Verhaftet die Wirtschaft!

Kern der Finanzkrise ist ein System der Verantwortungslosigkeit


© pixelio
Die weltweite Finanzkrise hat eine grundlegende Fehlentwicklung in der Wirtschaft bloßgestellt: die Atomisierung von Haftung und Verantwortung - ein Problem, das sich nicht durch die freiwillige Selbstverpflichtung zur sozialen Verantwortung von Unternehmen lösen lässt, sondern nur dadurch, dass der Staat die Wirtschaft in Haftung nimmt.

Die Auslöschung von Verantwortung begann mit der einst höchst umstrittenen Schaffung der Rechtsform Aktiengesellschaft im 19. Jahrhundert. Die Eigentümer solcher Unternehmen sind in einer unglaublich komfortablen Situation: Sie riskieren nur ihr angelegtes Geld. Für die Risiken, die ihr Unternehmen eingeht, haften sie nicht mit ihrem gesamten Vermögen und für die Schäden, die es an Mensch und Umwelt anrichtet, haften sie gar nicht - eine Konstruktion, die ein schnelles, rücksichtsloses Wachstum erst ermöglicht. Ein persönlich haftender Unternehmer investiert stets vorsichtiger als ein Aktionär.

Die Finanzmärkte von heute haben die Verantwortungslosigkeit perfektioniert: in der mangelnden Haftung von Bankvorständen, Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfern sowie in der lückenhaften Kontrolle von Finanzdienstleistern.

Aktionäre von Unternehmen und auch von Banken delegieren ihre Verantwortung an Vorstände und Aufsichtsräte. Im Versagensfall verlieren Manager höchstens ihren Job, aber nicht die kassierten Boni. Zudem sind sie, sofern ihnen nicht Vorsatz oder fahrlässige Verletzung ihrer Sorgfaltspflichten nachgewiesen wird, durch Managerhaftpflichtversicherungen geschützt. Sie könnten zwar durch die Bankaktionäre zur Verantwortung gezogen werden, aber dies erst nach einer langwierigen Sonderprüfung, die auf einer Hauptversammlung eine Mehrheit finden muss. Abgesehen davon können Aufsichtsräte nur vom Vorstand und Vorstände nur von den Aufsichtsräten auf Schadensersatz verklagt werden, was rechtliche Schritte unwahrscheinlich macht.

Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfer werden von denen bezahlt, deren Produkte, Bonität oder Bilanz sie prüfen - ein tiefer Interessenkonflikt. Es sollte nicht wundern, dass Ratingagenturen jene komplexen Finanzprodukte, deren exzessiver Handel zum Beinahezusammenbruch der Finanzmärkte geführt hat, mit höchsten Prüfsiegeln versehen haben. Sie haben schließlich die Produkte nicht nur geprüft, sondern auch mit entwickelt. Deckungsgleich die Situation der Wirtschaftsprüfer: Ein Unternehmen erwartet von seinem Buchprüfer, dass er es - insgeheim - bei der Bilanzfrisur berät.

Wer trägt nun die Verantwortung dafür, dass sich mit besten Qualitätssiegeln versehene Finanzprodukte als Schrott erwiesen haben? Die Ratingagenturen haben nie eine Garantie für ihre offenbar fehlerhaften Rechenmodelle abgegeben. Die Wirtschaftsprüfer argumentieren, sie seien für Risiken nicht zuständig, die der Gesetzgeber nicht in die Bilanz der Banken zwingt. Die behördliche Bankenaufsicht weist darauf hin, nicht sie, sondern der Gesetzgeber hätte es Banken erlaubt, hohe Risiken in außerbilanzielle Zweckgesellschaften in Steueroasen wie Irland auszulagern - weitab des Zuständigkeitsbereichs der heimischen Aufsicht. Und der Gesetzgeber beklagt, ein solches Ausmaß an Verantwortungslosigkeit sei nicht absehbar gewesen.

Falsch. Es war absehbar. Verantwortungslosigkeit ist der Kern der heutigen Finanz- und Wirtschaftsordnung. Und solange sich das nicht ändert, ist Corporate Social Responsibility nur Augenwischerei.
 
 
Von Stefan Biskamp



Kontakt
World Future Council
Anne Reis
Media & Communications Officer
Postfach 11 01 53
20401 Hamburg
Telefon +49 (0)40/30 70 914-16
Fax +49 (0)40/30 70 914-14
E-Mail anne.reis@worldfuturecouncil.org

www.worldfuturecouncil.org







Dieser Beitrag erscheint in der Ausgabe von forum Nachhaltig Wirtschaften 03/2009 mit dem Schwerpunkt "Zukunft gestalten - Demografischer Wandel & Fachkräftemangel als Herausforderung" und dem Special "Green IT & Energieeffizienz".

Bestellen Sie hier das Magazin oder sichern Sie sich direkt ein forum-Abonnement!


Quelle: World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen



     
        
Cover des aktuellen Hefts

Zukunft braucht Frieden

forum 02/2026

  • Militär & Märkte
  • Grüner Wasserstoff
  • Moorschutz als Invest
  • ESG loves KI
Weiterlesen...
Kaufen...
Abonnieren...
10
JUN
2026
Climate Transformation Summit (#CTS2026)
Making Scope 3 Action Our Business - Ticketrabatt für forum-Leser*innen!
12053 Berlin
16
JUN
2026
BootCamp Impact Business Design
Zertifizierter Impact Business Design Master
Hamburg
20
JUN
2026
Woche des Wasserstoffs 2026 (#WDW2026)
Wasserstoff verbindet
deutschlandweit
Alle Veranstaltungen...
forum goes international! Download the international edition for forum free of charge.
Anzeige

Der Mittelstand im ESG-Dschungel. Sie müssen nicht alles machen. Sie müssen nur wissen, was.

Sie erhalten einen klaren Fahrplan: was jetzt zu tun ist, was Sie auf dem Schirm behalten sollten und was Sie getrost ignorieren können.

Wissenschaft & Forschung

Artemis und Orion
Christoph Quarch überlegt, was die Namensgebung über die aktuelle Mondmission sagen kann
B.A.U.M. Insights

Jetzt auf forum:

Neue FMP-Online-Seminarreihe: KI Speed-Dating

Bienen, Biodiversität und das BIP

Artenvielfalt ist die Lebensversicherung unserer Ernährungssicherheit

Klimaforschung in München für Biodiversität und gesündere Stadtplanung

Summend in die Zukunft

Weltbienentag – Machen Sie mit!

C40 Cities & UN-Habitat Urban Planning Accelerator Takes Centre Stage During World Urban Forum in Baku

Forstbasierte Bioökonomie gibt Antworten zu drängenden Herausforderungen

  • NOW Partners Foundation
  • TÜV SÜD Akademie
  • Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz GmbH
  • Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig
  • ZamWirken e.V.
  • Engagement Global gGmbH
  • circulee GmbH
  • Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG
  • DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
  • Global Nature Fund (GNF)
  • World Future Council. Stimme zukünftiger Generationen
  • Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW)
  • SUSTAYNR GmbH
  • Protect the Planet. Gesellschaft für ökologischen Aufbruch gGmbH
  • BAUM e.V. - Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften
  • WWF Deutschland
  • 66 seconds for the future