Die Unumgänglichkeit einer Geldreform
Wirkmechanismen verstehen und ändern
Viel wurde in den letzten Jahren gesprochen über Finanzkrisen, Staatspleiten und systemrelevante Branchen. Die Gier der Banker, die mangelnde Regulation von Spekulationen und das Wachstumsparadigma wurden hundertfach kritisiert. Doch genau genommen sind all diese Kritikpunkte unfruchtbar, solange man eines außer Acht lässt: Diese Phänomene sind unvermeidliche Symptome von tieferliegenden, systemischen Problemen.
Da Firmen ja Geld für Neuinvestitionen brauchen, erscheint der Akt des Geldanlegens als notwendig, mitunter als ehrenwert. Dennoch bedeutet die private Bereicherung an einem Unternehmen, für das man nicht selbst arbeitet, eine Umverteilung von der Arbeit zum Kapital. Das Kapital, das dabei gewonnen wird, kann der Anleger erneut gewinnbringend anlegen (Phänomen des Zinseszinses), was bei gleichbleibenden Renditen beziehungsweise Zinsen einen exponentiellen Anstieg des angelegten Vermögens zur Folge hat. Schon bei sechs Prozent Vermögenszuwachs und entsprechendem Zinseszins zum Beispiel verdoppelt sich ein Vermögen ohne Inflation alle zwölf Jahre! Langfristig machen diejenigen Verlust, die kein oder zu wenig Geld übrig haben, um es gewinnbringend zur Seite zu legen.|
Wie Banken Geld aus dem Nichts schöpfen
Was passiert, wenn eine Bank einen Kredit vergibt? In Zeiten des elektronischen Geldes reicht sie dafür keine Gelder der Sparer mehr weiter, wie viele immer noch glauben. So war es früher einmal, als größtenteils Bargeld zum Sparen eingezahlt und Bargeld für Kredite ausgezahlt wurde. Heute werden Kredite jedoch in der Regel rein elektronisch vergeben; und dieses unbare Kreditgeld wird aus dem Nichts erzeugt.
Dies ist deshalb möglich, weil das elektronische Geld, das sogenannte Giralgeld, rechtlich gesehen nur ein Gutschein auf Bargeld ist. Es hat rechtlich nicht den Status von Geld – dies hat nur staatlich herausgegebenes Bargeld. Da diese elektronischen Gutscheine auf Bargeld aber faktisch wie Geld verwendet und von jedem akzeptiert werden, sind die privaten Banken zu Geldschöpfern geworden.
In der Summe vergeben die Banken viel mehr Gutscheine auf Bargeld, als sie Bargeld besitzen: Nur durchschnittlich vier Prozent der vergebenen Kredite haben sie als Deckung in bar vorrätig. Und sie können so verfahren, da in der Regel nur ein Bruchteil des Giralgeldes in bar eingelöst wird.
Bei Abzahlung eines Kredites wird das Giralgeld per Computer gelöscht. Die Zinsen werden jedoch als Ertrag verbucht. Das Problem an dieser Kreditgeldschöpfung ist nicht generell die Tatsache, dass das Geld aus dem Nichts geschöpft wird. Wird der Kredit für etwas Produktives verwendet, wird das verliehene Geld durch die Rückzahlung im Nachhinein gedeckt. Dass Problem ist vielmehr, dass es private, demokratisch nicht kontrollierte Banken sind, welchen mittlerweile zu 91 Prozent die Geldschöpfungshoheit mit ihren Gewinnen zufällt... |
Das eigentliche Problem...
