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Für jeden Fall gut verpackt

Outdoor, Verpackungsmüll und Plastik-Recycling

Beim Transport von Berg- und Outdoor-Sportbekleidung von den Produktionsstätten in Fernost bis zum Kunden entstehen Berge von Einweg-Verpackungsmüll. Das Recycling der gesammelten „Wertstoffe" funktioniert nicht wie geplant. forum zeigt: Wo liegen die größten Probleme, wo mögliche Lösungen?
 
Beim Transport von Berg- und Outdoor-Sportbekleidung von den Produktionsstätten in Fernost bis zum Kunden entstehen Berge von Einweg-Verpackungsmüll. © PHOTOPRESS, Mammut, Corey RichEs ist kaum zu glauben: „Da werden hochwertige, extrem robuste Hightech-Jacken oder -Hosen für Hardcore-Einsätze an den wildesten Wänden der Alpen oder die entlegensten Gebiete der Welt gemacht, dann aber für den Transport so eingepackt, als wären es rohe Eier." Christoph Haas, in einem Ulmer Sportgeschäft verantwortlich für den Bereich Berg- und Outdoor-Sport, ärgert die umfangreiche Verpackung gerade in diesem Segment schon lange: „Jeder einzelne Zipper und Druckknopf ist in Seidenpapier eingewickelt, womöglich noch mit Tesafilm drum herum. Jeder gefaltete Ärmel ist mit Trennmaterial wie Seidenpapier, Karton oder Plastikfolie unterlegt. Vorgeformte Kartons oder Plastikeinlagen stützen die Krägen, Plastikklammern sorgen für die korrekte Faltung von Ärmeln oder Kapuze, und jede Jacke oder Hose kommt in einer eigenen großen Plastikhülle daher. Man muss sich anschauen, was jeweils beim Saisonwechsel an Verpackungsmüll zusammenkommt! Noch mehr davon fällt in der Warenanlieferung unseres Zentrallagers an, wo alles in Großgebinden auf plastikumhüllten Paletten und in Großkartons angeliefert wird!" Haas hält Trennpapier für überflüssig, da es oft verrutscht. Auch für die vielen Hangtags (Infoschildchen) an den Produkten gebe es bessere Lösungen: „Oft baumeln fünf, sechs bedruckte, oft sogar noch plastifizierte Schildchen mit Hängeösen und Faden am Produkt, um über Zertifikate und Nachhaltigkeitssiegel zu informieren. Einige Firmen nutzen dafür wenigstens dickes Recyclingpapier. Eigentlich braucht man das nicht, weil in guten Fachsportgeschäften bei einer persönlichen Beratung direkt informiert werden kann. Kunden, die keine Fachberatung wollen, reicht ein Quellcode mit den hinterlegten Infos oder sie lesen die Infos im Internet."
 
Zählt wirklich jeder Kratzer?
Mit den anfallenden Mengen an Verpackungsplastik und Kartonagen hadert auch Hubert Sauter, der Geschäftsführer des kleinen Ausrüstungsspezialisten Bergsport Maxi in Kempten. Er betont aber auch, dass eine gute Transportverpackung erforderlich sei, um Kratzer an der Ware zu vermeiden: „Es gibt Kunden, die jeden kleinen Kratzer nutzen, um eine Preisreduktion herauszuschlagen." Selbst bei Skitourenbindungen habe er das schon erlebt. Offensichtlich passt das nicht zusammen: Einerseits ist die Outdoor-Branche in Sachen Nachhaltigkeitsbemühungen anderen Branchen in vielen Bereichen voraus. Andererseits fallen durch die Transportverpackungen enorme Müllmengen an. Haas kann unter den Marken, mit denen er zu tun hat, auf Anhieb keine Firma nennen, die ihm hier positiv auffallen würde: „Gerade die Firmen, die für ihr Nachhaltigkeitsengagement bekannt sind, sind es beim Thema Verpackung oft nicht." Sauter sagt, dass ihm diesbezüglich die amerikanische Firma Prana (Kletter-, Yoga- und Surfmode) gefalle, bei der sich die konsequente Nachhaltigkeits-Firmenphilosophie auch bei der Verpackung und beim Versand zeige.
 
