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Andreas Koch

Eine neue Vision für den Tourismus

Lernen aus der Krise

Vor der Pandemie hatten wir das Thema Overtourismus, nun das Thema Undertourismus. Beides beinhal­tet große Herausforderungen: Einmal direkt für die Bevölkerung und das andere Mal für die Tourismusak­teure. Wir können sicher noch nicht absehen, welche Gesamtfolgen es hat. Nur eines ist klar: Wir sollten aus dieser Krise lernen.
 
Darf man in dieser Krise träumen? Ich glaube sogar, wir soll­ten es! Denn gerade jetzt sind Visionen wichtig, weil es darum geht, wie wir gemeinsam eine gesündere, zukunfts- und krisensichere Welt erschaffen wollen. Auch wenn der Touris­mus gerade am Boden liegt, bin ich davon überzeugt, dass er ein guter Impuls- und Taktgeber dieser neuen Welt sein kann. Einen solchen Tourismus habe ich tourythm getauft.
 
© Lennart Zech 
1. tourythm definiert Qualität neu
Bisher wird touristische Qualität vor allem über die Zufrie­denheit der Gäste definiert. Ein Tourismus auf Kosten der Einheimischen hat in vielen Regionen allerdings zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft geführt. Daher definiert tourythm die Qualität eines touristischen Angebotes als die Summe der positiven Beziehungen, die es fördert. Zum Beispiel die Beziehung zwischen Reisenden und Bereisten, zwischen Reisenden und Tourismusangestellten, die Beziehung zwi­schen Tourismusakteuren und ihren Zulieferern bis hin zu der Beziehung zwischen dem Tourismus als Ganzem und unserem Planeten.
 
2. tourythm entwickelt authentische Erlebnisse, die die Welt verbessern
© Lennart ZechProdukte im Tourismus sind vor allem authentische Er­fahrungen, die ein Grundbedürfnis vieler Reisenden sind. Gemäß der Neudefinition der Qualität folgt die Produktent­wicklung bei tourythm der Maxime, dass Produkte nicht die Reisenden, sondern auch die Bereisten und unseren Planeten bereichern. Im Sinne dieser Produkt- und Serviceentwicklung werden die globalen und nationalen Herausforderungen selbst als Rahmen gesehen, zu der der Tourismus einen Beitrag leisten kann. Nationale und regionale Herausforde­rungen werden so zur Gemeinschaftsaufgabe aller Touris­musakteure, die ihre Produkte als einzigartige Visitenkarte ihrer Region entwickeln und sie somit zeitgleich schützen und erlebbar machen.
 
3. tourythm nutzt regenerative Technologien
Schon heute gibt es Vorreiter, die zeigen, dass Hotels mehr Energie produzieren als verbrauchen können, dass Wasser­kreisläufe zirkulär gedacht und Abfälle nahezu komplett vermieden werden können. Die Herausforderung ist lediglich, das vorhandene Know-how weltweit zu teilen und die Umstellung zu finanzieren. Die 10.000 Ökodörfer machen es vor, wie es gehen kann: Jedes Dorf ist Pionier in einer oder mehrerer zukunftsweisenden Technologien oder Vorgehensweisen. Was wäre, wenn sich alle Hotels und Tourismusakteure der Welt verbinden, um sich über die besten schon vorhandenen Zukunftstechnologien auszutauschen, gemeinsam diese weiterzuentwickeln und umzusetzen? Hotels würden zu Vorreitern und Laboren dieser Zukunftstechnologien werden und gleichzeitig erlebbare Impulse in ihren Regionen und für die Reisenden setzen.
 
4. tourythm geht neue Wege im Lieferantenmanagement
Der größte Hebel zur Minimierung der Umweltauswirkungen eines Hotels ist die Zusammenarbeit mit lokalen Lieferanten. Und hier vor allem die Zusammenarbeit mit Farmern und Produzenten, die eine Land- und Viehwirtschaft betreiben, die die Böden schützen anstatt sie auszulaugen. Denn je nach Studie hat unser Food-System einen Anteil von 20 bis 30 Prozent an den globalen Treibhausgasemissionen. Und dazu kommt, dass Landwirtschaftsböden, die regenera­tiv – z.B. ohne Dünger und Pestizide – behandelt werden, Kohlenstoff binden können und damit dem Klimawandel entgegenwirken. Aus Sicht der Reisenden hat dies den Vor­teil, dass so authentische und gesündere, lokale Produkte serviert werden.
 Der neue Tourismus soll Einheimische und Reisende stärker verbinden. © DER Tourismus, Rüdiger Fessel
5. tourythm sieht Mitarbeiter als Botschafter und nicht als Ressource
Da bei tourythm Mitarbeiter Botschafter für diese neue Form des Tourismus sind, ist es von zentraler Bedeutung, inspirierende Ausbildungsformate anzubieten. Dies kann am besten geschehen, wenn man unter anderem über die guten Beziehungen zu lokalen Lieferanten gemeinsam interaktive Trainings entwickelt, die alle Mitarbeiter einladen, sich für ihre Region und unseren Planeten einzusetzen. Denn Restaurantmitarbeiter, die ihren Gästen einen lokalen Bio-Wein oder lokale Produkte empfehlen, da sie die Menschen hinter den Produkten persönlich kennen, steigern gleichzeitig das Erlebnis für die Gäste.
Bleibt die Frage, ob dies alles finanzierbar ist. Die Antwort ist „Ja", weil alle genannten Prinzipien Komponenten eines erfolgreichen Geschäftsmodells sind und keine Konzepte oder Utopien:
  • Energie- und Wassereffizienz ist Krisenresistenz.
  • Authentische, lokale und gemeinsam mit Lieferanten entwickelte Erlebnisse steigern die Gästezufriedenheit
  • Wenn Mitarbeiter Botschafter für die Region und den Betrieb werden, ist das Employer Branding 
  • Storytelling über diese Maßnahmen ist das beste Marketing.
Darüber hinaus werden viele zukünftige Fördergelder zum Beispiel des neuen EU Green Deals an diese Prinzipien ge­koppelt sein. Hier bedarf es lediglich der Steuerung und Nutzung dieser Fördergelder durch Tourismusakteure. Denk­bar wäre auch ein Klimafond, in den Kompensationsgelder für die durch die Anreise verursachten Emissionen fließen, die zweckgebunden an die Tourismusakteure weitergereicht werden zur Förderung dieser Maßnahmen.
 
Wie nach jeder Krise wird es diejenigen geben, die etwas daraus lernen, und die, die so schnell wie möglich zurück zum Alten wollen. Wenn der Tourismus daraus lernt, dann hilft es allen. Denn letztendlich ist eine bewusst entwickelte touristische Region nichts anderes als ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft von morgen.
 
 
Andreas Koch war Umweltbeauftragter der TUI und ist Mitbegründer der touristischen Nachhaltigkeitsinitiative Futouris e.V. Mit blueContec inspiriert und berät er gemeinsam mit seinen Partnern Hotels, Tourismusunternehmen und touristische Regionen dabei, sich zukunftsfähig und nachhaltig zu entwickeln.

Dieser Artikel ist in forum 01/2021 - SOS – Rettet unsere Böden! erschienen.

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