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Andreas Maslo

Nachhaltigkeitsregulierung: Europas Sonderweg?

Der Blick auf die Welt zeigt, dass Abwarten keine Strategie ist

Während in Europa Nachhaltigkeitsrichtlinien als Synonym für Bürokratie und die Streichung derer als notwendiger Abbau ebendieser missinterpretiert werden, schreitet die globale Nachhaltigkeitsregulierung mit hoher Geschwindigkeit voran. Weil man anderenorts verstanden hat, was die Politik hierzulande vor lauter Krisenaktionismus vergessen zu haben scheint: dass eben durch Nachhaltigkeit auch Wettbewerbsfähigkeit geschaffen wird. Wer jetzt glaubt, durch regulatorische Erleichterungen Zeit gewonnen zu haben, riskiert strategischen Stillstand. Ein Perspektivwechsel ist überfällig.
 
Nachhaltigkeitsanforderungen weltweit im Blick | Zum Vergrößern auf die Graphik klicken. © VERSODie Ausgangslage: Polykrisen und politische Nervosität
Geopolitische Spannungen, neue Handelszölle, kriegerische Konflikte, schwaches Wirtschaftswachstum und politische Unsicherheiten haben das vergangene Jahr geprägt. Parallel dazu traten zentrale Elemente des EU-Green-Deals aus dem Jahr 2019 nun in Kraft mit spürbaren Auswirkungen auf Unternehmen in Deutschland und Europa.

Der Aufschrei war groß. Unter dem Narrativ des Bürokratieabbaus und des drohenden Wettbewerbsnachteils wurde das sogenannte Omnibusverfahren eingeleitet. Ziel war es, Unternehmen in Zeiten multipler Krisen kurzfristig zu entlasten. Das Ergebnis: deutlich angehobene Schwellenwerte und eine massive Reduktion des Anwendungsbereichs vieler ESG-Regulierungen. Je nach Regelwerk fallen heute 80 bis 90 Prozent der ursprünglich betroffenen Unternehmen aus dem direkten Scope. Aufatmen also? Nur auf den ersten Blick. 

Das Problem: Eine europäische Debatte mit globaler Blindstelle
Nachhaltigkeitsregulierung ist kein europäisches Sonderthema, sondern ein globales Vorhaben. Ein Blick auf die Weltkarte zeigt: Von Nordamerika über den Nahen und Mittleren Osten bis nach Asien entstehen verbindliche Standards und Berichtspflichten.

China führt mit den CSDS 1 neue Nachhaltigkeitsstandards ein, Kanada verschärft seine Offenlegungspflichten, die Türkei etabliert TSRS, und auch die Vereinigten Arabischen Emirate setzen klare ESG-Vorgaben. Europa war hier nicht allein unterwegs - im Gegenteil: Der EU-Green-Deal war ein früher Impulsgeber, dem viele gefolgt sind.
 
Während Europa die Nachhaltigkeitsdebatte also plötzlich mit dem „Bürokratie-Stempel" gefährlich vereinfacht, ziehen andere Märkte konsequent nach.
 
Wartemodus statt Strategie
Das regulatorische Tauziehen im letzten Jahr hat viele Unternehmen in einen gefährlichen Wartemodus versetzt. Projekte wurden pausiert, Investitionen verschoben, Nachhaltigkeit wieder als Pflichtübung verstanden. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Gesetzgeber sinkt im Angesicht des Zick-Zack-Kurses.

Dabei geht es längst nicht mehr um Berichte für die Schublade. Nachhaltigkeitsdaten sind operative Steuerungsgrößen geworden: für Lieferkettenrisiken, Klimarisiken, Product-Carbon-Footprints, Kreislaufstrategien und finanzielle Szenarien aus Handeln oder Nicht-Handeln. Wer diese Fähigkeiten heute nicht aufbaut, wird morgen Marktanteile verlieren oder teuer nachschärfen müssen.

Was Unternehmen jetzt tun sollten
Die aktuelle regulatorische Atempause sollte als strategisches Zeitfenster genutzt werden:
  • Nachhaltigkeitsdaten systematisch und digital aufsetzen
  • Lieferketten transparent und risikoorientiert steuern
  • Klimarisiken in die Unternehmenssteuerung integrieren
  • Produkte und Geschäftsmodelle auf Zukunftsfähigkeit prüfen
Wer international tätig ist oder es bleiben will, wird berichten müssen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie gut vorbereitet.

Politik, Verbraucher und Gesellschaft
Politik sollte Regulierung regelmäßig überprüfen, zugleich aber für Verlässlichkeit sorgen. Ein globaler Flickenteppich erzeugt Ineffizienzen, fehlende Vergleichbarkeit und Frustration für Unternehmen wie Verbraucher. Gerade hier könnte Europa eine gestaltende Rolle übernehmen. Als Treiber international anschlussfähiger Standards.

Auch Verbraucher spüren Verantwortung: durch informierte Kaufentscheidungen und Nachfrage nach Transparenz. Nachhaltigkeit ist längst kein Nischenthema mehr, sondern ein Stabilitätsfaktor für Wirtschaft und Gesellschaft.
 
Fazit und Blick nach vorn
Der Global Risks Report des World Economic Forum zeigt: In zehn Jahren werden fünf der zehn größten globalen Risiken Umwelt- und Klimarisiken sein. Zählt man soziale Aspekte hinzu, sind es sogar sieben. Nachhaltigkeit ist damit keine ideologische Frage, sondern eine ökonomische Notwendigkeit.

Wir stehen global an einer Weggabelung. Technologische Fortschritte, gesellschaftliche Erwartungen und ökologische Realitäten verlangen nach einer neuen Evolution der Wirtschaft. Europa hat das Wissen, die Unternehmen und die Innovationskraft, um diese Entwicklung mitzugestalten. Doch dafür braucht es Mut zur Perspektive und den Willen, nicht nur kurzfristig zu reagieren, sondern mit Weitblick und Mut zu führen.
Oder anders gesagt: Wenn wir nicht die Zukunft der Nachhaltigkeit nicht gestalten, tut es der Rest der Welt.
 
Andreas Maslo, Co-Founder und Chairman von VERSO sowie Beirat unterschiedlicher Organisationen, ist Sustainability-Pionier und Digitalunternehmer. 2010 gründete er VERSO mit, eine der weltweit ersten SaaS-Lösungen für Nachhaltigkeits- und ESG-Management. Nach vielen Jahren als CEO begleitet er das Unternehmen heute als Chairman. Er engagiert sich u. a. bei der BMW Stiftung Herbert Quandt, im Founder Institute sowie als Jurymitglied der Lean & Green Management Awards. Nachhaltigkeit ist für ihn unternehmerische Verantwortung – und eine der größten wirtschaftlichen Chancen unserer Zeit.


     
        
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