New Work und die Zukunft der Arbeit

Der aktuelle Kommentar von Hans Rusinek

Die Arbeit hat einen schlechten Ruf. Doch in einer Änderung der Arbeitsbedingungen liegt der Schlüssel zu einer enkeltauglichen Zukunft

Nur in der Arbeitswelt und gemeinsam können wir die heutigen Probleme lösen, sagt Hans Rusinek. © Skitterphoto, pixabay.comArbeit, wir müssen reden. Du hast heute einen schlechten Ruf: Wir träumen von einer Frührente durch plötzlichen Bitcoin-Reichtum, kämpfen bedingungslos für ein bedingungsloses Grundeinkommen und üben uns im Quiet Quitting, wo wir nur noch die absoluten Minimalanforderungen erfüllen und auf keinen Fall mehr Mühe, Interesse oder Begeisterung in die Arbeit stecken als unbedingt nötig. Ist das die Zukunft der Arbeit?

Arbeit in der Zukunftskrise

Diese Abkehrbewegungen haben ihre Gründe. Ein Steuersystem, das Einkommen aus Arbeit wesentlich höher besteuert als Einkommen aus Erbe oder Aktien; die Unmöglichkeit sich mit Arbeit allein eine Immobilie finanzieren zu können; die Vermutung, dass uns Automatisierung die Arbeit in manchen Bereichen bald abnehmen könnte und die demografische Aussicht, dass uns  in anderen Bereichen die Arbeiter ausgehen könnten. All das führt zu einer Neubewertung der Arbeit. Ob sie sich lohnt. Ob man sie braucht. Ob’s noch jemanden gibt, der sie macht. Im Sinne eines Arbeitsbashings wurden ganze Regalwände armeverschränkender Bücher geschrieben, Überschriften à la „Arbeit nervt” garantieren großartige Klickzahlen. Arbeitsbashing ist ein Alleabholer.

Folgen wir dem Soziologen Hartmut Rosa, zeichnet sich unsere Gegenwart ganz allgemein durch einen rasenden Stillstand aus:  Da ist zum einen eben, „dass die Gesellschaft rast – und zwar aus strukturellen Gründen, sie muss geradezu rasen", um nicht aufgrund verfehlter Wachstums-, Aufstiegs-, Wohlstandsziele zu implodieren. Zum anderen aber verharrt sie oder ist erstarrt.

Diese Raserei drückt sich in Aggressionsverhältnissen aus: Zu unserer Umwelt, unseren Mitmenschen und zu uns selbst und unserem Körper. Sind wir gezwungen, uns permanent zu steigern, permanent aufs Gas zu treten, ohne den Sinn dieser den Planeten, die Gesellschaft und die Psyche verheizenden Bewegung zu erkennen.

So verwundert es nicht, was eine globale Studie des Forschungsinstituts Gallup zum Thema Mitarbeiterzufriedenheit herausfand: Lediglich zehn Prozent der Mitarbeiterschaft in Westeuropa ist „engaged", also in Einsatz und Loyalität, 71 Prozent ist hingegen „not engaged" – macht Dienst nach Vorschrift –, und 19 Prozent ist sogar „actively disengaged", betreibt also aktiv Arbeitsvermeidung. Für viele Menschen ist Arbeit also kein Wirkungsort mehr, sondern ein Absitzen von Lebenszeit.

Auch erleben wir eine Krise des Zusammenhalts: Fortschritt funktioniert nur solange, wie Menschen das Gefühl haben, für eine bessere Zukunft zu arbeiten. Dass sie sich anstrengen, damit es die Kinder „einmal besser haben". Das hielt früher die Generationen zusammen. Nun erleben wir Generationskonflikte in der Arbeit und sehen, wie sich junge Menschen von dem Aufstiegsversprechen durch Arbeit immer mehr abwenden. Wenn lohnarbeitende Eltern dermaßen überlastet sind, wenn Arbeitende dauerhaft auf Abruf stehen müssen, dann kommt es zu den Abkehrbewegungen von der Arbeit, die wir heute erleben. Man geht in Teilzeit, verkriecht sich ins Homeoffice oder engagiert sich für das Bedingungslose Grundeinkommen.

