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Das Klimaschutzprogramm

Wenig Anreiz zum nachhaltigen Bauen?

Das Klimaschutzpaket ist seit Ende 2019 geschnürt. Bürger und Unternehmen müssen sich auf weitreichende Änderungen, wie etwa höhere Preise an Tankstellen und dafür günstigere Bahnfahrten sowie staatliche Prämien bei Altbausanierungen und für E-Autos einstellen. Die Spitzen der Großen Koalition einigten sich mit dem Programm auf ein Maßnahmenbündel aus Innovationen, Förderung, gesetzlichen Standards und Anforderungen sowie einer Bepreisung von Treibhausgasen, um die verbindlichen Klimaschutzziele für 2030 zu erreichen. Da die nächste Überprüfung der energetischen Standards gemäß der europarechtlichen Vorgaben jedoch erst im Jahr 2023 erfolgt, gehen die Maßnahmen nach Ansicht von Klimaaktivisten nicht weit und schnell genug. forum befragte Dr. Barbara Hendricks, die neue Präsidentin des Instituts für Bauen und Umwelt [IBU], wie nachhaltiges Bauen zur Zielerreichung beitragen kann.

Frau Hendricks, ist das aktuelle Klimaschutzprogramm der Bundesregierung das „stille Aus" des nachhaltigen Bauens?
Dr. Barbara Hendricks ist seit 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages. Die promovierte Historiker­in war von 1998 bis 2007 parlamentari­sche Staatssekretärin beim Bundesminister der Finanzen und von ­Dezember 2013 bis März 2018 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Seitdem ist sie Mitglied in diversen Ausschüssen. Beim Institut Bauen und Umwelt e.V. [IBU] engagiert sie sich seit Oktober 2019 als ehren­amtliche Präsidentin. © Inga HaarNein, ganz im Gegenteil, unsere Initiative für den Klimawandel wird auch die Entwicklung des nachhaltigen Bauens beflügeln. Wir setzen bewusst nicht auf ein „Energiewechsel und -sparen, koste es was es wolle", sondern auf sozialverträgliche und auch ökonomische Maßnahmen; und das ist der „Dreiklang der nachhaltigen Entwicklung".
 
Ich bin davon überzeugt, dass Energieeffizienz, egal ob im Neubau oder im Gebäudebestand, nur nachhaltig umgesetzt werden kann und wird. Dem nachhaltigen Bauen gehört die Zukunft; wir gehen mit gutem Beispiel voran, alle Neubauten des Bundes werden entsprechend unserem BNB-System (Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen) bewertet und optimiert. Auch die privatwirtschaftlichen Bewertungssysteme, wie zum Beispiel die DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen), sehe ich im Aufwind.

Gibt es einen Konflikt: Klimapaket versus bezahlbarer Wohnraum?
Ein wichtiger Punkt, denn ausreichender, bezahlbarer und zum Beispiel auch alters­gerechter Wohnraum ist eine zentrale Aufgabe unserer Politiker – ein Thema, das auch mir besonders am Herzen liegt. In der Tat sind die Verbesserung der Energieeffizienz oder nachhaltigere Gebäude in der Regel mit Mehrkosten verbunden. Ein Ergebnis der von mir initiierten Kostensenkungskommission ist jedoch eindeutig: Langfristig betrachtet sind Energieeffizienzmaßnahmen in nachhaltigen Gebäuden die bessere Lösung.
 
Wir gehen in diesem Themenfeld daher auch strategisch vor und schaffen, neben unserer Vorbildfunk­tion im Bund, Rand- und Rahmenbedingungen, die fördern und fordern. Bewusst setzen wir neben den ordnungspolitischen Vorgaben wie die EnEV (Energieeinsparverordnung) nach wie vor auf Forschungsförderung und Unterstützung der Bauschaffenden. So erarbeiten wir seit Jahren kontinuierlich verlässliche Instrumente, die das nachhaltige Planen und Bauen erleichtern und preiswerter machen.

Stehen Sie als Präsidentin des Instituts für Bauen und Umwelt für Transparenz und eine einheitliche Sprache?
Ja, ich sehe darin die Möglichkeit, Dinge, die mir wichtig sind, zu begleiten. Das IBU und die Arbeit des IBU ist ein positives Beispiel, wie unsere Politik funktioniert. Einige Bauprodukte­hersteller haben vor circa 20 Jahren, durchaus mit Hilfe einer Initiative meines Vorgängers Klaus Töpfer, eine Plattform ent­wickelt für die Erarbeitung und Verbreitung von Nachhaltigkeitsinformation für Bauprodukte. Das entsprechende Hilfsmittel – die Ökobilanz im Rahmen einer Umwelt-Produktdeklaration (EPD) – ist heute ein breit angewandtes Handwerkszeug für die Analyse, Information und Bewertung von Produkten.
 
Es ist schon außergewöhnlich, dass gerade die Baustoffindustrie, die ja im hohen Maße Ressourcen verwendet, heute geschlossen für die volle ökologische Transparenz ihrer Produkte steht. Praktisch alle Bauproduktehersteller greifen – individuell oder über ihre Verbände – auf dieses Instrumentarium zurück und bilden damit die Grundlage für die ökologische Erfassung und Bewertung des nachhaltigen Bauens. Wichtig ist mir dies in zweierlei Hinsicht: Erstens bedarf es einheitlicher Rand- und Rahmenbedingungen, quasi einer einheitlichen Sprache, wenn wir verlässlich und glaubwürdig das Thema Ökologie und Nachhaltigkeit weiterbringen wollen, und zweitens müssen wir aus demselben Grund das Thema „Greenwashing" verhindern – Transparenz ist entscheidend für eine glaubwürdige Entwicklung.

Welche Impulse für die Weiterentwicklung des nachhaltigen Bauens möchten Sie setzen?
Nachhaltigkeit geht nicht ohne Ausgleich und Kompromiss. Wir wissen, dass der aktuelle Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in Ballungsräumen nur mit mehr Wohnungsbau abgedeckt werden kann. Und mehr Wohnungsbau bedeutet Inanspruchnahme von Flächen und Ressourcen, mehr Lärm, mehr Verkehr und so weiter. Daher gilt es zu vermeiden, die verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen gegeneinander auszuspielen. Es ist unabdingbar, dass wir langfristig einen klimaneutralen Gebäudebestand erreichen. Und dafür brauchen wir eine Verbesserung der Qualität unserer gebauten Umwelt. Mit anderen Worten, das nachhaltige Bauen ist der notwendige Weg, alles andere ist unverantwortlich.

Gerade in der Bauwirtschaft kommt es darauf an, neben dem Klimaschutz auch in der Ressourceneffizienz mit innovativen Schritten die Entwicklung voranzutreiben. Dazu braucht es innovative Baustoffe und Verfahren sowie eine zukunftsweisende Gebäude- und Systemtechnik. Dies ist umzusetzen über sozialverantwortliche Unternehmen und Produktherstellung und wird vom Institut Bauen und Umwelt zusammengedacht und vorangetrieben. Das unterstütze ich von Herzen gerne.

Frau Hendricks, wir danken für das Gespräch.

Dieser Artikel ist in forum 01/2020 - Dabeisein ist alles! erschienen.



     
        
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