Ökonomie der Verbundenheit

Die Gemeinwohlökonomie versucht, das öffentliche Leben und die Wirtschaft auf Werten zu errichten, die es immer schon gab

Was haben Tanz, Naturliebe und politisches Engagement miteinander zu tun? Christian Felber ist eine wandelnde Antwort auf diese Frage – ein Mann, der von einer unbändigen Liebe zum Leben bewegt ist und deshalb leidenschaftlich für ein alternatives Wirtschaftsmodell streitet: die Gemeinwohlökonomie. Was es damit auf sich hat und warum er sich mit ganzer Kraft für ein Ethos der Verbundenheit einsetzt, hat er unserem Autor Christoph Quarch verraten.
 
Die Dinge sind von den Füßen auf den Kopf zu stellen; oder besser: vom Kopf auf die Füße, denn was Christian Felber an der herrschenden Einrichtung der Welt auszusetzen hat, das ist, dass sie die Bodenhaftung verloren hat. © Christoph Quarch »Wie wär’s mit einem Kopfstand?« – Das ist neu. Das hat’s bisher noch nicht gegeben: dass mir ein Interviewpartner vorschlägt ihn kopfüber zu fotografieren. Natürlich sage ich »ja«; denn das Motiv passt zu Christian Felber. Nicht nur weil der 41-Jährige neben seiner Berufung als Pionier der Gemeinwohl-Ökonomie nie aufgehört hat, seiner Leidenschaft des Tanzens nachzugehen, sondern vor allem deshalb, weil sein ganzes Engagement für ein Umdenken in Politik und Wirtschaft wie das großangelegte Projekt erscheint, die Dinge von den Füßen auf den Kopf zu stellen; oder besser: vom Kopf auf die Füße, denn was Christian Felber an der herrschenden Einrichtung der Welt auszusetzen hat, das ist, dass sie die Bodenhaftung verloren hat – die Erdung, die Verwurzelung in der Natur im Lebendigen.
 
Unbändige Liebe zum Leben
Was man von ihm nicht sagen kann. Als ich ihn das erste Mal traf, stand er mit triefnassem Haar vor mir. Das war an einem Regentag im Sommer 2013 bei den Goldegger Dialogen im Salzburger Land. Aber nicht der Regen hatte Christians Haar durchnässt, sondern der Badesee, dem er – den frostigen Temperaturen zum Trotz – gerade entstiegen war. Als er dann seinen Vortrag hielt, verstand ich, was ihn dazu trieb: seine unbändige Liebe zu allem Lebendigen. »Ich bin in einem lebensfeindlichen Umfeld aufgewachsen«, sagt er von sich. Nicht zuletzt deshalb habe er sich für die »Biophilie« entschieden: die Liebe zum Leben.
 
Das ist sein Thema. Und ich staunte nicht schlecht, dass dieser Mann sich nicht scheute, die persönliche, ja beinahe intime Hintergrundgeschichte seines Engagements aufzudecken. Zu seiner Volksschulzeit, erzählte er in Goldegg, sei er in den Ferien jeden Tag vor Sonnenaufgang am heimischen Mattsee fischen gegangen. »Das war die vordergründige Erklärung. In Wahrheit ging es um etwas anderes: die Verbundenheit mit dem See, dem Wasser, den Tieren, dem Regen, dem Wind und dem Wetter.«
 
Verbunden mit dem Ganzen
Diese und andere Erfahrungen verdichteten sich bei ihm später zu einer tragenden Grundüberzeugung: »Die Welt ist ein zusammenhängendes Ganzes, und wir sind ein Teil dieses Ganzen, innig verbunden mit anderen Teilen, rückgebunden an das umfassende Universum. Wir sind Personen – unverwechselbare einzigartige Individuen, durch die zugleich ein größeres und umfassenderes ›Lied‹ klingt«, sagt er und verweist darauf, dass das lateinische Wort per-sonare wörtlich »hindurch-klingen« und unum-versum »ein Lied« bedeutet. Diese Gedanken, daraus macht er kein Geheimnis, bilden das Gravitationszentrum all seines Tuns und Denkens. So ein Credo hört man selten. Aber bei Christian Felber ist eben manches anders.
 
