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Schatten der Marktwirtschaft

Die Bedrohung durch den Marktfundamentalismus

Kann eine Gemeinschaft funktionieren, wenn sie auf das Prinzip der egoistischen Vorteilsnahme aufgebaut ist? Der völlig freie Markt führt langfristig zu Monopolen, die die Konkurrenz ausschalten. Das erklärte Ziel muss daher sein, aus einer „Machtwirtschaft" eine soziale Marktwirtschaft zu machen und Kooperationen über Konkurrenz zu stellen.

147 Konzerne kontrollieren die Weltwirtschaft. Das Ergebnis: die Konkurrenz wird ausgeschaltet und das Gefälle zwischen Arm und Reich wird immer größer. © Marcin JozwiakDie Marktwirtschaft besagt zunächst: Was produziert und konsumiert wird, soll von keiner Behörde von oben herab geplant und dirigiert, sondern durch die freie Entscheidung der einzelnen Individuen gesteuert werden. Dies ist einleuchtend. Doch in der Marktwirtschaft ist diese Regel mit einer bestimmten Grundannahme verbunden, die auf Adam Smith zurück geht. Es ist die Annahme: Wenn jeder in Freiheit seinen größtmöglichen eigenen Vorteil zu verwirklichen sucht, dann stellt sich wie durch eine „unsichtbare Hand" der größtmögliche Nutzen für die Allgemeinheit ein. Die Erklärung dafür erscheint ebenfalls zunächst einleuchtend, dass nämlich der Egoismus den Einzelnen dazu motiviert, mehr zu leisten und kreativer zu sein, woraus in einer arbeitsteiligen Gesellschaft auch die Allgemeinheit einen Vorteil ziehe.

Gerechtigkeit durch kollektiven Egoismus?
Das scheint eine geniale Lösung zu sein: Niemand braucht sein egoistisches Verhalten zu ändern oder sich Vorwürfe darüber zu machen, niemand muss sich um Gerechtigkeit bemühen. Das Zusammenprallen der Egoismen aller sorgt schon von alleine dafür, dass der Egoismus von keinem Einzelnen überborden und gemeinschaftsschädlich wirken kann. Mehr noch, es sorgt für den größtmöglichen Wohlstand. So möchte der Unternehmer aus Eigennutz möglichst billig produzieren und möglichst teuer verkaufen. Da jedoch die Verbraucher bei seiner Konkurrenz einkaufen, sobald hier die Produkte billiger angeboten werden, ist er gezwungen, von seinem Gewinn etwas abzugeben und zu einem gerechten Preis zu verkaufen. Der gerechte Preis ist in der freien Marktwirtschaft derjenige, der sich durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage auf dem freien Markt von alleine ergibt. Verteilungsgerechtigkeit wird demnach nicht durch ein bewusstes Wollen erreicht, sondern nur dadurch, dass die Einzelnen ihre egoistischen Einzelinteressen verfolgen. Sie wird insbesondere nicht durch gemeinsame Absprache erreicht, sondern durch ein unabgesprochenes, anonymes Aufeinandertreffen der einzelnen Aktivitäten.

Der Egoismus als Tugend
Egoismus und Konkurrenzstreben werden dadurch im Bereich der Ökonomie zu einer Tugend, gewissermaßen sogar zur sozialen Pflicht. Denn wer mit den anderen Wirtschaftsteilnehmern nicht im Zustand der Konkurrenz verbleibt, sondern mit ihnen kooperiert und sein Handeln mit ihnen abspricht, zerstört das Gleichgewicht der Egoismen und verzerrt den Wettbewerb zum Schaden der Allgemeinheit, so die marktwirtschaftliche Sichtweise. Unser Kartellrecht verbietet deshalb Preisabsprachen sowie monopolschaffende Zusammenschlüsse zwischen Unternehmen – und das aus gutem Grund. Heißt das aber, dass Kooperation und Brüderlichkeit nur noch im nichtökonomischen, privaten Lebensbereich gefordert sind? Sind wir im Wirtschaftsleben generell zur Konkurrenz verdammt?
 
