Noch ein Finance-Hub? – Ja bitte!

Ein Kommentar von Markus Scholand

Zum 17. Mal veranstaltete der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) im Mai 2017 in Berlin seine Jahreskonferenz. Sie ist eine der zentralen Plattformen zu Fragestellungen gesellschaftlicher und unternehmerischer Verantwortung. Und sie war bereits früh ausgebucht. Ein Indiz für wachsendes Interesse an Nachhaltigkeit quer durch die Gesellschaft. Die Vorsitzende des RNE, Marlehn Thieme, sprach in ihrer Einführung diesen Trend an und betonte zu Recht die Chancen nachhaltigen Handelns in einer Zeit kurzfristigen Denkens, vielfältiger Krisen und politischer Unsicherheiten.

Dr. Markus Scholand ist für den ecofin Verbund als Wissensmanager und Fachautor tätig. © M. Scholand
„Wir übersetzen Wissen zu wenig ins Handeln ..." hieß es zum Leitmotiv in der Konferenzankündi- gung. Getreu diesem Motto fand eine Vielzahl von Aktivitäten Raum, die nachhaltiges Handeln bei- spielhaft verkörpern. Andererseits wurde deutliche Kritik an Branchen geübt, die 30 Jahre nach dem Brundtland-Bericht und trotz erheblichen Handlungsdrucks mit der Operationalisierung nachhaltigen Handelns ihre Schwierigkeiten haben. Die Landwirtschaft etwa. Auch der Finanzsektor. Mehrfach mussten sich Banken und Versicherungen die Frage gefallen lassen, ob ihre Branche nicht eher Teil des Problems sei, denn der Lösung, wenn es um Themen nachhaltiger Entwicklung gehe.

Deutsche Finanzinstitute drohen, den Anschluss an Innovationsthemen der Green Economy - und damit verbunden - der Sustainable Finance zu verpassen. Gemeinsam mit Achim Steiner (UNDP) stell- te Marlehen Thieme daher eine Initiative des RNE vor, vorhandene Kräfte in einem „Hub for Sustai- nable Financing" (H4SF) zu bündeln. Der Hub soll Akteure der Finanzwirtschaft vernetzen, den Erfah- rungsaustausch ermöglichen, Standards anregen und eine Plattform für Partnerschaften sein. So bereits die Grundidee der Initiatoren vom März 2017. Politische Rückendeckung und eine zentrale Koordination durch den RNE sollen dem Hub einen Hebel verleihen und seine Wirksamkeit sichern.

Dies regt eine zentrale Frage an: Ist Nachhaltigkeit inhaltlich für die Finanzbranche wirklich so neu, dass es externer Schützenhilfe bedarf? Schließlich fiel es anderen Sektoren weniger schwer, die Rele- vanz des Themas zu erkennen und in seiner Operationalisierung unternehmerische Verantwortung und wirtschaftlichen Erfolg mit einander zu verknüpfen!

Wie neu ist das Thema also für den Finanzsektor? Schon 1977 begann die Universität St. Gallen bei- spielhaft mit der Institutionalisierung unternehmensethischer Fragen in Forschung und Lehre. Sie leitete eine Entwicklung ein, der andere deutschsprachige Hochschulen folgten. Unternehmen ste- hen seither Kompetenz und Wissen in vielfältiger Form für die praktische Arbeit zur Verfügung. Auch Finanzinstituten! Mit einem speziellen Blick auf diese Branche wies der renommierte Wirtschafswis- senschaftler Leo Schuster bereits vor gut 40 Jahren in seiner Habilitationsschrift „Macht und Moral der Banken" auf zentrale Gesichtspunkte eines verantwortungsorientierten Bankmanagements hin. Jahre, bevor Ausdrücke wie „Corporate Social Responsibility" oder eine in Folge der Brundtland- Kommission initiierte Diskussion über den Nachhaltigkeitsbegriff in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs Einzug hielten.
 
