Veränderung durch Solidarische Landwirtschaft
Das Netzwerk der Solawi-Genossenschaften
Das neue Netzwerk der Solawi-Genossenschaften verbindet die Idee der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) mit der Rechtsform von Genossenschaften: ein Prinzip für die allgemeine Transformation.

Köhler ist seit Beginn mit dabei. Sie arbeitete bei der Gemüsekooperative Rote Beete eG, in Taucha bei Leipzig, als im Mai 2018 der Vorstand der evangelischen Kirche in Taucha auf die Kooperative zukam. Die Kirche hatte 35 Hektar Land und suchte nach einem Pächter, der die Flächen ökologisch bewirtschaften würde, vielleicht sogar solidarisch und gemeinschaftsgetragen, wie das bei der Roten Beete schon der Fall war. Bald war klar: Die Rote Beete wollte sich nicht vergrößern, aber Köhler und einige andere konnten sich vorstellen, eine neue Genossenschaft zu gründen.
500 Mitglieder bis zur ersten Kiste
Als die erste Kiste geliefert wurde, hatte die Genossenschaft schon mehr als 500 Mitglieder. Denn schon lange vorher gab es einen Newsletter, Infoveranstaltungen und Kommunikation über die sozialen Netzwerke, sodass Menschen auf das Projekt aufmerksam wurden und dabei sein wollten. Um in den Genuss von frischem Gemüse zu kommen, muss man Mitglied in der Genossenschaft werden und ist damit auch Miteigentümer*in der Flächen, Maschinen, Hallen und Gewächshäuser, die zukünftig gebaut werden sollen. Mitglieder zahlen neben ihrem Genossenschaftsanteil monatlich, quartalsweise, halbjährlich oder jährlich ihren Beitrag an den Gesamtkosten des Projektes. Die Kosten für einen Ernteanteil für ein bis zwei Personen liegt gegenwärtig zwischen 10 und 15 Euro pro Kiste.
Die KoLa Leipzig ist eine von bisher elf Solawi-Genossenschaften, die sich zusammengeschlossen haben und damit einen eigenen Zweig im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft bilden. Ziel der Genossenschaften ist es, über das Konzept zu informieren, für die Idee zu werben, Interessierte bei einer Neugründung zu unterstützen und Antworten auf folgende Fragen zu geben: Warum eignet sich die Rechtsform der Genossenschaft gut für Initiativen der Solidarischen Landwirtschaft? Und wie können die Genossenschaften so gestaltet sein, dass sie die Mitglieder zur Teilhabe ermutigen und dazu beitragen, die Art, wie wir wirtschaften, zu verändern?
Erfolg durch Mitbestimmung

