Jean Charles Munch
Umwelt | Wasser & Boden, 01.03.2021
Das Wunder ist unter uns
Boden als Grundlage allen Lebens
Er ist eine der wichtigsten Ressourcen für jegliches Leben auf der Erde. Er ist die Grundlage und Heimstatt einzigartiger Lebenswelten. Dennoch treten wir ihn mit Füßen: den Boden. Zeit für eine wissenschaftliche Liebeserklärung.
Böden
sind das, was wir mit unseren Füßen (be-)treten.
Wir achten dabei mehr darauf,
dass kein Schmutz am Schuhwerk hängen bleibt, als uns darum zu sorgen, den
Boden nicht zu schädigen. Boden ist auch in anderer Weise für uns eher negativ
behaftet: Er beherbergt pathogene Mikroorganismen und wir sind nach einer
kleinen Verletzung sehr darauf bedacht, keinen Dreck in die Wunde zu bekommen.
Dabei ist der Boden allein im Hinblick auf das Leben, das er beherbergt, als
Schatz zu werten. Viele dagegen schätzen ihn erst, wenn sein monetärer Wert
maximal ist, wenn er zum Bauplatz deklariert und dann per Versiegelung zu einer
Fläche ohne Bodenfunktionen und ohne Bodenleben degradiert wird.
Wie Böden entstehen
Böden
sind ein lockeres Material, das zu über 50 Volumenprozent aus Freiräumen
besteht, gefüllt mit Luft und Wasser, und in denen sich das Bodenleben
entwickeln kann. Bis hartes Gestein mit Wasser zu Boden wird, braucht es
Tausende von Jahren. Anfangs sind es chemische Lösungsprozesse der Mineralien
und physikalische Sprengungen des Gesteins, die Stoffe freisetzen, die von
Pionierorganismen aufgenommen werden. Diese bilden organische Stoffe, die
einerseits an der Gesteinsverwitterung partizipieren, anderseits dazu
beitragen, den Primärboden zu bilden. Seine Freiräume mit einem Vorrat an
Wasser und an Nährstoffen ergeben ersten Raum für die Wurzeln der Vegetation,
die sich entwickelt. Die Vegetation erbringt dann durch ihre Rückstände einen zunehmenden
Input an Energieträgern, die wiederum die Basis des wachsenden Bodenlebens
sind. Große Organismen verwerten Pflanzenstücke und bilden durch ihre Wühl-,
Misch- und Grabtätigkeit die Bodenstruktur mit. Die Dynamik nimmt zu.
Mikroorganismen überführen organische Moleküle in mineralische Nährstoffe und
ermöglichen damit eine immer vielfältigere Vegetation. Zugleich bilden sie
zunehmend Humus, der für die Bodenstabilität unentbehrlich ist. Schließlich
entsteht so in Jahrtausenden ein neues, sehr stabiles Konstrukt aus Mineralien,
organischen Substanzen und einer hohen Lebensvielfalt.
Leistungen des
Bodenlebens
Unsere Böden sind also äußerst dicht und vielfältig besiedelt.
Einige Zahlen können helfen, die unermessliche Dimension des Bodenlebens ansatzweise
zu erfassen: Im Oberboden eines Ackers leben in einem Gramm Boden, das
entspricht einem Fingerhut, bis zu zehn Milliarden Bakterienzellen, bestehend
aus Hunderttausenden von Spezies. Hinzu kommen viele Pilze und Pilzhyphen, die
Mikrofauna, also Einzeller wie Nematoden und Protozoen, sowie die gut sichtbare
Makrofauna. Böden mit ihren jeweiligen Eigenschaften bestehen aus unendlich
vielen Lebensräumen und sind sehr variabel in Abhängigkeit von Jahreszeiten,
geographischer Breite, Wasserversorgung und Bewuchs.
Bakterien, insbesondere Bodenbakterien ermöglichen grundsätzlich
das Leben auf dem Globus.
Mikroorganismen in Böden
sind die Garanten für die Aufrechterhaltung der globalen Stoffkreisläufe und
die Stabilität des Klimas. In der organischen Bodensubstanz der Weltböden ist
mehr Kohlenstoff gespeichert als die Summe von Kohlenstoff im CO2 der Atmosphäre und in der Vegetation der Erde. Das
Missmanagement von Böden führt zum Verlust dieser organischen Bodensubstanz,
die dann in CO2 umgewandelt wird. Dieses Kohlenstoffdioxid
entweicht in die Atmosphäre und verstärkt dort den Treibhauseffekt.
