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Betti Brosche

Plastik, die Jahrhundertaufgabe

Sind Social Business und Kreislaufwirtschaft die Lösung?

Plastik ist eines, wenn nicht das größte der Umweltprobleme unserer Zeit. Nun greift der Friedensnobelpreisträger ein: Fünf Kreativlabore des Yunus Environment Hub, an der Spitze das Plastic Lab, wollen die Plastikverschmutzung mit neuen Ansätzen stoppen. Es muss gelingen!

Das Ocean Plastics Lab ist eine internationale Wanderausstellung, die zeigt, wie die Wissenschaft und Wirtschaft versuchen, das Problem der Plastikvermüllung unserer Ozeane zu verstehen und zu bewältigen. © JC Guilloux Klimakrise, Plastikmüll in den Meeren, Artensterben, Verkehr in Städten, Ernteausfälle, Überschwemmungen – die Liste unserer Umweltprobleme ist lang und wird länger. Gut, dass es Menschen gibt, die an Lösungen arbeiten, vor allem an tiefgreifenden Lösungen, um Ursachen zu bekämpfen und einen Systemwandel herbeizuführen. 2016 führten Christina Jäger und Hans Reitz vom Grameen Creative Lab erste Gespräche mit der Umweltorganisation WWF über die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Schnell wurde klar, dass EIN Thema besondere Bedeutung in den nächsten Jahren gewinnen wird und man jetzt entschieden handeln muss: das Thema Plastik. Um unsere Meere und Flüsse von Plastik zu befreien gründeten sie schnellentschlossen das Plastik Lab. 2017 bekamen sie dafür Rückenwind, denn auf dem World Economic Forum platzte die Bombe: Die Ellen Mac Arthur Foundation präsentierte die katastrophalen Zahlen einer Studie zum weltweiten Aufkommen von Plastikmüll. Danach werden nur 14 Prozent des global anfallenden Plastikmülls recycelt, aber jährlich 8 Millionen Tonnen Plastikmüll in unsere Meere gespült. Bis zum Jahr 2050 wird darin also mehr Plastik als Fische schwimmen. Außer wir handeln jetzt!

Refuse, Reuse & Recycle, aber bitte sozial!
Pro Minute landet ca. eine LKW-Ladung Plastikabfall in unseren Meeren – Tendenz steigend. © Creative Commons80 Prozent des Plastikmüll-Aufkommens in den Meeren stammen von Quellen an Land, die über die Flüsse in die Ozeane getragen werden. Das heißt, die Problemlösung muss an Land, am Ursprung gefunden werden. Hier kommen die drei altbekannten Prinzipien Vermeidung, Wiederverwendung und Wiederverwertung (Refuse, Reuse, Recycle) ins Spiel. Das Interessante und Besondere an der Arbeit des Grameen Creative Labs ist es, dass die drei Rs nicht mit der klassischen Wirtschaftsdenkweise umgesetzt werden, sondern mit dem Ansatz des Social Business. Unter einem Social Business ist ein nachhaltiges Unternehmen zu verstehen, das anstatt Profitmaximierung gesellschaftlichen Mehrwert schaffen will. Es agiert sozusagen selbstlos, da es alle erzielten Gewinne zur Lösung einer sozialen oder ökologischen Aufgabenstellung reinvestiert.
 
Bei Social Business-Unternehmen geht es also nicht darum, möglichst viel Geld auf sozial-ökologisch verträgliche Weise, also mit gutem Gewissen, zu erwirtschaften, sondern gesellschaftliche Probleme durch unternehmerisches Handeln zu bekämpfen. Social Business weist somit den Weg in einen anderen, zukunftsfähigen Kapitalismus. Dieses Handeln soll einen Systemwandel herbeiführen: Durch die Vorbildfunktion des Social Business werden alle anderen Wirtschaftsakteure dazu animiert, ihr Handeln zu ändern – Business at it‘s best – und somit eine Wirtschaft zu fördern, die wieder der Gemeinschaft zugutekommt.

