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Countdown für Planet B

Leila Dreggers Plädoyer für einen Aufbruch ins utopische Denken. 3 - Der Systemwechsel der Ernährung heißt Kontakt. "Ich hab dich zum Fressen gern!"

Es gibt keinen Planet B, sagt die Klima-Streik-Bewegung. Nein? Dann wird es höchste Zeit. Welche Veränderung reicht aus, um einen echten Systemwechsel einzuleiten? Die Corona-Krise hat uns gezeigt, wie viel Veränderung in kurzer Zeit möglich ist. Wir laden ein zu einem Countdown des utopischen Denkens! Alle zwei Wochen stellen wir - ganz unsystematisch - einen Kernfaktor des Systemwechsels vor. Wenn ihr wollt, bleibt es kein Märchen.
 
© Bru-nO, pixabay.com

- Der Systemwechsel der Ernährung heißt Kontakt

"Ich hab dich zum Fressen gern!"


Sag mir, was du isst, und ich sag dir, wer du bist!
Das ist nicht nur individuell gemeint. Jede Kultur und Gesellschaft offenbart durch die Art ihrer Ernährung ihre Identität. Und das heißt ihre Werte, ihren Geschmack und ihre Liebe.

Liebe? Ja, Liebe geht wirklich durch den Magen. Was wir jeden Tag essen, wie wir die Nahrung zubereiten, mit wem wir sie verspeisen, wie viel Zeit wir uns dafür nehmen, welches Ritual damit verbunden ist, woher die Lebensmittel kommen, wie diejenigen angesehen sind, die sie erzeugt haben: All das zeigt, wie sehr wir uns selbst, einander, die Mitgeschöpfe, die Erde und unsere Quellen lieben und ehren.

Auf Planet A ist die Ernährung völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Der Inhalt eines normal gefüllten Kühlschrankes offenbart ein Potential an Gewalt, Angst und Ausbeutung, das wir kaum ertragen würden. Während der Großteil der Menschheit damit beschäftigt ist, überhaupt etwas Essbares für sich und die eigenen Kinder aufzutreiben - überfrisst sich ein anderer Teil der Menschheit so unsinnig, dass er dabei die Ressourcen und das eigene Wohlbefinden zerstört. Ganze Bibliotheken von Ernährungslehren haben daran noch nichts ändern können. Ernährung wird heute so ideologisch diskutiert wie früher die politische oder religiöse Weltanschauung. Wir scheinen in einer Diktatur der Mägen zu leben.

Wo liegt die Lösung? Auf Planet B, der ökologisch und sozial idealen Gesellschaft, hat man lange darüber diskutiert. Man hat ErnährungsberaterInnen konsultiert, ökologische und ökonomische Grundlagen, individuelle und kulturelle Erfahrungen verglichen. Man hat Steinzeitküche und Intervallfaster, Lichtnahrung und Haute Cuisine, Fast Food und vegane Lebensweise miteinbezogen. Man hat mexikanische Märkte, iranische Dorffeste, italienische Großfamilien ebenso beachtet wie moderne Superfood-, Lowcarb- oder Rohkost-Experten. Man hat die Notlösungen aus Hungergebieten, Slums und Flüchtlingslagern erkundet sowie die Auswüchse der Lebensmittelspekulation, der Agrar- und Tierhaltungsindustrie.

© TameraDürfen wir z.B. auf Planet B überhaupt noch Fleisch oder tierische Produkte essen? Ein Inuit aus Kanadas Norden wird darauf anders antworten als eine Buddhistin aus Thailand.

Das Beispiel macht klar: Es gibt keine für alle passende Ernährung. Was für den einen gesund ist, macht die andere krank. Was ethisch korrekt zu sein scheint, ist manchmal ökologisch unsinnig. Was in einer Region Sinn macht, ist in einer anderen gar nicht möglich. Was koscher oder halal für die einen, ist ein no-go für die anderen. Zu viele Lehren und Regeln entfernen uns von unserem ganz eindeutigen Sinnesorgan: Zu spüren, was uns schmeckt und was uns und unserer Umwelt wirklich gut tut.
 
Der Systemwechsel in der Ernährung 
Wo ist also der Systemwechsel in der Ernährung?
Es ist Kontakt.
Kontakt zum Essen und zu uns selbst während des Essens, Kontakt zur Herstellung und den Menschen, deren Arbeit das ist, Kontakt zu den Ressourcen, den Quellen und Ursprüngen. Ohne Kontakt kommt es zu all den Auswüchsen: Lebensmittelspekulation, Tierleid, Ausbeutung von Menschen und Zerstörung von Ökosystemen. Bill Mollison, der den Begriff Permakultur prägte, sagte: "Wenn du aus deinem Fenster schaust und nicht deine Nahrung wachsen siehst, dann hast du ein Problem."

