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Digitales Vertrauen gewinnen*

Corporate Digital Responsibility

Unternehmen mit digitaler Reife, die keine Vertrauenslücke bei Kund:innen, Mitarbeitenden und Geschäftspartner:innen entstehen lassen wollen, investieren in eine vertrauenswürdige Organisation. Sie nutzen dazu die Praktiken und Instrumente der Corporate Digital Responsibility.

Big-Data-Analysen und der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) bergen hohe Risiken – man kann sich generell nicht vorstellen, was alles schief gehen kann. Oder vielleicht doch, wenn man an all die Science-Fiction-Filme oder -Romane der letzten Jahre denkt, die die Debatte um die Chancen und Gefahren von KI widerspiegeln (vgl. Förtsch, 2021).Was wäre, wenn die Expert:innen recht hätten, die befürchten, dass ethische Verhaltensweisen einer KI schwer zu definieren und noch schwieriger umzusetzen sind? Was wäre, wenn eine Anwendung von ethischen KI-Standards unter undurchsichtigen Bedingungen von maschinell lernenden „Black-Box-Systemen" sich als faktisch unmöglich herausstellt? Was wäre, wenn immer mehr Menschen durch Künstliche Intelligenz nicht nur psychisch und mental, sondern auch an Leib

Digitale Reife führt zu stärkerem Bewusstsein für Ethik
Diese Risiken sensibilisieren Unternehmenslenker:innen. Mehr noch: Je mehr sie von digitaler Technologie verstehen, umso besorgter sind sie. Business Leader von Unternehmen, die bereits digital fortgeschritten sind, denken deutlich häufiger über digitale Ethik nach. Auch der Anteil der Unternehmen, die explizite Richtlinien zur Unterstützung ihrer ethischen Standards in Bezug auf digitale Initiativen haben, ist bei „digital reifen" Unternehmen mit 80 Prozent deutlich größer als der Anteil von 43 Prozent bei Unternehmen in der Anfangsphase. (Vgl. Bannister et al., 2020.)
 
Digitale Vertrauenslücke 
Je mehr Unternehmen mit der Digitalisierung neue Informationsvorsprünge schaffen, riskante Technologien einsetzen und sich digitalen Geschäftsmodellen zuwenden, umso größer werden die Zweifel an ihrer Vertrauenswürdigkeit. Es kommt zu negativen Einschätzungen des Unternehmens von Seiten der Vertrauensgeber:innen, d.h. von Nutzer:innen, Kund:innen und Bürger:innen (vgl. Studienergebnisse in der Abbildung). Vertrauen ist die Haltung des Vertrauensgebers gegenüber dem Vertrauensnehmer, der erwartet, dass dieser als Treuhänder in seinem Sinne handelt. Vertrauen beruht auf einem Informationsungleichgewicht und befähigt Menschen trotz dieser Asymmetrie mit anderen Menschen zu interagieren (vgl. Ingenhoff & Sommer, 2010). „Vertrauen beruht auf der Bewertung der Fähigkeiten, der Integrität, des Wohlwollens und Informationsqualität des Vertrauensgebers" (ebd.). Wirtschaft und Unternehmen sind auf Vertrauen angewiesen. Ohne sie gibt es keine nachhaltigen Geschäftsbeziehungen und Wertschöpfung. Mit Ungewissheit und Risiko steigt die Notwendigkeit zu Vertrauen.

Corporate Digital Responsibility unterstützt
Corporate Digital Responsibility (CDR) bietet das passende Management-Instrumentarium, um digitale Verantwortung zu ermöglichen. CDR bündelt eine Reihe von Praktiken und Verhaltensweisen, die Unternehmen unterstützen, Daten und digitale Technologien auf eine Weise zu nutzen, die als sozial, wirtschaftlich und ökologisch verantwortungsvoll wahrgenommen wird. Sie fördert eine unternehmerische Strategie für eine nachhaltige und faire Digitalisierung. Kurz: Was CSR für produzierende Unternehmen ist CDR für Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen. CDR verankert Mechanismen der Verantwortung in der Organisation. Diese erlauben es Führungskräften und Mitarbeitenden, bei zukünftigen, aktuell nicht absehbaren Situationen z.B. im Umgang mit Künstlicher Intelligenz oder Daten ethisch zu handeln. Zusammen mit Selbstverpflichtung und Transparenz ist diese Vertrauensinfrastruktur die Grundlage für digitales Vertrauen in die Organisation. (Vgl. Swiss Digital Initiative, 2020.)
 
