Zirkuläre Mode

Ina Budde, Mitgründerin von circular.fashion im Interview

Bisher folgt die Mode- und Textilindustrie einem linearen Weg der Produktion und des Konsums. Im Interview schildert Ina Budde, Mitgründerin von circular.fashion, einer nachhaltigen Designagentur mit Sitz in Berlin, wie sich das ändern lässt.
   
Frau Budde, Ihr Ziel ist, langlebige Mode zu kreieren, die durch intelligentes Design selbst dauerhaft als Rohstoff für neue Produkte dienen kann. Wie sieht es in der Branche derzeit aus?
Ina Budde hat mit circular.fashion eine Online-Plattform und Software-Lösung entwickelt, die in der Textil- und Modebranche zirkuläres Design und Kreislaufwirtschaft ermöglicht. Für ihr Engage­ment erhielt sie den B.A.U.M. | Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis. © Valeria MitelmanIn den letzten Jahrzehnten ist die Mode- und Textilindustrie einem linearen Weg der Produktion und des Konsums gefolgt, mit wenig Rücksicht auf die ökologischen Auswirkungen dieses Handelns. Von jährlich über 100 Mrd. weltweit produzierten Kleidungsstücken werden bislang weniger als 1 Prozent zu gleichwertigen Fasern recycelt. In Deutschland werden jedes fünfte Kleidungsstück so gut wie nie und etwa eine Milliarde Kleidungsstücke nicht länger als drei Monate getragen. Statt dass diese Kleidung nach der Nutzung weiterverwendet würde – ob als Secondhand-Ware oder Sekundärrohstoff für Recyclingfasern –, wird sie häufig entsorgt. So emittiert die globale Textilproduktion mit 1,2 Milliarden Tonnen CO2eq pro Jahr mehr als die internationale Luft und Schifffahrt zusammen. Das bedeutet einen enormen Wertverlust, sowohl ökologisch als auch ökonomisch, der auf mehr als 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt wird.
 
Wie kann hier ein Übergang in eine Kreislaufwirtschaft gelingen?
Notwendig sind qualitätserhaltende und innovative Lösungen. Ein Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft erfordert, dass wir jeden Teil des Lebenszyklus eines Kleidungsstücks überdenken und neu gestalten: Vom Einsatz nachhaltiger Fasern und Materialien und der Erforschung innovativer und kreislauffähiger Design- und Geschäftsstrategien über den Aufbau einer Infrastruktur für die Kreislaufwirtschaft bis hin zur Schaffung von Plattformen für Zusammenarbeit, Innovation und Wissensaustausch.

Design spielt eine zentrale Rolle bei der Schaffung eines nachhaltigen, regenerativen Systems. Deshalb muss bereits im Designprozess die Rückführung eines Kleidungsstücks mitbedacht werden: Produkte müssen so konzipiert werden, dass alle eingesetzten Rohstoffe bei maximaler Werterhaltung dauerhaft in unserem Wirtschaftssystem zirkulieren können. Aktuell besteht die Notwendigkeit, genau dieses Bewusstsein bei Designer:innen und Produktentwickler:innen zu schaffen und konkrete Lösungen und Ansätze dafür zu verbreiten. Im Rahmen von Circular-Design-Workshops und -Trainings stellen wir Branchenkenntnisse und Methoden bereit, die bei der Umstellung auf kreislauforientierte Verfahren unterstützen.

Mode ist heute sehr schnelllebig. Welche Rolle spielen die Konsument:innen?
Auch Konsument:innen müssen stärker miteinbezogen werden, um aktiv den Lebenszyklus ihres Produktes zu verlängern. Dafür integrieren wir die circularity.ID in das Kleidungsstück – als NFC-Knopf, -Faden oder QR-Code. Das scannbare Etikett stellt alle relevanten Produktinformationen bereit. Sobald die circularity.ID von einem Smartphone gescannt wird, gelangen Konsument:innen auf eine digitale Produktseite. Auf dieser werden Informationen zu den verwendeten Materialien, der Produktionsstätte sowie zur jeweiligen Marke bekanntgegeben und verschiedene Strategien (wie Reparatur oder Neufärbung) aufgezeigt, die das Kleidungsstück wieder interessant machen. So können Anreize zur längeren Nutzungsdauer geschaffen werden. Für den Fall, dass das Textil dennoch entsorgt werden soll, sind Informationen zur sachgerechten Rückgabe von „Altkleidern" für den Wiederverkauf und das Recycling notwendig.

