Umwelt | Klima, 12.08.2021

Schuld ist überall! Wetterkatastrophen zwingen zum Umdenken

Der aktuelle Kommentar von forum-Leser Edmund A. Spindler

Viele denken immer noch, das Wetter spiele derzeit verrückt. Heiße Sommer mit großen Waldbränden und Starkregen mit verheerendem Hochwasser sind an der Tagesordnung und für alle spürbar. Doch diese Extremwetterlagen sind Ausdruck des Klimawandels, dem wir uns stellen müssen. Das Mensch-Natur-Verhältnis ist in eine Krise geraten, und hoffentlich gelingt es, aus den Katastrophen zu lernen. Unseren Umgang mit der Natur, deren Teil wir sind, müssen wir neu austarieren. Wir müssen eine Balance finden, die – in Zeiten des Anthropozän – zukunftsfähig ist.

Umdenken in der Landschaftsplanung ist gefordert
Edmund A. Spindler gehört als Experte für Umweltverträglichkeitsprüfungen zur Avantgarde der Nachhaltigkeit. © Fotografie GolzGerade jetzt, wo die „Natur" in den Hochwassergebieten in NRW und RLP (und auch noch in Bayern und Sachsen) wieder, wie schon zuletzt 2016 in Simbach am Inn, unmissverständlich geantwortet hat, müssen wir endlich den Schalter umlegen und unsere bisherige Art zu leben und zu wirtschaften radikal ändern, und zwar auf allen Ebenen (global, national und lokal). Muss es noch schlimmer kommen? Wie viele Tote brauchen wir, damit aus dem Klimaschutzaufbruch ein Aufwachen wird, ein Aufstehen und ein Aufstand?

Vor allem muss sich die Planung (Raumplanung, Landschaftsplanung etc.) herausgefordert fühlen und den Wiederaufbau naturverträglich gestalten. Die kommunale Bauleitplanung muss angemessen und nachhaltig auf den Klimawandel reagieren. Am Beispiel der Ortschaft Schuld (LK Ahrweiler), „die stellvertretend für alle anderen vom Hochwasser betroffenen Gemeinden" steht, (so Frau Merkel bei ihrer Ortsbesichtigung am 18. Juli), sollte man jetzt einen neuen Ort „Schuld 2021" konzipieren, der an die Starkregenereignisse und an die anderen Unwetterkatastrophen voll angepasst ist. Das heißt, die neuen Baugebiete müssen dem Risiko angepasst werden. Das Geld für einen wirklich klimaresilienten Wiederaufbau könnte aus den umstrittenen BAB-Planungen kommen, die aus sogenannten Lückenschluss-Gründen unbedingt noch gebaut werden sollen, und über die bundesweit derzeit heftig debattiert wird. Hierzu gehört auch die A 445 in Werl (NRW), die Wald und Äcker auf einer Länge von 8 km dauerhaft versiegeln würde (!). Dafür stehen 100 Mio. EURO bereit, die in der Eifel für eine Neubewertung und Neugestaltung der Entwässerung viel besser angelegt wären.

Die notwendigen Pflichten und Verbote
Großflächige Entsiegelungs- und Begrünungsmaßnahmen, Versickerungsflächen, Retetionsräume, integrale Entwässerungsplanung und Notwasserwege sind auf der Ebene der Bauleitplanung (FNP und BP) notwendig. Auf Grundstücksebene sollte der Einbau von Rückstauklappen bei der Entwässerung zur Pflicht und Stein- und Schottergärten verboten werden. Darüber hinaus müssen Dachbegrünungsmaßnahmen und bei gewerblichen Hallen sogenannte Regenauffangdächer mit Zisternen zur Pflicht werden.

