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Die Natur als Verbündeter:

Holistisches Management in der Landwirtschaft

Nachhaltigkeit ist gerade in der Landwirtschaft ein wichtiges Thema, da konventionelle Anbaumethoden heutzutage immer mehr in Frage gestellt werden. Es wird ihnen vorgeworfen, die Natur zu stark zu belasten und den Boden auszubeuten, anstatt ihn auf langfristig gewinnbringende Weise zu bewirtschaften. Daher wird alternativen Konzepten der Bodennutzung und des landwirtschaftlichen Betriebsmanagements ein immer größeres Interesse gewidmet. Einer dieser Ansätze ist das sogenannte holistische Management in der Landwirtschaft, das Landwirten dabei hilft, gewinnbringende und nachhaltige Entscheidungen zu treffen.

Das holistische Management wurde in den Sechziger Jahren von dem Biologen Allan Savory entwickelt, der feststellte, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der fortschreitenden Wüstenbildung und der abnehmenden Zahl an Herdentieren in der Savanne von Simbabwe gab. Er zog daraus die Schlussfolgerung, dass das Gras in den Savannen die Bewegung, den Druck und den Dung der Tiere für eine gesunde Entwicklung benötigt. Basierend auf dieser Beobachtung hat Savory ein Betrachtungssystem entworfen, das Ökosysteme als eine Ganzheit ansieht und deren Komplexität in jeder Hinsicht berücksichtigt. Seitdem hat sein ganzheitlicher Ansatz viele Befürworter gewonnen.

Ann Adams. Foto: Holistic Management International Dr. Ann Adams ist die Geschäftsführerin von "Holistic Management International”, einer US-amerikanischen Non-Profit-Organisation, die Landwirten Schulungen anbietet, um ihre Produktivität zu steigern und dabei den Boden zu schonen und in Harmonie mit der Natur zu arbeiten. Im Interview erklärt sie das Konzept des holistischen Managements und dessen positive Auswirkungen auf ländliche Gemeinden.     

Was ist holistisches Management und inwiefern unterscheidet es sich von traditioneller Betriebsführung?
Adams: Holistisches Management ist ein Prozess, der die gesamte Planung der Betriebsabläufe betrifft. Es handelt sich dabei um ein System der Entscheidungsfindung, in dem landwirtschaftliche Erzeuger sich wertorientierte Ziele setzen, die alle ihre sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse mit einschließen.    

In der Vergangenheit war der wirtschaftliche Gewinn der Hauptantrieb für das Management eines jeden Unternehmens. Der holistische Ansatz geht jedoch davon aus, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb, der nachhaltig sein will, eine dreifache Zielsetzung verfolgen muss: die Wirtschaftlichkeit, die Lebensqualität und eine nachhaltige Schonung des natürlichen Umfelds. Man kann es sich wie einen Stuhl mit drei Beinen vorstellen. Wenn eines dieser Beine schwach ist und es nicht repariert wird, bricht der Stuhl zusammen. Das ist keine nachhaltige Situation.    

Foto: www.pixabay.comHolistisches Management betrachtet wirklich die Natur als Ganzes. Die Natur wird dabei als Verbündeter gesehen und bei der landwirtschaftlichen Arbeit dient "weniger ist mehr” als Leitsatz. Wenn man sich die natürlichen Prozesse zu Nutze macht und auf effiziente Synergien mit der Natur setzt, wird man wesentlich nachhaltiger arbeiten als wenn man die Natur bekämpft.

Seit den 40er Jahren war die vorherrschende Meinung: "Wir haben diese chemischen Produkte und jene Maschinen entwickelt und jetzt müssen wir sie uns zu Nutze machen, um die Natur zu bezwingen.” Alle waren der Ansicht, man müsse große Landmaschinen, Chemikalien und Kunstdünger einsetzen, um die Bodenproduktivität zu erhöhen und die Weltbevölkerung zu ernähren. Heutzutage werden sich die Menschen jedoch mehr und mehr bewusst werden, dass wir zwar über all diese Technologie verfügen - was natürlich ganz großartig ist - dass wir sie aber mit Vorsicht benutzen müssen, damit unsere Lebensmittelproduktion wirklich nachhaltig ist.    

