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Franz Alt
Technik | Energie, 01.04.2011

Erneuerbare Energien brauchen erneuerbare Regierungen

Offener Brief an Angela Merkel

"Es fehlt nicht an erneuerbarer Energie, aber die Zeit wird im Angesicht des Klimawandels immer knapper." In einem offenen Brief an Angela Merkel ruft Franz Alt zu einem Wandel von Atompolitik zu erneuerbaren Energien auf.

Franz Alt und Angela Merkel
Liebe Angela Merkel,

viele konservative Politiker sagen jetzt, "Japan" sei schuld am Wahlausgang in Baden-Württemberg. Die Wahrheit ist, dass längere Laufzeiten für deutsche AKW nicht in Japan, sondern in Berlin beschlossen wurden. Realisten haben schon immer mit dem atomaren Restrisiko rechnen müssen, das wir jetzt auf so grauenvolle Weise erleben.

2004 - Sie waren Oppositionsführerin im Bundestag - diskutierten wir beide über Atomenergie. Wir stimmten darin überein, dass ein GAU oder Super-GAU nur selten vorkomme, aber dann das Leben von Millionen Menschen gefährdet sei. Einen Sechser im Lotto gibt es auch nur in der Relation 1:137 Millionen mal. Aber es gibt ihn bekanntlich fast in jeder Woche, weil sich viele beteiligen. Das heißt: Je mehr AKW laufen, desto sicherer wird ein GAU oder Super-GAU. Ihr Parteifreund Günther Oettinger hat jetzt gesagt: "Japan war undenkbar". Dann hat der EU-Kommissar eben nicht genug gedacht! Frank Schirrmacher in der FAZ: "Selbst die sichersten Atomkraftwerke der Welt sind nicht sicher". Das ist jetzt wohl sicher.

2007 war ich zusammen mit Hermann Scheer - dem Träger des Alternativen Nobelpreises, Vater des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und erfolgreichsten Solarpolitikers der Welt - bei Ihnen im Kanzleramt. Scheer bat Sie, sich zu engagieren für eine Internationale Agentur für Erneuerbare Energien. Das taten Sie und brachten schon 2009 143 Regierungen dazu, die IRENA (International Renewable Energy Agency) zu gründen. Das ist Ihre große internationale Leistung für die Erneuerbaren.

2009 haben Ihnen die Verbände der Erneuerbaren Energien eine Studie überreicht, die aufzeigt, dass Deutschland bis 2020 bereits 47 Prozent seines Stroms ökologisch erzeugen kann. Ihre überraschende Reaktion: "Aus meiner Zeit als Umweltministerin weiß ich, dass Ihre Prognosen nicht nur immer eingetroffen sind, sondern übertroffen wurden". Selbst Greenpeace und die Grünen haben das schnelle Wachstum der Ökoenergien lange unterschätzt, weil sie nicht an die gesellschaftliche Dynamik neuer zukunftsfähiger Technologien glauben wollten. Die großen Energieversorger überschätzten in derselben Weise ihre fossil-atomaren alten Energieträger. Warum aber haben Sie, liebe Angela Merkel, die es besser wusste, längere Laufzeiten für AKW gewollt? Warum nur?
Warum wurde unter Ihrer und Helmut Kohls Führung die Partei mit dem hohen C so dogmatisch atomgläubig? Ich bin wegen der Atompolitik der CDU 1988 aus der Partei ausgetreten, weil ich als Christ und Humanist das atomare Glücksspiel nach Tschernobyl vor meinem Gewissen nicht mehr verantworten konnte. Tschernobyl wurde mein Damaskus.

Ein Anschlag auf die Schöpfung

Um die Wette strahlen mit der Sonne: Erneuerbare Energien dienen als Jobmotor, z.B. in der Photovoltaik-Branche.
Foto: © Agentur für Erneuerbare Energien
Was also jetzt tun? Lassen Sie sich jetzt wieder von Hermann Scheer inspirieren. Er hat uns kurz vor seinem Tod im vergangenen Herbst mit seinem Buch "Der energethische Imperativ - 100% jetzt - Wie der vollständige Umstieg auf erneuerbare Energien zu realisieren ist" ein kostbares politisches Vermächtnis hinterlassen. Er zeigt darin, dass und wie Deutschland und Europa bis 2030 komplett auf Erneuerbare umsteigen können - ganz konkret und praktisch und unwiderlegbar. Die ethische Frage ist spätestens durch Tschernobyl und durch Scheers Buch beantwortet: Atomtechnik ist ein Anschlag auf die Schöpfung. Atomenergie ist keine Brücke ins Zeitalter der Erneuerbaren, sondern eine Barriere. Schon heute müssen an manchen Tagen Windräder und Solaranlagen abgeschaltet werden, weil die Netze den vielen Strom nicht mehr aufnehmen können.

