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Politik mit Messer und Gabel

Wir haben es in der Hand: Ein bewusster Genuss fördert eine verträgliche Landwirtschaft.

Eine neue Esskultur fördert Gesundheit, Lebensqualität, Klima- und Artenschutz und nicht zuletzt einen natürlichen Genuss. Die Städte von morgen und ihre BewohnerInnen werden damit aktiv in die Landwirtschaftspolitik der Zukunft eingreifen.

Wir haben es in der Hand: Ein bewusster Genuss fördert eine verträgliche Landwirtschaft. © LaSelvaVor zwanzig Jahren noch erschien die staatliche Agrar- und Lebensmittelpolitik für die breite Öffentlichkeit als ein Buch mit sieben Siegeln. Es hieß, damit würde erfolgreich eine wachsende Weltbevölkerung ernährt. Dahinter aber verbargen sich Milliarden von Euro an Subventionen, ein enorm wachsender Chemieeinsatz sowie der zunehmende Raubbau an biologischer Vielfalt und fruchtbaren Böden. Die globale Konzentration von Saatgut- und Chemiekonzernen war rasant und mündet aktuell in eine mögliche Fusion von Bayer und Monsanto. Drei bis vier Konzerne haben weltweit den Daumen auf Saatgut und Chemie. Sie haben die Patente für unsere Ernährung und damit unser Leben in der Hand – Regierungen und Kommissionen ziehen die Köpfe ein. 

Und genau die, welche gutes bäuerliches Handwerk mit Worten und großformatigen Werbeanzeigen beschwören, tragen durch Nichtstun und falsche Weichenstellungen  zu seinem Niedergang und zur Essenseinfalt bei. Der Verlust genetischer Vielfalt und die Zunahme ernährungsbedingter chronischer Erkrankungen ist das Ergebnis dieser jahrzehnte­langen Methode.

Nahrung als Klimakiller
Die Landwirtschaft, also die Art wie unser Essen produziert wird, ist Teil der Ursachen für den Klimawandel. Dieser schreitet immer schneller voran, Inseln und Städte werden verschwinden, Millionen Menschen wurden schon zu Klima- und Hungerflüchtlingen. Es ist Zeit, endlich zu handeln und den Kampf um gute und faire Lebensmittel als zentrale Aufgabe zu begreifen. Es geht um die Pariser Klimaziele; diese sind nicht trivial, sondern existenziell. Es geht um genetische Vielfalt als unsere Lebensgrundlage. Es geht um das Aufbrechen globaler Machtstrukturen von Unternehmen, denen Profit und kurzfristige Interessen der Aktieninhaber über Allen und Allem stehen. Und es geht... um unsere individuelle Gesundheit und unser Geld!

Wer soll das bezahlen?
Doch was sind die wahren Kosten unserer Lebensmittel, wenn wir die Auswirkungen der internationalen Agrar- und Chemieindustrie und die der Massentierhaltung  für Klima, Böden, Wasser und Biodiversität mit einberechnen (siehe Beitrag „True Cost Accounting – Was unser Essen wirklich kostet" in forum 4/16)?

Was sind die gesundheitlichen Folgen des Konsums von hochverarbeiteten Lebensmitteln mit zu viel Zucker, Fett und Salz und wer bewertet die sozialen und finanziellen Auswirkungen?

Warum werden  in der öffentlichen Beschaffung  jährlich Milliarden Euros für nicht nachhaltige Produkte ausgegeben, wenn deren negative Folgewirkungen auf Gesundheit und Umwelt allenfalls ansatzweise mit millionenschweren Programmen aus öffentlichen Mitteln kompensiert werden können?

Wir haben es satt
Wir haben es satt: Bauern und Städter demonstrieren in Berlin gemeinsam gegen eine weitere Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion. © Wir-haben-es-satt.de Die aufgezeigten Schwachstellen belegen: Es geht nicht mehr nur um einzelne, isolierte Initiativen und Alternativen, es geht um unsere Zukunft. Deshalb regt sich Widerstand! So ist eine Bewegung für gute Lebensmittel entstanden, für die ich wegen ihrer Internationalität das englische Wort  „foodmovement" benutzen will. So zelebrierten und repräsentierten etwa im letzten Herbst eine halbe Million Slow Food Anhänger diese neue Bewegung auf der Terra Madre in Turin. Was immer deren Motiv ist: Umweltgruppen, Eltern, Kinderärzte, Gourmets und Köche, Landwirte, Gärtner, Imker und Stadtplaner, Restaurants, sogar Kantinen und Mensen, sowie kommunale, nationale  und europäische Politiker –  immer mehr Akteure schieben das Thema ins Zentrum und gewinnen eine Macht, derer sie sich noch nicht ganz bewusst sind.

