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Countdown für Planet B. Leila Dreggers Plädoyer für einen Aufbruch ins utopische Denken

10 - Können wir mit der Erde leben?

Es gibt keinen Planeten B, sagt die Klima-Streik-Bewegung. Nein? Dann wird es höchste Zeit, ihn uns auszudenken. Was ist anders in einer Welt, die den Systemwechsel schafft? Die Corona-Krise hat uns gezeigt, wieviel Veränderung in kurzer Zeit möglich ist. Wir laden ein zu einem Countdown des utopischen Denkens! Alle zwei Wochen stellen wir - ganz unsystematisch - einen Kernfaktor des Systemwechsels vor.
 
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10 - Können wir mit der Erde leben?

Können wir ihr echte Partner sein, die sich gegenseitig achten und liebend unterstützen? Mit der Erde zu leben bedeutet, sie als Wesen wahrzunehmen, auf sie zu hören und so umsichtig, fürsorglich und klug zu agieren, dass wir sie nicht nur nicht zerstören, sondern gemeinsam ihr und unser höchstes Potenzial entfalten.

Mit Vision und Engagement wurde in Tamera aus der drohenden Wüstenbildung eine Seenlandschaft. Die Erkenntnisse können weltweit Regionen wiederbeleben helfen. © Florian RaffelUnsere Vorfahren konnten das. Sie brauchten keine Supermärkte. Die Erde gab ihnen alles, was sie brauchten. Als Sammler fanden sie Nahrung in Fülle und Vielfalt, lebten vitaminreicher, bewegungsreicher und wesentlich gesünder - bei kürzeren "Arbeits"-zeiten - als ihre Nachfolger, die ersten Ackerbauern. Geborgen wie ein Kind im Mutterschoß, empfanden sie sich als Teil von allem, was sie umgab, von einem großen, umsorgenden Ich: Die Erde war gewaltig, sinnlich, großzügig wie eine Mutter. Sie sorgte für sie, ernährte und schützte sie, und sie dankten ihr durch Gebete, Rituale, orgastische Feiern. Es war ein Geben und Nehmen: Je mehr sie das Leben und die Lebendigkeit bejahten, umso besser verstanden sie sie. Je mehr sie die Geschenke der Erde wertschätzten und genossen, umso mehr erhielten sie. Die Ökofeministin Starhawk weist darauf hin, dass das voreuropäische Amerika in seiner großen Fruchtbarkeit keine Wildnis war, sondern Kulturland - entstanden durch tiefe Kooperation der amerikanischen Ureinwohner mit Mutter Erde.

Unsere Vorfahren waren denkende Menschen wie wir; aber ihr Denken kam nicht aus Kampf, Trennung und Kontrolle, sondern aus der sinnlichen, lebendigen Einheit mit allem Sein. Dadurch kamen sie auf ganz andere Lösungsansätze. Ihre Leistungen sind bis heute unerklärlich: Der Transport großer Basaltfelsen über hunderte Kilometer ohne Maschinen. Deren astronomisch exakte Ausrichtung nach den Sternen. Die Kenntnis, wo in über tausend Kilometern Entfernung die farbigen Gesteinsarten zu finden waren, die sie für Höhlenmalerei brauchten. Ihre Navigationskünste auf dem Meer. All das war lebendiges Kooperationswissen.
 
Nach 7.000 Jahren Fortschritt rennen wir heutigen Menschen unwissend auf der Erde herum - abhängig von Supermärkten, Banken und Handelsketten - ohne Zeit zum Nachdenken, ohne Ohr für die Erde. Als wir uns die Erde untertan machten, als wir sie und gleichzeitig das Weibliche und die Sinnlichkeit zu etwas Schmutzigem erklärten, verloren wir unsere Mutter.
 
Doch sie ist noch da. Mit ihr zu leben - wie könnte das heute aussehen? Hier und dort gelingt es. Im berühmten Findhorn-Garten in Schottland schuf die Natur riesige Kohlköpfe und andere ungeheure Ernten auf kargen Sandböden - weil die Gärtner angefangen hatten, auf ihre Stimme zu hören. Der deutsche Grundschullehrer Eike Braunroth fand eine Methode, mit so genannten Schädlingen so zu kommunizieren, dass er sie nicht bekämpft, sondern sogar einlädt in seinen Garten - und dieser umso mehr Früchte hervorbringt. Auch in Tamera beobachten wir das Wunder der Naturkooperation zum Beispiel bei den Wildschweinen: Statt unsere Gärten zu zerstören, wühlen sie Brachland auf, wo wir neue Gärten anlegen können.
 
Wie wird das erst, wenn wir unsere technische Intelligenz, unsere Abstraktionsfähigkeit, unsere utopische Kreativität mit einbeziehen in die Kooperation mit unserer Mutter Erde? Was wird geschehen, wenn wir aufhören, die Naturwesen als Schädlinge zu bekämpfen, uns vor ihnen zu schützen und gegen die Natur zu handeln - sondern mit ihr? Wenn wir Widerstände nicht mehr brechen, sondern intelligent lenken? Wenn wir den Bewegungsdrang von Tieren, vom Wasser oder uns selbst nicht mehr stören und abblocken, sondern fördern und einsetzen? Wenn wir von innen verstehen, warum Bäume viel effektiver kommunizieren als jede Digitaltechnik - und dies für unsere eigene Kommunikation nutzen? Wenn wir begreifen, was Spinnfäden 50 mal stabiler macht als jedes Stahlseil? Wenn wir verstehen, auf welche Weise Vogelgesang das Pflanzenwachstum fördert und mit welchen Musikfrequenzen wir die Lebensmittelqualität erhöhen können?
 
Es gibt tausend Dinge zu lernen, wenn wir in der Erde ein geistiges Gegenüber gefunden haben. Wie anders können die Städte der Zukunft aussehen: Siedlungen aus semipermeablen Wänden, eingebettet in essbare Landschaften, mit Lebensmittelbiotopen an Hauswänden und auf Dächern, mit Bachläufen, Klärkaskaden und Nischen, in denen sich freilebende Tiere auch in Menschennähe wohlfühlen. Industrieparks in Kooperation mit dem Leben. Synergetische Technologien. Harmonikale Bauformen. Und große Mischwälder.
 
Nähe, Kontakt, Lebendigkeit sind die echten Maßstäbe für Fortschritt. Dann wird unser Erfindergeist immer neue Formen von Miteinander, von Berührungsflächen, von Kooperation mit allen Lebewesen entwickeln. Die Erde wird sich mit ungeahnter Fruchtbarkeit und Vielfalt bedanken. Damit erwacht auch unsere eigene Lebendigkeit und Sinnenfreude, denn auch die gehört zur Natur, zum Dank an Mutter Erde.
 
Leila Dregger ist Diplom-Agraringenieurin und langjährige Journalistin. Mit den Schwerpunktthemen Frieden, Ökologie, Gemeinschaft, Frauen arbeitet sie seit 25 Jahren für Presse und Rundfunk sowie als Drehbuchautorin und Regisseurin für Theater und Film. Sie war Herausgeberin der Zeitschrift „Die weibliche Stimme – für eine Politik des Herzens", Pressesprecherin des Hauses der Demokratie in Berlin und lebt heute überwiegend in Tamera in Portugal. www.tamera.org

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 14.06.2020
     
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