Heute weiß ich, dass dies mit einer anderen seiner Leidenschaften zu tun hat: dem Glauben an Wahrhaftigkeit. Er macht kein Geheimnis aus dem, was ihn antreibt. Er ist ganz einfach so: ein Liebhaber des Lebens und der Wahrheit; und ein unerschrockener Kämpfer, wenn es darum geht, beiden zur Geltung zu verhelfen – beide zu verteidigen, wo sie gefährdet sind. Und damit hat er reichlich zu tun. Denn die Welt, in der wir leben, ist alles andere als lebensfördernd; und um ihre Wahrheitsliebe steht es auch nicht zum Besten.
 
Warum das so ist, hat Christian Felber früh herausgefunden: Das globale Wirtschaftssystem, so seine Einsicht, steht in seiner gegenwärtigen Form einer voll entfalteten Lebendigkeit im Wege. Also ging er der Frage nach, wie dieses System geändert werden müsse, damit es dem Leben dient. Die Antwort, die er darauf fand, lässt sich auf ein Wort zusammenzurren: Gemeinwohlökonomie. »Gemeinwohl ist der Schutzschirm, unter dem das Leben gedeihen und in allen seinen Facetten bejaht werden kann«, bringt er sein Credo auf den Punkt.
 
Der Wert des Gemeinwohls
Christian Felber veröffentlichte 2010 das Buch »Gemeinwohl-Ökonomie«, mit dem er zum visionären Vordenker eines neuen wirtschaftlichen Paradigmas avancierte. © Christoph QuarchDie Idee der Gemeinwohlökonomie ist freilich nicht neu. Christian Felber weiß das: »Gemeinwohlökonomie versucht, das öffentliche Leben und die Wirtschaft auf Werten zu errichten, die es immer schon gab«, erläutert er und verweist darauf, dass nicht nur in der europäischen Vergangenheit, sondern auch in anderen Kulturen das stimmige Zusammenleben als hohes oder höchstes Gut menschlichen Lebens anerkannt wurde. Neu sei allenfalls die konsequente Übertragung dieser Ziele und Werte in die politische und ökonomische Ordnung unserer Gemeinwesen. Wobei er die Betonung auf »konsequent« legt, denn dem Papier nach verpflichten schon heute die Verfassungen – etwa von Deutschland und Österreich – die Wirtschaft auf die Orientierung am Gemeinwohl; allein die Praxis spottet häufg dem, was dort geschrieben steht.
 
Den Grund dafür sieht Christian Felber vor allem darin, dass sich in der modernen Ökonomie die wichtigsten Parameter verschoben haben: Das Kapital, das eigentlich als Mittel oder Instrument der Wirtschaft zur Erzeugung des Gemeinwohls dienen sollte, ist zum Selbstzweck privatwirtschaftlichen Gewinnstrebens geworden. Und die verfassungsmäßige Rückbindung der Wirtschaft ans Wohl der Gesellschaft bleibt überall auf der Strecke.
 
So schwer es fällt, dieser Wahrnehmung zu widersprechen, so unscharf bleibt auf den ersten Blick, worin das Gemeinwohl eigentlich besteht. »Es ist verbunden mit der Menschenwürde, dem höchsten aller Werte, von dem sich die Menschenrechte herleiten«, erklärt Felber. »Und das Gemeinwohl ist verwirklicht, wenn diese Rechte tatsächlich erfüllt sind – wenn unsere Grundbedürfnisse gedeckt sind und wir die Möglichkeit haben, unsere Persönlichkeit frei zu entfalten«.
 