Diese Art des Wiederaufbauens ist mehr als Sanierung und Reparatur der bestehenden Verhältnisse. Bauen in der Landschaft muss überall neu gedacht und ganzheitlich (naturbezogen) betrieben werden! Der Blick auf eine stabile Infrastruktur wird zukünftig immer wichtiger. Außerdem brauchen wir einen effektiven Katastrophenschutz, der an die Mitwelt denkt, die Natur berücksichtigt und mehr Umweltvorsorge sowie eine Zukunftsgestaltung, die sich an den ökologischen Grenzen des Raumes orientiert. Da mit dem Klimawandel vieles zusammenhängt und alle davon angesprochen sind, gilt die Parole: „Schuld" ist überall!

"Während wir Philosophen noch streiten, ob die Welt überhaupt existiert, geht um uns herum die Natur zugrunde."
Karl Popper, Philosoph (1902-1994)

Man könnte hier noch weitere Detail-Maßnahmen nennen. Wichtig ist jedoch der ganzheitliche Blick auf das Starkregengeschehen, das wir nur dann in den Griff bekommen, wenn wir die Art unseres Wirtschaftens und Lebens überdenken und die ökologischen Grenzen voll (und nicht nur rhetorisch) akzeptieren. Dazu gehört, dass Fluss- und Bachläufe nicht nur fachlich in administrativen Grenzen verwaltet, sondern als Ökosystem (von der Quelle bis zur Mündung) mit einem Umfeld betrachtet werden. Die departmentalisierte Verwaltungsbetrachtung muss aufhören; sie ist an ihre Grenzen gekommen – und endet mit Katastrophen: SCHULD ist überall!

Herzliche Grüße aus Hamm/Westfalen,
Edmund A. Spindler

Edmund A. Spindler hat Landwirtschaft gelernt und Raumplanung studiert. Als UVP-Experte gehört er zur Avantgarde der Nachhaltigkeit. Schon 1992 war er bei der UN-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro dabei, als die Nachhaltigkeit politisch fixiert wurde. Als Projektleiter, Autor und Dozent ist er mit Umweltmanagementsystemen (u.a. EMAS) bestens vertraut und gilt als Vertreter der starken Nachhaltigkeit. 

Unter "Der aktuelle Kommentar" stellen wir die Meinung engagierter Zeitgenossen vor und möchten damit unserer Rolle als forum zur gewaltfreien Begegnung unterschiedlicher Meinungen gerecht werden. Die Kommentare spiegeln deshalb nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider, sondern laden ein zur Diskussion, Meinungsbildung und persönlichem Engagement. Wenn auch Sie einen Kommentar einbringen oder erwidern wollen, schreiben Sie an a.vogt@forum-csr.net


     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
20
MAI
2026
Bayerischer Batteriekongress 2026
Einblicke, Strategien, Innovationen
81671 München
21
MAI
2026
Munich Impact Night
Dieser Abend ist für alle, die die Zukunft noch nicht aufgegeben haben
81379 München
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Wissenschaft & Forschung

Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
B.A.U.M. Insights
Lassen Sie sich begeistern von einem Buch, das Hoffnung macht.

Jetzt auf forum:

Virgin Islands Climate Change Trust Fund launched at Global Sustainable Islands Summit in Gran Canaria, marking new era in climate finance innovation for islands

Kreislaufwirtschaft am Bau & Energie für die Zukunft

Gastfreundschaftslektionen aus Südtirol

Städte weltweit fordern eine Beschleunigung des Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien

Koalition von Ländern treibt beschleunigte Abkehr von fossilen Energien während Energiekrise voran

Deutsche Umwelthilfe widerlegt Mythos angeblich hoher Systemkosten Erneuerbarer Energien

Die Energiewende ist kein Kostenblock – sie ist ein Gewinnmodell für die Regionen

Aufbruch in Santa Marta

  • ZamWirken e.V.
  • Engagement Global gGmbH
  • NOW Partners Foundation
  • 66 seconds for the future
  • circulee GmbH
  • TÜV SÜD Akademie
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • Energieagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • WWF Deutschland
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • Global Nature Fund (GNF)
  • SUSTAYNR GmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig