Jean Charles Munch

Das Wunder ist unter uns

Boden als Grundlage allen Lebens

Er ist eine der wichtigsten Ressourcen für jegliches Leben auf der Erde. Er ist die Grundlage und Heimstatt einzigartiger Lebenswelten. Dennoch treten wir ihn mit Füßen: den Boden. Zeit für eine wissenschaftliche Liebeserklärung. 

Böden sind das, was wir mit unseren Füßen (be-)treten.
 
Wir achten dabei mehr darauf, dass kein Schmutz am Schuhwerk hängen bleibt, als uns darum zu sorgen, den Boden nicht zu schädigen. Boden ist auch in anderer Weise für uns eher negativ behaftet: Er beherbergt pathogene Mikroorganismen und wir sind nach einer kleinen Verletzung sehr darauf be­dacht, keinen Dreck in die Wunde zu bekommen. Dabei ist der Boden allein im Hinblick auf das Leben, das er beherbergt, als Schatz zu werten. Viele dagegen schätzen ihn erst, wenn sein monetärer Wert maximal ist, wenn er zum Bauplatz deklariert und dann per Versiegelung zu einer Fläche ohne Bodenfunktionen und ohne Bodenleben degradiert wird.
 
´Badhamia utricularis´, Eye of Science, Meckes & Ottawa © Beatrice Voigt Kunst und Kulturprojekte & Edition, München 
Wie Böden entstehen
Böden sind ein lockeres Material, das zu über 50 Volumen­prozent aus Freiräumen besteht, gefüllt mit Luft und Wasser, und in denen sich das Bodenleben entwickeln kann. Bis har­tes Gestein mit Wasser zu Boden wird, braucht es Tausende von Jahren. Anfangs sind es chemische Lösungsprozesse der Mineralien und physikalische Sprengungen des Gesteins, die Stoffe freisetzen, die von Pionierorganismen aufgenommen werden. Diese bilden organische Stoffe, die einerseits an der Gesteinsverwitterung partizipieren, anderseits dazu beitragen, den Primärboden zu bilden. Seine Freiräume mit einem Vorrat an Wasser und an Nährstoffen ergeben ersten Raum für die Wurzeln der Vegetation, die sich entwickelt. Die Vegetation erbringt dann durch ihre Rückstände einen zunehmenden Input an Energieträgern, die wiederum die Basis des wachsenden Bodenlebens sind. Große Organis­men verwerten Pflanzenstücke und bilden durch ihre Wühl-, Misch- und Grabtätigkeit die Bodenstruktur mit. Die Dynamik nimmt zu. Mikroorganismen überführen organische Mole­küle in mineralische Nährstoffe und ermöglichen damit eine immer vielfältigere Vegetation. Zugleich bilden sie zuneh­mend Humus, der für die Bodenstabilität unentbehrlich ist. Schließlich entsteht so in Jahrtausenden ein neues, sehr stabiles Konstrukt aus Mineralien, organischen Substanzen und einer hohen Lebensvielfalt.  
 
Leistungen des Bodenlebens
Unsere Böden sind also äußerst dicht und vielfältig besiedelt. Einige Zahlen können helfen, die unermessliche Dimension des Bodenlebens ansatzweise zu erfassen: Im Oberboden eines Ackers leben in einem Gramm Boden, das entspricht einem Fingerhut, bis zu zehn Milliarden Bakterienzellen, be­stehend aus Hunderttausenden von Spezies. Hinzu kommen viele Pilze und Pilzhyphen, die Mikrofauna, also Einzeller wie Nematoden und Protozoen, sowie die gut sichtbare Makro­fauna. Böden mit ihren jeweiligen Eigenschaften bestehen aus unendlich vielen Lebensräumen und sind sehr variabel in Abhängigkeit von Jahreszeiten, geographischer Breite, Wasserversorgung und Bewuchs.
 
Bakterien, insbesondere Bodenbakterien ermöglichen grund­sätzlich das Leben auf dem Globus.
 
Mikroorganismen in Böden sind die Garanten für die Auf­rechterhaltung der globalen Stoffkreisläufe und die Stabilität des Klimas. In der organischen Bodensubstanz der Welt­böden ist mehr Kohlenstoff gespeichert als die Summe von Kohlenstoff im CO2 der Atmosphäre und in der Vegetation der Erde. Das Missmanagement von Böden führt zum Ver­lust dieser organischen Bodensubstanz, die dann in CO2 umgewandelt wird. Dieses Kohlenstoffdioxid entweicht in die Atmosphäre und verstärkt dort den Treibhauseffekt.

