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Christoph Quarch

Die Arglist der Vernunft

Trump, Erdogan, Pegida: Wie es kommt, dass die freie Marktwirtschaft in die Diktatur des Proletariats umschlägt.

In seiner Geschichtsphilosophie handelt Georg Wilhelm Friedrich Hegel von dem, was er die „List der Vernunft" nennt: Der Weltgeist nutze zuweilen ihm eigentlich fremde Medien wie Leidenschaften oder Emotionen, um zuletzt das von ihm intendierte Ziel zu erreichen – die Bewusstwerdung seiner eigenen Freiheit. So dachte der Denker vor zweihundert Jahren. Heute lässt sich ein gegenteiliges Phänomen beobachten. Man könnte es die »Arglist der Vernunft« nennen: als wolle der Weltgeist die Vernunft bloßstellen, indem er sie ausgerechnet das Ziel erreichen lässt, das sie am wenigsten wollte. Nahe liegt der Gedanke zumindest im Blick auf eine besondere Spielart der Vernunft: die ökonomische Ratio. Denn tatsächlich müssen wir gegenwärtig beobachten, das die globale Entfesselung der ökonomischen Rationalität das Gegenteil von dem bewirkt, was – zumindest einige ihrer Verfechter – in Aussicht stellen: nicht Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität, sondern die Diktatur des Proletariats.

Feinde des Geistes
Der Philosoph Christoph Quarch schreibt regelmäßig für forum Nachhaltig WirtschaftenSehen wir uns um im Herbst des Jahres 2016: Donald Trump in den USA, Erdogan in der Türkei, Orban in Ungarn, Frauke Petri und Lutz Bachmann in Deutschland. So unterschiedlich die Gestalten sind, eint sie doch eines: Sie alle sind die Stars eines Bildungsproletariates, dessen geistiges Niveau gegen Null tendiert, und das sich gleichwohl anschickt, über die Geschicke eines Landes bestimmen zu wollen. Kein Wunder, dass sie alle ausgemachte Feinde dessen sind, was man traditionell Geist zu nennen pflegte.

Was ist der Geist? Geist ist das, was Menschen wahrhaft Mensch sein lässt – was sie begeistert und dazu bewegt, sich innerlich zu öffnen und zu wachsen. Der Geist ist jene wunderbare Kraft, die Kreativität ermöglicht; ohne die eine Kultur unmöglich wäre. Wo der Geist gepflegt und gefördert wird, erblüht der Mensch und schafft sich eine Welt – so wie es einst in Griechenland oder in der Renaissance geschah, oder um das Jahr 1800 und in den Jahren nach den Weltkriegen. Wenn der Geist entfesselt ist, blühen Freiheit und Gerechtigkeit, dann kommt eine Kultur zur Reife.

Wir träumten einst den Traum, die freie Marktwirtschaft werde die Menschheit diesem Zustand näherbringen. So dachte Adam Smith und so lehren es noch heute führende Ökonomen. Als würde der freie Markt unweigerlich einen Zuwachs an politischer Freiheit und Lebensqualität mit sich bringen. Inzwischen gibt es reichlich Beispiele – von China bis Saudi Arabien –, die beweisen, dass dieser Traum pure Fiktion ist. Der Grund dafür ist schnell benannt: Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit wachsen nur, wo der Geist gepflegt wird. Sie gibt es nicht unter dem Dach von Regimen, die sich dem Geist verschließen. Sie gibt es nur, wo der Geist gezielt gefördert wird.

Bildung zum Geiste
Und das geschieht durch Bildung. Nur darf man dieses Wort nicht falsch verstehen – nicht so, wie es die Sachwalter des Ökonomismus deuten: als Ausbildung bzw. Zubereitung für den Arbeitsmarkt. Bildung ist nicht kognitive Wissensvermittlung, sondern Bildung ist die Einverleibung des Geistes. Bildung, die diesen Namen verdient, zielt darauf, Menschen in die Lage zu versetzen, mit der Welt und ihren Mitmenschen ins Gespräch zu kommen: zu hören, zu antworten, Perspektivwechsel zu vollziehen, geistig beweglich zu bleiben, andere Sichtweisen gelten zu lassen – all das, was nicht stattfindet, wenn der Geist erloschen oder unterdrückt ist.

