Starke Frauen - Heffa Schücking

Moral fürs Kapital. Heffa Schücking bietet den Banken die Stirn

Ein kleiner Verein mit Sitz im westfälischen Sassen­berg macht Druck auf Konzernvorstände und Banken­chefs, die im Ausland fragwürdige Projekte – etwa Atomkraftwerke – bauen oder finanzieren. Beim Kampf „David gegen Goliath" hat „urgewald e. V." öfter das letzte Wort, als es so manchem Vorstandchef lieb sein kann. Hinter dem Projekt steht eine taffe Frau, der ihr sozialer Kampf wichtiger ist als die Bilderbuchkarriere. 

Heffa Schücking interviewt Betroffene eines Staudammprojekts in Indien, 2003 // Foto: privat
Zwölf Jahre ist es jetzt her, da stand die deutsche Biologin Heffa Schücking in einem Dorf am Narmada Fluss in Indien und sah hilflos mit an, wie die Bewohner innerhalb weniger Stunden ihre Habseligkeiten zusammenpackten und ihre eigenen Häuser zerstörten. Ihr kleines Dorf musste dem Omkareshwar Stausee Platz machen, den die deutsche ­Firma Voith Siemens Hydro im indischen Bundesstaat Madhya ­Pradesh bauen sollte. „Den Menschen dort war ihr Land heilig und nun mussten sie – die nie an einem anderen Ort gelebt hatten – fortziehen. Mir kamen die Tränen. Ich fühlte mich so ohnmächtig und ich war wütend auf mich selbst, weil ich die Vertreibung dieser Menschen nicht verhindern konnte." Dabei hatte Heffa Schücking alles getan, damit deutsche und andere internationale Großbanken kein Geld in das Projekt investierten. Am Ende stellten indische Banken die Finanzierung auf die Beine. 

Never give up
Heffa Schücking hatte verloren – und stürzte sich in die nächste Kampagne. Neun Jahre später hatte die 53-Jährige dann richtig Grund zum Feiern. Am 28. März 2012 stieg die bulgarische Regierung aus dem Belene-Atomkraftwerk-­Projekt aus. Von 2006 bis 2009 hatten Heffa Schücking und ihre Mitstreiter dafür gesorgt, dass sowohl die Deutsche Bank als auch RWE (ehemals „Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk) die Finanzierung der umstrittenen ­Anlage ablehnten. Kein deutsches Geld – kein Atomkraftwerk. Der kleine David hatte einen großen Goliath zur Umkehr gezwungen. Ebenso im Sommer 2013: Damals schaffte es der kleine Verein, den Allianzkonzern davon abzubringen, die Finanzierung eines Goldminenprojektes in Rumänien zu übernehmen. Wieder ein Grund zum Feiern für den kleinen David. Wieder ein Tag, an dem der hoffnungslos unterlegen scheinende „Hirte" einen mächtigen „Riesen" zum ­Einlenken zwang. Mittlerweile lassen sich die Erfolge des kleinen Vereins kaum noch aufzählen. Aufgrund des monatelangen Drucks von Organisationen wie „urgewald e.V." verkündete der Versicherungsriese Allianz kürzlich einen weitgehenden Verzicht auf Kohle-Investments. Zuvor hatten bereits AXA und der Norwegische Pensionsfonds erklärt, ihre Investments in den umstrittenen Rohstoff stark einschränken zu wollen. Ebenfalls als großen Erfolg werten die „Urgewaldler" eine Kampagne, die aufgezeigt hat, wie viele Anbieter von Bank- und Versicherungsprodukten Streumunitions-Hersteller in ihren Portfolios haben. Das Ergebnis: Eine weitere zerstörerische Investition, von der sich Anbieter verabschiedet haben. 

