66 seconds for the future - forum zeigt Zukunftsgestalter:innen und Nachhaltigkeitspionier:innen

Faszination Forschung

Seit 2012 arbeitet das Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT mit dem örtlichen Sophie-Scholl-Gymnasium zusammen.

Das Ziel: Die jungen Humboldts und ­Goodalls fördern und deren Forschergeist für das Thema Nachhaltigkeit wecken.

Lejla ist schon ganz gespannt. Gleich wird sie erfahren, mit welchen Projekten sie und ihre Klassenfreunde in diesem Schuljahr auf Forschungsreise gehen dürfen. Ihre Mitschüler reden immer noch davon, wie sie im vergangenen Jahr der Bionik auf der Spur waren und was man dabei alles von der Natur lernen kann. Und dann gibt die Lehrerin bekannt: Lejla und ihre 23 Mitschüler dürfen neben den regelmäßigen Projektterminen in der Schule alle sechs Wochen das Institut UMSICHT besuchen und dort zusammen mit den Profis in drei Projektgruppen zum Thema Nachhaltigkeit forschen. Lejla interessiert sich zwar sehr für Menschen, aber sie weiß schon, in der philosophisch-gesellschaftlichen Gruppe wird viel diskutiert werden und das ist nichts für sie. Manche ihrer Mitschüler entscheiden sich, die Potenziale der „Personal Fabrication" mit 3D-Druck zu erkunden, doch Lejla zieht es zu der „Detektiv-Truppe". Diese soll einen Nachhaltigkeitsbericht über die Schule erstellen. Schließlich sollte man in Sachen Nachhaltigkeit bei sich selbst und damit vor Ort in der Schule beginnen. Für Lejla beginnt nun die spannende Jagd nach den Daten.

Was kann ich für die Umwelt tun?

In der Philosophiegruppe wird lebhaft diskutiert, welchen Beitrag jeder einzelne leisten kann, unseren Planeten für nachfolgende Generationen zu erhalten. Und um neue Sichtweisen einzubeziehen und globale Probleme besser zu verstehen, sollen Schüler und Schülerinnen befreundeter Schulen in Australien und Korea online befragt werden. Wie denken Gleichaltrige dort über Nachhaltigkeitsthemen und wie leben sie Nachhaltigkeit im Alltag? Trennen sie Müll? Wer ist in ihren Ländern für Umweltprobleme verantwortlich und woran liegt es, dass so wenige Menschen umweltbewusst leben? Die Grafik auf Seite 42 zeigt, dass die Meinungen zumindest in dieser Frage gar nicht so weit auseinandergehen.

Ist der 3D-Druck die Fabrik der Zukunft?

So luftig reden, denken und forschen ist in der zweiten Gruppe nicht angesagt. Polylactate verbinden, bohren, fräsen, justieren – hier werden handfest und anschaulich Fertigungsverfahren untersucht. Im Fokus steht der moderne 3D-Druck und die Frage: Ist er besser als Spritzguss? Moderne und herkömmliche Fertigungsverfahren werden hinsichtlich Qualität und Energieverbrauch verglichen. Dabei stellt sich heraus, dass keines der Verfahren eindeutig besser ist. Jedes hat unterschiedliche Vorteile zu bieten und so kommt es immer auf den jeweiligen Einsatzzweck des Produktes an.

Ist unsere Schule eigentlich nachhaltig?

Die Philosophiegruppe fragte unter anderem: Woran liegt es deiner Meinung nach, dass so wenige Menschen umweltbewusst leben? (Quelle: Fraunhofer-UMSICHT)Lejla hat bereits gelernt, dass man in Sachen Nachhaltigkeit am besten vor der eigenen Tür kehrt. Doch was kann man dazu tun? Lejlas Team soll einen Nachhaltigkeitsbericht für die Schule erstellen und damit eine Grundlage für Veränderungen schaffen? Gut, dass es bereits Berichte von Unternehmen gibt, die analysiert und als Vorbild genommen werden können.

Nachdem die Schüler erkannt haben, welche Daten und Informationen für die Berichterstattung notwendig sind, geht es an die Umsetzung. Was zuerst einfach erscheint – alle wichtigen Daten zu Verbräuchen, Abfallmengen und vieles mehr zusammentragen – entpuppt sich schnell als überaus komplexe und sehr zeitraubende Arbeit. Wie wird die Schule eigentlich beheizt? Wie viel Abfall fällt im Jahr an, wird er getrennt, und was passiert mit dem Sondermüll aus dem Chemielabor? Wie viel Geld wird in jedem Jahr wofür ausgegeben? Mit jeder neuen Spur und mit jeder neuen Antwort tauchen neue Fragen auf. Lehrer, Hausmeister, Verwaltung und Schulleiter werden befragt, Aktenordner gewälzt und Stück für Stück ein umfangreiches Datenpuzzle zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Ein echter Glücksfall für die Schüler ist dabei, dass viele Daten, insbesondere die Verbrauchsdaten, zentral bei einer Gebäudemanagement GmbH erfasst werden. In einem ausführlichen Interview gibt der Leiter der Gebäudemanagement GmbH der wissbegierigen Gruppe bereitwillig Auskunft auf ihre Fragen und versorgt sie mit den notwendigen Zahlen, die sie dann zusammen mit allen anderen gesammelten Daten für den Bericht aufbereiten.

Nachhaltigkeit – nein danke!

Etwas mehr Überzeugungsarbeit ist hingegen bei den Mitschülern und Lehrern zu leisten. Mit Umfragen zum Thema Mobilität, Schulklima und Schulhofgestaltung will die Gruppe einzelne Nachhaltigkeitsaspekte beleuchten und stößt dabei oft auf Unverständnis oder Desinteresse. Die Nachhaltigkeitsdetektive werden belächelt, mit Spaßantworten zu täuschen versucht, und die jüngeren Schüler wissen nicht, was sie unter Nachhaltigkeit verstehen sollen. Hier gilt es also, hartnäckig zu sein und nachdrücklich klar zu machen, wie wichtig der Beitrag jedes Einzelnen zum Thema Nachhaltigkeit ist. Nach und nach ergibt sich für die Detektive, wie auch für die Mitschüler, ein verständliches Bild.

Hausaufgaben für den Direktor

Nach gut einem halben Jahr Arbeit ist der 50 Seiten starke Bericht endlich fertiggestellt. Die ersten druckfrischen Exemplare werden stolz am Tag der Nachhaltigkeit präsentiert und dem Direktor überreicht. Lejlas ehrlicher Kommentar: „Es war viel Arbeit, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wir haben viel über das Thema Nachhaltigkeit gelernt und würden uns freuen, wenn der nächste Kurs die Fortschreibung übernimmt." Und davon ist auszugehen: Von den circa 25 Schülern, die den neuen Projektkurs bei Fraunhofer UMSICHT absolvieren, hat sich mehr als die Hälfte für die Weiterbearbeitung des Nachhaltigkeitsberichts entschieden und ist bereits auf Datenjagd gegangen. Lejla wird ihn ganz besonders aufmerksam lesen und helfen, die Schule zu einem nachhaltigeren Ort zu machen. Denn „nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir," doziert sie mit einem verschmitzten Lächeln und schielt dabei in Richtung ihrer Eltern.


Von Manuela Rettweiler und Dr. Markus-Hiebel

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2014 - Green Tech als Retter der Erde erschienen.



     
        
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