Traditionellerweise wird holistisches Management oftmals mit Viehzucht in Verbindung gebracht. Ist dies immer noch der Fall?  
Adams: Viele Menschen entdecken die holistische Methode zwar über die holistischen Weideprinzipien, doch auch Betriebe, die keine Viehzucht betreiben, können nach diesem Verfahren vorgehen, da es sich vor allem auf die Betriebsführung bezieht. So zum Beispiel Gabe Brown, ein Landwirt in North Dakota, der hauptsächlich Mais anbaut. Um die Fruchtbarkeit seines Bodens zu verbessern, hat er angefangen, auf Bodenbearbeitung zu verzichten und die Anbauflächen nicht mehr mit dem Pflug vorzubereiten. Außerdem hat er 16 bis 30 verschiedene Pflanzen als Zwischenfrüchte auf ein und demselben Feld angebaut. Dank dieser beiden Maßnahmen hat er eine beachtliche Erhöhung seiner Erträge festgestellt.

Foto: www.pixabay.comDer richtige Erfolg stellte sich jedoch erst ein, als er Rinder auf seinem Feld grasen ließ. Sein Feld ist so viel fruchtbarer geworden, dass seine Erträge vier Mal so hoch sind wie die seiner Nachbarn - und das bei wesentlich weniger Aufwand. Er bearbeitet den Boden nicht mehr und setzt weniger Dünger, Pestizide oder Herbizide auf dem Feld ein.     

Können Sie uns mehr über die Landwirte verraten, denen Sie bei "Holistic Management International” helfen? Was ist deren Profil?     
Adams: Die Landwirte, mit denen wir arbeiten, sind eine ganz gemischte Gruppe. Es handelt sich um Menschen aus aller Welt, die ganz verschiedene Pflanzen anbauen. Besonders ‘neue’ Landwirte, die in der Stadt aufgewachsen sind und die Landwirtschaft nicht von klein auf miterlebt haben, finden es extrem hilfreich, dass wir ihnen die natürliche Funktionsweise des Ökosystems auf sehr einfache Weise erklären. Das kann ihnen helfen, schon früh in ihrer Karriere erfolgreich zu sein. Auch viele erfahrene Landwirte fangen an, zu verstehen, inwiefern eine Wechselbeziehung zwischen ihrer Lebensqualität, ihren finanziellen Zielen und der Gesundheit ihres Landes besteht.

Gabe Brown ist ein gutes Beispiel. Er ist schon lange Landwirt und hatte große Probleme mit der Fruchtbarkeit seines Bodens, seinen Kosten und seiner Rentabilität. Eine Einführung ins holistische Management hat ihm dabei geholfen, zu verstehen, dass er die Natur nicht bekämpfen muss. Die dem Ökosystem innewohnenden Prozesse kann man sich zunutze machen und das Bodenleben wie einen Mitarbeiter betrachten. Egal, ob man Pflanzenbau oder Viehzucht betreibt - jeder Landwirt hat in seinem Boden wesentlich mehr Tiere als außerhalb des Bodens und auch um diese Tiere muss man sich kümmern und ihnen Beachtung schenken.

Wie hilft "Holistic Management International” den Landwirten?
Adams: Wir sind eine Bildungs-Non-Profit-Organisation. Wir bieten Weiterbildungen an und bilden auch zertifizierte Lehrkräfte aus, die Weiterbildungen überall auf der Welt abhalten können. Unsere Workshops finden meist hier in den USA direkt auf dem Feld statt und wir arbeiten mit unseren zertifizierten Lehrkräften in Australien, Mexiko und Kanada zusammen, die dort Workshops leiten.    