Vor der urgewald-Zentrale in Sassenberg: Andrea Soth (l., Geschäftsführerin Finanzen) und Heffa Schücking (r., Geschäftsführerin Strategie) zusammen mit den Campaignerinnen Katrin Ganswindt (2.v.l.) und Agnes Dieckmann (2.v.r.). // Foto: Annette LübbersWer zuletzt lacht …
Wer ist diese Frau, die Konzern- und Bankenvorständen die Grenzen ihrer Entscheidungsfreiheit aufzeigt? Heffa ­Schücking hat sich früh für ein Leben entschieden, in dem Macht und Ohnmacht, Gewinnen und Verlieren sehr nah beieinander liegen. Schon während ihres Studiums in den 80er-Jahren entschied sie sich gegen eine konventionelle Karriere und für das sozial-ökologische Engagement. „Während bei uns die gesetzlichen Auflagen für den Umweltschutz immer rigoroser wurden, kümmerte sich kein Mensch darum, ob deutsche Konzerne umweltschädigende Projekte im Ausland bauen oder deutsche Banken sie finanzieren. Das hat mich richtig geärgert." Deshalb gründete sie 1992 den Verein „urgewald e.V.". Zusammen mit ihrem Team – bestehend aus 13 Frauen und drei Männern – bringt sie Konzern- und Bankenvorstände dazu, ihre oft fragwürdigen Investments zu überdenken. Dabei lässt die kleine „urgewald"-Zentrale in einem ehemaligen Bauernhaus im westfälischen Sassenberg nun wirklich nicht vermuten, dass hier über wirtschaftliche Entscheidungen von Großkonzernen mitentschieden wird! Aber der Eindruck der Provinzialität täuscht. „Was kann ich nur tun, damit diese Frauen nicht mehr wiederkommen?" Diesen Satz soll sich der Vorstandsvorsitzende einer der größten deutschen Banken seufzend abgerungen haben, nachdem die Frauen von „urgewald" mit ihren kritischen Rückfragen seine Hauptversammlung aufgemischt hatten. Heffa Schücking lacht: „So schöne Komplimente bekommen wir gerne. Früher haben Konzerne wie RWE über uns gelacht – aber das dauerte nicht sehr lange." 

Druck aufbauen und der Macht die Stirn bieten
„urgewald e.V" nutzt die Macht der Öffentlichkeit, und zwar bevor der erste Spatenstich erfolgt und der erste Euro geflossen ist. Heffa Schücking: „Das habe ich schon in den 80er-Jahren von amerikanischen NGOs gelernt: Man muss die Entscheidungsträger direkt angehen und man muss es tun, bevor ihre Entscheidung durch Verträge zementiert worden ist." Das tut „urgewald e.V", und zwar mit einer konsequenten Strategie: sich informieren, NGOs vor Ort kontaktieren und Betroffene nach Deutschland bringen, Netzwerke aufbauen, Verbündete suchen, die Beteiligten informieren und konfrontieren, mit öffentlichen Kampagnen und Aktionen Druck aufbauen, Protestaktionen organisieren und bei Aktionärsversammlungen kritische Fragen stellen. Ein Kampf David gegen Goliath, Steinschleuder gegen Kanone. Ein Kampf, den nicht selten die Fraktion mit den Steinschleudern – 
„urgewald e.V." – gewinnt. Natürlich in Zusammenarbeit mit ihren bis zu 17.000 Förderern, Spendern und Aktivisten. 

