"Nur was ich schätze, kann ich schützen"

Das MFM-Projekt®

Mädchen, Jungen und ihre Eltern in die Pubertät begleiten - ein werteorientiertes, sexualpädagogisches Präventionsprojekt. In geschlechtsgetrennten Gruppen werden seit 1999 standardisierte sechsstündige Workshops durchgeführt, bei denen die Mädchen und Jungen auf innovative Weise die Vorgänge im Körper erleben. Ziel ist es, über rein biologisches Wissen hinaus echte Wertschätzung für den eigenen Körper zu vermitteln. www.mfm-projekt.de

Ein Gespräch mit der Gründerin Frau Dr. med. Elisabeth Raith-Paula.

Die Mädchen erleben die Vorgänge in ihrem Körper um ein Bodenbild sitzend, das die "Bühne des Lebens" darstellt, die innerenweiblichen Geschlechtsorgane.
Das MFM-Projekt wurde vor elf Jahren gegründet - was hat Sie dazu veranlasst?
Ich schrieb in den 1980er-Jahren meine Doktorarbeit über "alles, was eine Frau über ihren weiblichen Körper und ihre Fruchtbarkeit wissen kann, indem sie die Zeichen und Symptome ihres Zyklusgeschehens beobachtet". Dabei stellte ich fest, dass dieses "Basiswissen" um den eigenen Körper nicht nur "guttut", sondern auch zu einer ausgezeichneten Körperkompetenz führt. Da dieser positive Zugang zum eigenen Körper den meisten Frauen unbekannt war, begann ich später, Vorträge für Mütter anzubieten, um diese darin zu unterstützen, ihre Mädchen positiv in die Pubertät und ins Frausein zu begleiten. Diese Mütter waren es, die mich aufforderten, dieses Wissen doch in Form eines Workshops an ihre Töchter persönlich weiterzugeben - der Beginn des MFM-Projekts! Vier Jahre später wurde von einem deutsch-österreichischen Autorenteam auch ein Parallelprojekt für die Jungen entwickelt.

Warum ist getrenntgeschlechtliche Aufklärung besser?
Aus Erfahrung wissen wir, wie angenehm es die Mädchen und Jungen empfinden, "unter sich zu sein", wenn es um die körperlichen Veränderungen in der Pubertät und Fruchtbarkeit geht. Niemand braucht sich in seiner Intimsphäre verletzt zu fühlen, niemand peinlich berührt zu sein, wenn in kleinem und vertrautem Rahmen in unseren Workshops die jeweils spezifischen Themen besprochen und vertieft werden.

Ist der Unterricht freiwillig? Wie reagieren die Eltern verschiedener Religionen?
Für uns ist es wichtig, dass die Mädchen und Jungen freiwillig am Projekt teilnehmen.
Allerdings stehen die Lerninhalte des MFM-Projektes in den Lehrplänen aller Bundesländer. Somit ist die Weitergabe dieser Inhalte an die SchülerInnen verpflichtend. Dennoch sind natürlich manche Eltern besorgt, gerade wenn sie einer anderen Religion angehören, dass wir ihre Kinder überfordern. Deshalb ist die Elterninformation sehr wichtig. Wir orientieren uns an den Fragen, Unsicherheiten und Bedürfnissen, die die Mädchen und Jungen am Anfang ihrer Pubertät haben und machen uns NICHT zum Handlanger einer sexualisierten Gesellschaft nach dem Motto:"Alles, was Du schon immer über Sex wissen wolltest". Das beruhigt die Eltern.

Inwieweit verstehen Sie Ihre Arbeit als Social Business?
Die ReferentInnen bekommen für die Durchführung der Workshops ein Honorar, das derjenige zahlt, der die Workshops bucht, d.h. im Regelfall die Schule bzw. die Eltern oder auch Sponsoren. Nur so konnte das Projekt diese Dimension erreichen. Wir halten dies für ein gutes Beispiel eines nicht gewinnorientierten, sozialen Unternehmertums. Für die Zukunft dringend nötig sind jetzt strukturelle Verbesserungen auf der Projektleitungsebene, die bisher sehr engagiert, aber vorwiegend ehrenamtlich tätig war. Nun gilt es, Gemeinnützigkeit mit sozialem Unternehmertum zu verbinden.

Buchtipp

Was ist los in meinem Körper
Dr. med. Elisabeth Raith-Paula
Pattloch-Verlag
ISBN 978-3-629-01431-3
Inwieweit tragen Sie mit Ihrem Projekt zur Verbesserung der Zukunft der Gesellschaft bei?
Unser Leitgedanke: "Nur was ich schätze, kann ich schützen" sagt eigentlich alles: Unser Ziel ist es, junge Menschen - und auch deren Eltern - dabei zu unterstützen, ihren Körper wertzuschätzen! Diese Wertschätzung ist - und das wird in der Diskussion zu diesem Thema häufig völlig außer Acht gelassen - die Grundlage jeglicher Art von Prävention! Damit ist unser Projekt ein wichtiger Beitrag für einen liebevollen und verantwortungsbewussten Umgang mit dem eigenen Körper, mit der eigenen Fruchtbarkeit und mit den verschiedensten Aspekten von Frauen- und Männergesundheit und damit viel umfassender und weitreichender als nur gegen Essstörungen, gegen sexuellen Missbrauch und gegen ungeplante Schwangerschaften und Abtreibungen. Der gesundheitspolitische Aspekt unseres Projektes darf dabei nicht außer Acht gelassen werden: Die Körperkompetenz, die wir vermitteln, trägt dazu bei, mittel- und langfristig Kosten im Gesundheitswesen zu reduzieren und das Wohlbefinden im eigenen Körper zu steigern.


Um das Interview mit dem Gründer von Golvico.org zu lesen klicken Sie bitte hier.
Das Gespräch mit der Geschäftsführerin von Leonhard finden Sie hier.

Quelle:

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2011 - Stadt der Zukunft erschienen.



     
        
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