Foto: www.pixabay.comAn unseren Workshops nehmen Menschen aus 130 Ländern teil. Wir organisieren auch Webinare, die eine gute Gelegenheit für die Teilnehmer sind, sich untereinander auszutauschen. Dabei können sich zum Beispiel Menschen aus Schweden mit Menschen aus Kanada über die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, unterhalten. Dabei wird auch unsere Gemeinschaft gestärkt. Wir betreiben Blogs, sind auf Facebook und Twitter aktiv, um die Community zu animieren, Informationen zu teilen und mehr Menschen dabei zu helfen, ihr Feld erfolgreich zu managen.  

Sie bieten auch Kurse nur für Frauen an. Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Adams: Ein Drittel aller Landwirte sind Frauen und es werden immer mehr. Da gibt es einerseits die ältere Generation, die den Betrieb übernimmt, wenn der Ehemann verstorben ist. Andererseits entscheiden sich aber auch viele junge Frauen für die Landwirtschaft. Sie sind mit Ideen wie Umweltschutz und nachhaltiger Landwirtschaft aufgewachsen. Die tägliche Aufgabe des Landwirts ist es, nicht nur Lebensmittel anzubauen, sondern auch mit den vorhandenen Ressourcen schonend umzugehen. Daher ist dieser Tätigkeitsbereich für viele junge Leute anziehend und viele junge Frauen sehen für sich selbst Chancen und Möglichkeiten, die sie vor 30 Jahren noch nicht gehabt hätten. Der Beruf wird immer noch von Männern dominiert, und wenn Frauen an Workshops wie den unsrigen teilnehmen, gewinnen sie auch an Selbstvertrauen und können besser mit ihrem Ehemann oder Partner sprechen und an deren Entscheidungsprozessen teilnehmen.      

Sie haben in den letzten Jahren viele Landwirte und Viehzüchter betreut. Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders berührt hat?
Adams: Ich erzähle oft die Geschichte von Gabe Brown, denn er hat nicht nur seine Bodenfruchtbarkeit und seine Wirtschaftlichkeit verbessert, sondern es auch seinem Sohn Paul ermöglicht, auf den Hof zurückzukehren und ihn mit ihm gemeinsam zu bewirtschaften.

Die Kinder vieler Landwirte sehen für sich keine Möglichkeit, den Hof später einmal zu übernehmen, da schon ihre Eltern nicht genug verdienen, um ein gutes Auskommen zu haben. Bei den Browns konnte jedoch dank des holistischen Betriebsmanagements der Sohn wieder auf dem Hof arbeiten und sogar seine eigenen Ideen einbringen. Heute bringt ihnen nicht nur das Getreide Gewinn, sondern auch die Rinderzucht. Paul hat außerdem Schafe hinzugefügt, da die Bodenfruchtbarkeit noch mehr gesteigert werden kann, wenn verschiedene Arten gemeinsam weiden. Die Familie hält nun Geflügel und züchtet Schutzhunde und Hütehunde. Alle diese Erwerbsquellen hat Paul angeregt und sie tragen heute zum Familieneinkommen bei.    

Bei anderen Landwirten und Viehzüchtern, die holistisches Management betreiben, habe ich dieselbe Tendenz festgestellt. Sie möchten ihre Kinder auf die Höfe zurückholen und ihre Aktivitäten diversifizieren. Selbst Enkelkinder sind manchmal mit dabei. Dabei geht es ebenfalls um Synergien: der holistische Ansatz respektiert die Komplexität der ökologischen und der zwischenmenschlichen Beziehungen und erhöht so die Lebensqualität.

Das ist für mich das Spannende an diesem Ansatz: dass er dazu beitragen kann, dass wieder mehr Menschen Landwirtschaft betreiben. Denn es ist nicht nachhaltig, wenn nur ein paar große Firmen unsere Nahrungsmittel produzieren. Wir müssen die Landflucht stoppen und die ländlichen Gemeinden wiederbeleben. Dass unsere Arbeit bereits Früchte trägt, motiviert mich jeden Tag.


Lifestyle | Essen & Trinken, 15.07.2016

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