Versetzung gefährdet und dann durchgefallen
Mittlerweile ist „urgewald e.V" ein Faktor, den selbst die Deutsche Bank ernst nimmt. Heffa Schücking betrachtet mit einem feinen Lächeln ein Jahreszeugnis in Form einer Urkunde, die „urgewald e.V." dem ehemaligen Doppelgespann an der Spitze der Deutschen Bank ausgestellt hat. Anshu Jain und Jürgen Fitschen werden sich damals über ihre Noten nicht wirklich gefreut haben: Profitorientierung: sehr gut. Transparenz: ungenügend. Zinsmanipulation: sehr gut. Klima­schutz: ungenügend. „Versetzung gefährdet", bilanziert Heffa Schücking. Auf einer anderen Broschüre nutzen die PR-Strateginnen des Vereins ein leicht verändertes Logo der Deutschen Bank mit dem abgewandelten Slogan „Leistung, die Leiden schafft!". Was bemängelt „urgewald e.V." an dem aktuell in Schieflage geratenen deutschen Branchenprimus? „Die Deutsche Bank steht auf Platz sieben der globalen Player, die weltweit am meisten in den Klimakiller Kohle investieren. Die Deutsche Bank beteiligt sich an der Spekulation mit Nahrungsmitteln. Die Deutsche Bank finanziert risikoreiche Atomprojekte und sie unterhält gute Beziehungen zu den fünf größten Waffenherstellern", erklärt die Vereinsgründerin. Geschäftsfelder, die selbst den einen oder anderen Banker ins Grübeln bringen. Es gebe Banker, sagt Heffa Schücking, die als sogenannte Whistleblower schon mal mit Informationen über ethisch bedenkliche Geschäfte deutscher Banken herausrücken. „Das sind Menschen, die Angst haben, dass unsaubere Geschäfte ihrer Branche nachhaltig schaden. Solche Infos nutzen wir dann gerne, aber normalerweise müssen wir schon selbst recherchieren. Und das tun wir so gut, dass wir oft deutlich besser informiert sind, als die Entscheidungsträger selbst. Das ist sicherlich ein Grund für unsere erfolgreiche Arbeit." 

Heffa Schücking im Jahr 1994 in San Francisco zur Verleihung des Goldman-Umweltpreises, den sie damals als erste Deutsche erhielt. Der Goldman-Preis ist der international wichtigste Preis für Graswurzel-Umweltaktivismus. // Foto: privatDa fliegt doch gleich der Berg weg
Stichwort – wieder einmal – RWE. Der Konzern wird auch 2016 keine Ruhe vor den „Urgewaldlern" haben. Im März erfolgte der Startschuss für eine große Kampagne zu den sogenannten „Mountaintop removal"-Minen. Hinter dem englischen Namen verbirgt sich eine besonders zerstöreri­sche Art der Kohlegewinnung in den USA. Dabei werden ganze Berggipfel weggesprengt, um die darunter liegende Kohle zu gewinnen. Der mit Chemikalien verseuchte Abraum landet in den Seitentälern – zum Schaden der Umwelt und der lokalen Bevölkerung. Und wer mischt munter mit? Der deutsche Konzern RWE und die Deutsche Bank. „Heutzutage kann es den Topmanagern aber nicht egal sein, wie sie in der Presse wahrgenommen werden. So etwas ist schlecht für die Reputation – und gut für uns", bilanziert Heffa Schücking: "Dass dieses Prinzip wirkt, zeigt auch der jüngste Kampagnenerfolg. Die Deutsche Bank, regelmäßig von urgewald konfrontiert wegen ihrer milliardenschweren Waffen- und Kohlegeschäfte, will sich weitgehend von Mountaintop-Removal-Geschäften trennen. Zusammen mit engen Kooperationspartnern aus den USA hat urgewald Druck gemacht – der nun mit zum Sinneswandel bei der größten deutschen Privatbank geführt hat. Umso stärker wird nun der Druck auf RWE, damit auch der Energiekonzern aus seinen Mountaintop-Removal-Geschäften aussteigt." 

David gegen Goliath – ein lieb gewonnenes Bild vom so oft vergeblichen Kampf der Kleinen gegen die Großen. Aber stimmt dieses Bild überhaupt noch? Hier der kleine Verein und dort die geballte Macht der Großkonzerne und Bankenriesen? Agiert dieses kleine, engagierte Team nicht längst auf Augenhöhe mit den Strippenziehern aus Wirtschaft und Finanzwelt? Die Erfolge von „urgewald e. V." lassen vermuten, dass die alte These von der Ohnmacht des „kleinen Mannes" – oder eben der „kleinen Frau" – die im Konzert der Mächtigen ohnehin kein Gehör findet, wohl eine These von vorgestern ist. Viele kleine Davids mit vielen kleinen Steinschleudern summieren sich im digitalen Zeitalter, in dem Informationen in Sekunden verbreitet werden und Gleich­gesinnte ebenso schnell miteinander vernetzt sind, zu einem Machtfaktor, mit der Wirtschaft – und Politik – in Zukunft wohl häufiger werden rechnen müssen. Die „Urgewaldler" haben jedenfalls noch viel vor. Wer oben mitspielen will und dabei Umwelt- und Sozialstandards glaubt vernachlässigen oder aufweichen zu können, sollte sich warm anziehen. So lange weiter Geld für Unrecht und Umweltzerstörung fließt, wollen die energischen Frauen aus Sassenberg, allen voran Heffa Schücking, weiter kämpfen.