Das Lebensmitteljahr in der Hauptstadt Berlin beginnt nicht mehr allein mit der so genannten Internationalen Grünen Woche, einer Art Leistungs- und „Fressschau" vergangener Prägung. Nein, die erste Demonstration läuft unter dem Titel „Wir haben es satt" durch das Regierungsviertel. Und genau da läuft sie am richtigen Ort. 

Nicht nur an diesem Tag, das ganze Jahr über organisieren und engagieren sich die StädterInnen für eine neue Ernährungskultur. Alte Markthallen und Marktplätze erwachen zu neuem Leben und verbinden die Kunden in der Stadt mit den Produzenten auf dem Lande. Die Essensvielfalt nimmt wieder zu. Startups in Lebensmittelherstellung und Handel schießen aus dem Boden. Der Einzelhandel stellt sich um und setzt verstärkt auf regionale und  saisonale Produkte von lokalen Produzenten. Der Bauer kommt wieder näher zum Verbraucher und Bio ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Menschen haben genug von Produkten, in denen kein Leben mehr ist, die dafür aber mit langen, unverständlichen Zutatenlisten glänzen.

Immer mehr Eltern kämpfen um gute Ernährung in Kindergarten und Schule. Neue aufregende Restaurants sprießen aus dem Boden, Misfits – also Gemüse, das nicht der Schönheitsnorm entspricht – schaffen köstliche Buffets und türkischstämmige Akteure organisieren ein Kebabistan.  Die Menschen in der Stadt suchen wieder Kontakt zu Nahrungsmitteln und so ziehen „Urban Gardeners" ihr eigenes Gemüse und „Urban Agriculture"  schafft grüne Oasen in der Stadt.  StädterInnen verbinden sich mit Bauern und unterstützen eine solidarische Landwirtschaft (Solawi). Ihr Motto lautet: „Wenn die Agrarindustrie uns keine Vielfalt und Qualität liefert, schaffen wir sie uns eben selbst." So verbinden sich Stadt und Land, die Entfremdung zwischen Konsument und Produzent, die uns Industrie und Globalisierung brachten, wird aufgehoben.

Vom Teller zum Acker
Gärten statt Grünflächen: Kinder sind begeistert über den Kontakt zu Lebensmitteln. © AckerdemieJetzt geht es also endlich andersrum. In Zukunft wird die Lebensmittel- und Agrarpolitik in den Städten und von den BürgerInnen entschieden. Das ist gut so, denn die Weltbevölkerung lebt in wenigen Jahrzehnten zu 80 Prozent in den Städten. Das wird eine große Herausforderung, insbesondere in den asiatischen Megacitys und insbesondere da, wo heute schon Hunger und Unterernährung herrschen. Es ist die große Chance für das wachsende „foodmovement", jetzt die Weichen zu stellen, für eine wirklich nachhaltige Ernährung der Stadt und damit eine nachhaltige, ökologische Landbewirtschaftung und Tierhaltung. Nun heißt es: Rückverfolgen, wie und wo mein Essen produziert wurde – vom Teller zum Acker. Wissen, was drin ist! Die StädterInnen haben längst begonnen, sich dieser Aufgabe anzunehmen. Wir kennen schon lange die Agenda-21-Bewegung und etwas neuer die Transition Towns oder Edible cities. Was wir nun aber brauchen, ist  ein systematischer Ansatz. Ein gemeinsames Vorgehen, ein sich Aufstellen von Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik. Bei uns in Deutschland ist das noch ein zartes Pflänzchen, in Städten wie Toronto, Vancouver, Brighton und vielen anderen hat man schon lange begonnen, gemeinsam die Ernährung zur Planungsaufgabe der Kommunen und ihrer verschiedenen Ressorts zu machen.

Stadtlandschaft wird foodscape
Ja, Städte müssen für Gesundheit und Lebensqualität, für Attraktivität und Energieeffizienz sorgen. Ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel ist dabei die nachhaltige Ernährung der Bewohner. Diesen Aspekt müssen die Verantwortlichen in ihre grundlegende Planungsarbeit aufnehmen und insgesamt eine Stadtlandschaft aufbauen, die einem ganzheitlichen Ansatz folgt.