Der Irrtum des Homo Oeconomicus
»Aber genau das verspricht auch die liberalistische Volkswirtschaftslehre seit den Tagen von Adam Smith«, halte ich entgegen. Denn Smith hatte gerade deshalb für den freien Markt geworben, weil er glaubte, allein durch ihn – unter Zuhilfenahme der berühmten »unsichtbaren Hand« – werde der »Wohlstand der Nationen« ermöglicht. »Ja«, sagt Christian Felber, »das Ziel ist richtig beschrieben, jedoch der Weg ist falsch angelegt. Denn das Dogma, Gemeinwohl durch Eigennutzstreben und Konkurrenz generieren zu können, hat sich – vor allem im Zuge der Globalisierung – als gefährlicher Mythos erwiesen: als >marktmetaphysische Gemeinwohlfkition‹, um den Ökonom Peter Ulrich zu zitieren.«
 
Wenn der liberale Mythos in die Irre führt, was wäre dann der richtige Weg zum Gemeinwohl? Christian Felbers Antwort kommt sogleich: »Die unmittelbare Orientierung am Gemeinwohl – und das heißt vor allem: die Korrektur der gängigen ökonomischen Parameter. In der herrschenden Wirtschaftsordnung bemisst sich wirtschaftlicher Erfolg ausschließlich nach monetären Indikatoren, allem voran an den Wachstumsraten des Kapitals. In Wahrheit aber ist Geld nicht mehr als ein Mittel im Dienste des Gemeinwohls. Dieses Ziel müsste in den wirtschaftlichen Erfolgsbilanzen gemessen werden. Wenn diese einfache Logik eines Tages in die ökonomische Theorie eingegangen ist, dann sterbe ich glücklich«, schließt er mit einem Lächeln diesen Gedankengang.
 
Dahin aber ist es noch ein weiter Weg. Und das ist auch gut so. Denn wir werden ihn noch brauchen, den Christian Felber: für die vielen Schritte, die zu dem von ihm avisierten ökonomischen Paradigmenwechsel getätigt werden müssen. Dazu gehören neue, bessere Bewertungskriterien des Wirtschaftens, erklärt er: »Gemeinwohlprodukt statt Bruttoinlandsprodukt, Gemeinwohlbilanz statt Finanzbilanz, Gemeinwohlprüfung statt Return of Investment«.
 
Zwanzig Faktoren für Lebensqualität
Das klingt reichlich abstrakt und so liegt es nahe, erfahren zu wollen, wie Christian Felber Gemeinwohl definiert. Auch hier ist er für eine Überraschung gut. »Das kann ich nicht sagen, denn es steht nicht a priori fest«, sagt er. »Jedes Gemeinwesen muss über einen demokratischen Prozess für sich festlegen, worin es sein Gemeinwohl erkennt. Das kann zu jeder Zeit an jedem Ort etwas anderes sein.« Deshalb schlage die Gemeinwohlökonomie vor, das Gemeinwohlprodukt nach den zwanzig, jeweils demokratisch zu identifzierenden, relevantesten Faktoren für Lebensqualität zu bemessen.
 
Christian Felber geht allerdings davon aus, dass – auch im globalen Vergleich – die je ermittelten Kriterien für das Gemeinwohlprodukt sehr ähnlich ausfallen dürften. Das lehrten die Glücksforschung, Bedürfnistheorien und andere sozialpsychologische Studien, die allesamt zu erkennen geben, dass es so etwas wie ein »globales Beziehungsethos« mit geteilten Werten gebe. Dies leite sich schlicht aus den geteilten Grundbedürfnissen der Spezies Mensch her: Gesundheit, Bildung, Mitbestimmung, Gerechtigkeit, Frieden, ökologische Stabilität, Sicherheit, Beziehungsqualität - um nur einige zu nennen.
 
Schleichende Metamorphose
Neben dieser Orientierung an dem Gemeinwohlprodukt eines Gemeinwesens tritt in der Architektur der Gemeinwohlökonomie der Beitrag der einzelnen Wirtschaftsakteure. Eigentlich wäre es nur konsequent, meint Christian Felber, die zwanzig Kriterien des Gemeinwohlproduktes auch zu Kriterien einer betrieblichen Gemeinwohlbilanz zu machen. Dennoch haben sich die Pioniere der Gemeinwohlökonomie gegen diesen Weg entschieden und stattdessen eine Matrix der wichtigsten fünf Verfassungswerte geformt und Unternehmen daraufhin befragt, wie sie es mit diesen Qualitäten gegenüber ihren Stakeholdern halten.
 