Ein perfektes Paar: Social Business und zirkuläre Wirtschaft
Friedensnobelpreisträger Prof. Muhammad Yunus fördert Social Business Lösungen, um Plastik in der Natur zu bekämpfen und seine Wiederverwertung zu fördern. © Grameen Creative Lab Das Social Business-Konzept geht auf den Friedennobelpreisträger Prof. Muhammad Yunus aus Bangladesch zurück, der mit seinem Konzept von Mikrokrediten v.a. für Frauen weltberühmt wurde. Zusammen mit dem deutschen Eventunternehmer Hans Reitz hat er das Grameen Creative Lab mit Sitz in Wiesbaden gegründet, um eine globale Social Business-Bewegung zu fördern. Seitdem entstanden aus dem Lab eine Vielzahl von Initiativen und Unternehmen, die soziale Herausforderungen adressieren. Doch Yunus erkannte schnell, dass viele soziale Probleme einhergehen mit Umweltproblemen. Ein Bespiel zur Lösung von Problemen ist die Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit Solarenergie, um das Abholzen von Wäldern und die gesundheitliche Belastung durch Kerosinlampen zu reduzieren. Schon früh gründete Yunus deshalb ein Social Business zur Förderung von solarer Infrastruktur in den Dörfern Bangladeschs. Doch es gibt noch viel mehr Herausforderungen in Sachen Umweltschutz. Im Juni 2019 lancierte deshalb das Grameen Creative Lab beim Social Business Day in Bangkok den Yunus Environment Hub, in dem auch das Plastic Lab verankert ist.
 
Der Yunus Environment Hub berät Unternehmen und Organisationen, die beim Aufbau und der Förderung von Social Business-Unternehmen im Umweltbereich mitwirken möchten. Neben dem Fokus auf Plastikabfall spielen Circular Economy (Kreislaufwirtschaft), CO2-Reduktion, Biodiversität und erneuerbare Energien eine zentrale Rolle. „Mit dem Yunus Environment Hub wollen wir die Dringlichkeit aufzeigen, jetzt zu handeln, um eine große Umweltkatastrophe abzuwenden", so Prof. Muhammad Yunus auf der Jahreskonferenz in Bangkok. „Wir sind uns sicher, dass wir mit starken Partnern an unserer Seite eine nachhaltige Veränderung der Wirtschaft herbeiführen können und streben damit einen radikalen Systemwandel an." Christina Jäger, Leiterin des Yunus Environment Hubs erklärt: „In unserer Linearwirtschaft sind ökologischen Probleme zur größten Herausforderung unseres Jahrhunderts geworden. Um zu einer Kreislaufwirtschaft zu kommen, in der kein Abfall mehr anfällt, da alles einen Wert hat, müssen wir beginnen, in Kreisläufen zu denken. Erst wenn wir zirkulär denken und dabei den Social Business-Ansatz integrieren, können wir unsere lineare Wirtschafts- und Produktionsweise transformieren. Ganz besonders konzentrieren wir uns dabei gegenwärtig auf das Thema Plastik und die Förderung einer Kreislaufwirtschaft, die ökologische und soziale Probleme gleichzeitig adressiert."

Kreative Ideen und aktive Unternehmer
 Neue Social Business Geschäftsmodelle verwenden den Abfall als Ressource. Somit ist nicht nur der Umwelt und unserer Gesundheit geholfen, sie sind auch eine nachhaltige Einkommensmöglichkeit für benachteiligte Menschen. © Grameen Creative LabNehmen wir das Beispiel Plastikabfall: Social Business-Unternehmer arbeiten hier bereits an Recyclinglösungen. Sie bauen dazu selbst oder in Kooperation mit kommunalen Abfallwirtschaftsakteuren eine Infrastruktur zur getrennten Müllsammlung und -verarbeitung auf. Damit lösen sie nicht nur das Plastikproblem, sondern bieten Arbeitsplätze für Menschen, die bis dahin ohne Beschäftigung waren. Waste Ventures India ist ein solches Social Business, dass in Hyderabad mit Wertstoffsammlern zusammenarbeitet und sie beschäftigt, um Plastikabfall zu sammeln und zu recyceln. Noch besser ist es, das Problem schon früher zu adressieren. Engagierte Sozialunternehmer arbeiten daran, Produkte und Wertschöpfungsketten neu zu gestalten, um dem Ziel Zero Waste näher zu kommen. Unverpackt-Läden und -Cafés sind Bespiele dafür, wie dies funktionieren kann.
 
