Stefan Schaltegger

Transformation durch Zerstörung

Entrepreneurship als Chance für nachhaltige Entwicklung

Sowohl im Klima- als auch im Nachhaltigkeitsbereich sind nach aktuellen Zahlen weder Deutschland und Europa noch der Rest der Welt ‚on track‘. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann scheitern wir krachend. Von einer großen Transformation hin zu einer nachhaltigen Zukunft auf unserem Planeten sind wir meilenweit entfernt. Neue Impulse und konkrete Lösungen müssen dringend her: Können Entrepreneure eine treibende Kraft sein und wirksam zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?

Können Entrepreneure die treibende Kraft zu einer nachhaltigen Entwicklung sein? © Pixabay, geraltKein Hunger, verantwortungsvoller Konsum, bezahlbare und saubere Energie – für alle, weltweit, bis 2030. Die globalen Entwicklungsziele (SDG) der Vereinten Nationen sind bisher vor allem ein riesiges Versprechen. In die große weite Welt brauchen wir dabei gar nicht zu schauen, ein Blick auf deutsche Straßen genügt: Der Anteil von Elektrofahrzeugen liegt bei knapp drei Prozent – angetrieben von Strom, der noch immer zu 60 Prozent aus Braun- und Steinkohle, Erdgas sowie Kernkraft kommt.
 
Egal ob Mobilität, Verkehrswende, Nitratbelastung oder Plastikmüll, wir brauchen dringend nachhaltigere Lösungen: neue Mobilitätsformen, andere Energiequellen, andere Lebensmittel, andere Gebäude. Etablierte Akteure in Politik und Wirtschaft haben dabei bisher versagt. Verwaltungen und große Unternehmen sind zu verkrustet, um wirklich innovative Lösungen anzugehen.

Entrepreneure als Antreiber
Den Status quo herausfordern und neue Lösungen entwickeln, um Vorheriges zu ersetzen. Das kennzeichnet Entrepreneure. Attraktive Elektroautos etwa entwickelt nicht die deutsche Automobilindustrie, sondern Unternehmer Elon Musk. Schumpeter beschrieb das schon vor einem halben Jahrhundert als „schöpferische Zerstörung" des Bisherigen durch das Schaffen von Neuem, das überzeugender ist. Geschäftsmodelle überdenken, Bestehendes umwerfen, scheitern – und auch bei Gegenwind nicht die Segel streichen, sondern es noch einmal probieren. Innovation ist essenziell für eine nachhaltige Entwicklung. Konkret etwas zu „unter"-„nehmen" geht dabei über rechtliche Firmenstrukturen hinaus. „Sustainable Entrepreneurship" bedeutet, den Nachhaltigkeitswandel von Märkten, Konsummustern und Lebensstilen auf unternehmerische Weise voranzutreiben – egal ob in Firmen, in Non-Profit-Organisationen oder im öffentlichen Sektor.

SDG als Vision und Inspirationsquelle
Eine Transformation hin zu einer enkeltauglichen Welt erfordert die kreative „Zerstörung" nicht-nachhaltiger Produktions-, Konsum- und Lebensformen durch das überzeugende Angebot nachhaltigerer Lösungen. Aber wie und wo anfangen?

Um einen Wandel zu erreichen, ist eine positive Vision von hoher Bedeutung. Sie konkretisiert die Chancen des Neuen und reduziert die Angst vor dem Verlust des Bekannten. Die UN Sustainable Development Goals (SDG) übernehmen vermehrt eine solche Funktion. Der umfangreiche Katalog der SDG mit 17 Zielen und 169 Unterzielen zeigt, worauf sich die Weltgemeinschaft geeinigt hat, für welche Herausforderungen wir Lösungen benötigen. Jedes Ziel für sich kann ein Ausgangspunkt für Innovationen und Sustainable Entrepreneurship sein. Die Tabelle zeigt Beispiele für Geschäftsideen und -felder, die sich aus ausgewählten SDG ergeben (siehe Tabelle).