Auf diese Weise, so Felber weiter, könne der ethische Horizont eines Unternehmens erweitert werden – bis dahin, dass Unternehmen sich die Frage vorlegen, wie sie auf allen Feldern ihres Handelns ethisch operieren können: von der Rechtsform des Unternehmens über seine Finanzierung bis zu Arbeitszeitmodellen, Kundenbeziehungen und dem Einkauf von Rohstoffen – kein Bereich, der nicht nach Gemeinwohlkriterien durchleuchtet werden könnte … und müsste. »So begeben sich Unternehmen auf die jahre-, vielleicht jahrzehntelange Reise einer schleichenden Metamorphose hin zu einem voll ethischen Unternehmen«, ist er überzeugt.
 
Rund 200 Unternehmen im deutschsprachigen Raum haben sich derweil auf diese Reise begeben und eine Gemeinwohlbilanz vorgelegt. Überprüft werden sie dabei entweder durch andere der Gemeinwohlökonomie verpflichtete Kleinunternehmen oder – wenn ein Betrieb mehr als 50 Mitarbeiter zählt – durch ein externes Audit, das von an der Gemeinwohlökonomie-Initiative beteiligten Auditoren und Auditorinnen im Dialog mit dem Unternehmen vorgenommen wird.
 
Wandel der Unternehmenskultur
Die Erfahrungen, die Unternehmen dabei machen, fallen recht unterschiedlich aus. Allgemein lasse sich feststellen, dass das ethische Bewusstsein bei Führungskräften und Beschäftigten signifkant zunimmt, sobald das Thema »Gemeinwohl-Bilanz« im Raume steht. So weiß Felber zu berichten, dass bei einer Bank die Beschäftigten entgegen den dort üblichen Gepflogenheiten im Zuge der Gemeinwohl- Bilanzierung begonnen haben, ethische Kriterien bei der Kreditvergabe geltend zu machen.
 
Auch ein Wandel der Unternehmenskultur lasse sich beobachten, sobald die Gemeinwohlorientierung in einem Unter- nehmen Einzug hält. Mit sichtbarer Freude erzählt Felber von einer Firma, bei der nach der Betriebsversammlung ein Beschäftigter den Mut gefasst habe, seinem Chef nach Maßga- be von Gemeinwohlkriterien einen Verbesserungsvorschlag zu unterbreiten, der prompt angenommen und erfolgreich umgesetzt wurde. So etwas sei vorher undenkbar gewesen. Auch hier: »schleichende Metamorphose«.
 
Ethische Schubumkehr
Noch ist der Prozess der Gemeinwohlökonomie nicht so weit vorangeschritten, dass die Ergebnisse der Gemeinwohl-Bilanz auch auf Produkten oder Dienstleistungen in Erscheinung treten. Doch lasse sich jetzt schon erkennen, dass es eine wachsende Nachfrage bei Konsumentinnen und Konsumenten nach gemeinwohl-zertifzierten Gütern gebe. »Das ist ein Vorzeichen dafür, dass es einen mächtigen Lenkungseffekt nach sich ziehen wird, wenn das Ergebnis der ethischen Performance eines Unternehmens eines Tages auf den Produkten sichtbar wird – und das noch vor der ethischen Schubumkehr auf den Märkten, die dann stattfnden wird, wenn ethisches Verhalten vom Wettbewerbsnachteil zum Wettbewerbsvorteil wird«.
 
Diese »Schubumkehr« wird in Christian Felbers Wahrnehmung nicht schlagartig kommen, aber doch schrittweise vonstatten gehen: Schon heute achten manche Kommunen und bewusste Konsumenten beim Einkauf auf die Gemeinwohlbilanz, werden Forschungsprojekte zur Gemeinwohlökonomie vergeben, gibt es Erwägungen, über das Steuerrecht gemeinwohlorientierten Produkten Marktvorteile zu verschaffen.
 