Und nach der Nutzungsphase eines Kleidungsstücks?
Die Informationen aus der circularity.ID müssen auch für Altkleidersortierer:innen und Recycler zugänglich gemacht werden. Sortiert wird aktuell vorwiegend manuell; so können wichtige Informationen wie beispielsweise die genaue Materialzusammensetzung und Veredelungen nicht erkannt werden. Sortierer:innen haben nur Sekunden, um zu entscheiden, was mit einem Kleidungsstück passiert. Eine Entscheidung über den weiteren Verbleib des Textils treffen sie dabei hauptsächlich anhand des Aussehens und des Zustandes. Der Informationsaustausch zu detaillierten Spezifikationen ist elementar, um diesen Prozess zu optimieren.

Die circularity.ID knüpft genau dort an, indem alle für die Wiedernutzung und das Faserrecycling relevanten Produkt- und Materialinformationen in einer Produktdatenbank abrufbar werden. Wenn die ID an der intelligenten Sortierstation gescannt wird, erhalten auch die Sortierer:innen alle relevanten Informationen und wissen sofort, zu welchem Recycler das Textil geschickt werden muss, wenn es nicht mehr tragbar ist, oder ob die Marke selbst das Produkt beispielsweise in einem Recommerce-Service anbieten möchte.

Der Aufbau solcher Infrastrukturen ist unabdingbar, um Produkte und ihre Materialien im Kreislauf zu führen. Dafür müssen wir eng mit allen Beteiligten der Lieferkette zusammenarbeiten und einen transparenten Informationsfluss gewährleisten. Nur gemeinsam lässt sich eine Kreislaufwirtschaft für die Textilindustrie etablieren.

Lassen sich die Beteiligten der Lieferkette leicht für die Idee der Kreislaufwirtschaft gewinnen?
Kreislaufwirtschaft ist längst keine Option mehr, sondern die einzige Lösung, um langfristig eine lebenswerte Zukunft für uns als Gesellschaft global zu realisieren. Das gilt nicht nur für die Mode- und Textilindustrie, sondern für alle produzierenden Branchen mit Material- und Produktkreisläufen. 12 Prozent der globalen Modehersteller haben sich bereits verpflichtet, kreislauffähig zu werden. Wir sind stolz darauf, 10 Prozent von ihnen in Circular Design trainiert zu haben.

Auch wenn sich bereits einige Akteure auf den Weg gemacht haben, bedeutet das aber nicht, dass sich der Wandel schnell genug vollzieht. Wir sehen, dass viele Unternehmen zwar kleine Piloten umsetzen, jedoch vor radikaleren Veränderungen zurückschrecken. Das müssen wir ändern, um die essenziellen Klimaziele zu erreichen, Biodiversität zu schützen und gesunde Materialkreisläufe zu schaffen. Wir arbeiten deshalb besonders mit den Innovationstreibern der Branche zusammen, die ambitionierte Ziele haben, Zirkularität als „the new normal" begreifen und im großen Stil mit uns umsetzen möchten.
 
Welcher Erfolg hat Sie besonders gefreut?
Es gibt viele kleine und große Erfolge, die mich und das gesamte Team von circular.fashion stolz machen! Wir freuen uns, dass wir mit unserer Arbeit Veränderungsprozesse in der Modeindustrie anstoßen können und mit unseren Lösungen einen aktiven Teil hin zu einer Kreislaufwirtschaft bewirken. In unseren Circular-Design-Workshops haben wir bisher über 1000 Designer:innen und Mitarbeitende verschiedener Abteilungen vieler Modemarken trainiert. Auf dem Markt sind inzwischen Tausende Produkte, die eine circularity.ID integriert haben. Aber auch die bisherige Zusammenarbeit mit über 85 Modemarken – von Zalando über H&M, OTTO bis zu Armedangels und Ganni – stimmt uns zuversichtlich. Dieser Zuspruch der Modeindustrie, aber auch Auszeichnungen wie der Global Change Award 2019, der StartGreen Award 2019 oder ganz aktuell der B.A.U.M.-Preis honorieren, dass wir einen zukunftsweisenden Weg gewählt haben.

Vielen Dank, Frau Budde, für das Gespräch.

Quelle: B.A.U.M. e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften

Wirtschaft | Lieferkette & Produktion, 29.11.2021
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