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Ralph Thurm

Nachaltigkeitsberichterstattung ohne Zusammenhang sorgt für verwirrte Stakeholder

Kontext, bitte! - Der T(h)urmblick

Im März dieses Jahres brachte Shell seinen neuesten Nachhaltigkeitsbericht heraus. Nur wenige Wochen zuvor erschien das neueste Set an Szenarien, für das Shell immer wieder gerühmt wird. Darin wurde nämlich erstmalig konstatiert, dass erneuerbare Energien wohl irgendwann einmal die fossilen Brennstoffe ablösen werden.
 
Foto: © freshidea, Fotolia.com Mit Verwunderung liest man dann die Ergebnisse des External Review Komitees (ERC), das Shell immer wieder ernennt, um seinen Nachhaltigkeitsbericht einer externen Prüfung zu unterziehen: "Es gibt den wachsenden Wunsch des ERC, mehr strategischen Kontext und Inhalt in den Berichten zu sehen. Das Komitee würde gerne eine zusammenfassende Präsentation der Vision, Strategie und Indikatoren für Nachhaltigkeit in einer Welt, die von Klimawandel, wachsendem Energiebedarf und wachsender Sorge über Umwelt - und Sozialeinflüssen gekennzeichnet ist, sehen wollen". Der interessierte Leser reibt sich die Augen: Wie um alles in der Welt ist es möglich, dass Shell in seinem Nachhaltigkeitsbericht keine Referenzen zu den zuvor veröffentlichten Szenarien herstellt? Und dass laut Bericht die Erweiterung des bisherigen Geschäftsmodells hin zu "nachhaltigen Innovationen" angestrebt wird, das Thema der "unbrennbaren Fossilien" aber völlig außen vor bleibt? 

Geschäft und Verantwortung sind ein Paar Schuhe
Wie wohltuend anders liest sich da der integrierte Geschäftsbericht von Novo Nordisk, einer der führenden Firmen im Bereich Gesundheitsschutz, mit Spezialisierung auf Diabetesprodukte. Der Bericht mit dem Namen "Strategie hat mit Wahlmöglichkeiten zu tun" eröffnet gleich auf dem Deckblatt die Diskussion über "Nachhaltiges Wachstum - ist das möglich?". Auf mehreren Seiten diskutiert der Bericht, inwiefern Novo Nordisks Wachstum mit einer Verminderung von Umweltwirkungen einhergehen kann und inwiefern mehr Gesundheitsschutz bei immer weniger Geld in den Gesundheitskassen für die Patienten erreichbar werden muss bzw. verfügbar bleiben sollte. Auch wird mit einem "Blueprints for Change"-Programm der nötige Bodensatz an Case Studies erarbeitet. 

Ohne den nötigen Kontext sind Nachhaltigkeitsberichte und natürlich auch integrierte Berichte nur zu wenig nütze. Drei Gründe, warum sich die Berichterstattung ändern muss:
- Die Berichtsgrenzen sollten sich nicht mehr an den legalen Besitzverhältnissen orientieren, sondern wo ein nachweisbarer Einfluss vorherrscht. Firmen sollten die Frage, wo ihre Verantwortung anfängt und auch aufhört einer Wertkettenanalyse (Value Chain Mapping) unterziehen. Juristen lassen mehr Berichterstattung ungern zu - man könnte ja verklagt werden! In den GRI-Versionen G3 und G3.1. ist dieser Rückzug in das Zimmer des Chefjuristen noch erlaubt - es wird uns aber auf jeden Fall nicht mehr weiterbringen. Verantwortung fängt nicht erst am Firmentor an, und viele Firmen haben das auch schon schmerzlich am Kundenverhalten feststellen müssen. Nachdem der Einfluss der Lieferketten bei vielen Firmen zwischen 20 Prozent (Utilities) und 90 Prozent (Food & Beverage) beträgt, wird sich die Berichterstattung um das Lieferkettengeschehen deutlich erweitern müssen.

- Der Rahmenentwurf des International Integrated Reporting Council (IIRC) sieht sechs verschiedene Kapitalströme vor, die in das Unternehmen hineinfließen und dieses je nach Business-Modell in veränderter Art und Weise wieder verlassen. Dadurch wird der Fokus der Betrachtung erweitert und die Wertkettenberichterstattung verstärkt. Grundsätzlich könnte die Schnittstellenbeschreibung von Kapitalströmen in Wertschöpfungsketten vereinfacht werden, wenn man sich auf dieselben Konventionen für die Messung von Kapitalströmen einigen könnte. Momentan werden sie sehr unterschiedlich gemessen - wenn überhaupt.

- Auch im Rahmen von Ratings ist mehr Bezug zum Nachhaltigkeitskontext nötig. Die Global Initiative for Sustainability Ratings (GISR) versucht eine Konsolidierung und verstärkte Kontextualisierung einzubringen und hat im Rahmen ihres Erstlingswerkes, den "Prinzipien für nachhaltige Ratings", das Thema Kontext konkret benannt. Letztlich muss sich dieser Ansatz aber in den noch zu entwickelnden Indikatoren niederschlagen, die 2014 zu erwarten sind.

Kontextualisierung in der Berichterstattung wird sich durchsetzen. Über kurz oder lang müssen makroökonomische Erfordernisse (die Rahmenbedingungen einer "Green & Inclusive Economy") mit den mikroökomischen Unternehmensergebnissen gespiegelt werden. Die Schulterklopferei über inkrementelle Ergebnisverbesserungen, die zu absoluter Verschlechterung des Zustands unseres globalen Ökosystems führt, muss ein Ende finden. Die größte Transformation unserer Unternehmens- und Zivilgesellschaft hat längst begonnen. Ach ja, wo werde ich investieren? Klar, lieber bei Novo Nordisk als bei Shell, das sollte deutlich geworden sein.
 
Im Profil
Ralph Thurm ist Gründer und Managing Director von A|HEAD|ahead. Für forum schreibt er regelmäßig die Kolumne "Der T(h)urmblick". 

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2013 - Die Food-Industrie erschienen.

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