern. Und könnte es nicht sein, dass es sich mit den Menschenrechten ähnlich verhält? Es ist doch kein Zufall, dass die globalen Flüchtlingsströme immer die gleiche Richtung aufweisen: dorthin, wo die Menschenrechte geachtet werden und wo folglich ein würdevolles Leben möglich ist.

Was aber, wenn ausländische Potentaten sich mit dem Hinweis auf die westlichen Wurzeln der Menschenrechte jegliche Kritik verbieten? Ist dann nicht jede „wertebasierte Außenpolitik" – wie Frau Baerbock sie vertritt – vergebliche Liebesmüh?
Ja und Nein. Ja, insofern man nicht erwarten kann, dass sich Länder wie China, Saudi-Arabien oder der Iran von Appellen dieser Art beeindrucken lassen. China lässt jede Intervention als Einmischung in die inneren Angelegenheiten abperlen, islamische Staaten verweisen auf ihre religiösen Rechtskonzepte. Aber deswegen zu fordern, Deutschland oder der Westen sollten darauf verzichten, die Menschenrechte geltend zu machen, wäre die falsche Konsequenz. Nichts ist in der internationalen Politik schädlicher, als die eigenen Werte zu verleugnen oder den Eindruck zu erwecken, dass man selbst nicht an sie glaubt. Nein: Gerade im Gegenüber zu Autokratien oder einem aggressiven politischen Islam ist das konsequente Eintreten für die Menschenrechte der einzige Wege, sich Glaubwürdigkeit und Respekt zu verschaffen.

Aber ist es da nicht hinderlich, wenn man seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird und sich Doppelmoral vorwerfen lassen muss; etwa in der Migrationspolitik, wo man einerseits auf die Einhaltung der Menschenrechte pocht und andererseits zulässt, dass Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken.
Der Vorwurf der Doppelmoral ist insofern nicht ganz unberechtigt, als die westliche Welt unter einer Art Schizophrenie leitet. Wir glauben an die humanistischen Werte, die in den Menschrechten operationalisiert worden sind. Und wie sollten wir auch nicht, wo sie doch intuitiv plausibel und gut begründet sind? Gleichzeitig aber folgen wir einem Menschenbild, das mit den Menschenrechten inkompatibel ist: Wir tun so, als sei der Mensch ein rationaler Egoist, der nur seinen eigenen Vorteil verfolgt. Dieses Menschenbild ist eingegossen in die Fundamente der globalen Ökonomie, deren Macht- und Profitgier einer der Hauptgründe globaler Menschenrechtsverletzungen ist. Das heißt: Der Westen hat das falsche Menschenbild globalisiert und muss mit ansehen, dass seine richtige Ethik regionalisiert wird. Genau das muss dringend revidiert werden. Dazu könnte dieses Jubiläum ein guter Anlass sein – ein Anlass zu einer leidenschaftlichen Kampagne für den Humanismus bei gleichzeitigem Abschied vom Neoliberalismus. 

Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig Wirtschaften. © Christoph Quarch
Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
 
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.

Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel". 

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