Der Philosoph Günther Anders hat schon am Beginn des Atomzeitalters gesagt: "Was alle treffen kann, betrifft alle". Unser Problem ist, dass wir uns oft nicht mehr vorstellen, was wir mit heutigen Großtechnologien anstellen. Millionen Menschen sehen jedoch die Atomenergie jetzt als das, was sie schon immer war: als schöpfungswidrig. Nach Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima müssen wir ein 11. Gebot lernen: Du sollst den Kern nicht spalten! Die politische und die wissenschaftliche Klasse dürfen nicht länger glauben, dass wir jede Großtechnologie fest im Griff haben. Im Zweifel hat diese uns im Griff..

Machbarkeit ist kein Gott, sondern ein Götze! Atomtechnik, Schnelle Brüter, Wiederaufarbeitungsanlagen sind keine "Spitzentechnologien", sondern Todesfallen. Jedes außer Kontrolle geratene AKW ist eine potenzielle Atombombe. Plutonium ist in jeder Dosis schädlich. Es hat eine physikalische Halbwertzeit von 24.000 Jahren. Dagegen ist die Halbwertzeit des menschlichen Gedächtnisses sehr kurz. Wie soll solche "Spitzentechnologie" je verantwortbar sein? Dieser Machbarkeitswahn ist schlicht Größenwahn! Christlich gesprochen: eine Gotteslästerung!

AKW sind auch keine Antwort auf den Klimawandel. Man kann ein Problem nicht dadurch lösen, dass man ein anderes schafft. Der strahlende Atommüll belastet tausend Generationen nach uns.

Die erneuerbaren Energien sind weitgehend ungefährlich, bei massenhafter Produktion der Technik auch preiswert und den Stoff gibt es umsonst. Sonne, Wind und Wasser schicken keine Rechnung. Es sind Geschenke des Himmels. Worauf warten wir denn noch? Millionen Dächer stehen allein in Deutschland noch immer umsonst in der Gegend herum. Und wir holen teures Öl aus Arabien, Gas aus Sibirien und Uran aus Australien für jährlich etwa 80 Milliarden Euro hierher. Allein die Sonne schickt uns theoretisch 15.000-mal mehr Energie auf diese Erde als alle Menschen zurzeit verbrauchen. Es fehlt nicht an erneuerbarer Energie, aber die Zeit wird im Angesicht des Klimawandels immer knapper.

Das neue Deutsche Wirtschaftswunder

Die Deutschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb von etwa zehn Jahren das von der ganzen Welt bestaunte Wirtschaftwunder geschafft. Und innerhalb von 20 Jahren soll heute der Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare nicht möglich sein? Diese Behauptung ist eine Beleidigung jedes deutschen Ingenieurs. Deutsche Techniker sind bereits Technologieführer bei Sonnenenergie, Windkraft und Biogas-Anlagen.
Richtig ist, dass wir noch Netze, Speicher und Leitungen brauchen. Das schafft Arbeit und Arbeitsplätze in Zukunftstechnologien. Pumpspeicher-Kraftwerke, Druckluftspeicher-Kraftwerke, Kombi-Kraftwerke mit Biogasanlagen, Windräder und Solaranlagen, solar erzeugter Wasserstoff, die Kombination von Wasserkraft und Windparks, aber auch zehntausende Elektro-Autos, die miteinander vernetzt sind und Kraft-Wärme-Kopplung - so heißen die Speichertechnologien von morgen.

Bis 2017, so hat das Bundesumweltamt ausgerechnet, können in Deutschland alle AKW abgeschaltet werden. Das Motto Ihrer ersten Regierungserklärung, liebe Angela Merkel, hieß: "Mehr Freiheit wagen". Also, machen Sie jetzt eine Energiepolitik nach dem schönen Motto "Bürger - zu Sonne, zur Freiheit". Erneuerbare Energien brauchen allerdings erneuerbare Regierungen.
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Die Kernspaltung wurde hierzulande entdeckt. Von einer Frau (Lise Meitner), einer Physikerin, in Berlin! Leider waren Sie im letzten halben Jahr Atomkanzlerin. Aber jetzt haben Sie die wohl einmalige Chance, zur Solarkanzlerin zu werden. Eine Frau, eine Physikerin, in Berlin! Das ist d i e Chance Ihrer jetzigen Krise.

Sonnige Grüße

Ihr Franz Alt

Lesen Sie die ungekürzte Version des Briefs auf www.franzalt.de

Quelle:

Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2011 - Schöne Aussichten erschienen.

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