Wenn Waren vernichtet werden

Der aktuelle Kommentar von Alrun Vogt

Es ist ein Umweltskandal von erschreckendem Ausmaß und er geschieht täglich trotz Gesetzen, die das Gebaren eigentlich verbieten: Das Vernichten von Waren. Das Phänomen zeigt die Schattenseiten des Online-Handels.
 
Auch neuwertige Kleidung wird im großem Stil vernichtet. © pexels, pixabay.comDer Konsument von heute ist Bequemlichkeit gewohnt. Kein Wunder, wird ihm doch mit einem Mausklick vom Sessel aus alles ins Haus geliefert, was er braucht. Damit sich der Kunde jedoch auf den Service einlässt, will er eine Sicherheit: Die bestellte Ware muss kostenlos zurückgeschickt werden können. Online-Versandhäuser, die dieses Versprechen nicht leisten, so zeigt die Erfahrung, sind aus dem Spiel. Die Folge: Waren legen weite Strecken zurück, oft mit dem Ergebnis, dass der Kunde die Ware doch nicht will und wieder zurückschickt. Und damit nicht genug. Da die Prüfung und Abwicklung von retournierter Ware aufwändig und teuer ist, wird diese offenbar häufig vernichtet.

Verstoß gegen das Kreislaufwirtschaftsgesetz
Von Amazon ist schon länger bekannt, dass der Konzern neuwertige Produkte ohne triftigen Grund massenhaft zerstört, darunter nicht nur Hunderte Tonnen Retouren, sondern auch unverkaufte Neuware. Mitarbeiter machten heimlich Fotos, die zeigten, was für die Vernichtung bestimmt war, darunter Paletten mit Solarleuchten, Tonerkartuschen, Lampen, Keyboards. Die Deutsche Umwelthilfe beklagt, dass diese Vernichtung funktionstüchtiger Produkte ohne triftigen Grund gegen das Kreislaufwirtschaftsgesetz verstößt und bei Elektrogeräten zusätzlich gegen das Elektro- und Elektronikgerätegesetz. Nach diesen Gesetzen müssen Produkte eigentlich auf eine Wiederverwendung geprüft und Abfälle vermieden werden.

Geschredderte Turnschuhe
Erst vor anderthalb Jahren fanden Journalisten heraus, was mit retournierten Turnschuhen geschieht. "Recycle deine alten Schuhe" fordert der Turnschuhhersteller Nike sogar ausdrücklich vom Kunden und stellt in den Läden eine eigene Box für die alten Schuhe zur Verfügung. Die investigativen Reporter wollten es genau wissen. Sie statteten Nike-Turnschuhe mit GPS-Geräten aus und deckten einen Skandal auf. Nicht nur, dass die abgegebenen alten Schuhe nicht recycelt wurden, sondern in einer Schredder-Anlage in Belgien landeten. Auch ein neu bestelltes und retourniertes Paar Schuhe fand in eben dieser Halle sein vorzeitiges Ende.

Umweltorganisationen wie Greenpeace vermuteten schon lange, dass retournierte Neuware von Herstellern direkt vernichtet wird. Erstens entfällt damit die aufwändige Prüfung. Zweitens werden damit Lagerkosten gespart. Und drittens haben die Hersteller offenbar kein Interesse daran, die Retouren etwas günstiger zu verkaufen, weil sie fürchten, dass die Rabatte dem Image der Marke schaden könnten.
 
Wenn Zalando-Rücksendungen vernichtet werden
Nun kam wieder ein Skandal ans Licht. Diesmal betraf es den Online-Händler Zalando. Zalando verspricht, dass 97 Prozent der Rücksendungen weiterverkauft werden. Weniger als 0,05 Prozent aller Zalando-Rücksendungen würden "in Ausnahmefällen" vernichtet. Ein Team des SWR-Investigativformats "Vollbild" wollte das Versprechen überprüfen. Die Journalisten bestellten zehn verschiedene Kleidungsstücke, nähten ebenfalls heimlich GPS-Tracker ein und retournierten die Ware.
 
