Das Coronavirus als Frage der Tierethik?

Die Massentierhaltung muss beendet werden – schon allein zu unserem eigenen Schutz!

Bei der Suche nach dem Ausgangspunkt für die aktuelle globale Corona-Pandemie deuten einige Hinweise auf einen Wildtiermarkt in Wuhan hin. Dieser zeichnete sich durch zwei zentrale Merkmale aus. Zum einen durch eine unglaubliche Vielzahl von Tierarten aus allen Teilen der Erde und zum anderen durch  hygienisch, als auch tierethisch katastrophale Haltungsbedingungen. Aufeinander gestapelte Käfige sowie eine unkontrollierte Vermischung von jedweder Art tierisch-körperlicher Flüssigkeiten (Blut, Ausscheidungen etc.) boten einen idealen Nährboden für ein Überspringen beispielsweise von Coronaviren zwischen den verschiedenen Tierarten und letztendlich auf den Menschen. Auch wenn es in diesem konkreten Fall keine Evidenz dafür gibt, bestand, beziehungsweise besteht doch, gemäß Prof. Peter J. Li von der Houston University, ein gesteigertes Risiko beziehungsweise eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür.

Auch in Europa halten wir massenhaft Tiere unter teilweise höchst fragwürdigen Bedingungen und unter Gefährdung unserer eigenen menschlichen Gesundheit. © stux, pixabay.com
Durch die Liberalisierung der Lebensmittelproduktion in China Ende der 70er-Jahre kam es zu einer Spezialisierung einiger Akteure auf Wildtiere. Diese wurden oft als Delikatesse beziehungsweise als Mittel zur Heilung von Krankheiten oder zur Potenzsteigerung betrachtet. Auch wenn nur eine kleine finanzielle Elite in China die finanziellen Ressourcen und das Interesse daran besitzt, solche tierischen Produkte zu erwerben, bot die chinesische Regierung dieser Entwicklung keinerlei Einhalt, da sie ihren Machterhalt nicht unwesentlich auf diese Elite stützt. 

Es ist also möglich zu resümieren, dass das chinesische Regime die Gesundheit seiner eigenen Bevölkerung und der restlichen Welt mutwillig aufgrund machtpolitischer und wirtschaftlicher Interessen gefährdet hat, unter der Missachtung jedweder Idee von Tierrechten. Ist dies nun ein exklusiv chinesisches Problem beziehungsweise Wagnis? 

Auch in Europa gefährdet die Massentierhaltung die menschliche Gesundheit
Nein. Auch wenn es in Europa wesentlich mehr Gesetze zum Schutz von Wildtieren gibt, halten auch wir massenhaft Tiere unter höchst fragwürdigen Bedingungen und unter Gefährdung unserer eigenen menschlichen Gesundheit – ironischerweise gerade durch den Versuch, solcherlei Problematiken zu umgehen: Um einen Ausbruch von Krankheiten in der Massentierhaltung zu unterbinden, kommt es zu einem breiten Einsatz von Antibiotika, welche somit auch Teil des zum Konsum herangezogenen Fleisches werden. Dies ergänzt den Übereinsatz von Antibiotika in der Medizin und fördert die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen. Bei einer flächendeckenden Ausbreitung dieser Resistenzen könnten auf diese Weise bakterielle Infektionen wieder zu einer Gefährdung von Leib und Leben werden, welche wir bereits erfolgreich unter Kontrolle gebracht hatten.

Das Problem besteht jedoch nicht nur bei der Haltung von Nutztieren, sondern auch bei der Futtermittelproduktion. Durch den hohen Flächeneinsatz im Verhältnis zur reinen Produktion für pflanzliche Nahrungsmittel für den Menschen kam es zu einer fortschreitenden Industrialisierung der Anbaumethoden und damit zu Monokulturen und Rodungen gigantischer Flächen an Lebensraum für Wildtiere. Durch diese Einengung der Wildtiere werden ähnliche Mechanismen wie in Wuhan begünstigt. Ein Beispiel für eine solche Übertragung wäre die Vogelgrippe. Abgesehen davon bestehen des Weiteren noch die klimatischen Auswirkungen dieser Anbau- und Rodungsmethoden.

Von einem besseren Umgang mit Tieren profitiert auch der Mensch
Es ist an der Zeit, das massenhafte Halten und Schlachten von Nutztieren zu beenden. Nicht nur aus Rücksicht auf die Rechte der Tiere, sondern auch zu unserem eigenen Schutz. Wir können uns als Menschen nicht weiter losgelöst von unseren Mitgeschöpfen betrachten, sondern müssen diesen endlich einen Wert einräumen, der über ihren bloßen ökonomischen beziehungsweise ernährungstechnischen Wert hinausgeht. Dadurch gewinnen wir nicht nur an ethischer Entwicklung und Eigenschutz, sondern geben auch der wissenschaftlich-medizinischen Forschung Zeit, an Alternativen zur Antibiotikaverwendung (beispielsweise durch gezielten Einsatz von Bakteriophagen etc.) zu arbeiten. Wir übernehmen damit also nicht nur Fremd- sondern auch Eigenverantwortung. Dabei  geht es nicht um eine Schuldzuschreibung an einzelne Länder, sondern es handelt sich um eine globale Herausforderung.

Es ist zu hoffen, dass die politischen und wirtschaftlichen Akteure im Land und weltweit die Zeichen der Zeit erkennen und nun gerade in dieser Krise die richtigen Weichen stellen. Nur so kann aus dieser Krise eine große Chance erwachsen. Ein besserer Umgang mit Tieren schützt nämlich nicht nur diese und uns selbst. Im Hinblick auf die hohen CO2- und Methan-Emissionen von Nutztieren schützen wir dadurch auch den Fortbestand eines lebenswerten Planeten Erde, als zentraler Hebel zur Eingrenzung des menschengemachten Klimawandels. 

Felix Treutner studiert Umweltethik und Sozialwissenschaften im Master und ist Werkstudent bei forum Nachhaltig wirtschaften.

Umwelt | Naturschutz, 06.04.2020
     
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