Warum war uns das nicht früher klar, dass landscape und foodscape zusammengehörende Puzzleteile von Land und Stadt sind, dass das eine das andere bestimmt? Es ist allerhöchste Zeit, den Weg nun systematisch zu beschreiten. Als Erstes braucht es eine Strategie zur gesunden öffentlichen Ernährung in Kindergärten, Schulen, Mensen, Kantinen, Altenheimen, Krankenhäusern (!) und Museen. Dann muss die Stadt  bezahlbaren Raum organisieren für eine Vielfalt von Anbietern. Gastronomie, Hotellerie und Tourismus sind einzubeziehen und zu unterstützen. Zur Infrastruktur einer modernen, anziehenden Stadt auch für Facharbeitskräfte  gehören der öffentliche Verkehr, gute Schulen, beste Gesundheitseinrichtungen und eben auch ein brillantes Ernährungsangebot. Öffentliche Ausschreibungen müssen deshalb neu ausgerichtet werden und eine Vorbildwirkung für Nachhaltigkeit zeigen. Es reicht nicht aus, weiter an Runden Tischen zu reden. Die vielen Ideen müssen auch umgesetzt werden. Noch fehlt es am Mut, das alles gegen die alten Lobbygruppen durchzusetzen, doch die Zeit der freiwilligen Vereinbarungen und geduldigen Papierkonzepte ist vorbei.

Welche Städte gehen voran?
Im Herbst 2015 unterzeichnete das Land Berlin in Mailand gemeinsam mit mehr als 100 Städten aus aller Welt feierlich den „Milan Urban Food Policy Pact" und versprach damit, eine umfassende städtische Ernährungspolitik voranzutreiben und regionale Ernährungssysteme nachhaltiger zu gestalten. Unterstützung findet Berlin beim „Ernährungsrat Berlin" und dem „Forum für gutes Essen", die die Verwaltung beraten und Akteure vernetzen. Berlin soll zudem eine „Essbare Stadt" werden und bietet mit Urban Gardening, Kleingärten und interkulturellen Gärten ein weiteres Puzzleteil.

Die Stadt ist voll mit klugen Essern, einem starken „foodmovement" und Herstellern, die Ideen für die nächste Generation Bio austüfteln. Menschen, die kreativ sind und angefangen haben, Stadt und Land zu beiderseitigem Nutzen zu verbinden. Ich bin guten Mutes, dass Berlin vorangeht, sich in den Wettbewerb der Städte begibt, die ihren Beitrag gegen den Klimawandel und den Verlust an Artenvielfalt leisten und denen gesunde Bürger und ein gesundes Umland ein Anliegen sind.

Wir haben die Wahl
Bei  den nächsten  Wahlen in Deutschland muss Ernährung eine große Rolle spielen, bei den EU-Wahlen sowieso. Spätestens bei der EU-Agrarreform im Jahr 2020  sollten die Städte laut mitmischen und sich weigern, nur in Zeiten der Absatzschwäche die Adressaten von Milch- oder Schulobstprogrammen zu sein. Zukünftig werden die StädterInnen zu jeder Zeit und in jedem Kontext Ernährungs-, Agrar- und Klimapolitik machen. „Öffentliches Geld nur für öffentliche Interessen" heißt ihr Leitsatz. Und wenn sich die Agrar- und Chemiekonzerne wehren, erinnern wir uns: Die Energiekonzerne taten das anfangs auch.

Das wird was! Stadt macht Agrarpolitik. Foodscape macht Landscape. Mit Messer und Gabel gegen den Klimawandel. Es wird allerhöchste Zeit dafür und unser „Wir haben es satt!" sollte mindestens so selbstbewusst durch Städte und Dörfer klingen wie das „Atomkraft – Nein danke!".

www.biostaedte.de | www. speiseraeume.de | www.wir-haben-es-satt.de | www.people4soil.eu | www.slowfood.de

Renate Künast ist Mitglied des Deutschen Bundestages und war Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Sie will, dass wir die Souveränität über Lebensmittel zurückgewinnen und unsere Lebensgrundlagen schützen.
Gesellschaft | Politik, 25.01.2017
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 01/2017 - And the winner is... erschienen.
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