Herausforderung für Einzel- und Onlinehandel zugleich
Jeder einzelne Zipper und Druckknopf ist in Seidenpapier eingewickelt. Jeder gefaltete Ärmel ist mit Trennmaterial wie Seidenpapier, Karton oder Plastikfolie unterlegt. © Christoph HaasBeim stark zunehmenden Onlinehandel bereitet den Unternehmen die hohe Retourenquote Sorgen. Wenn das Produkt nicht passt, wird es vom Kunden im Lieferkarton zurückgeschickt, worauf es im besten Fall frisch verpackt an den nächsten Kunden verschickt wird. Mehrweg-Transportboxen könnten im gesamten Kreislauf des Sportfachhandels eine gute Lösung sein. Dieser Ansatz wird derzeit in einem vom BSI, dem Bundesverband der Sportartikelindustrie, finanzierten Projekt untersucht.
 
„Gelöst sind die Transport- und Verpackungsprobleme der Branche trotz aller Bemühungen noch nicht", sagt Hilke Patzwall, Senior-Nachhaltigkeitsmanagerin bei Vaude. Damit sich beim Transport der Bekleidung aus den Produktionsstätten in Asien trotz der hohen Temperaturunterschiede mit Kondenswasserbildung kein Schimmel an den Textilien bildet, werde jedes einzelne Teil in eine Plastikhülle gehüllt und stark zusammengepresst in großen, geschlossenen Containern verschickt. Eine Studie von Patagonia habe ergeben, dass ohne diese Plastikverpackung bei der Verschiffung mit bis zu 30 Prozent Verlust gerechnet werden müsste. Auch an der Einzelverpackung kommt der Handel bislang meist nicht vorbei: Die Speditionen und die Lagerlogistik der Firmen können mit einzeln verpackten Produkten besser arbeiten und diese mit einem individuellen Barcode-Etikett und später mit einer firmeninternen Artikel- und Lagernummer ausstatten. Deshalb werden Einzelverpackungen von vielen Fachhändlern ausdrücklich verlangt.
 
Biobasierte Kunststoffe und Recycling-Realität
Das Nachhaltigkeitsthema Verpackung ist so komplex und wichtig für die gesamte Branche, dass sich Mitglieder der EOG (European Outdoor Group) wie Bergans, Ortovox, Mammut, Marmot, Vaude, Globetrotter, Bergzeit und einige reine Internetstores zur EOG-Arbeitsgruppe Verpackung zusammengeschlossen haben. Seit November 2018 leitet diese der eigens dafür eingestellte Projektmanager Scott Nelson. Nelson bringt langjährige Erfahrungen als Nachhaltigkeitsmanager bei Apple und als Projektmanager bei Patagonia mit. Auf die ersten Ziele und Schritte zur Umsetzung, die bis Ende 2019 formuliert sein sollen, darf man gespannt sein… Wie nachhaltig Verpackungsmaterialien tatsächlich sind, ist nicht leicht zu beantworten. Beispielsweise kommen biobasierte Kunststoffe für Einweg-Transporthüllen für viele Firmen gemäß den Empfehlungen des WWF nur in Frage, wenn diese nicht in Konkurrenz stehen zur Produktion und zur Anbaufläche von Nahrungsmitteln. Auch Transportverpackungen aus genmanipulierter Biomasse lehnen viele Firmen ab. Anders mag es künftig vielleicht mit Abfällen aus der Lebensmittelindustrie aussehen, wenn diese mit sinnvoller Ökobilanz in biobasierte Verpackungen verwandelt werden können. Verpackungen aus sogenannten „kompostierbaren" Kunststoffen sind theoretisch zwar biologisch abbaubar, aber nur unter industriellen Kompostierbedingungen mit hohen Temperaturen ohne Sauerstoffzufuhr, nicht in einfachen kommunalen Anlagen oder gar daheim auf dem Kompost. Der Teufel liegt also im Detail.
 