Über den Tellerrand schauen
Ein einzelnes SDG, also der Fokus auf ein einzelnes Thema, macht die komplexen Herausforderungen handhabbar. Sich auf ein SDG zu konzentrieren, ist aber auch eine Gefahr. Denn um Nachhaltigkeits-Herausforderungen wirksam zu lösen, braucht es unbedingt den Blick über den Tellerrand des eigenen Themenschwerpunkts. Ein Beispiel: Wer den Klimawandel durch die Produktion von Bio-Kraftstoffen eindämmt, trägt so zur Erreichung von SDG 13 („Maßnahmen zum Klimaschutz”) bei. Wenn Flächen intensiv für den Anbau von Bio-Kraftstoffen genutzt werden, belastet dies aber
Böden, zerstört möglicherweise Lebensräume für Tiere und Pflanzen oder verdrängt den Anbau von Lebensmitteln auf Ackerflächen. Zwischen einzelnen SDG gibt es umfangreiche Interdependenzen.

Es geht nur gemeinsam
Um Nachhaltigkeitsprobleme zu lösen, sind deshalb inter- und transdisziplinäre Ansätze nötig. Meist kann kein einzelner Mensch alle Aspekte in der Analyse und beim Entwickeln von Lösungen abschließend erfassen. Unternehmerische Kollaboration und kollaboratives Unternehmertum sind notwendig, um nachhaltige Entwicklung wirksam unternehmerisch zu unterstützen. Open Innovation-Ansätze helfen bei der Entwicklung von Lösungen: Wer verschiedene Stakeholder – etwa Kunden, Mitarbeiter, Lieferanten und gesellschaftliche Akteure – in den Innovationsprozess einbindet, findet neuartige Lösungen und auch Unterstützung, diese umzusetzen. Denn durch verschiedene Betrachtungswege und -winkel können Irrwege und Fehlannahmen gemeinsam aufgespürt werden.
 
„It’s not all about money”
Aus ökonomischer Sicht werden Entrepreneure üblicherweise als profitorientierte Akteure charakterisiert, die durch Innovationen Gewinne maximieren möchten. Das ist falsch. Die Forschung zeigt, dass ihre Motive weit über finanzielle (Wachstums-)Ziele hinausgehen und diverser sind: Selbstverwirklichung, Einfluss, Macht, Sozial- oder Umweltbewusstsein. „Die Welt verändern”, das motiviert immer mehr Entrepreneure. Und genau dieser geteilte Zielrahmen und Antrieb sorgt dafür, dass Zusammenarbeit häufig besonders gut funktioniert. Nachhaltigkeit macht Zusammenarbeit also nicht nur notwendiger, sondern auch wahrscheinlicher und erfolgreicher.
 
Packen Sie es an
Nachhaltiges Unternehmertum ist nichts für Einzelgänger – aber genau das Richtige für gemeinsames Handeln. Für alle, die nachhaltige Entwicklung im Team anpacken möchten. Wer offen mit anderen zusammenarbeitet, inter- und transdisziplinär Wissen teilt, kann ganzheitliche Innovationen und Lösungen erfolgreich schaffen. Es sagt niemand, das sei leicht. Aber kollaboratives, nachhaltiges Unternehmertum ist notwendig, wertvoll und sinnstiftend.
 © Schaltegger

Prof. Dr. Dr. H.C. Stefan Schaltegger ist Professor für Nachhaltigkeitsmanagement und Leiter des Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg. 2003 führte er mit dem MBA Sustainability Management den weltweit ersten universitären MBA-Studiengang für  Nachhaltigkeitsmanagement und CSR ein.

Anna Michalski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im MBA Sustainability Management.

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2019 - Social Business beseitigt Plastik-Müll und schafft neue Jobs erschienen.

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Stefan Schaltegger | Centre for Sustainability Management, Leuphana Universität Lüneburg
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Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Schaltegger ist Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Nachhaltigkeitsmanagement. Er leitet das Centre for Sustainability Management (CSM) und hat 2003 den weltweit ersten MBA Sustainability Management eingeführt.


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