Der heutige Marktfundamentalismus ist eine wesentlich größere Bedrohung für die offenen Gesellschaft als jegliche totalitäre Ideologie.
George Soros, ungarisch-amerikanischer Multimilliardär 

Die Überzeugung, dass der Egoismus das alleinige Ordnungsprinzip der Ökonomie sei und größtmöglicher Wettbewerb größtmöglichen Wohlstand schaffe, ist jedenfalls zu einer scheinbar unumstößlichen Ideologie westlicher Gesellschaften geworden. Was die Marktwirtschaft verneint, ist die Möglichkeit, dass der Mensch nicht allein durch Egoismus, sondern auch durch Einsicht in das Gute zum Handeln angetrieben wird. Damit entlässt die Marktwirtschaft die Menschen aus der Pflicht zur sozialen Gerechtigkeit und verurteilt sie geradezu zum Egoismus. Dann ist derjenige, der billig einkaufen und zu Wucherpreisen verkaufen kann, nicht etwa ungerecht, sondern vielmehr „erfolgreich". Wenn ein einzelner Mitarbeiter eines Unternehmens dieses Prinzip für sich anwenden würde, würde das heißen, dass er mit einem Minimum an Einsatz ein Maximum an Gehalt zu erlangen versuchte. In diesem Fall würde sich großer Protest erheben, mit dem Hinweis, dass er damit das Unternehmen schädigt; und der Ausschluss aus der sozialen Gemeinschaft würde ihm drohen.

Die Marktwirtschaft als Machtwirtschaft
Dass in einem Unternehmen, also in einer kleinen Produktionsgemeinschaft, zusammengearbeitet werden muss, sehen wir ein. Diese Kooperation, die wir im kleinen Organismus, im persönlichen Nahbereich, als selbstverständlich ansehen, will die Marktwirtschaft nun im großen Organismus durch Konkurrenz ersetzen. Kann aber eine Gemeinschaft funktionieren, wenn sie auf das Prinzip der egoistischen Vorteilsnahme aufgebaut ist? Kann es Gerechtigkeit ohne gerechtes Verhalten geben?

Es lässt sich jedenfalls beobachten, dass der anonyme Marktmechanismus von alleine kaum zu Gerechtigkeit führt. Im Gegenteil, der völlig freie Markt führt langfristig zu Monopolen, die die Konkurrenz ausschalten und das Gefälle zwischen Arm und Reich immer größer werden lassen. Er ist eine Machtwirtschaft. Das zeigt sich etwa darin, dass mittlerweile lediglich 147 Konzerne die Weltwirtschaft kontrollieren (Schweizer Studie von 2011). Also muss der Staat eingreifen und die schädlichen Auswirkungen dieser Art des Wirtschaftens fortlaufend durch Umverteilung korrigieren. Doch das macht die Marktwirtschaft als solche nicht zu einer „sozialen Marktwirtschaft".
 
Der Preis als Ausdruck von Machtverhältnissen, nicht von Bedürfnissen
Der Grund ist die Preisbildung: Wenn der Preis allein durch Angebot und Nachfrage zustande kommt, ist der Preis mehr der Ausdruck von Machtverhältnissen, die sich in der Kaufkraft ausdrücken, als von realen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Wertschätzungen. Das zeigt sich in all jenen Bereichen, in denen Bedürftigkeit und Abhängigkeit besteht. Die Betreuung von Kindern oder älteren Menschen etwa könnte über den reinen Markt insgesamt keinen gerechten Preis, also Lohn, erzielen, weil hier im Durchschnitt zu wenig Kaufkraft vorhanden ist, um diese zu bezahlen – weshalb sie der Staat bezuschussen muss. Die Verwaltung von Hedge Fonds dagegen erzielt unermessliche Preise. Und das, obwohl erstere Arbeit ungemein wertvoll ist, die zweite aber negative gesellschaftliche Folgen nach sich zieht. Durch Armut und durch die heutige Arbeitsmarktsituation sinken die Löhne, der Preis für die Arbeit, in fast allen Bereichen auf ein zu niedriges Niveau.
 