Ein anderer Aspekt sind die Strukturen innerhalb der Genossenschaft: Wie sehr können sich die Solawi-Mitglieder einbringen, bei welchen Entscheidungen können sie mitbestimmen? Immer mehr Solawi-Genossenschaften schreiben sich die selbstgegebenen Regeln gleich in ihre Satzung.
Die Mitglieder als oberste Instanz
Flieger empfiehlt zum Beispiel, in der Satzung festzulegen, bei welchen Entscheidungen die Mitglieder zustimmen müssen. "Es gibt Wohnungsgenossenschaften, die einen großen Teil ihres Wohnungsbestands verkaufen können, ohne die Mitglieder zu fragen. Das ist nicht partizipativ”, betont Flieger. Bei den Solawi-Genossenschaften könnten das zum Beispiel Entscheidungen zu Grundsätzen der Produktion sein, wie hoch der Anteil an zugekauftem Gemüse sein darf, aber auch der Zukauf oder Verkauf von Land und so weiter. Dieser Grundsatz ist auch den Gründer*innen der KoLa Leipzig wichtig. "Oberste Instanz sind die Mitglieder”, sagt Eva Köhler. "Sie bestimmen, wer die Genossenschaft führt. Wir sind zwar gerade im Vorstand, aber wir sind auch wieder abwählbar und haben eine befristete Amtszeit.”
Die Solidarische Landwirtschaft funktioniert zwar in jeder Rechtsform, zum Beispiel auch als Verein. Sobald die gemeinschaftsgetragene Initiative aber wachsen will, vielleicht Flächen pachtet oder Gewächshäuser baut, stoßen andere Rechtsformen schnell an ihre Grenzen. "Immer wenn man mit vielen Menschen gleichberechtigt wirtschaftlich tätig werden will, haftungsbegrenzt und mit unkompliziertem Ein- und Ausstieg, ist die Genossenschaft die Rechtsform, die am besten passt", erklärt Flieger.
Alles in den Händen der Mitglieder
Ein wichtiges Kennzeichen von Genossenschaften ist das so genannte Identitätsprinzip – die Mitglieder sind gleichzeitig Eigentümer*innen und Kund*innen. Bei Solawi-Genossenschaften geht dieser Gedanke noch weiter: Die Mitglieder können gleichzeitig Eigentümer*innen, Erzeuger*innen und Verbraucher*innen sein – in manchen Fällen zusätzlich noch Manager*innen. Da die Konsument*innen zu Produzent*innen werden und sich auch die Rolle der Mitarbeiter*innen in der Landwirtschaft emanzipiert und verändert, entstehen neue Beziehungsstrukturen zwischen den verschiedenen Gruppen und in jeder einzelnen Person. "Vor diesem Hintergrund kann es sinnvoll sein, bestimmten Gruppen besondere Rechte einzuräumen”, meint Genossenschaftsexperte Flieger.
Das hat auch die KoLa Leipzig gemacht. Sie wollten ihre Mitarbeiter*innen stärken und haben deshalb ihnen – und nicht wie sonst üblich dem Aufsichtsrat oder der Generalversammlung – das Recht eingeräumt, die Mitglieder des Vorstands zur Wahl vorzuschlagen. Außerdem gibt es einen Beirat der Mitarbeitenden. Köhler sagt: "So wollen wir ausschließen, dass die Mitarbeitenden einen Vorstand haben, mit dem sie sich nicht identifizieren können.”
Ein neues Verständnis
"Generell haben die genossenschaftlichen Solawis natürlich auch inhaltlich einen transformativen Charakter”, ergänzt Flieger. "Die Mitglieder bekommen ein anderes Verständnis für die Erzeugung ihrer Lebensmittel, als wenn sie im Supermarkt einkaufen.” Dadurch, dass die Mitglieder auf dem Acker mithelfen können und Teil einer Gemeinschaft werden, wirke der Solawi-Ansatz der Anonymisierung und der Vereinzelung in unserer Gesellschaft entgegen.

”Mit Hilfe dieser neuen Wirtschaftsweise jenseits anonymisierter Marktbeziehungen werden immer mehr regionale und resiliente Grundversorgungsstrukturen entstehen”, sagt Scholl. "Insbesondere der integrative und gemeinschaftsorientierte Ansatz der genossenschaftlichen Solawis, in dem die Mitglieder im übertragenen Sinne selbst zu Landwirt*innen werden und gemeinschaftlich das unternehmerische Risiko teilen, könnte einer breiten Masse von Menschen dabei helfen, unsere aktuell wachstumszentrierte und damit zerstörerische Lebens- und Wirtschaftsweise abzulegen.” Auf der anderen Seite helfe der Ansatz dabei zu erlernen, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen, sich einzubringen und teilzuhaben an selbstverwalteten Versorgungsstrukturen, die unmittelbare Bedürfnisse vor Ort gemeinsam, ökologisch und sozialgerecht erfüllen.
Katharina Mau arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Klimakrise und sozial-ökologische Transformation. Sie macht ehrenamtlich Öffentlichkeitsarbeit für das Netzwerk Solawi-Genossenschaften und hat den Text in dessen Auftrag geschrieben.
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