Nicht auf der „grünen Wiese"
Vielen Unternehmen geht es so wie beispielsweise einem unserer Kunden, einem global agierenden Tech-Unternehmen: CDR findet nicht auf der „grünen Wiese" statt. Unser Kunde verfolgte wie alle großen und viele mittelständische Unternehmen bereits seit vielen Jahren systematisch eine Nachhaltigkeitsagenda. Als wir miteinander sprachen, befand sich das Unternehmen mitten in der digitalen Transformation: Das bisher primär produzierende Tech-Unternehmen wurde umgebaut: Datenbasierte Services sollten vermehrt zum Umsatz beitragen. Wir bekamen den Auftrag, den „Digital Responsibility Check" (vgl. Dörr, 2020) zu nutzen, um eine Orientierung zu neuen Handlungsfeldern der digitalen Verantwortung zu geben. Die Analyse zeigte Potenziale, aber Handlungsbedarf beim Einsatz von digitalen Technologien für Nachhaltigkeit sowie den organisatorischen Leitplanken für einen verantwortungsvollen KI-Einsatz. Nach Diskussion entstand zunächst mit unserer Unterstützung ein White­paper, das für die CDR-Handlungsfelder neue Ziele beschrieb und intern in eine Roadshow ging. Unser Impuls konnte dazu beitragen, das Unternehmen positiv auf die Stakeholder im datenbasierten Geschäftsmodell auszurichten und Integrität zu wahren.
 
Vertrauenswürdig-by-design
Auch für mittelständische Unternehmen ist CDR zunehmen ein Thema. Ein „CDR-Check" ist ein erster Schritt, Orientierung zu gewinnen und die Grundlage für Wettbewerbsvorteile zu legen. Dadurch werden Signale der Vertrauenswürdigkeit systematisch in der Unternehmensführung verankert. „Organisationen, die Vertrauenswürdigkeitssignale in alle Elemente ihrer Infrastruktur und Kernprozesse einbinden, gewinnen mit der Zeit bei ihren Stakeholdern einen vertrauenswürdigen Ruf" (Hurley et al., 2013).

Eine vertrauenswürdige Organisation entsteht kollaborativ in unterschiedlichen Funktionen des Unternehmens wie der Produktentwicklung, dem Einkauf und dem Marketing. Strategische Steuerung der digitalen Verantwortung und Nachhaltigkeit, Wirkungsmessung und ein breites Awareness-Training aller Mitarbeitenden bilden das Fundament, das von der Geschäftsführung verantwortet wird.
Digital verantwortliche Unternehmenslenker:innen verstehen die Risiken und Chancen einer fairen und nachhaltigen Nutzung von Daten, KI und digitalen Technologien für ihre Organisation sowie die Gesellschaft. Um keine Vertrauenslücke entstehen zu lassen, investieren sie in eine vertrauenswürdige Organisation. Sie nutzen dazu die Praktiken und Instrumente der Corporate Digital Responsibility und gestalten ihre unternehmensspezifische Strategie für digitale Verantwortung

Dr. Saskia Dörr ist Vordenkerin und Expertin für Corporate Digital Responsibility. Sie berät mit ihrem Unternehmen WiseWay Geschäftsführer:innen und Entscheidungsträger:innen bei ihrer unternehmerischen Verantwortung im Digitalzeitalter. Weitere Informationen: wiseway.de   

*Leicht veränderte Fassung eines Artikels, der erstmals im Februar 2022 im Blog nachhaltig.digital erschien.


Quellen:
Bannister, Catherine, Sniderman, Brenna & Buckley, Natasha (2020): Ethical tech: Making ethics a priority in today’s digital organization. https://www2.deloitte.com/content/dam/insights/us/articles/6289_ethical-tech/DI_DR26-Ethical-tech.pdf (Zugegriffen: 12.1.2021)
Dörr, Saskia (2020): Praxisleitfaden Corporate Digital Responsibility. Unternehmerische Verantwortung und Nachhaltigkeitsmanagement im Digitalzeitalter. Berlin: Springer. https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-60592-9 (Zugegriffen: 12.1.2021)
Förtsch, Michael (2021): 10 Filme über Künstliche Intelligenz, die uns zum Nachdenken bringen. https://1e9.community/t/10-filme-ueber-kuenstliche-intelligenz-die-uns-zum-nachdenken-bringen/9348 (Zugegriffen: 12.1.2022)
Hurley, Robert F., Gillespie, Nicole, Ferrin, Donald L. & Diez, Graham (2013): Designing Trustworthy Organizations. MIT Sloan Management Review. https://sloanreview.mit.edu/article/designing-trustworthyorganizations/ (Zugegriffen: 12.1.2021)
Ingenhoff, Diana & Sommer, Katharina (2010): Trust in Companies and in CEOs: A Comparative Study of the Main Influences. In: J Bus Ethics 95, 339–355 (2010). https://doi.org/10.1007/s10551-010-0363-y (Zugegriffen: 12.1.2021)
KPMG (2021): DAX 30 Digital Monitor. https://www.dax-digital-monitor.de/ (Zugegriffen: 21.1.2022)
Swiss Digital Initiative (2020): Digital trust from the customer’s perspective. https://a.storyblok.com/f/72700/x/ebe35ec810/booklet-digital-trust.pdf (Zugegriffen: 12.1.2021)
Vyas, Kashyap (2022): What’s next for Ethical AI? IT Business Edge, 4.1.2022. https://www.itbusinessedge.com/applications/whats-next-for-ethical-ai/ (Zugegriffen: 12.1.2022)


Quelle: B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften

Wirtschaft | CSR & Strategie, 15.08.2022
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2022 mit dem Schwerpunkt: Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft - Ist die Party vorbei? erschienen.
     
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