Mikroorganismen entgiften darüber hinaus unsere Böden: Sie bauen unter anderem organische Fremdstoffe ab, die in sie niederregnen, z.B. giftige Stoffe aus Autoauspuffen und der Hausfeuerung, Pestizide, die unsere Ernten sichern sollen, Antibiotika und weitere Arzneimittel aus der Medizin und in der Tierhaltung. Der Boden agiert aber auch als Biofilter für das Sickerwasser, das die Grundwasserreserve auffüllt und später unser Trinkwasser wird. Böden sind dank ihrer lockeren Struktur und der Geometrie der Porenräume auch die wesentlichen Wasserspeicher und Wasserregulatoren. Sie speichern weit mehr Wasser, als ihre Vegetation im Verlauf der Wachstumszeit (oft ohne Niederschläge) benötigt. Manch eine Zivilisation hat schmerzlich durch Hungersnot oder gar Erlöschen der Zivilisation erfahren, wie schnell tiefer gelegene Böden unfruchtbar werden, wenn die Böden an den Hängen nach Entfernen der Vegetation (z. B. durch den Holzbedarf für den Schiffsbau) erodieren und das Niederschlagswasser die Landschaft sofort verlässt, statt darin gespeichert zu werden.
 
Die Vernichtung der Böden
Böden sind die Quelle von 90 Prozent unserer Lebensmittel. Menschen haben daher dort gesiedelt, wo fruchtbare Böden vorkommen, und damit sicherlich gerade die besten Böden seit langem versiegelt. Allein Deutschland gehen jährlich 35.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und damit fruchtbare Böden endgültig verloren. Stattdessen entsteht eine Infrastruktur, der ohne Rücksicht auf die überlebens­wichtigen Leistungen der Böden die Priorität gegeben wird. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 2050 voraussichtlich über neun Milliarden Menschen Nahrung benötigen und wir gleichzeitig erwarten, dass der Hunger in der Welt besiegt wird, dann ist schnell klar, dass die Bodenversiegelung und -zerstörung eingedämmt werden muss. Einige Länder um­gehen das Problem, indem sie in anderen Ländern die frucht­baren Böden aufkaufen. Über 80 Millionen Hektar wurden zu diesem Zweck in afrikanischen Ländern erworben, meist ohne Entschädigung für die Familien, die auf und von diesen Böden lebten. Das „land grabbing" ist eine moderne Form des Kriegs um Böden und Nahrung und die Grundlage für verantwortungslosen Wohlstandskonsum: Aus Ackerböden zur Lebensmittelerzeugung werden Zuckerrohrplantagen, aus Urwäldern werden schnell erodierende Monokulturen für unsere Futtermittel oder Kraftstoffversorgung. Die Situation ist alarmierend.
 
Fazit
Unsere Böden sind die bedeutendsten Lebensräume auf dem Globus. Sie versorgen uns mit Lebensmitteln, sind Was­serfilter und -speicher sowie entscheidende Stabilisatoren unseres Klimas. Damit bilden sie die Grundlage des Lebens auf der Erde. Wir sollten sie deshalb nicht nur bei unseren Spaziergängen als landschaftsprägend schätzen, sondern auch als Basis unseres Lebens, und deswegen helfen, sie zu erhalten. Böden bedürfen unserer sorgsamen Obhut und Pflege in gesellschaftlicher Verantwortung für das Leben zukünftiger Generationen auf diesem Globus.
 
 
Hinweis: Dieser Beitrag ist in gekürzter Form dem Band „BodenLeben – Erfahrungsweg ins Innere der Erde" entnommen. Das Buch macht den Boden in seinem umfassenden Systemzusammenhang begreifbar und in seiner faszinierenden Vielfalt und Schönheit wahrnehmbar. Es will verschiedenen Akteuren Ideen- und Handlungsorientierung geben und zur Bewahrung der kostbaren Ressource Boden beitragen.
 
Prof. Em. Dr. Jean Charles Munch studierte Biologie, Chemie und Geologie an der Universität Stras­bourg/Frankreich und Agrarbiologie an der Universität Stuttgart-Ho­henheim, mit den Schwerpunkten Boden und Bodenmikrobiologie. Ab 1996 war er Ordinarius am Lehrstuhl für Bodenökologie der Technischen Universität München-Weihenstephanund Leiter des Instituts für Bodenökologie am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, heute Helmholtz Zentrum München.

Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.



     
        
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