Und das geschieht nun auch bei uns. Nicht nur in China und Saudi Arabien, nicht nur in Ungarn oder in der Türkei. Nein, auch in den USA und in Deutschland. Und warum? Wegen der Arglist der Vernunft, die es womöglich darauf abgesehen hat, die ökonomische Ratio ad absurdum zu führen. Wie das? Indem sie ein banales aber wirkungsvolles Gesetz erlassen hat, in dessen Folge die Entfesselung der freien Marktwirtschaft die Diktatur des Bildungsproletariats heraufbeschwört. Und das geht so:

Das Niveau geht ständig runter
Die Marktwirtschaft braucht Konsumenten. Je mehr es davon gibt, desto besser. Jedes Unternehmen möchte viele Kunden. Um Kunden zu gewinnen,  muss man diese – wie man so sagt – da abholen, wo sie sind. Und zwar dort, wo sie in der Breite sind. Wer es auf großen Konsum angelegt sein lässt, nimmt nicht Maß an der Elite, sondern am anderen Ende der sozialen Skala. Man bedient die einfachen Gemüter und senkt das Kommunikationsniveau kontinuierlich ab. Ganz unten ist der Sockel der Pyramide am breitesten. Da erwartet man den größten Gewinn – und trägt somit munter bei zur Volksverdummung: Das ist nicht nur in den Medien so, sondern auch im Einzelhandel und eigentlich überall. Das Niveau geht ständig runter. Bis zu dem Tag, an dem Dummheit und Ignoranz sich hoffähig fühlen.

Das ist dann die Stunde der Trumps und Petris dieser Welt: die Stunde derer, in denen sich das Bildungsproletariat erkennt und feiert. Dessen Triumph ist die logische Konsequenz einer ungebremsten Ökonomisierung der Welt, die blind für den Geist ist und folglich auch nichts dafür tut, in Bildung und Kultur zu investieren. Ganz so, wie es seit den 1990er Jahren weltweit geschehen ist: Wir haben die Märkte entfesselt, wir haben uns einreden lassen, sie allein würden die Welt zum Guten entwickeln, wir haben daraufhin die Bildungs- und Kulturetats reduziert und ein Bildungsproletariat stark gemacht, das nunmehr nach der Diktatur greift.

Kultur statt Bespaßung
Und wir, wir stehen entgeistert davor oder fühlen uns von allen guten Geistern verlassen – und werden es bald sein, wenn wir die Trumps und Pegidas gewähren lassen; wenn eine AfD ihren geistfeindlichem Feldzug gegen die öffentlich rechtlichen Medien und die »Lügenpresse« fortsetzen darf. Dann wird die Diktatur der Dummheit um sich greifen, und die schönen Verheißungen der freien Welt infolge eines freien Marktes wird endgültig als Illusion entlarvt sein. Die Arglist der Vernunft führt in die totale Irrationalität – vielleicht um die Menschen so wieder zur Vernunft kommen zu lassen.

Wir sollten das nicht als Schicksal hinnehmen. Noch ist es nicht zu spät, die List zu durchschauen und den Geist wieder zur Geltung zu bringen. Wir müssen dringend gegensteuern. Wir – das sind wir alle: Bürgerinnen, Bürger, Unternehmen, Medien, Politik. Wir müssen alle Kraft darauf verwenden, Kultur zu schaffen, Geist zu fördern. Nur so lässt sich dem Ungeist wehren, der vor allem in Ostdeutschland grassiert. Wir brauchen Bildung – echte Bildung, politische Bildung, Kulturförderung, geistige Inspiration. Hier stehen auch Unternehmen in der Pflicht. Allein mit immer neuen Coachings, neuen Optimierungen, neuen Technologien werden wir keinen Geist in die Welt tragen. Bildungsangebote statt Incentives, Kulturveranstaltungen statt Bespaßungsevents. Der Geist kennt viele Wege, wenn man ihn nur zulässt. Und letztlich wird es allen gut tun, wenn neben dem materiellen auch der Geistreichtum zu uns zurückkehrt.

Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Seit ihm als junger Mann ein Büchlein mit »Platons Meisterdialogen« in die Hand fiel, beseelt ihn eine glühende Liebe (philia) zur Weisheit (sophia), die er als Weg zu einem erfüllten und lebendigen Leben versteht. Als Autor, Publizist, Berater und Seminarleiter greift er auf die großen Werke der abendländischen Philosophen zurück, um diese in eine zeitgemäße Lebenskunst und Weltdeutung zu übersetzen."
Lesen Sie mehr von ihm unter www.christophquarch.de

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2016 - Klima, Krieg und gute Taten erschienen.

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