Mikroorganismen entgiften darüber hinaus unsere Böden: Sie bauen
unter anderem organische Fremdstoffe ab, die in sie niederregnen, z.B. giftige
Stoffe aus Autoauspuffen und der Hausfeuerung, Pestizide, die unsere Ernten
sichern sollen, Antibiotika und weitere Arzneimittel aus der Medizin und in der
Tierhaltung. Der Boden agiert aber auch als Biofilter für das Sickerwasser, das
die Grundwasserreserve auffüllt und später unser Trinkwasser wird. Böden sind
dank ihrer lockeren Struktur und der Geometrie der Porenräume auch die
wesentlichen Wasserspeicher und Wasserregulatoren. Sie speichern weit mehr
Wasser, als ihre Vegetation im Verlauf der Wachstumszeit (oft ohne
Niederschläge) benötigt. Manch eine Zivilisation hat schmerzlich durch
Hungersnot oder gar Erlöschen der Zivilisation erfahren, wie schnell tiefer
gelegene Böden unfruchtbar werden, wenn die Böden an den Hängen nach Entfernen
der Vegetation (z. B. durch den Holzbedarf für den Schiffsbau) erodieren und
das Niederschlagswasser die Landschaft sofort verlässt, statt darin gespeichert
zu werden.
Die Vernichtung der Böden
Böden sind die Quelle von 90 Prozent unserer Lebensmittel. Menschen
haben daher dort gesiedelt, wo fruchtbare Böden vorkommen, und damit sicherlich
gerade die besten Böden seit langem versiegelt. Allein Deutschland gehen
jährlich 35.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und damit fruchtbare
Böden endgültig verloren. Stattdessen entsteht eine Infrastruktur, der ohne
Rücksicht auf die überlebenswichtigen Leistungen der Böden die Priorität
gegeben wird. Wenn man bedenkt, dass im Jahr 2050 voraussichtlich über neun Milliarden
Menschen Nahrung benötigen und wir gleichzeitig erwarten, dass der Hunger in
der Welt besiegt wird, dann ist schnell klar, dass die Bodenversiegelung und
-zerstörung eingedämmt werden muss. Einige Länder umgehen das Problem, indem
sie in anderen Ländern die fruchtbaren Böden aufkaufen. Über 80 Millionen
Hektar wurden zu diesem Zweck in afrikanischen Ländern erworben, meist ohne
Entschädigung für die Familien, die auf und von diesen Böden lebten. Das „land
grabbing" ist eine moderne Form des Kriegs um Böden und Nahrung und die
Grundlage für verantwortungslosen Wohlstandskonsum: Aus Ackerböden zur
Lebensmittelerzeugung werden Zuckerrohrplantagen, aus Urwäldern werden schnell
erodierende Monokulturen für unsere Futtermittel oder Kraftstoffversorgung. Die
Situation ist alarmierend.
Fazit
Unsere Böden sind die bedeutendsten Lebensräume auf dem Globus. Sie
versorgen uns mit Lebensmitteln, sind Wasserfilter und -speicher sowie
entscheidende Stabilisatoren unseres Klimas. Damit bilden sie die Grundlage des
Lebens auf der Erde. Wir sollten sie deshalb nicht nur bei unseren
Spaziergängen als landschaftsprägend schätzen, sondern auch als Basis unseres
Lebens, und deswegen helfen, sie zu erhalten. Böden bedürfen unserer sorgsamen
Obhut und Pflege in gesellschaftlicher Verantwortung für das Leben zukünftiger
Generationen auf diesem Globus.
Hinweis: Dieser Beitrag ist in gekürzter Form dem Band „BodenLeben – Erfahrungsweg ins Innere der Erde" entnommen. Das Buch macht den Boden in seinem umfassenden Systemzusammenhang begreifbar und in seiner faszinierenden Vielfalt und Schönheit wahrnehmbar. Es will verschiedenen Akteuren Ideen- und Handlungsorientierung geben und zur Bewahrung der kostbaren Ressource Boden beitragen.
Prof. Em. Dr. Jean
Charles Munch studierte Biologie, Chemie und Geologie an der Universität Strasbourg/Frankreich
und Agrarbiologie an der Universität Stuttgart-Hohenheim, mit den
Schwerpunkten Boden und Bodenmikrobiologie. Ab 1996 war er Ordinarius am
Lehrstuhl für Bodenökologie der Technischen Universität München-Weihenstephanund Leiter des Instituts für Bodenökologie am Forschungszentrum für Umwelt und
Gesundheit, heute Helmholtz Zentrum München.
Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.
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