Ein weiterer Aspekt ist, wie wir das Design und den Besitz von Konsumgütern neu definieren, etwa indem Produkte zu Dienstleistungen werden. Damit erwirbt und besitzt nicht mehr der Käufer das Produkt, sondern er nutzt es nur. Das Produkt selbst und damit die Rohstoffe bleiben in der Hand und im Eigentum des Herstellers. Er hat damit andere Anreize, die Produkteigenschaften und die Lebensdauer zu optimieren, die eingesetzten Komponenten und Materialien wiederverwendbar zu gestalten und Rückholdienste zu organisieren. Dieser Ansatz kann und wird die Wirtschaft und unser Konsumverhalten nachhaltig beeinflussen. Das Cradle-to-Cradle-Konzept des deutschen Chemikers Professor Michael Braungart, der natürliche und technische Kreisläufe aufzeigt, ist hier ein leuchtendes Vorbild.

In der Kooperation liegt die Zukunft
Mit dieser Vision einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise will das Plastic Lab Kooperationen sowie branchenübergreifende Lösungsansätze fördern und damit Motor und Treiber von Innovationen sein. „Wir benötigen internationale Allianzen aus Unternehmen entlang der gesamten Kunststoff-Wertschöpfungskette und die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Innovatoren, NGOs und eben Social Business-Unternehmern, um die immensen Herausforderungen des globalen Plastikverbrauchs in den Griff zu bekommen", betont das Kreativgenie Hans Reitz. „Deswegen rufen wir alle Unternehmen auf, das Problem gemeinsam mit uns anzugehen. Erste wichtige Schritte sind bereits getan, und wir sind dafür offen, neue Ansätze zu fördern."
 
The Yunus Environment Hub...
...fördert Social Business-Lösungen für die drängendsten Umweltprobleme. Im Fokus stehen fünf Kreativlabore, in denen Ideen kreiert und erprobt werden: Circular Lab, Plastic Lab, Carbon Lab, Biodiversity Lab und Green Energy Lab. Der Yunus Environment Hub fördert Social Business-Unternehmer mit Inkubationsprogrammen und berät Unternehmen, Städte und Organisationen, die sich engagieren oder verändern möchten. In Vorträgen, Workshops und Trainings, zum Beispiel zum Thema Circular Thinking, kann man sein Wissen und seine Fähigkeiten gezielt weiterentwickeln.
 
The Plastic Lab...
...erarbeitet Lösungen zu Abbau und Verhinderung von Plastikverschmutzung in unserer Natur. Im Zentrum stehen Geschäftsmodelle für die Reduktion von Plastikabfall und den Aufbau von Abfallwirtschaftssystemen. Zehn Flüsse transportieren 90 Prozent des Mülls in die Ozeane, acht davon sind in Asien und zwei in Afrika. Das Plastic Lab fokussiert sich auf diese Hot Spot Regionen, um den Plastikfluss zu stoppen, denn wenn das Plastik einmal in unsere Meere gelangt ist, gibt es kaum eine Möglichkeit, es wieder zu entfernen.
 
Weitere Informationen: www.grameencreativelab.com
 
Betti Brosche ist seit mehr als 20 Jahren in den Medien und aktuell für die UFA tätig. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, die Welt zu retten. Natürlich erst, wenn sie all  ihre Mails gecheckt hat. Und nicht alleine, sondern mit allen zusammen. Ihr Motto: Wir schaffen das!

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2019 - Social Business beseitigt Plastik-Müll und schafft neue Jobs erschienen.

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