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Die Zukunft der Landwirtschaft

Der Landwirt und MdB Artur Auernhammer über das Spannungsverhältnis zwischen Landwirten und der Gesellschaft

Verschärfte Auflagen wie bei der Düngeverordnung oder im Tierschutz, Debatten um den Einfluss der Landwirtschaft auf die Artenvielfalt, Diskussionen um Klimaschutz – unsere Bäuerinnen und Bauern kämpfen gerade an vielen Fronten. Oftmals fühlen sich Landwirte dabei von der Politik im Stich gelassen, von der Bevölkerung nicht verstanden und von den Verbrauchern zu wenig wertgeschätzt. In öffentlichen und nicht öffentlichen Debatten beschleicht einen das Gefühl: der böse Landwirt auf der einen Seite – die gute Gesellschaft auf der anderen.
 
Der Landwirtschaftsmeister und Milchviehhalter Artur Auernhammer ist MdB in der Fraktion der CSU und u.a. Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. © Artur AuernhammerInsbesondere die Debatte um Umwelt-, Klima – und Naturschutz zeigt, dass scheinbar oftmals wenig Verständnis für die Position der Landwirtschaft vorhanden ist. Schnell wird der Landwirt als profitgierig abgestempelt, dem weder das Wohl seiner Tiere noch das Wohl der Umwelt am Herzen liegt. Dabei liegt gerade dem Landwirt viel daran, seine Tiere und die Umwelt zu schützen, sind sie doch die wirtschaftliche Grundlage seiner Arbeit. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Landwirte sich der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft stellen. Eine Auseinandersetzung, die von allen Seiten sachorientiert und respektvoll geführt werden sollte. Denn beide Seiten sind aufeinander angewiesen: Der Landwirt auf die Gesellschaft, die seine Produkte abnimmt und die Gesellschaft auf die Landwirte, um ausreichend mit gesunden Lebensmitteln versorgt zu werden.
 
Dieses Spannungsfeld führt zu viel Unverständnis auf beiden Seiten und das gerade in einer Zeit, in der viele Zukunftsfragen offen bleiben. Dies betrifft natürlich nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch viele andere Branchen, aber gerade die Landwirtschaft steht vor der Herausforderung, den sich immer schneller vorangehenden Entwicklungen zu stellen. Ich möchte dabei vier Punkte herausgreifen, die für die Landwirtschaft bereits jetzt, aber künftig noch wesentlicher als heute, eine zentrale Rolle spielen werden.
 
Erstens: Der Klimawandel
Dieser ist Herausforderung und Chance zugleich. Die Landwirtschaft ist die Branche, welche die Auswirkungen der Klimaerwärmung als erste und am deutlichsten zu spüren bekommt. Die Bedingungen für das Wachstum von Pflanzen haben sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Wetterextreme, wie der Dürresommer 2018 oder die Hochwasserkatastrophe 2013 vernichten Ernten und bedrohen Existenzen. Landwirte sind auf verlässliche und vernünftige Wetterbedingungen angewiesen, um produktiv und erfolgreich zu wirtschaften. Wir müssen darüber nachdenken, Landwirten die Möglichkeit zu geben, sich gegen Extremwetterereignisse besser wappnen zu können. Auf Dauer ist es nicht nachhaltig, wenn immer der Staat in Ausnahmesituationen einspringen muss. Wie bei anderen Branchen auch führt dies außerdem zu einer sinkenden Akzeptanz der Landwirtschaft in der Bevölkerung. Unabhängig davon muss die Landwirtschaft noch viel stärker als Teil der Lösung beim Klimawandel wahrgenommen werden. Im Moment wird die Landwirtschaft beim Klimawandel viel zu sehr als Problem gesehen. Das ist falsch. Denn Boden, Wald und Holz nehmen CO2 auf und entlasten damit die Atmosphäre. Gerade im landwirtschaftlichen Produktionsprozess wird CO2 gebunden. Daneben leisten die erneuerbaren Energien einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz. Die Leistungen der Land- und Forstwirtschaft zum Klimaschutz gilt es künftig stärker zu honorieren.
 
Farming 4.0
Ein anderer Punkt, der die Landwirtschaft schon seit langem prägt, aber in Zukunft noch viel größeres Potential beinhaltet, ist die digitale Entwicklung. Bereits seit rund 20 Jahren stehen die Begriffe „Precision farming" und „Smart farming" für eine moderne High-Tech Landwirtschaft. Gerade in der Debatte um Umwelt- und Artenschutz bietet die Landwirtschaft 4.0 Auswege. Sensorentechnik und GPS-Steuerung schaffen die Voraussetzung für eine effiziente und damit ressourcenschonende Landwirtschaft. Die Möglichkeit, für jede Pflanze einzeln die bedarfsgerechte Menge an Dünger zu ermitteln und einzusetzen schont dabei nicht nur die Umwelt, sie spart auch Dünger ein, gleichzeitig können Erträge erhöht werden. Außerdem ist es über GPS möglich, Traktoren zentimetergenau zu steuern. Auch so wird ein übermäßiger Gebrauch von Dünge- oder Pflanzenschutzmittel vermieden, Ressourcen und Finanzen werden geschont. Wichtig ist dabei, die Vorteile der Digitalisierung auch für kleinere Betriebe nutzbar zu machen. Vor allem im Hinblick auf Investitionskosten werden überbetriebliche Kooperationen, wie sie unter anderem die Maschinenringe ermöglichen, immer wichtiger.
 