Von der Flasche zur Tasche
Das Dilemma: Eine gute Transportverpackung ist erforderlich, um Beschädigungen an der Ware zu vermeiden. Es gibt Kunden, die jeden ­kleinen Kratzer nutzen, um eine Preisreduktion herauszuschlagen. Eine Herausforderung für Online- und Einzelhandel zugleich. © Christoph HaasFür die großen Mengen an sortenreinen PET-Flaschen, die nicht recycelt werden zum wiederverwendbaren hochwertigen Recycling-Polyestergranulat, gibt es bereits vielversprechende Technologien zur Depolymerisation, bei der PET komplett in seine chemischen Bestandteile zerlegt wird. Es gibt auch Enzyme, die Kunststoffe auf Polylactid-Basis in kurzer Zeit komplett auflösen können. In diesem Zusammenhang interessant ist auch das vor Kurzem auf der ISPO-Messe in München vorgestellte und als Nachhaltigkeitsinnovation prämierte „Primaloft Bio". Dabei handelt es sich um die weltweit ersten synthetischen Isolations- und Funktionsstoffe aus 100 Prozent Recycling-Polyester. Dank einer speziellen Ausrüstung der Fasern können diese unter Bedingungen, wie sie in einer Mülldeponie oder im Meerwasser vorkommen, von Mikroben im Vergleich zu Standard-Polyester in vergleichsweise kurzer Zeit abgebaut werden. Die ersten Produkte mehrerer Marken sollen im Herbst/Winter 2020 auf den Markt kommen. Dies lässt hoffen, dass damit künftig auch Kunststoffe und Folien auf Polyester-Basis für Verpackungen ausgerüstet werden könnten.
 
Von Deutschland nach irgendwo
Wie dem Spiegel-Titelthema „Mogelpackung – Von wegen Vorreiter: Deutschlands Recycling-System ist Müll" vom 19.1.2019 und weiteren Medienberichten zu entnehmen war, zielen die Anstrengungen der fleißigen deutschen Müllsammler ins Leere. Der Großteil der auf den „Wertstoffhöfen" gesammelten Kunststoffe und sortenreinen PET-Flaschen wird demnach nicht recycelt, sondern verbrannt oder zusammen mit nicht sortenreinem oder verschmutztem Plastikmüll in Länder wie (früher) China, jetzt vor allem Malaysia, Vietnam und Rumänien verschifft. Experten und selbst Behörden bezweifeln die publizierten Recycling-Quoten unseres Plastikmülls von mindestens 36 Prozent aufgrund falscher Ausgangszahlen. Vorgeschrieben wären laut neuem Verpackungsgesetz 58,5 Prozent (siehe unten und auch forum Ausgabe 1/2019).
 
Der deutsche und europäische Müll wird in diesen Ländern weitgehend unkontrolliert „entsorgt". Das Problem: Unser Müll ist ein Milliardengeschäft, das neben seriösen Unternehmen Glücksritter anzieht und zur Gründung vieler „Recycling-Unternehmen" führt, die den verschmutzen Plastikmüll in immer mehr wilden Deponien anhäufen oder verbrennen, wobei zahlreiche Giftstoffe und giftige Kunststoff-Additive, wie Bisphenol A oder Weichmacher (Phtalate) freigesetzt werden. Dabei ist nach mehreren Umweltskandalen der Export von Umweltgiften in andere Länder seit 1989 in der Baseler Konvention, einem internationalen Umweltabkommen, verpflichtend geregelt. Eine Auflage lautet, dass die Herkunftsländer sicherstellen müssen, dass ihr Müll im Zielland weder die Gesundheit von Menschen noch die Umwelt gefährdet. Wenn das nicht möglich ist, muss der Abfall-Export in dieses Land reguliert oder sogar untersagt werden. Der Export schmutzigen Mülls ist, unkontrolliert, ein schmutziges Geschäft – und strafbar.
 