Regional verankerte Finanzinstitute sprachen über ihre Verbände in den 1990er Jahren frühzeitig davon, dass die Notwendigkeit einer umweltorientierten Geschäftspolitik wahrgenommen und um- gesetzt werde. Ein Bekenntnis zumindest zu zwei der drei Säulen nachhaltiger Entwicklung! Ganz analog äußerten Vertreter privater Banken, unternehmerische Verantwortung sei „in aller Munde". Folgt man diesen Bekenntnissen, so wusste die Finanzbranche früh, wovon sie sprach. Und es bedürf- te aktuell eben keiner Schützenhilfe, wenn es um Nachhaltigkeit geht! Dies legen auch Fachorganisa- tionen nahe, in denen Banken und Versicherungen sich zum Teil seit mehr als zwei Dekaden für As- pekte nachhaltiger Entwicklung einsetzen. Und selbst tradierte Branchenverbände bauen in den letz- ten Jahren durch und für die Arbeit ihrer Mitglieder Expertise in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance aus. Last but not least, in vielen Geschäftsfeldern der Institute sind Verknüpfungen zum Thema Nachhaltigkeit evident. Beispiele reichen von der Risikoprüfung bei Versicherern oder Finan- zierern über das institutionelle Anlagegeschäft bis hin zur strategischen Beteiligung an langfristigen Initiativen wie Desertec oder der Hithtech-Strategie der Bundesregierung.

Wer hier, wie der H4SF, zu einer gemeinschaftlichen Plattform aller interessierten Kreise im Sinne eines Forums aufruft, scheint die Zeichen der Zeit nicht verstanden zu haben. Könnte man meinen! Doch die Wahrheit liegt viel tiefer. Denn trotz vordergründiger Erfolgsmeldungen aus Banken und Versicherungen, auch die Initiatoren des Hub stellen ganz zu Recht fest, dass für den Finanzsektor in Deutschland die Frage der Operationalisierung nachhaltigen Handelns weitgehend offen ist. Auch nach vier Jahrzehnten inhaltlicher Weiterentwicklung im Umfeld! Zugegeben, bei Banken und Versi- cherungen gibt es Beispiele lobenswerter Geschäfts- und Produktstrategien, die hohen Anforderun- gen an Verantwortung und Zukunftsfähigkeit gerecht werden. Und es gibt in einigen Instituten Fach- abteilungen, die Risikostrategien, Finanzprodukte oder Leuchtturmprojekte der Betriebsführung mit großem persönlichem Engagement und geringen Ressourcen auf den Weg des Erfolges bringen. Schließlich zeigt auch das Wachstum nachhaltiger Anlageprodukte aus der Nische heraus, dass Be- wegung in den Markt kommt. Aber ist all das nach so langer Zeit bereits eine Erfolgsbilanz für die Branche? In einer Zeitspanne, die ausreicht, um Staaten entstehen und wieder von der Landkarte verschwinden zu lassen? Wohl eher nicht!

Wer heute am Point of Sale nach nachhaltigen Finanzdienstleistungen fragt, wird in der überwiegen- den Zahl der Fälle ein Beratungsfiasko erleben. Auch die zuvor genannten Fachorganisationen rekru- tieren ihre Mitglieder vorwiegend aus einem engen Kreis von Banken und Versicherungen. Solche,  die aus verschiedenen Gründen offen für nachhaltige Zukunftsthemen sind. Ein kleiner Kreis, bei dem Projekte oder Konferenzen leicht zu Familienfeiern werden, wenngleich mit einem hohen Arbeits- ethos (Und selbst diese Fachorganisationen sollten sich zumindest im übertragenen Sinn nach einem aktuellen Forschungsbericht des BMAS eher als Perspektivträger denn als Profiwerkzeug für eine nachhaltige Entwicklung verstehen.). Der Rest der Finanzinstitute ist eher passiv und findet schwer Orientierung, wenn es um ein „Extra Financial" geht, als das Nachhaltigkeit immer noch wahrge- nommen wird. Allein im Bereich der Kreditwirtschaft wären dies bis zu 1.850 Unternehmen in Deutschland. Unternehmen, die es Branchenkennern zufolge zum Beispiel schon verunsichert, grund- legenden Berichtspflichten zur Unternehmensverantwortung (u.a. Umsetzung der EU-Richtlinie 2014/95/EU) nachzukommen. Zum Teil mutet es sogar an, als müsse das Rad für Finanzdienstleister neu erfunden werden. Etwa bei manchen Diskussionen um die Inhalte von Nachhaltigkeit, die wie ein Déjà-vu an den Diskurs um diesen Containerbegriff vor gut 20 Jahren erinnern. Und das zu einer Zeit, in der andere Sektoren das Spannungsfeld von Digitalisierung und Nachhaltigkeit erörtern. Ja, auch Finanzinstitute sind gelegentlich bei diesem Thema dabei und diskutieren über Blockchains und Co. Aber der geneigte Leser möge nachzählen, wie viele Institute dies sind und welche.
 