Zu diesem Dilemma kommt zu allem Überfluss noch das Problem der Geldschöpfung hinzu. Es ist schon eigenartig: Einerseits ist es gängiges Lehrwissen, dass unser Giralgeld wie Bargeld in der Regel von vornherein als Schuld entsteht, denn es wird (fast immer) im Zuge einer Kreditvergabe geschöpft. Andererseits ist Schuldenabbau eine populäre Forderung, mit der so manche Wahl gewonnen wird. Wenn Geld jedoch als Schuld entsteht, dann ist die Höhe der Schulden so groß wie die Geldmenge; dann ist das Vermögen des einen immer die Schuld eines anderen; dann bedeutet Schuldenabbau gleichzeitig Vermögensabbau, eine Reduzierung der Geldmenge. Solange Geld nur über Schulden in Umlauf kommt, gibt es in unserem System nur die Alternative zwischen höherer Verschuldung oder Deflation (Geldknappheit). Dass die Schulden unter dieser Voraussetzung niemals vollständig abgebaut werden können, weil es sonst fast kein Geld mehr gäbe (Kreditgeld verschwindet durch die Tilgung), versteht sich von selbst. Und es ist erschütternd, dass von Seiten der Wirtschaftswissenschaft kaum auf diese offenkundige Tatsache hingewiesen wird.- Erstens muss die Geldschöpfung vollständig in die öffentliche Hand übergehen – Stichwort Vollgeld. Bislang geschieht nur die Bargeldschöpfung von öffentlicher Seite. Über neunzig Prozent der Geldmenge besteht jedoch aus Giralgeld – und dieses wird von privaten Banken geschöpft, welche die Gewinne einstreichen und welche zu keiner Geldmengenregulierung verpflichtet sind. Wenn die Geldschöpfung vollständig durch eine demokratisch kontrollierte, öffentliche Instanz geschieht (was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte!), kann die Wirtschaft auch in verschiedenster Hinsicht menschlich geregelt werden. Es können etwa Modelle für öffentliche Finanzierungen von Unternehmen zum Tragen kommen. Insbesondere jedoch steht mit dieser Reform der Weg für den nächsten Punkt frei.
- Zweitens muss eine Umlaufsicherung des Geldes eingeführt werden, die niemanden mehr einseitig bevorzugt – Stichwort Freigeld. Das würde bedeuten, dass der Geldhorter für das Hergeben des Geldes nicht mehr belohnt wird, sondern dass das Horten vielmehr mit einer Gebühr belegt wird, damit das Geld im Fluss bleibt. Auch das Sparen, das ja durchaus seine Berechtigung hat, ist in einem solchen Freigeldsystem durch spezielle Regelungen ohne Verlust möglich.
Die ersten beiden geldpolitischen Reformen sind aus meiner Sicht für eine Lösung der Geldproblematik zwingend. Ohne ihre Umsetzung könnten Reformen immer nur darauf abzielen, Rückumverteilungen von Vermögen vorzunehmen, das sich in einem zinseszinsbasierten Geldsystem zwangsweise laufend ansammelt, oder unverhältnismäßige Reichtumsanhäufungen durch starke Regulationen und Verbote zu beschränken. Zusätzlich zu diesen geldpolitischen Reformen müssen langfristig ergänzend folgende wirtschaftspolitische Reformen umgesetzt werden:
- Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ein solches macht unsere technische Entwicklung erforderlich: Wir sind heute so weit, dass wir einen Großteil der notwendigen Arbeit von Maschinen erledigen lassen können. Die Maschinen sind dabei ein Ergebnis von jahrhundertelangen Forschungen und Entdeckungen. Diese Erfindungen sind mittlerweile Menschheitseigentum. Ihre Gewinne dürfen nicht einseitig denjenigen zugutekommen, welche die Maschinen nur besitzen, weil sie das Geld hatten, sie zu kaufen. Das Grundeinkommen beinhaltet noch andere Aspekte als den hier angerissenen. Es gibt so wunderbare Studien und Ausarbeitungen darüber, dass man jedem, der hier Vorbehalte hat, drigend ans Herz legen kann, sich eingehender damit zu beschäftigen.
- Die Demokratisierung von großen Unternehmen, damit das Recht, über sie zu verfügen, nicht mehr käuflich und vererbbar ist. Eine solche Käuflichkeit und Vererbbarkeit von Machtprivilegien sind Kennzeichen eines feudalistischen Systems – welches wir eigentlich als überwunden ansehen.
- Finanzspekulationen, welche die Allgemeinheit schädigen, müssen durch Regulationen und Transaktionssteuern (Stichwort Tobin-Steuer) unterbunden werden.
Dieser Artikel ist in forum 02/2020 - die Corona-Sonderausgabe - Einfach zum Nachdenken... und Handeln erschienen.
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