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Die Neupositionierung Europas im Energie- und Nahrungsmittelsektor

Der aktuelle Kommentar von Thomas Flichy de la Neuville

Der Krieg in der Ukraine ist dabei, die Geoökonomie des europäischen Kontinents radikal zu verändern: Die USA haben einen unerwarteten Sieg errungen, indem sie die europäische und insbesondere die deutsche Fabrik von den russischen Energieressourcen abgekoppelt haben.
 
Europa ist eine Industriemacht und als solche ist es von Gas abhängig. Doch die Digitalisierung des Kontinents führt zu einem übermäßigen Energieverbrauch. Island und Irland fehlt es bereits an Strom. Der Grund: Viele digitale Unternehmen wie die GAFAM (Microsoft, Apple, Facebook, Google und Amazon) lassen dort nach und nach ihre Datenzentren errichten. Es gibt über siebzig Rechenzentren dieser Unternehmen, deren Betrieb eine elektrische Leistung von über 900 Megawatt erfordert. Zehn weitere Rechenzentren befinden sich noch im Bau und werden für ihren Betrieb zusätzliche Energie benötigen.
 
Amerikanisches und arabisches statt russisches Gas
Der Krieg in der Ukraine bestimmt die globalen Kräfteverhältnisse und Handelsbeziehungen derzeit neu. © TheAndrasBarta, pixabay.comAngesichts des Risikos, dass die russischen Gasimporte eingestellt werden könnten, erhöht nun Dänemark seine Erdgasproduktion in der Nordsee und will bis 2023 autark werden. Das Land plant außerdem, seine Wind- und Solarenergieproduktion bis 2030 um das Vierfache zu steigern. Auch die Niederlande kurbeln die Förderung von Kohlenwasserstoffen wieder an.
 
Diese Lösungen sind jedoch nicht ausreichend. Deutschland, das 55 Prozent seines Gases aus Russland über Onshore-Pipelines importierte, reduzierte diesen Anteil zugunsten größerer Importe aus den Niederlanden und Norwegen auf 40 Prozent. Auf Einladung der USA investiert es drei Milliarden Euro, um drei oder vier schwimmende Terminals für den Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) zu mieten. Diese imposanten Schiffe sollen es Deutschland ermöglichen, seine LNG-Importkapazitäten zu erhöhen und damit seine Abhängigkeit von russischem Gas so schnell wie möglich zu verringern, bis der erste Terminal an Land gebaut ist. Der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen) war ebenfalls gezwungen, nach Katar und in die Vereinigten Arabischen Emirate zu reisen, um dort Verträge für verflüssigtes Erdgas (LNG) auszuhandeln.
 
Die Schlacht um andere Energiequellen
Italien, das rund 95 Prozent seines Gasverbrauchs importiert, ist eines der europäischen Länder, die am stärksten von russischem Gas abhängig sind, das 45 Prozent seiner Gasimporte ausmacht. Die italienische Regierung hat nach der russischen Invasion in der Ukraine und der Salve westlicher Sanktionen gegen Moskau eine breit angelegte diplomatische Offensive zur Diversifizierung ihrer Energiequellen gestartet. Luigi Di Maio reiste nach Algerien, Katar, in den Kongo, nach Angola und Mosambik. Mario Draghi selbst reiste nach Algier, wo er eine Vereinbarung über die Steigerung der algerischen Gasexporte auf die Halbinsel bekannt gab. Algerien, einer der wichtigsten Handelspartner Italiens, ist nach Moskau der zweitgrößte Gaslieferant des Landes. Spanien wiederum, das gegenüber Russland und der Ukraine weniger exponiert ist, setzt auf grünen Wasserstoff.
 
Allerdings reichen die alternativen Gaslieferungen nicht aus, daher die Wiederbelebung des Nuklearsektors in Frankreich, Großbritannien und Belgien. Angesichts der spekulativen Flucht nach vorn im Windsektor hat der Krieg eine Rückbesinnung auf die geoökonomische Realität erzeugt.
 
Weizen- statt Tomatenfelder
Dies gilt auch für den Agrarbereich, in dem Europa versucht, seine aufgegebene Selbstversorgung wiederzufinden. Italien ist bei der Herstellung von Nudeln zu 60 Prozent von russischem und ukrainischem Weizen abhängig und stellt nun die Tomatenplantagen im Süden auf Weizenfelder um. Insgesamt werden im Süden des Landes 500 000 Hektar Land auf eine andere Kultur umgestellt.
 
Irland ist auf Viehzucht spezialisiert und importiert zwei Drittel des Getreides, das es verbraucht. Die Regierung hat 12 Millionen Euro bereitgestellt, um die lokale Produktion zu fördern, denn auf der Grünen Insel sind nur 7,5 Prozent des Landes für den Getreideanbau reserviert. Von den 5,5 Millionen Tonnen Getreide, die das Land benötigt, um seine Einwohner und Tiere zu ernähren, kommen gegenwärtig 60 Prozent aus dem Ausland.
Frankreich seinerseits könnte davon kaum betroffen sein, mit einem Selbstversorgungsgrad von 200 Prozent bei Weichweizen, von dem 50 Prozent exportiert werden, und 150 Prozent bei Mais, von dem 40 Prozent exportiert werden. Allerdings hat der Ultraliberalismus der Europäischen Union die Spekulation mit Getreide gefördert, was zu einem plötzlichen Preisanstieg führte.
 
Beispielloser Rückschritt für Europa
Professor Thomas Flichy.© Rennes School of Business Deutschland von den russischen Energieressourcen abzukoppeln war das Ziel, das die USA während des gesamten 20. Jahrhunderts verfolgten, um die Entstehung einer eurasischen Macht zu verhindern, die sie überholen würde. Dies ist nun gelungen. Das Ergebnis wird eine stärkere Verschmutzung des europäischen Kontinents durch Kohlekraftwerke sein, aber auch eine deutliche Schwächung der Europäischen Union als Mäßigungs- und Ausgleichsmacht. Die USA werden die Gelegenheit nutzen, um Polen Kernkraftwerke zu verkaufen, den urkainischen Wiederaufbaumarkt an sich zu reißen und ihre Waffen in den osteuropäischen Schauplatz abzusetzen. Der strategische Fehler von Wladimir Putin hat letztendlich dazu geführt, dass der geschwächte Dollar angesichts der Offensive des e-Yuan einen Sprung nach vorne machen konnte.
 
Alles in allem diente der Ukraine-Konflikt als Auslöser für eine beispiellose Beschleunigung der euro-atlantischen Integration auf Kosten der eurasischen Verbindungen. Dies erzeugt einen Windfall-Effekt für die US-Industrie, die plötzlich von drei Märkten profitiert: dem Wiederaufbau der Ukraine, der Lieferung von Flüssigerdgas und genmanipuliertem Getreide. Aus ökologischer Sicht ist der Rückschritt für Europa beispiellos.
 
Dr. Thomas Flichy de La Neuville ist Professor für Geopolitik an der Rennes School of Business.

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