Von Annette Lübbers
 
 
Foto: Annette LübbersDie sanfte Urgewalt
 
Fragen an eine Frau, die dem Kapital, wo nötig, die rote Karte zeigt – ein Kurzinterview von Fritz Lietsch.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Eine Organisation gegründet zu haben, die viel bewegt UND ein tolles Arbeitsklima hat. Letzteres ist leider auch bei NGOs nicht selbstverständlich. 

Was bewegt Sie gegenwärtig am stärksten?
Die Zunahme von Repressionen gegen NGOs in vielen Teilen der Welt. Erst kürzlich wurde die Staudammgegnerin Berta Cáceres in Honduras ermordet und auch Partner in anderen Ländern wie Russland, Kolumbien oder Indien werden bedroht.

Was möchten Sie in Zukunft bewegen?
Wir möchten Banken und Investoren dazu bringen, ihr Geld aus der Kohleindustrie abzuziehen. Derzeit sind weltweit rund 1.500 neue Kohlekraftwerke geplant. Wenn sie gebaut werden, haben wir keine Chance, die globale Temperaturerwärmung unter 2°C zu halten.

Wessen Unterstützung brauchen Sie dafür ganz besonders?
Jeder, der ein Bankkonto hat oder Geld anlegt, kann Einfluss nehmen. Finanzinstitutionen lassen sich nur bewegen, wenn ihre Kunden einen Kurswechsel einfordern.

Frau Schücking, wir bedanken uns für das Gespräch und Ihren Einsatz.

 
Wenn Steuermilliarden Elend finanzieren

Die Finanzwelt besteht nicht nur aus privaten Banken und Investoren, auch die öffentliche Hand investiert ihre Steuermilliarden weltweit – in Projekte, die oft verheerend wirken. Beispiele sind die deutsche Staatsbank KfW, die Kreditversicherungsagentur Euler Hermes oder multilaterale Entwicklungsbanken wie Weltbank oder Asiatische Entwicklungsbank. Auch hier deckt urgewald zusammen mit Partnerorganisationen weltweit immer wieder zerstörerische Projekte auf: zum Beispiel Hermes-Exportbürgschaften für den Neubau von Kohlekraftwerken, KfW-Geld für Megastaudämme oder Entwicklungsbank-Projekte, durch die Menschen vertrieben und ins Elend gestürzt werden. In aller Regel sind viele politische Instanzen, Entscheidungsträger und Behörden beteiligt. Bei multilateralen Entwicklungsbanken sitzen zudem zahlreiche Nationen mit am Tisch. Hier geht es also selten um den „schnellen Kampagnenerfolg", eher um geduldiges Wirken im Hintergrund. Diese Strategie ist inzwischen Spezialität des urgewald-Weltbank-Teams. Die drei Experten wollen gemeinsam mit KollegInnen weiterer NGOs verhindern, dass Schutzstandards von Weltbank und Co. für Umwelt und Menschenrechte verwässert werden und eine konsequente Anwendung der Standards erwirken. Ein Engagement, das vielleicht nicht immer schnell zu messbaren Erfolgen führt, von dem aber Millionen Menschen weltweit profitieren können.


Annette Lübbers ist freie Journalistin und publiziert mit großem Engagement Beiträge zu Themen wie Umweltschutz, gesellschaftlicher Wandel und Zivilcourage.

Gesellschaft | Starke Frauen, 01.08.2016
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2016 - Zukunft der Arbeit erschienen.
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