Glaube an den Wandel
Das alles klingt recht optimistisch. Und tatsächlich: Christian Felber glaubt an den Wandel, geht davon aus, dass auch eine kleine Minderheit innovativer Menschen das Zeug dazu hat, das herrschende ökonomische Denken aus dem Sattel zu heben. Wobei die Minderheit so klein auch wieder nicht ist, denn, wie er zu Recht bemerkt, wünscht sich schon jetzt die Mehrheit der Menschen eine andere Wirtschaftsordnung – eine, die mit dem Verfassungsauftrag ernst macht, die Ökonomie habe im Dienste des Gemeinwohls zu stehen.
 
Noch aber stehe dem Wandel hartnäckig das »fatale Menschenbild« des Ökonomismus im Wege: das Bild des scheinrationalen Egoisten, dessen Wesen darin besteht, mit anderen in Konkurrenz zu stehen. Erstaunlich eigentlich, wenn man bedenke, dass es inzwischen reichlich Indizien dafür gibt, dass der Mensch ein Wesen der Verbundenheit ist. So lehre die Hirnforschung, dass der Mensch ein »zu komplexer Kooperation« angelegtes Wesen ist und dass Mitgefühl zur Grundausstattung des Menschen gehöre. Kurz: »Die heutige Wissenschaft weist tendenziell in die Richtung, dass wir tugendhafte, soziale Wesen der Verbundenheit sind«.
 
Kooperation statt Konkurrenz
Nicht zuletzt deswegen lautet für Christian Felber das Gebot der Stunde: Kooperation statt Konkurrenz – ein Prinzip, dessen Umsetzung jedoch durch das herrschende Paradigma nahezu unmöglich gemacht wird. An diesem Punkt regt sich sogar ein Anflug des Zorns im sonst so gelassen wirkenden Christian Felber: »Die gültigen Spielregeln fördern das Falsche«, sagt er entschieden, »selbst Kannibalismus ist in ökonomischen Zusammenhängen erlaubt«.
 
Trotzdem machen wir immer weiter – verstrickt in einen Verblendungszusammenhang, der uns weis macht, der Sinn des Lebens bestünde in Macht und Geld. Schwer verständlich, denn eigentlich wisse man ja, dass diese »extrinsischen Werte« niemanden glücklich machen. »Ihnen nachzuhecheln ist eine Illusion, der Menschen meist deshalb aufsitzen, weil sie sich nicht selbst erkennen; und auch nicht dazu erzogen werden, auf die innere Stimme des Herzens zu hören. So kommt es, dass die falschen Spielregeln in Geltung bleiben und das fatale Menschenbild des Ökonomismus weiter regiert«.
 
Und so kommt es, dass immer mehr Menschen unter ihrer Arbeit leiden. Burn-out und Depression ebenso wie der Konsum von Psychopharmaka greifen in Felbers Augen nicht zufällig um sich, sind sie doch die Folgen mangelnder oder falscher Wertorientierung. »Viele wissen nicht mehr, wofür sie sich abstrampeln«, sagt er. »Und das selbst da, wo sie sozial bestens abgesichert sind und gut bezahlt werden. Mitten im Wohlstand breite sich eine Sinnhungerepidemie aus, die weder Macht noch Geld noch Erfolg aufhalten können.« In einer Gemeinwohlökonomie hingegen, da ist er sich sicher, würden solche Symptome im Idealfall gar nicht auftreten. Denn sie ist per se sinnvoll und wertbesetzt – für ihn einer der Gründe, warum immer mehr Menschen aus ihren gut dotieren Positionen aussteigen und sich der Gemeinwohlökonomie-Initiative anschließen.
 
Pioniere des Wandels
Andere Gründe kommen hinzu. Aus Erfahrung weiß Christian Felber, welche Kraft und Motivation Menschen zufließen können, wenn sie sich dazu entscheiden, gemeinsam mit Gleichgesinnten an einem sinnvollen Transformationsprozess zu arbeiten. »Pionier des Wandels sein – das ist das erstgenannte Motiv derer, die bei uns mitmachen«, weiß er zu berichten.
 
