Ja, das Rettende gibt es

Der aktuelle Kommentar von Christoph Santner

Von hoffnungsvollen Anastrophen – und wie das Europäische Forum Alpbach (EFA) mit neuem Schwung überraschende Antworten auf die globalen Krisen entwickelt. 

Das Künstler- und Performance-Duo honey & bunny (Sonja Stummerer & Martin Habelsreiter) mit der engagierten irischen EU-Kommissarin Mairead McGuinness © Christoph Santner
„Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Diese tiefe Überzeugung Hölderlins kann heute zum mentalen Strohhalm werden angesichts der Katastrophen, die uns um die Ohren und in die Augen gehauen werden. Müßig, die kontemporären Dramen einzeln aufzuzählen, das könnte heute jedes Kind. Doch wo läßt sich dieses „Rettende" finden? Vielleicht in einem Tiroler Gebirgstal.

Denn hier, im Alpbachtal, gedeiht ein geistiges Elixier, das seinesgleichen sucht. Gegründet wurde dieses Forum 1945, sofort nach Kriegsende, primär von Studenten, die dem Nationalsozialismus Widerstand geleistet hatten. Es ging ihnen um die Erneuerung des geistigen Lebens in Europa. Ihre Mission war es, die Abgründe zwischen den Nationen zu überbrücken, die der 2. Weltkrieg aufgerissen hatte. 

Europa wieder auf Erfolgskurs bringen
Nun wurde dieses Europäische Forum rundenerneuert. Nicht nur, dass es nach der langen Präsidentschaft des früheren österreichischen EU-Agrarkommissars Franz Fischler ein neues Gesicht bekam. Eines, das man weit über Österreich hinaus kennt: Andreas Treichl war mehr als zwei Jahrzehnte CEO der Erste Group. Diese Bankengruppen ist nicht nur eine der Größten in Zentral- und Osteuropa mit Sitz in Wien. Ihre gewichtige Erste Stiftung ist gemeinnützigem und sozialem Handeln verpflichtet und weitum bekannt und geschätzt. Mit Elan will Treichl mit seinem Team aus fünf Vizepräsidentinnen (Michaela Fritz, Florence Gaub, Katja Gentinetta, Katarzyna Pisarska und Marie Ringler) sowie mit Generalsekretär Werner Wutscher nun das EFA zum Fixstern am Europäischen Firmament machen. Gerade auch, indem er unbequeme Wahrheiten ausspricht – und Lösungen dafür sucht: „Wenn wir den Planeten endgültig kaputtmachen, sind alle anderen Probleme relativ egal", stellt Treichl trocken fest. 

Eröffnung des EFA: EFA-Präsident Andreas Treichl mit Bundesministerin für Digitales und Wirtschaftsstandort Österreich, Margarete Schramböck © EFA Matteo Vegetti
Drei Wochen lang von Mitte August bis Anfang September versammelte das EFA als alpine Denkfabrik mehr als 4.500 Teilnehmende aus 62 Ländern. Die meisten waren vor Ort, viele aber auch wegen COVID digital zugeschaltet. Respektable 240 Einzelveranstaltungen wurden durchgeführt. Mehr als 500 ReferentInnen standen auf den Podien des Kongress-Centers, auf Freiluftbühnen oder in Almhütten. Diese wurden deshalb ausgewählt, um den Kopf frei zu bekommen und die Themen unserer Zeit mal aus einer anderen Perspektive zu sehen. 

Vielversprechend, dass so viele junge Menschen aus ganz Europa den Weg in die Berge antraten. Sie waren eingeladen, in EFA-Challenges konkrete Lösungen auszuarbeiten. Gut 400 Studierende nahmen teil, die 50 interessantesten Projekte wurden vor Ort präsentiert und fanden breite Unterstützung und teils Finanzierung. Denn überraschende Lösungen kommen aus möglichst unverbrauchten Hirnen. 

Kampf dem ökonomischen Armageddon
Große Fragen unserer Zeit wurden konkret beantwortet. Nämlich, wie Planet, People & Prosperity im Gleichklang eine gute Zukunft haben können. Dass die Lösungen bereits erprobt sind und nur noch copy-paste realisiert werden müssen, davon ist etwa Charly Kleissner überzeugt. Der aus Tirol stammende und im Silicon Valley zum Top-Investor aufgestiegene Kleissner ist ein glühender Verfechter und Realisator der Emerging Impact Economy. „Laßt uns hier in Europa nicht im Abseits bleiben. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Laßt uns in einer Reihe mit den Innovatoren vorangehen, die dieses neue Finanz- und Wirtschaftsmodell entwickelt haben. Wir müssen es nur noch skalieren," gibt er sich siegessicher. 

