Christoph Quarch
Gesellschaft | Politik, 06.03.2022
Ein neuer Wertdienst für Männer und Frauen
Christoph Quarch schlägt die Einführung eines Pflichtjahres vor, in dem alle Bürgerinnen und Bürger ein Jahr lang den Werten unserer Kultur dienen.
Während der Krieg in der Ukraine in die zweite Woche geht, wird in Deutschland und Europa mobil gemacht. Die Europäische Union bricht mit ihrem Tabu und stellt der Ukraine Militärhilfen in Höhe von 450 Millionen Euro in Aussicht. Und Bundeskanzler Olaf Scholz will 100 Milliarden Euro bzw.0,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes in die Modernisierung der Bundeswehr investieren. Auch der Ruf nach einer Wiedereinführung der 2011 ausgesetzten Allgemeinen Wehrpflicht wird lauter. Deutschland müsse „wehrfähig" werden, fordern konservative Politiker, während linke Stimmen vor einem neuen Wettrüsten warnen. Kehrt Deutschland zum Militarismus zurück? Darüber sprechen wir mit dem Philosophen und Bestseller-Autoren Christoph Quarch.
Herr Quarch, brauchen wir in Deutschland mehr Panzer und mehr Soldaten?
Was wir brauchen, ist eine wehrhafte Demokratie. Und das bedeutet: Wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, wenn es hart auf hart kommt, für unsere Werte zu kämpfen. Dafür wird es nicht reichen, den alten Wehrdienst wiedereinzuführen und mit ihm eine Denke aus den 60er Jahren zu reaktivieren. Was wir tatsächlich brauchen, ist nicht der alte Wehrdienst, sondern ein neuer Wertdienst für Männer und Frauen: ein Pflichtjahr, in dem alle Bürgerinnen und Bürger ein Jahr lang den Werten unserer Kultur dienen: in sozialen Einrichtungen, ökologischen Projekten und gerne auch beim Militär. Die Verteidigungsfähigkeit eines Landes – das sehen wir in der Ukraine – hängt nämlich nicht primär an Waffen und Material, sondern an dem Wissen der Menschen um das, was es zu verteidigen gilt.
Was wir brauchen, ist eine wehrhafte Demokratie. Und das bedeutet: Wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, wenn es hart auf hart kommt, für unsere Werte zu kämpfen. Dafür wird es nicht reichen, den alten Wehrdienst wiedereinzuführen und mit ihm eine Denke aus den 60er Jahren zu reaktivieren. Was wir tatsächlich brauchen, ist nicht der alte Wehrdienst, sondern ein neuer Wertdienst für Männer und Frauen: ein Pflichtjahr, in dem alle Bürgerinnen und Bürger ein Jahr lang den Werten unserer Kultur dienen: in sozialen Einrichtungen, ökologischen Projekten und gerne auch beim Militär. Die Verteidigungsfähigkeit eines Landes – das sehen wir in der Ukraine – hängt nämlich nicht primär an Waffen und Material, sondern an dem Wissen der Menschen um das, was es zu verteidigen gilt.Das klingt nach Wertepatriotismus oder auch Identitätspolitik. Ist das noch zeitgemäß?
Ja, das ist es. Zumindest wenn wir Demokraten sind und an das glauben, was unser Land im Namen trägt: die Republik. Republik bedeutet: gemeinsame Sache, Gemeinwohl. Republik bedeutet: die Bürger sind der Staat, Mitbestimmung, Gerechtigkeit, Freiheit – und zwar eine Freiheit, die mehr ist als die Freiheit des Marktes und des Konsumierens, deren Fragilität im Krieg so sichtbar wird. Die wirklichen Grundwerte und Grundprinzipien der Demokratie haben wir im Hurra unserer großen Konsumparty sträflich vernachlässigt. Damit haben wir unser Gemeinwesen empfindlich geschwächt. Jetzt müssen wir sie ins öffentliche Bewusstsein zurückbringen und den Gemeinsinn stärken. Und das geht am besten nicht durch Sonntagsreden, sondern durch konkretes Handeln im Rahmen eines Pflichtjahres.
Ja, das ist es. Zumindest wenn wir Demokraten sind und an das glauben, was unser Land im Namen trägt: die Republik. Republik bedeutet: gemeinsame Sache, Gemeinwohl. Republik bedeutet: die Bürger sind der Staat, Mitbestimmung, Gerechtigkeit, Freiheit – und zwar eine Freiheit, die mehr ist als die Freiheit des Marktes und des Konsumierens, deren Fragilität im Krieg so sichtbar wird. Die wirklichen Grundwerte und Grundprinzipien der Demokratie haben wir im Hurra unserer großen Konsumparty sträflich vernachlässigt. Damit haben wir unser Gemeinwesen empfindlich geschwächt. Jetzt müssen wir sie ins öffentliche Bewusstsein zurückbringen und den Gemeinsinn stärken. Und das geht am besten nicht durch Sonntagsreden, sondern durch konkretes Handeln im Rahmen eines Pflichtjahres.
Aber warum Pflichtjahr? Würde es nicht reichen, die Freiwilligendienste auszubauen?
Nein, weil dann die Frage aufkommt, ob es Wettbewerbsnachteile hätte, den Dienst zu leisten. Bürgerliche Freiheit braucht Chancengleichheit. Nur wenn die Pflicht für alle gilt – Männer und Frauen, hier Geborene und Zugewanderte, Religiöse und Nicht-Religiöse –, nur dann werden Chancengleichheit und Freiheit aller gewahrt. Zudem werden dann gesellschaftliche Silos aufgebrochen, soziale Schichten durchmischt und ein echter Gemeinsinn kultiviert. Und weil wir das alles nicht nur in Deutschland, sondern auch für Europa brauchen, votiere ich seit Jahren für einen Europäischen Bürgerdienst. Ihn einzuführen wäre nicht nur das Fundament einer europäischen Bürgergesellschaft, sondern auch einer zeitgemäßen Verteidigungspolitik, die mehr auf Menschen baut als auf Waffen.
Halten Sie es für realistisch, einen solchen europaweiten Pflichtdienst einzuführen?
Die Hürden sind hoch, aber wir sollten darauf zuarbeiten: eine gemeinsame europäische Bürger*innen-Armee mit Wert-Pflichtigen aus den unterschiedlichen Mitgliedsländern der EU; eine Agentur, die junge Europäer quer über den Kontinent in soziale und ökologische Dienste vermittelt. Das wäre alles kein Hexenwerk. Und es wäre die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft. Wir brauchen in Europa einen Mentalitätswandel: weg vom liberalistischen Individualismus, hin zum republikanischen Gemeinsinn. Wir brauchen Begeisterung für unsere europäischen Werte und den Mut, Lebenszeit in sie zu investieren. Was wir nicht brauchen, ist ein hochgerüstetes Bundeswehr-Unternehmen, an das wir die Verteidigung delegieren, um im Übrigen so weiterzumachen wie bisher. Deshalb werden die 100 Milliarden nur dann gut investiert sein, wenn sie einen Mentalitätswandel und eine Öffnung nach Europa mit sich bringen.

Der Bestseller-Autor Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
In seinem neuen Buch "Begeistern! Wie Unternehmen über sich hinauswachsen" geht's um Fragen wie diese:
Wie kommt der Geist in unsere Unternehmen? – Durch Begeisterung! Und wie entsteht Begeisterung? Anders als die meisten glauben.
Als forum-Redakteur zeichnete Christoph Quarch verantwortlich für den Sonderteil „WIR - Menschen im Wandel".
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