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Anja Urbanek

Biologische Vielfalt in der Ökobilanz

Komplexität kommunizieren

Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik entwickelt eine Methode zur Bewertung des Einflusses unternehmerischer Aktivitäten auf die Biologische Vielfalt.
 
Biologische Vielfalt wird zunehmend als wichtiges Handlungsfeld betrachtet. © UPMVon der Begrünung des Werksgeländes über Insektenhotels bis hin zur Kooperation mit Naturschutz-Verbänden und NGOs – Unternehmen betrachten Biologische Vielfalt zunehmend als wichtiges Handlungsfeld und erheben den Schutz der Biodiversität zur Aufgabe ihres Nachhaltigkeitsmanagements. Die Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung (GaBi) des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik hat nun eine Methode entwickelt, um den Einfluss von Produktionstätigkeiten auf das abstrakte Schutzgut zu bewerten. Seit 2012 beschäftigt sich das Projektkonsortium mit der Entwicklung eines „Biodiversity Impact Assessment".
 
Der Ansatz soll es künftig ermöglichen, Biologische Vielfalt in eine Ökobilanz zu integrieren. Erste Anwender sind Fallstudien-Partner aus der Forstwirtschaft, Nahrungsmittel- und Textilindustrie, sowie dem Bergbau. Darunter auch ein finnischer Papierhersteller, der mithilfe der neuen Methode seinen „Impact" unter die Lupe nahm. Zu den wichtigsten Handlungsfeldern des Unternehmens zählt die Entwicklung einer nachhaltigen Forstwirtschaft. Die Erhaltung und Erhöhung der Biologischen Vielfalt gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung, denn sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Produktivität der Wälder.
 
Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik entwickelt eine Methode zur Bewertung des Einflusses unternehmerischer Aktivitäten auf die Biologische Vielfalt. © Fraunhofer Institut für BauphysikZu diesem Zweck hat das Unternehmen ein weltweites Biodiversitätsprogramm für die firmeneigenen Wälder und die Holzbeschaffung in verschiedenen Ländern entwickelt. Im Zuge des Programms wurden sechs Schlüsselelemente bestimmt, die für die Biologische Vielfalt in Wäldern bedeutsam sind: einheimische Baumarten, Forststruktur, Totholz, Wasserressourcen, wertvolle Lebensräume und natürliche Wälder. Für jeden dieser Bereiche wurden globale Ziele festgelegt, die durch länderspezifische Maßnahmen und lokale Aktionspläne umgesetzt werden. „Uns beschäftigte lange die Frage, wie wir den Mehrwert unserer Aktivitäten im Bereich Biodiversität greifbar machen können. Somit begrüßten wir die Gelegenheit, an der Entwicklung des Biodiversity Impact Assessment mitzuwirken und unsere Wirtschaftsweise einmal durchleuchten zu lassen." befand Stefanie Eichiner, Forstwirtin und Umweltreferentin bei UPM und meldete das Unternehmen für eine Fallstudie an.
 
Wie kann man Biodiversitäts-Wirkung messen?
Auf Basis von Stakeholderbefragungen und Workshops mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft legten die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts die Anforderungen an die Methode fest. Die Erhebung der Eingangsdaten sollte einfach und nachvollziehbar sein, möglichst Daten nutzen, die ohnehin vorliegen und sich auf klare Vorgaben aus Forschung, Politik und Naturschutz stützen. Idealerweise sollte sich der Verlust Biologischer Vielfalt durch Wertschöpfungstätigkeit in einem Indikator ausdrücken lassen, welcher über unterschiedliche Ökosysteme und Regionen hinweg vergleichbar und anschlussfähig an die Methodik der Ökobilanz ist. „Jeder Ansatz, die Biologische Vielfalt zu erfassen, bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Komplexität und Kommunizierbarkeit und ist von unterschiedlichen Werten geprägt", berichtet Projektleiter Jan Paul Lindner. „Ziel unserer Arbeit ist es, die vielen Facetten der Biologischen Vielfalt im Kontext des jeweiligen biogeographischen und kulturellen Verständnisses zu berücksichtigen."
 
Das Biodiversity Impact Assessment lässt sich für Produkte, aber auch Unternehmensstandorte durchführen. Durch die Zusammenfassung der Parameter in einem Indikator ist das komplexe Thema besser intern und extern kommunizierbar. Bis die Methode jedoch in der Breite angewendet werden kann, muss zunächst ein Grundstock an Modellen für andere Regionen und Branchen aufgebaut werden. Dazu wurden drei weitere Fallstudien für Rindfleisch (Vion), Baumwolle (Aid by Trade Foundation) und Zement (HeidelbergCement) durchgeführt, sowie vereinfachte Modelle für ausgewählte Energieträger aufgestellt. Projektleiter Jan Paul Lindner lädt interessierte Unternehmen ein, weitere Studien in verschiedenen Regionen und Branchen durchzuführen und setzt dabei auf die Unterstützung von Behörden und Naturschutz-NGOs.
 

Interview mit Jan Paul Lindner, Fraunhofer-Institut für Bauphysik
 
© Jan Paul LindnerHerr Lindner, Skeptiker mögen sagen, dass Biologische Vielfalt sich nicht mal eben auf einen Wert herunterbrechen lässt. Was entgegen Sie ihnen?
Lindner: Das ist richtig. Biodiversität bedeutet nun einmal Vielfalt und nicht Einheit. Diese Vielfalt abzubilden, ist allerdings extrem aufwendig. Es geht im Prinzip um die eierlegende Wollmilchsau: Die vereinheitlichende Beschreibung von Biologischer Vielfalt ohne die Individualität der Elemente der Vielfalt zu vernachlässigen. Mit unserem Ansatz lassen wir einen pragmatischen, regionalspezifischen Kompromiss zu, um dieses Spannungsfeld ein Stück weit aufzulösen.
 
Was ist der Mehrwert der Methode für NGOs und Behörden im Bereich Naturschutz?
Was wir zur Verfügung stellen, ist keine abgeschlossene Bewertungsmethode, sondern eine Struktur für die Beurteilung der Biodiversität auf einer gegebenen Fläche, die nach dem sogenannten „Distance to Target"-Prinzip funktioniert. Das bedeutet, Anwendern der Methode wird gezeigt, wie weit sie von einem Ziel entfernt sind. Das ist eine Steilvorlage für NGOs und Behörden, denn diese können vorgeben, was dieses Ziel sein soll. Auf diesem Weg könnte man für Unternehmen transparenter machen, was die Ziele von Naturschutz sind.
 
Was sind mögliche Perspektiven für das Biodiversity Impact ­Assessment?
Meine Vision für die Zukunft dieser Methode ist, dass Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft die Weiterentwicklung der Methode unterstützen und deren Anwendung vorantreiben. Daraus könnte sich ein Grundstock an Rechenmodellen und Grundlagendaten für verschiedene Regionen und Branchen entwickeln. Natürlich sollte ein Qualitätsmanagement eingerichtet werden, bevor die Modelle für Entwickler und Anwender zur Verfügung gestellt werden. Biodiversität könnte einmal so selbstverständlich in Managementstrategien berücksichtigt werden, wie heute die Ergebnisse einer CO2-Bilanz.
 
Anja Urbanek
studierte Sustainability Economics and Management an der Universität Oldenburg und arbeitet bei B&V im Bereich Nachhaltigkeitskommunikation. Ein besonderes Anliegen ist es ihr, interdisziplinäre und komplexe Themen, wie Ökobilanzierung, für alle Zielgruppen verständlich aufzubereiten.

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2015 - Ertrinken wir in Plastik? erschienen.



     
        
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