In einer langwierigen Recherche wurden die Rücksendungen über mehrere Monate beobachtet. Sie enthüllten, dass auch Zalando Kleidungsstücke vernichtet und zwar nicht nur in Ausnahmefällen. Sie zeigten darüber hinaus, dass keines der zurückgeschickten Kleidungsstücke wieder im Zalando-Shop erschien. Und sie offenbarten noch etwas anderes, nämlich dass die zurückgeschickten Kleidungsstücke teilweise quer durch Europa reisen – im Lkw. Ein zurückgeschickter Babystrampler brachte es demnach auf knapp 7.000 Kilometer, bevor in Schweden der Akku des Trackers leer war. Eine überwachte Weste war ebenfalls knapp 7.000 Kilometer unterwegs und landete in Spanien. Kaum zu glauben: Insgesamt haben die zehn retournierten Kleidungsstücke knapp 29.000 Kilometer zurückgelegt.
 
Retouren-Forscher Björn Asdecker von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg erklärt die unfassbaren Zickzackstrecken der Kleidungsstücke folgendermaßen: Zalando arbeite mit künstlicher Intelligenz, die berechne, wo die Kleidung am wahrscheinlichsten als nächstes bestellt werde. Damit die Kleidung schnell bei den Kunden ankomme, werde sie im Lkw quer durch die Absatzmärkte transportiert. "Die Lkw dienen im Endeffekt als Lagerräume für Zalando", so Asdecker. Dabei betont Zalando in seinem Geschäftsbericht, dass Rücksendungen klimaneutral abgewickelt würden, etwa durch CO2-Kompensation. Die Tracker offenbarten nun die tatsächlichen Umweltauswirkungen der Retouren.
 
Die Bekleidungsindustrie als Umweltproblem
Die Retouren sind nicht allein das Problem. Generell hat sich die Textilindustrie zu einer riesigen Umweltlast entwickelt. Sie stößt mehr CO2-Emissionen aus als Luft- und Schifffahrt zusammen. Innerhalb von zehn Jahren ist die Menge an Textil- und Bekleidungsabfällen in Deutschland um rund 70 Prozent gestiegen. Das meldete kürzlich das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Demnach wurden im vergangenen Jahr rund 462.500 Tonnen Altkleider und andere gebrauchte Textilien ins Ausland exportiert. Pro Kopf der deutschen Bevölkerung  sind das 5,5 Kilogramm. Und was passiert mit den Altkleidern? Gewerbliche Firmen transportieren sie oft auf dem Seeweg in Länder wie Ghana oder Nigeria – wo sie Kritikern zufolge häufig direkt auf dem Müll landen, weil sie sich als unbrauchbar erweisen.
 
Alrun Vogt. © privatDiese Entwicklung zeigt, dass Kleidung heutzutage häufig zu billig und damit in zu schlechter Qualität angeboten wird. Kleidung ist zum Wegwerf-Artikel geworden; dass sie oft höchstens nur ein Jahr hält, ist für uns mittlerweile normal. Die Devise sollte deshalb heißen: Lieber etwas mehr Geld ausgeben und dafür ein langlebigeres und umweltfreundlicheres Kleidungsstück erhalten. Oder im Second-Hand-Laden kaufen.
 
Und dann der Online-Handel. Jeder, der aus Bequemlichkeit online bestellt, sollte sich bewusst sein,  was es für Folgen nach sich zieht, wenn er eine Ware retourniert – an unnötigem Verkehr, an Energie und möglicherweise an Müll. Ganz zu schweigen von den Folgen, die der Online-Handel für die kleinen Läden und das Leben der Innenstädte hat.
 
Alrun Vogt, Autorin des Buches „Wirtschaft anders denken" (oekom 2016), ist Mitglied der forum-Redaktion.

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