Klimapionier München

Die Stadt investiert massiv in erneuerbare Energien mit Einnahmen aus Atomkraft

Von Claudia Mende

München verfolgt ehrgeizige klimapolitische Ziele. Als erste Millionenstadt überhaupt will die bayerische Landeshauptstadt ihren Bedarf an Strom bis 2025 vollständig aus erneuerbaren Energien beziehen. Damit soll der CO2-Ausstoß im Vergleich zu heute massiv sinken. Zur Zeit bezieht die Stadt ihren Strom noch aus einem Mix von Erdgas, Wasserkraft, Windkraft - und Atomkraft. Um die regenerativen Energien zu fördern, investieren die Stadtwerke in München und Umgebung in Wasserkraft, Biomasse, Geothermie, Photovoltaik und Windkraft. Für diese "Ausbauoffensive Erneuerbare Energien" hat der Stadtrat bis 2025 ein Investitionsvolumen von insgesamt rund neun Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

München rüstet auf! 2025 soll der Strombedarf der Stadt komplett aus erneuerbaren Energien bezogen werden.
Foto: © SW/Langrock/Solar Millennium
Mit lokalen und regionalen Anlagen allein können die rund 7,5 Milliarden Kilowatt Strom pro Jahr für eine moderne Großstadt mit rund 1,4 Millionen Einwohnern nicht vollständig gedeckt werden. Deshalb wollen die Stadtwerke den regenerativen Strom zwar in eigenen Anlagen produzieren, die jedoch auch an der Nordsee oder sogar in Spanien stehen.

Ziel ist es, die Strommenge, die München rein rechnerisch ins europäische Stromnetz einspeist, grün zu erzielen. Wenn das europäische Stromnetz einem großen See gleicht, dann wird eben dank München ein größerer Teil dieses Stromsees in Zukunft ökologisch sein. Deshalb beteiligen sich die Stadtwerke an Großprojekten wie dem Solarpark Andasol 3 in Spanien, dem Windpark Dan Tysk in der Nordsee vor der Insel Sylt sowie an einem Offshore-Windpark in der Irischen See vor Großbritannien. Der Strom aus diesen Großanlagen soll dort verbraucht werden, wo er hergestellt wird. Auf diese Weise will man Verluste durch den Transport über große Strecken vermeiden.

Wenn der Windpark Dan Tysk (an dem auch der schwedische Energiegigant Vattenfall beteiligt ist) mit seinen 80 Offshore-Windturbinen 2014 ans Netz geht, soll eine wichtige Zwischenetappe bereits erreicht sein, nämlich Öko-Strom für alle 800.000 Münchner Haushalte sowie die U-Bahnen und Trambahnlinien der Münchner Verkehrsgesellschaft. Allein Dan Tysk soll dann jedes Jahr 1,1 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Für ihre klimapolitische Weichenstellung hat die bayerische Landeshauptstadt schon jetzt den Europäischen Solarpreis 2010 erhalten. Die von dem kürzlich verstorbenen Solar-Pionier Hermann Scheer gegründete Organisation Eurosolar verleiht diesen Preis jedes Jahr. Als "wegweisend" bezeichnet auch Frank Merten vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie die Münchner Klimapolitik. Vor allem den Vorbildcharakter des Engagements lobt er. "Wenn München zeigt, dass sie es schaffen, ist das die Blaupause für andere Kommunen!".

Möglich ist die energiepolitische Wende in München nur aus zwei Gründen. Erstens hat die Stadt München ihre Stadtwerke nicht um eines kurzfristigen finanziellen Nutzens willen privatisiert wie viele andere notorisch klamme Kommunen. Jetzt kann sie den Stadtwerken klare politische Vorgaben im Sinne der rot-grünen Stadtregierung machen. Der zweite Grund ist heikler, denn München finanziert die Klimawende mit Finanzerlösen aus seinen lukrativen Anteilen am Atomkraftwerk Isar II. Dieser Druckwasserreaktor liegt bei Landshut, keine hundert Kilometer nördlich von München. Im Falle eines Betriebsunfalls wäre München direkt betroffen.

Nach der Laufzeitverlängerung der schwarz-gelben Bundesregierung sollte der relativ junge Reaktor Isar II, Baujahr 1988, noch mindestens weitere 14 Jahre in Betrieb bleiben und erst 2025 vom Netz gehen. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima und der Atomwende der Bundesregierung wurde der Reaktor Isar 1 ganz abgeschaltet. Isar II wird aber bis zur endgültigen Stilllegung, die jetzt für das Jahr 2022 anvisiert ist, noch Strom liefern - und so den Stadtwerken Kapital für ihre Energiewende liefern. Wieviel Geld das Atomkraftwerk jährlich in die Kassen spült, will man bei den Stadtwerken nicht kommentieren.

Windkraft vom Fröttmaninger Berg, Sonnenkraft aus Spanien: München will sich bis 2025 komplett mit Ökostrom versorgen.
Foto: © SWM
1982 hat die Landeshauptstadt - unter Oberbürgermeister Erich Kiesl (CSU) - einen 25-prozentigen Anteil an Isar II erworben, die restlichen Anteile gehören dem Energiekonzern E.ON. Zwar gibt es einen Beschluss des Stadtrats, wonach die Anteile verkauft werden sollen. Doch Oberbürgermeister Ude betont bei jeder Gelegenheit, es wäre zur Zeit nicht möglich, die Anteile ihrem Wert entsprechend zu verkaufen. Ein Verkauf unter Wert wäre aber laut Gemeindeordnung nicht zulässig. Der Strom aus Isar II wird überregional auf dem Großhandelsmarkt für Elektrizität an Industrie- und Großkunden verkauft. Aus dem Stadtrat gibt es da kaum Kritik. Wohl aber aus dem bayerischen Landtag. Für den grünen Landtagsabgeordneten Ludwig Hartmann ist das eine massive "Glaubwürdigkeitsfalle". Man hätte in den Anfangsjahren der rot-grünen Rathauskoalition die Anteile realistisch zu einem angemessenen Preis verkaufen können, was aber in Hartmanns Augen versäumt wurde. Nach der zweiten Atomwende in Berlin ist kaum noch ein vernünftiger Preis für die Anteile zu erzielen.

Und so kommt es, dass München einerseits klimapolitischer Vorreiter ist und auf der anderen Seite neben Bielefeld die einzige deutsche Kommune mit nennenswerten Anteilen an der Atomenergie.

Quelle:
Umwelt | Klima, 08.11.2011
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2011 - Stadt der Zukunft erschienen.
     
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