Aufruf zur Klima-Friedensdiplomatie

Der aktuelle Kommentar von Peter Droege

Wo bleibt der Aufschrei gegen den fossilen Weltkrieg, der seit Jahrzehnten schwelt und tagtäglich eskaliert? EUROSOLAR ruft  mit Unterstützung von forum Nachhaltig Wirtschaften  zu einer neuen internationalen Sicherheitspolitik auf.
 
Die Welt ist gefangen in einer Unzahl bewaffneter Feindseligkeiten – deren Ursachen in wachsendem Umfang auf die Erderhitzung und die Sicherung nicht-erneuerbarer Energieressourcen zurückzuführen ist. Waffenindustrien blühen: Weltweit werden pro Jahr zwischen zwei und drei Billionen Dollar für die Rüstung ausgegeben, für Waffen, die aus Hersteller- und Exporteursicht möglichst schnell zu benutzen sind, damit Nachschub geliefert werden kann.
 
Der größte gemeinsame Feind
Kriege und Verwüstung oder Klimaschutz und Gesundheit. Wir haben es in der Hand. © Shutterstock-ParabolStudio Alle Staaten suchen Sicherheit. Eine Seite sieht ihre Stabilität durch Expansionen der anderen in Frage gestellt, und ihr internes und externes Verhalten wird vom Gegenspieler als Sicherheitsrisiko erlebt, auch historisch verstärkt. All diese Konflikte sind eng fokussiert auf überlieferte und vermeintlich neue interne und externe Sicherheitsbedrohungen. Diese Perzeptionen und Darstellungen treiben eine Diplomatie des äußersten Risikos an. Und sie trüben den Blick auf die tatsächlichen, viel größeren Bedrohungen, die heute daher ignoriert und ausgeklammert sind. Die Zeit ist gekommen, sich gegen den größten gemeinsamen Feind zu verbünden: Gegen das fossile Klimachaos. Die Tatsache, dass die Provokationen in Osteuropa nicht durch eine simple Akzeptanz nationaler Autonomie beendet wurde, hat nicht nur mit unerbittlich hegemonial-historischen, sondern auch mit fossilwirtschaftlichen Denkweisen zu tun.
 
Sicher, in den 1990er Jahren hätte man noch anders argumentiert. Doch diese Art der klassischen Diplomatie hat nichts mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu tun. Denn ein ungleich größerer, uralter, aber durch Menschenhand neu entfachter Feind ist auferstanden: Die abrupte Klimadestabilisierung. Diese gilt es in aller Kraft zu bekämpfen: Sie braucht Allianzen aller, auf verschiedenen Ebenen der Politik, von Migration bis Ressourcenfragen – regionale und globale Klimafriedensallianzen.
 
Ressourcenkriege durch das fossile Wirtschaften
Während die Erde in einem fossil befeuerten Klimafeuer zu brennen begonnen hat, müssen die Lunten potenziell unkontrollierbarer Ressourcenkriege nun an den vielen geopolitischen Fronten gelöscht werden. Zwei davon stechen dabei auch für deutsche und europäische Horizonte hervor: Osteuropa und das südchinesische Meer. Denn Konfrontationen mit Russland und China sind beide für Europa relevant. Beide sind unter anderem fossil befeuert, und in beiden geht es unter anderem um Methanvorkommen, Märkte und Versorgungswege.
 
Das tödliche Gas steigt durch die Erwärmung der Böden und Gewässer Nordeuropas, Sibiriens und der Arktis auf und steigert die Konzentrationen in der Atmosphäre exponentiell, die bereits 300 Prozent über einem stabilen Wert liegen. Für Methan liegt der historisch stabile Wert bei 600 ppb – jetzt beträgt er bereits knapp 2000. Der stabile CO2-Gehalt liegt bei 280 ppm – jetzt sind es bereits 420. Keines der derzeitig gängigen Ziele oder Maßnahmen in Sachen Klimaschutz genügt. Die Treibhausgaskonzentrationen sind bereits viel zu hoch, als dass die Klimaneutralität von Nutzen wäre: Das Konzept beschleunigt nur den Klimazerfall, indem es die fossilen Brennstoffe länger festhält, als es akzeptabel ist.
 