Kontakt und Nähe ist die Grundlage für die Ernährung auf Planet B.
Alle Planet-B-BewohnerInnen - vom Kind bis ins hohe Alter, ob reich oder arm, egal welche Berufe sie ausüben - sehen ihre Nahrung wachsen, wenn sie aus dem Fenster schauen. Und helfen mit bei Anbau, Ernte und Verarbeitung. Das ist das Stück Lebensqualität, das wir uns zurückerobert haben: Wir stecken unsere Hände in die Erde und die Nase in die Kochtöpfe. Klar gibt es Profis in der Landwirtschaft und der Lebensmittelherstellung. Aber alle helfen, alle pflegen den sinnlichen, direkten, täglichen Kontakt mit dem, was unsere Körper zu sich nehmen.
 
© Pexels

Drei Prüfsteine für die Ernährung: regional, saisonal und fair
Es sind drei Prüfsteine, die die Ernährung planet-B-weit erfüllen muss: regional, saisonal, fair. Wenn wir diese drei Regeln beachten, dann haben wir die Ernährungsgerechtigkeit, für die wir immer gekämpft haben.

Regional bedeutet: Fast alles, was wir essen und trinken, kommt aus unserer Gegend. Jede Region - ob Stadt oder Land, ob Trockengebiete oder fruchtbarer Halbmond, reich oder arm - ist in der Lage, anzubauen, was wir fürs tägliche Leben brauchen, wenn wir ihre besonderen Gegebenheiten einbeziehen und mit der Natur und modernen Mischkultur-Anbautechniken kooperieren. Fast alle Lebensmittel auf Planet B kommen aus Gärten, Biohöfen, grünen Hausfassaden und Lebensmittelbiotopen in und um die Städte herum. Vor Ort werden sie verarbeitet, in farbenfrohen Märkten feilgeboten, in Suppenküchen, Kooperativen, Lebensgemeinschaften gekocht und verspeist. Und zwar sehr oft gemeinsam, denn Essen wird wieder zum Fest. Jede Region erzeugt über die Grundlebensmittel hinaus besondere Spezialitäten und treibt damit einen exquisiten Handel. Umgekehrt sind Delikatessen und Genussmittel anderer Regionen eine exotische Ergänzung unserer Ernährung - einfach etwas für besondere Gelegenheiten.

Saisonal: Wer erinnert sich an die riesige jährliche Vorfreude auf die Erdbeerzeit, die Tomatenzeit etc.? Auf frische Aprikosen? Diesen Genuss entdecken wir auf Planet B neu - das Jahr bekommt wieder seine Dynamik, die Dinge ihren Geschmack - und all die Kühlketten, Containerschiffe, Konservierungsmittel, Plastikverpackung, Nachreifungskammern, Agrarchemikalien und andere Maßnahmen, damit alles immer und überall frisch zur Verfügung steht, sind weggefallen. Die Natur entspannt kolossal. Denn wir entreißen ihr die Früchte nicht mehr mit Gewalt, sondern wir warten, bis sie soweit ist. Verarbeitung und Haltbarmachen durch Trocknen und (solares) Einkochen gehören natürlich trotzdem dazu.

Fair bedeutet: Niemand, kein Tier, kein Mensch, kein Ökosystem soll unter der Herstellung unserer Lebensmittel leiden. Es sind schließlich LEBENSmittel, nicht Todesmittel. Wir wollen kein Leid mehr essen, auch keine Angst, Gier oder Gemeinheit, sondern Freude.

Kontakt erübrigt viele Ernährungsregeln. Denn da auf Planet B jeder Mensch an der Lebensmittelherstellung beteiligt ist, spürt er, ob er für seine Ernährung den Tod eines Tieres in Kauf nehmen will und kann oder nicht. Oder ob uns Früchte schmecken, in deren Plantagen Schädlinge chemisch bekämpft werden. Oder wie achtsam wir das Gemüse essen, wenn wir merken, wie viel Wasser es braucht. Oder wie dankbar wir sind für all die Hände, die dafür gesorgt haben, dass unser Essen auf dem Tisch steht.

Je mehr ich darüber nachdenke: Kontakt ist der Kern des Systemwechsels von Planet A zu Planet B - nicht nur bei der Ernährung.

"Von dem Tag an, wo wir den Hunger auf der Erde wirklich beenden wollen, wird es keinen Hunger mehr geben." Neale Donald Walsch in "Gespräch mit Gott".
 
Leila Dregger ist Diplom-Agraringenieurin und langjährige Journalistin. Mit den Schwerpunktthemen Frieden, Ökologie, Gemeinschaft, Frauen arbeitet sie seit 25 Jahren für Presse und Rundfunk sowie als Drehbuchautorin und Regisseurin für Theater und Film. Sie war Herausgeberin der Zeitschrift „Die weibliche Stimme – für eine Politik des Herzens", Pressesprecherin des Hauses der Demokratie in Berlin und lebt heute überwiegend in Tamera in Portugal. 
www.tamera.org

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 14.09.2020
     
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