All diese Abkehrbewegungen von der Arbeit bringen uns nicht weiter, wenn wir in der Klimakrise gemeinsam ins Handeln kommen wollen.

Enkeltaugliche Arbeit
Eine Analyse des Carbon Disclosure Projects zeigte, dass fast fünfzig Prozent aller Unternehmen in Europa Klimaschutzziele haben, die sich am Pariser Klimaabkommen orientieren, dass aber weniger als fünf Prozent auch ein Maßnahmenpaket haben, wie sie diese Ziele erreichen wollen. Große Ziele, null Plan. Wenn das die Lösungen sind, die die Zukunftsdiskurse der Arbeit parat haben, dann will ich mein Problem zurück. Das Problem ist das sinnvolle, gemeinschaftliche Arbeiten im Anthropozän.

In Zukunft brauchen wir den Ort der Arbeit deshalb für ein (Um)Lernen neuer Praktiken, weil uns nur dort ein nicht-traumatisierendes, gemeinschaftliches Bewältigen der Klimakrise gelingen kann. Deshalb müssen wir dem derzeitigen Trend der Abkehr von Arbeit etwas entgegensetzen: Arbeit besser machen, enkeltauglich machen! Das freie und von einer besseren Zukunft motivierte Umlernen in der Arbeitswelt ist die einzige Alternative zu einer Politik des Zwangs, einem Ausspielen von Klimakrise und Demokratie. Ohne Frage werden wir in Zukunft unsere Art des Wirtschaftens anpassen müssen, die Frage ist nur: Gelingt uns das by Design or by Desaster?

Hans Rusinek. © HoltgreveDafür müssen wir uns beispielsweise unseren Umgang mit Zeit anschauen, der weder uns noch dem Planeten Regeneration lässt. Das Verdrängen unserer Körper, womit wir auch Empathie und das Spüren von Verantwortung verdrängen. Den Begriff von Organisationen selbst, die wir als isolierte Gewinnmaximierungsmaschinen begreifen und eben nicht als eingebettete Teilnehmer in komplexen und verletztlichen Systemen. All diese Veränderungsdimensionen müssen wir auf der Arbeitsebene angehen, damit uns enkeltaugliche Arbeit gelingen kann.

Für all das brauchen wir einen neuen Richtungssinn in der Arbeitswelt, jenseits der Raserei. Welch ein Glück also, dass derzeit überall über die „Zukunft der Arbeit" und „New Work" gesprochen wird, auf CEO-Podien, in ehrgeizigen LinkedIn-Posts, von diversen Coaches und in zahlreichen Business-Portalen – ist das nicht Ausdruck vernünftiger Fortschrittsvorstellungen? Sollte dahinter kein erneuerter Sinn für eine Bewegung stehen?

Hans Rusinek forscht, berät und publiziert zum Wandel der Arbeitswelt. An der Universität St. Gallen forscht er zur Sinnfrage in der Arbeit und ihrer Rolle in modernen Organisationen. Im Oktober erschien im Herder Verlag sein Buch "Work-Survive-Balance. Warum die Zukunft der Arbeit die Zukunft unserer Erde ist" zu einer enkeltauglichen Zukunft der Arbeit.

Unter "Der aktuelle Kommentar" stellen wir die Meinung engagierter Zeitgenossen vor und möchten damit unserer Rolle als forum zur gewaltfreien Begegnung unterschiedlicher Meinungen gerecht werden. Die Kommentare spiegeln deshalb nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider, sondern laden ein zur Diskussion, Meinungsbildung und persönlichem Engagement. Wenn auch Sie einen Kommentar einbringen oder erwidern wollen, schreiben Sie an Alrun Vogt: a.vogt@forum-csr.net

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