Nachhaltigkeit ist in der Tat und entgegen aller erfreulichen Signale (Um Missverständnisse zu ver- meiden: Ja, die gibt es!) noch nicht dort angekommen, wo das Thema inzwischen hingehört: Im Mainstream des Tagesgeschäfts bei Banken und Versicherungen! Das aber wird sich in den kommen- den Jahren ändern. Entweder durch stringentere Regulation. Diese ist auf europäischer Ebene ab- sehbar, spätestens seit einer öffentlichen Anhörung der EU-Kommission in Brüssel im Juli 2017. Oder durch Marktkräfte und internationale Player. Dann aber möglicherweise zu Lasten der GuV vieler Institute. Oder durch ein rasches und aktives Handeln der Branche, um das Versäumte nachzuholen. Eine Option, die sicherlich am wenigsten „schmerzhaft" ist und Einzelinstituten sowie Verbänden erlaubt, ihre eigenen (wirtschafts-)politischen Positionen stärker mit einzubringen.

Und gerade im letztgenannten Prozess kommt der H4SF wieder ins Spiel. Hier kann der Hub einen Mehrwert bieten. Nicht als Konkurrenz zu langjährig entwickelten und gefestigten Strukturen in Sek- torinitiativen, Fachorganisationen, Branchenverbänden oder informellen Netzwerken. Sehr wohl  aber als Facilitator, um einen Terminus der Branche aufzugreifen. Als Vermittler also, dem es gelingt, unterschiedliche Anspruchsgruppen der Finanzwirtschaft (wieder) an einen Tisch zu bekommen. Als Moderator, der es schafft, die Mehrzahl bisher noch nicht involvierter Banken und Versicherungen rasch zu aktivem Handeln zu motivieren. Und als Schulungsleiter, der die Vermittlung von Wissen zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft dorthin lenkt, wo sie benötigt wird: In der Breite der Branche. Zu den mehreren Hunderttausend Beschäftigten des Finanzdienstleistungssektors. Es geht jetzt primär nicht um die Generierung immer neuen Detailwissens in der akademischen Forschung, sondern um die konsequente und durchgängige Anwendung des Vorhandenen. Oder, wie es eine erfahrene Nachhaltigkeitsmanagerin einer Geschäftsbank analog zum eingangs genannten Leitmotiv formulier- te: „Wir müssen nicht mehr wissen, wir müssen mehr handeln!"

Der H4SF muss daher seine Chance erhalten! Trotz möglicher Widerstände einiger Finanzmarktakteu- re oder aus dem institutionellen Umfeld. Er kann als Werkzeug sinnvoll sein, selbst wenn er Themen angreifen muss, die eigentlich als „erledigt" gelten sollten. Dies erfordert, dass der Hub an den richtigen Stellen ansetzt. Stellen, an denen nachhaltige Innovation und Transformation bisher blockiert waren. Das Ziel der Initiatoren, das Konzept des Hub mit allen Anspruchsgruppen weiter zu entwickeln, Kräfte zu bündeln, Anreizkompatibilität zu schaffen und die Plattform zu etablieren, ist rich- tungsweisend. Eine überzeugte und leidenschaftliche Moderation ist ihnen dabei zu wünschen. Viel mehr aber noch die erforderlichen und erheblichen Ressourcen. Denn der zeitliche Handlungsraum ist ebenso begrenzt, wie die Voraussetzungen für den Wandel der Kultur und die Positionierung eines ganzen Sektors es sind.

Lassen Sie uns die Frage aus der Überschrift in drei Jahren nochmals stellen! Dann sehen wir, ob die Chance erkannt und genutzt wurde.
 
Markus Scholand ist mit den Arbeitsschwerpunkten Wissens- und Innovationsmanagement als Part- ner im Kompetenznetzwerk von ecofin tätig. Der Bankkaufmann und promovierte Wirtschaftsingenieur beschäftigt sich als CSR-Manager und Auditor seit mehr als 15 Jahren mit Aspekten von Standards, Qualität und Compliance bei nachhaltigen Finanzdienstleistungen. Sein Fokus liegt dabei auf dem Mainstreaming in der Produkt- und Organisationsentwicklung sowie im Research.
 
Kontakt: markus.scholand@ecofin.de

Lifestyle | Geld & Investment, 27.09.2017

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