Klimafriedensallianzen als Ausweg
Eine völlig neue Denkweise ist wichtig, um uns auf die gemeinsame Bedrohung der Sicherheit und Bewohnbarkeit des Planeten zu konzentrieren und ihr zu begegnen. Es ist völlig unmöglich, das destabilisierte Klima zu korrigieren, während Kriege die Aufmerksamkeit und mehrere Billionen Dollar jedes Jahr an öffentlichen Ausgaben beanspruchen. Im Gegenteil, sie dienen zu Ablenkungsmanövern. Nimmt man diese Summe und die Pandemie-Ausgaben zusammen, entstehen schnell ungemeine Ressourcen, die konzentriert auf Klimastabilität und -gerechtigkeit ausgegeben werden könnten – und müssen. Es ist die Zeit für die Klima-Friedensdiplomatie gekommen.
 
Peter Droege. © privat„Regenerative Dekade" (RED) heißt der Aufruf von EUROSOLAR zu einem umfassenden Durchbruch in der Klima- und Energiepolitik auf internationaler Ebene. Er enthält zehn Punkte, die von der Einrichtung von Klimaverteidigungsbudgets bis hin zu Veränderungen in der Finanzwelt reichen. Das RED-Programm betont, dass es noch nicht zu spät ist, sondern dass die Maßnahmen jetzt viel gezielter und umfassender sein müssen.
 
Angesichts der aktuellen kriegsähnlichen Eskalationen hat sich die RED-Arbeitsgruppe von EUROSOLAR dem zweiten Punkt dieses Programms gewidmet und einen Aufruf zur Klima-Friedensdiplomatie verfasst: Darin ruft EUROSOLAR alle Länder Europas, der Vereinigten Staaten, Russlands, Chinas und andere Nationen zu Klimafriedensallianzen auf und zu einem Weltklimaabkommen, um beide große Bedrohungen abzuwenden: Die Klima- und die Kriegskatastrophe. Denn die Beendigung feindseliger Handlungen ist unabdingbar, um sich auf die gemeinsame Bedrohung durch das fossile Klimachaos und seine Folgen zu konzentrieren: Auf globale Migrations- und Entbehrungswellen.
 
EUROSOLAR e.V. und die EUROSOLAR-Sektionen sowie der Weltrat für Erneuerbare Energien (WCRE.org) bieten  ebenso wie forum Nachhaltig Wirtschaften  ihre Netzwerke und Plattformen an, um diesen Prozess anzustoßen, mit dem Ziel, den Weg in das regenerative Zeitalter auf der Basis von hundert Prozent erneuerbarer Energieversorgung zu beschleunigen und gleichzeitig Kriegshandlungen zu vermeiden, einzudämmen und zu beenden, welche die Klimastabilisierung direkt behindern.
 
Prof. Peter Droege ist Präsident von EUROSOLAR, der europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien e.V. Die Arbeitsgruppe „Regenerative Dekade" besteht unter anderem aus Mitgliedern des Vorstands und des Kuratoriums. Die „AG RED'" lädt zum Mitmachen und Spenden ein. 

Unter "Der aktuelle Kommentar" stellen wir die Meinung engagierter Zeitgenossen vor und möchten damit unserer Rolle als forum zur gewaltfreien Begegnung unterschiedlicher Meinungen gerecht werden. Die Kommentare spiegeln deshalb nicht zwingend die Meinung der Redaktion wider, sondern laden ein zur Diskussion, Meinungsbildung und persönlichem Engagement. Wenn auch Sie einen Kommentar einbringen oder erwidern wollen, schreiben Sie an Alrun Vogt: a.vogt@forum-csr.net

Umwelt | Klima, 15.02.2022

     
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