Ja, Anastrophen gibt es immer wieder. Plötzliche Wendungen zum Guten. Seltsam, dass nur wenige dieses gute alte griechische Wort kennen. Es beschreibt das Gegenteil der Katastrophe. Denn auch Anastrophen, die Veränderung nach oben, zum Licht, prägen die Geschichte. Denken wir nur an den Fall der Mauer. 

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz brachte es in Alpbach auf den Punkt. Er forderte einen New Green Deal, so wie nach dem 2. Weltkrieg der Marshallplan Europa wieder auf die Beine brachte: „Wenn der Internationale Währungsfonds, die EU und die Regierungen weltweit hunderte Milliarden Dollar im Kampf gegen Covid aufstellten, quasi über Nacht – warum sollten diese Summen nicht auch im Kampf für Klima und Gerechtigkeit mobilisiert werden können? Das wäre doch gelacht!" Denn wenn es nicht gelingt, die Lebensgrundlagen zu erhalten, und zwar jetzt, schlittern wir ohnehin in ein ökonomisches Armageddon.

Fridays for Future & Mondays for Markets
Fridays for Future beim Europäischen Forum Alpbach © EFA Luiza PuiuDass in Alpbach nicht nur AktivistInnen von Fridays for Future protestierten sondern auch Studierende die Initiative Mondays for Markets gründeten, in der grünes Kapital für wichtige Projekte generiert werden soll, ist ein Zeichen, wie künftig Ökologie und humane Ökonomie Hand in Hand gehen können.

Think Tanks wie Alpbach sind deswegen so wichtig, weil die Krisen unserer Zeit ja primär Abbilder und Konsequenzen eines falschen Denkens sind. Ich statt Wir. Preis statt Wert. Nehmen statt Geben und Teilen. Nur wenn sich die Logik dieser geistigen Umweltverschmutzung ändert, wird sich in der Konsequenz auch die Außenwelt umformen lassen. Darüber waren sich die Alpbacher Vordenkenden einig. Und besonders auch die vielen KünstlerInnen, die als Mind-Opener eine zentrale Rolle spielten. Das Performance-Duo honey & bunny etwa machte das Thema nachhaltige Ernährung mit einer Gemüse- und Obst-Installation und einem provozierenden Dialog mit dem Publikum begreifbar, im wahrsten Sinn des Wortes. 

Der Donner der Tat
Die AlpbacherInnen glauben an Europa. #BelieveInEurope steht groß über dem Kongreßzentrum, das naturschonend in den Berghang gebaut wurde. Dieses Europa soll nicht als angeschlagenes Schlußlicht den USA und Asien hinterhertaumeln, sondern selbstbewußt in Sachen ökologische Ökonomie vorangehen. In Alpbach spricht man von Climate Opportunity. Von Gelegenheiten, die es zu ergreifen gilt. Europa hat die Chance, zur Wiege einer neuen Renaissance des Denkens und Handelns zu werden. So wie damals vor 600 Jahren die Perspektive in der Kunst erfunden wurde – genauso erfinden geistige Schmelztiegel wie Alpbach neue Perspektiven und neue Lösungen für die Zukunft. Jede Generation hatte ihre Herausforderungen. Und jede Generation hat ihre Zeit gemeistert. Sonst wären wir nicht hier.

So werkt heute das breite Netzwerk der AlpbacherInnen daran, dass die vitalen Impulse der jungen und junggebliebenen Vordenkenden nun zu realen Anastrophen werden. Denn nach 75 Alpbacher Dialogen wird es noch weitere geben. Sommer für Sommer. Gut zu wissen, dass Tausende in der Zeit dazwischen daran arbeiten, die Blitze der Ideen in einen unüberhörbaren Donner der Tat umzuwandeln. Ja, das Rettende wächst und gedeiht.
 
Weitere Informationen finden Sie unter www.alpbach.org.

Christoph Santner ist Journalist und Futurist und war auch schon für forum Nachhaltig Wirtschaften tätig. Seit seinem Start im ORF in den 80er Jahren sind Zukunfts- und Nachhaltigkeits-Themen seine Schwerpunkte. Kontakt zum Autor unter c.santner@realmakers.org.  

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Gesellschaft | Politik, 05.09.2021
     
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