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Der Möglichkeitssinn

Ein Gespräch über Nachhaltigkeit und die Künste

Im Buch "Die Einübung des anderen Blicks" führt Dr. Walter Spielmann, Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen, Gespräche mit Kunstschaffenden über Kunst und Nachhaltigkeit. forum-Redakteurin Lea Eggers war auf seine eigene Perspektive gespannt.

Dr. Walter Spielmann im Gespräch mit unserer Redakteurin
Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Es handelt sich um einen stark strapazierten Begriff, der nur schwer konkret zu definieren ist. Allgemein formuliert, bedeutet er wohl, Voraussetzungen zu schaffen, dauerhaft auf diesem Planeten leben zu können und ist ein großes Vorhaben für das 21. Jahrhundert. Die Entwicklung in verschiedensten Zusammenhängen demonstriert, dass wir trotz vieler Bemühungen weit vom Ziel der Nachhaltigkeit entfernt sind. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander.

Welche Rolle spielt die Kultur, um diesem Auseinanderklaffen entgegenzuwirken? Kann sie das überhaupt?

Das ist meine große Hoffnung und Erwartung. Nachhaltigkeit beinhaltet drei klassische Aspekte: von den Dringlichkeiten und Wertigkeiten her vorrangig die Ökonomie; dann das Wissen, dass eine Wirtschaft nur ökologisch eingebettet funktioniert und vertretbar ist, und schließlich die sozialen Dimensionen. Ich meine jedoch, dass Nachhaltigkeit nur machbar ist, wenn wir zudem Kultur stärker in den Blick nehmen. Sie ist in hohem Maße mit immateriellen Aspekten verbunden, und wir können das Ziel nur erreichen, wenn wir den Potenzialen der kulturellen Entfaltung - ein anderes Miteinander, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Spiritualität, Gespräch, Kreativität - einen anderen Stellenwert zuordnen. Da spielt Kultur für mich in allen ihren Ausdrucksformen eine ganz entscheidende Rolle.

Kunst kann nachhaltig sein, wenn sie mit nachhaltigen Materialien nachhaltig produziert wird. Und sie kann Nachhaltigkeit kommunizieren, ein Bewusstsein dafür schaffen. Welcher Aspekt ist für Sie wichtiger?

Beides spielt eine ganz zentrale Rolle. Es gibt wunderbare Beispiele nachhaltiger Kunst, in denen scheinbar wertlose Gegenstände in einen anderen Kontext gerückt werden und so wieder an Wert und Dauerhaftigkeit gewinnen: Ein befreundeter Bildhauer in Seekirchen arbeitet zum Beispiel mit Parketthölzern, die ein Tischler als wertloses Abfallmaterial sammelt. So hat er für sich einen neuen Werkstoff entdeckt, mit dem er nun Skulpturen konfiguriert. Vermeintlich Wertloses gewinnt so eine neue Dimension und wird für den Betrachter wieder interessant.

Jede Form von Kunst kann Themen und Fragen der Nachhaltigkeit reflektieren und zur Diskussion stellen. In der bildenden Kunst erinnert uns das Bild von Dalí, in dem die Zeit wegfließt, an die Endlichkeit und stellt Fragen: "Wie gehen wir mit unserer Zeit um?", "Was bedeutet Leben für uns?". Und insbesondere die Musik bietet m. E. spannende Möglichkeiten. Das reicht von einem kleinen Streichquartett bis zu dem großartigen West-Eastern-Divan-Orchester, in dem Palästinenser, Syrer, Israelis zusammen das Zeichen setzen, dass in dieser Krisenregion Kunst sowohl Identität stiften als auch eine Grundlage für ein Miteinander und einen Toleranzaustausch bieten kann. Eine globalisierte Welt, die immer mehr zusammenrückt, bedeutet auch, künstlerische Ausdrucksformen anderer Kulturen kennenzulernen, miteinander zu kommunizieren und Vorurteile abzubauen.

Wir müssen nicht bleiben, wie wir sind:
Der "Omnbus für Direkte Demokratie" macht Freiheit vor und - fliegt
Daher also der Titel des von Ihnen herausgegebenen Buchs "Die Einübung des anderen Blicks"? Als Gegensatz z.B. zum wirtschaftlichen Blick?

Wirtschaftsdenken ist sehr rational, sehr zweckbestimmt und folgt zumeist dem Zwang der Gewinnoptimierung. Dieses zielorientierte Handeln kann die Fülle des menschlichen Potenzials und der Gestaltungsmöglichkeiten nicht annähernd abdecken. Wir sind vieldimensional und haben zusätzliche Vorstellungen, Werte, Wünsche und Hoffnungen. Das Leben kann sich nicht nur an materiellen Bedürfnissen und deren Befriedigung orientieren: Wir wissen heute, dass Glück wenig mit der Erfüllung materieller Bedürfnisse zu tun hat. Deswegen sind die Priorität und die Dominanz wirtschaftlichen Denkens und Handelns wohl der falsche Weg. Wir müssen andere Formen des Miteinanders entwickeln und da kann die Entdeckung von "Künsten" eine entscheidende Rolle spielen - ein Buch zu lesen, zu reflektieren, sich auszutauschen. Was ist mir wichtig im Leben? Wie möchte ich es gut gestalten? Wie möchte ich mit Familie, Kindern, Freunden umgehen? Das sind Fragen der Kultur, und die Künste bieten hier vielfältige neue Ansätze: Sie lenken den Blick auf andere wesentliche Ressourcen des menschlichen Potenzials. Das haben wir "die Einübung des anderen Blicks" genannt.

Vielleicht kann man es in diesem von Robert Musil entlehnten Gedanken zusammenfassen: Neben einem Wirklichkeitssinn, der uns in Technik und Wirtschaft maßgeblich bestimmt, unser Handeln vorantreibt, muss es immer auch einen Möglichkeitssinn geben, der anderen Formen des Zusammenlebens nachspürt. Das können die Künste ganz besonders leisten.

Unternehmen fördern Kultur beispielsweise durch Sponsoring. Ist das ein "nachhaltiger" Weg, eine Verbindung zwischen der Wirtschaft und den Künsten herzustellen?

Ja und nein. Ein prominentes und hier in Salzburg immer präsentes Thema ist die sogenannte Hochkultur bei den Salzburger Festspielen. Da hat Wirtschaft eine zentrale Rolle und Bedeutung. Das halte ich für sehr wichtig und gut. Auf der anderen Seite müssen sich global agierende Konzerne ihrer Verantwortung in anderem Zusammenhang über die Kunstförderung hinaus bewusst sein und sich durchaus auch kritischen Fragen stellen. Wirtschaft hat sehr wohl Möglichkeiten Kunst zu unterstützen und zu fördern. Das soll sie, aber es geht auch um die Verantwortung, die sie darüber hinaus hat und die sie wahrnehmen und reflektieren soll.

Vielen Dank für das Gespräch.
Quelle: Robert Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 22.03.2012

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