Wollten redliche Ökonomen die Marktwirtschaft tatsächlich auf der effizientesten Methode aufbauen, die wir kennen, dann müssten sie sie auf strukturelle Kooperation aufbauen.
Christian Felber, Wirtschaftsreformer

Die Ineffektivität der Preisbildung
Doch die Preisbildung führt in der Marktwirtschaft nicht nur zu Ungerechtigkeiten, sondern auch zu Ineffektivität. Denn die Marktwirtschaft glaubt an die Anonymität des Marktes. Doch Anonymität auf dem Markt bedeutet, dass sowohl Produzenten als auch Abnehmer keinerlei Wissen über die Bedürfnisse der potenziellen Handelspartner haben. Dann kann es folgendermaßen ablaufen:
 
Ein Butterproduzent produziert ins Blaue hinein ein Angebot an Butter, ohne zu wissen, wie hoch die Nachfrage danach ist. Er geht damit zu einem Markt und richtet sich mit seinen Preisen nach den anderen Anbietern für Butter: Er verkauft sie ein wenig billiger als der billigste Anbieter. Nehmen wir weiter an, der Butterproduzent stellt gegen Ende des Tages fest, dass sie dennoch bis abends nicht abverkauft werden wird. Um sie noch loszubekommen, senkt er ihren Preis nun drastisch und erst jetzt wird sie abverkauft. In diesem Butterpreis haben Angebot und Nachfrage nun also zueinander gefunden und die Marktwirtschaftstheorie würde diesen Preis als den angemessenen bezeichnen. Aber das ändert nichts daran, dass der Butterproduzent zu viel Butter produziert hat und unter Verlust verkaufen musste.

In der Marktwirtschaft können Angebot und Nachfrage stets erst nachträglich durch den Preis zur Deckung gebracht werden, nämlich erst dann, wenn die Produktion schon stattgefunden hat. Die Produktion kann sich erst einmal gar nicht nach der Nachfrage richten, weil der Produzent aufgrund der Anonymität des Marktes ja noch nicht weiß, ob und wie viele Käufer er findet. Der Preis ist also immer zu spät dran. Allein die Tatsache, dass er durch Angebot und Nachfrage zustande kommt, verhindert nicht, dass Angebot und Nachfrage immer wieder aufs Neue in einem Missverhältnis stehen. Und dies deshalb, weil nicht miteinander kooperiert wird.

Kooperation ist effektiver als Konkurrenz
Der anonyme Marktmechanismus ist überdies noch aus einem anderen Grund nicht die effektivste Lösung: In Studien wurde über Jahrzehnte immer wieder herausgefunden, dass Menschen in Kooperation effektiver arbeiten als in Konkurrenz: Von 369 ausgewerteten Studien, die in der Sozialpsychologie, Spieltheorie und Neurobiologie zu diesem Thema durchgeführt wurden, kam eine erstaunliche Mehrheit von 87 Prozent zu dem Ergebnis, dass Menschen in Kooperation effektiver arbeiten als im Wettbewerb. Wettbewerb erwies sich in allen Bereichen und allen Altersgruppen als hinderlich für eine effektive und qualitative Leistung; je komplexer eine Aufgabe ist, die gelöst werden muss, desto hinderlicher. Es gibt auch eine Erklärung dafür: Eine von außen kommende Motivation, wie sie beim Wettbewerb gegeben ist, untergräbt die von innen kommende Motivation, also das Interesse und die Freude an der Tätigkeit selbst, und beeinflusst damit die Leistung langfristig negativ. Der Wirtschaftsreformer Christian Felber sagt dazu: „Wollten redliche Ökonomen die Marktwirtschaft tatsächlich auf der effizientesten Methode aufbauen, die wir kennen, dann müssten sie sie auf strukturelle Kooperation aufbauen."

Wie diese Kooperation aussehen kann, erfahren Sie im zweiten Teil dieses Artikels im nächsten Heft.

Der Text ist ein Ausschnitt aus ihrem Buch „Wirtschaft anders denken. Vom Freigeld bis zum Grundeinkommen", Oekom 2016. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Alrun Vogt ist Autorin des Buches und festes Mitglied der forum-Redaktion.

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