Christian Felbers Engagement gilt freilich nicht allein der Wirtschaftswelt im engeren Sinne. Ohne politische Veränderung keine Gemeinwohlökonomie, ist seine Überzeugung. Dabei hat er besonders die regionale und kommunale Ebene im Blick. Ein Kreis von bisher 20 Gemeindeberatern und –beraterinnen wächst heran und steht bereit, um Kommunen und Regionen auf ihrem Weg zur Gemeinwohlregion oder -gemeinde zu begleiten.
 
Auch hier ist deutlich: Gemeinwohlökonomie ist ein Bottom-up-Prozess, der auf die Wandlungsfähigkeit der kleinsten Einheiten vertraut. Was nicht bedeutet, dass sich nicht auch politischen Parteien zunehmend für die Gemeinwohlökonomie interessieren. Doch je höher die politische Ebene, desto größer die Widerstände, hat er wiederholt erfahren müssen. Gleichwohl gibt es Ausnahmen: Gerade erst ist eine Einladung der chilenischen Regierung an Christian Felber ergangen. Der naturverliebte Bub vom Mattsee wird langsam zum Global Player.
 
Unterwegs zur Demokratiereform
'Gemeinwohlökonomie versucht, das öffentliche Leben und die Wirtschaft auf Werten zu errichten, die es immer schon gab' © Christoph QuarchOder zum Politiker? »Nicht im herkömmlichen Sinne«, ist seine Antwort, aber den politischen Aspekt der Gemeinwohlökonomie stärker zu bearbeiten, ist für ihn durchaus eine zentrale Zukunftsaufgabe. Besonders die Stärkung und Verteidigung der Demokratie liegt ihm am Herzen. »Es gibt so viele Themen, die längst mehrheitsfähig sind und der Gemeinschaft helfen würden, aber es gibt im derzeitigen Demokratiemodell keinen Weg sie durchzusetzen«, klagt er. »Das zu ändern ist mir wichtig.« Er hat sich sogar schon ein Datum dafür gesetzt: das Jahr 2019/2020, in dem der hundertste Jahrestag der demokratischen Verfassungsgebung in Deutschland und Österreich ansteht. »Bis dahin möchte ich mit einem überzeugenden Vorschlag für eine Demokratiereform aufwarten«. Zwei dafür erforderliche »Hightech- Tools« kennt er bereits: »Achtsame Gesprächsführung und effektive Entscheidungsfndung«.
 
Das Ziel ist umrissen, der Weg beschrieben. Trotzdem wird Christian Felber Kraft brauchen, um seine Ziele zu erreichen. Mehr als ein Kopfstand wird dafür von Nöten sein - und so manches Bad in einem klaren Gebirgssee. Aber solange er seiner Yoga-Praxis nachgehen und bei Wind und Wetter durch die Wälder der Umgebung streifen kann, muss man sich wohl keine Sorgen um ihn machen. Denn dann, so weiß er, kann er die innere Stimme seines Herzens hören und ihr folgen. Und wenn er dann auch noch seiner alten Leidenschaft des Tanzens folgen kann, wird ihm wohl auch die Leichtigkeit, Lebendigkeit und Eleganz seines Denkens und Handelns erhalten bleiben. //
 
Christian Felber
Christian Felber (*1972) veröffentlichte 2010 das Buch »Gemeinwohl-Ökonomie«, mit dem er zum visionären Vordenker eines neuen wirtschaftlichen Paradigmas avancierte. Er ist ein vielgefragter Redner und Autor zahlreicher Bücher (zuletzt: Geld. Die neuen Spielregeln, 2014; Retten wir den Euro, 2013). Ferner ist er Gründungsmitglied der österreichischen Sparte von »Attac« und Initiator des Projektes »Bank für Gemeinwohl«. Außerdem unterrichtet er an verschiedenen europäischen Universitäten.

Gesellschaft | WIR - Menschen im Wandel, 01.12.2014
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2014 - Green Tech als Retter der Erde erschienen.
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