Wirtschaftsfaktor ländlicher Raum
Ein dritter und nicht weniger wichtiger Punkt ist, den ländlichen Raum verstärkt als Wirtschaftsfaktor zu begreifen. Dies ist vor allem angesichts der schon lang anhaltenden Entwicklung, dass sich Arbeitsplätze und Menschen immer mehr in Richtung der großen Ballungszentren orientieren unbedingt notwendig. Neben der Nahrungsmittelerzeugung stellt insbesondere die Bioenergie einen enormen Wirtschaftsfaktor für den ländlichen Raum dar. Die Rolle der Bioenergie wird in der künftigen Energieversorgung noch weiter an Bedeutung gewinnen. Im Gegensatz zu Sonne und Windkraft steht sie wetterunabhängig jederzeit zur Verfügung. Außerdem trägt die Bioenergieerzeugung im ländlichen Raum zum Entstehen dezentraler und regionaler Wertschöpfungsketten bei und damit zur Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen. Entscheidend ist aber, dass der ländliche Raum nicht von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung abgehängt wird. Das heißt wir müssen in den ländlichen Raum und insbesondere in die entsprechende Infrastruktur investieren. Dies geht aber nicht ohne eine ausreichende Versorgung mit schnellen Internet. Das Schlagwort „5G an der jeder Milchkanne" ist nicht nur die Voraussetzung um die Digitalisierung in der Landwirtschaft zu ermöglichen und auszubauen, wie oben bereits beschrieben. Es ist auch die Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und Lebensqualität. Gerade in Zeiten, in denen die Bevölkerungsdichte in den Ballungszentren immer weiter zunimmt ist es wesentlich, Perspektive außerhalb der großen Städte zu bieten. Denn nicht wenige Menschen wünschen sich ein Leben auf dem Land.
 
Wie gesund ist unser Essen?
Als vierten und letzten Punkt möchte ich an dieser Stelle die Bedeutung der Landwirtschaft für eine gesunde und regional verortete Ernährung ansprechen. Eigentlich sollte der Wunsch nach gesunden Nahrungsmitteln eine Selbstverständlichkeit sein. Dennoch ist zu beobachten, dass es eine widersprüchliche Entwicklung gibt zwischen dem Wunsch sich gesund und qualitativ hochwertig zu ernähren einerseits und dem Anspruch, Lebensmittel möglichst günstig zu kaufen. Angesichts der aktuellen Debatten um Klimawandel, Umweltschutz und Tierwohl wird es immer wichtiger, die Bedeutung der Landwirtschaft für die Produktion hochwertiger Lebensmittel regional vor Ort zu stärken. Dazu gehört aber die Bereitschaft, sich als Verbraucher stärker mit Lebensmitteln zu befassen. Denn auffällig ist, dass für viele Menschen Lebensmittel zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind ohne darauf zu achten, wo sie herkommen und wie sie produziert worden sind. Die Wertschätzung für eine einheimische und hochwertige Lebensmittelproduktion ist ein ganz wesentlicher Faktor für eine breite gesellschaftliche Akzeptanz unserer Landwirtschaft. Denn wir brauchen eine wettbewerbsfähige einheimische Landwirtschaft die im ländlichen Raum eingebunden ist. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass die Nahrungsmittelproduktion aus Deutschland abwandert. Weder im Sinne gesunder Nahrungsmittel noch unter Tierschutzaspekten können wir das wollen.
Von Artur Auernhammer
 
Artur Auernhammer besuchte die Landwirtschaftliche Fachschule in Weißenburg in Bayern und die Höhere Landbauschule in Triesdorf. Auernhammer ist heute als staatlich geprüfter Landwirt und Landwirtschaftsmeister auf dem elterlichen Betrieb für Milchviehhaltung tätig, den er schon 1995 übernommen hat. Seit 1996 gehört er dem Kreistag des Landkreises Weißenburg-Gunzenhausen und seit 2002 auch dem Stadtrat von Weißenburg an. Artur Auernhammer ist MdB in der Fraktion der CSU und in der 19. Legislaturperiode ordentliches Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, ordentliches Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft und ordentliches Mitglied im Sportausschuss.
 
Hinweis und Call for Papers:
Um der Rolle als forum zur Begegnung unterschiedlicher Meinungen gerecht zu werden und um eine gemeinsame Gestaltung der Zukunft zu ermöglichen, bieten wir allen Vertretern demokratischer Organisationen die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Dem Thema Landwirtschaft und Ernährung möchten wir dabei ein ganz besonderes Augenmerk schenken. In den kommenden Ausgaben unseres Magazins lesen Sie dazu mehr. Senden Sie uns gerne auch Ihre Sicht der Dinge zur Zukunft einer menschen- und umweltgerechten Landwirtschaft und Ernährungsindustrie.

Lifestyle | Essen & Trinken, 23.07.2019

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