Mikroplastik – auch ein Thema für Outdoor-Marken
Über die Folgen von Plastikmüll und Mikroplastik in der Umwelt wird seit einiger Zeit viel publiziert, weil inzwischen ein Großteil der Fische, Meeressäugetiere, Muscheln und selbst Gewässer in entlegensten Regionen damit verseucht ist. In Leitungs- und Mineralwasser sowie in Salz, Bier oder Honig und vor Kurzem sogar im menschlichen Kot (bei allen Probanden einer Pilotstudie) wurden Plastikpartikel nachgewiesen. Wie Toxikologen festgestellt haben, können Mikro- und Nanoplastikpartikel über die Atmung in den menschlichen Organismus gelangen. Nanopartikel müssten wegen ihrer minimalen Größe auch Zellwände durchdringen können. Was sie dort anrichten, ist noch nicht erforscht. Seit 2017 finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung allein zum Themenkomplex „Plastik in der Umwelt" 18 interdisziplinäre Forschungsprojekte, an denen auch Outdoor- Firmen wie Adidas, Polartec und Vaude beteiligt sind. Mikroplastik ist jedenfalls auch ein wichtiges, komplexes Thema für die Outdoor-Branche, zumal beim Waschen von Outdoor-Textilien wie Polyesterfleece nachweislich viele Mikropartikel in die Kläranlagen und in die Umwelt gelangen. Gerade in diesem Bereich gibt es spannende Entwicklungen und preisgekrönte Neuheiten über die forum laufend print und online berichtet.
 
Papier ist geduldig
Seit dem 1. Januar 2019 gilt das neue Verpackungsgesetz. Es löst die bisherige Verpackungsverordnung ab, soll mehr Transparenz und Fairness im Markt der Verpackungsentsorgung schaffen und gleichzeitig zu höheren Recycling-Quoten führen. Die meisten Pflichten bleiben gleich: Wer befüllte Verpackungen in Verkehr bringt, die beim privaten Endverbraucher als Abfall anfallen – Hersteller, Händler, E-Bay-Verkäufer oder Importeure –, muss für die Entsorgung und das Recycling seiner Verpackungen sorgen. Neu ist, dass die betroffenen Unternehmen sich im Zentralen Verpackungsregister Lucid registrieren müssen. Darüber hinaus sind mindestens einmal pro Jahr differenzierte Meldungen zu den in Verkehr gebrachten Verpackungsmengen abzugeben. Sonst drohen Geldbußen bis zu 200.000 Euro. Das war bei der Verpackungsverordnung auch schon der Fall, funktionierte aber nicht. „Rund ein Drittel der Leichtverpackungen aus Plastik oder Alu sowie die Hälfte der Papierverpackungen wurden nicht angemeldet", sagt Gunda Rachut, die Vorstandsvorsitzende der Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister. Zudem haben sich nicht alle Hersteller finanziell an der Entsorgung beteiligt. Das soll sich nun durch die verpflichtende Registrierung ändern. Künftig sollen für leicht recycling-fähige Verpackungen die Kosten geringer ausfallen als für nicht recycling-fähige Produkte.
 
Abfallexperten, Umweltverbände und Verbraucherzentralen forderten jedoch schon vor der Verabschiedung des Gesetzes strenge staatliche Kontrollen und angemessene Geldstrafen. Denn die Kontrolle über die Arten der Verpackungen und die jeweils abgelieferten Mengen soll schon seit langer Zeit durch die diversen dualen Systeme erfolgen, was bislang jedoch eher zur Meldung extremer „Verluste" führte…
 
Gaby Funk arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Berg- und Reisejournalismus und Ausrüstung. Zudem ist sie Übersetzerin und mehrfache Buchautorin. Schon seit vielen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit dem Themenkomplex „Nachhaltigkeit in der Outdoorindustrie".

Umwelt | Ressourcen, 01.06.2019
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2019 - Afrika – Kontinent der Entscheidung erschienen.
     
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