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Eleonore Eisath

Papierverpackungen

Alleskönner oder Wolf im Faserpelz?

Papier hat einen guten Ruf – doch wie nachhaltig ist es wirklich? Der erste Teil dieser Serie widmet sich dem Publikumsliebling unter den Verpackungsmaterialien, seinen „dunklen" Seiten, aber auch innovativen Ansätzen, die Papier zu Allroundern machen könnten.

Papierverpackungen punkten: Nach­wachsende Rohstoffe als Ausgangs­material, hohe Recyclingquoten und eine etablierte Entsorgungs- und Verwertungsstruktur tragen dazu bei, dass Papier in vielen Ökobilanzen gut dasteht. © M.I.L.K. GmbHVerpackungen aus Papier erfreuen sich großer Beliebtheit, weil sie sich „grün" anfühlen und „grün" aussehen. Wer in die Tiefe gehen möchte, muss sich mit Rohstoffen, Herstellungsprozessen, Anwendungsfällen und Entsorgungsszenarien beschäftigen – vom Faserbrei bis zur Faltschachtel gibt es einiges Neues zu entdecken.

Von luxuriösen Lumpen zur Massenware
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Papier in Europa in erster Linie aus „Hadern" hergestellt – also Lumpen, die aus alten Stoffen gewonnen wurden. Durch mangelnde Verfügbarkeit sowie die arbeits- und zeitintensive Aufbereitung war Papier ein teures Gut, das nur für besondere Anwendungen eingesetzt wurde. Seit 1843 konnte Holz mechanisch zu Fasern zerrieben werden, wodurch der industriellen Papierproduktion aus Holz nichts mehr im Wege stand. Der mechanisch gewonnene Holzschliff wurde schließlich durch die Erfindung der chemischen Auflösung von Holz abgelöst.
 
Nach der Entwicklung zahlreicher weiterer Verfahren zur Gewinnung von Holzzellulose wurde Papier endgültig zur Massenware. Die „Hadern" haben aber bis heute nicht vollständig ausgedient – sie werden unter anderem für die Herstellung von Banknoten genutzt. Ein Hauch von Luxus bleibt also.

Ein Baum wird zur Verpackung
Papier, Pappe und Karton werden auch 2025 nach alten Prinzipien, aber mit hochindustriellen Verfahren hergestellt. Holzfasern oder Altpapier werden mit Wasser und Zusatzstoffen zu einem dünnen Faserbrei („pulp") vermischt, der über ein Sieb in eine Papiermaschine geleitet wird. Die Fasern verfilzen sich zu einem Papierband, das entwässert, gewalzt und getrocknet wird. Anschließend kann es weiter veredelt oder beschichtet werden.
 
Dieser Schritt ist vor allem im Kontext von Verpackungen relevant, da Papier allein oft nicht genug Produktschutz bietet – insbesondere bei Lebensmitteln ist es auf sogenannte „Barriereschichten" angewiesen. Sind alle Optimierungsschritte erfolgt, wird das Papier an weiterverarbeitende Unternehmen geliefert, die es schneiden, falten und bedrucken. Weltweit werden jährlich rund 400 Millionen Tonnen Papier hergestellt, in Deutschland circa 19 Millionen Tonnen. Mehr als die Hälfte des in Deutschland produzierten Papiers wird zu Verpackungen verarbeitet.

Grüne Quelle, grüne Verpackung?
Papierverpackungen werden als besonders nachhaltig wahrgenommen: Bei der Wahl zwischen Pappverpackung, Bio-Kunststoff und konventionellem Kunststoff wurde 2023 bei einer Verbraucherbefragung der Universität Bonn ersteres häufig bevorzugt – sofern das Material den Ansprüchen an Praktikabilität und Hygiene entsprach. Nachwachsende Rohstoffe als Ausgangsmaterial, hohe Recyclingquoten und eine etablierte Entsorgungs- und Verwertungsstruktur tragen dazu bei, dass Papier in vielen Ökobilanzen gut dasteht.

Die andere Seite der Medaille zeigt allerdings einen hohen Energie- und Wasserverbrauch sowie den Einsatz verschiedenster Chemikalien, vor allem in der Frischfaserproduktion. Für die Herstellung von einer Tonne Frischfaserpapier werden etwa 2,5 Bäume benötigt. Laut einer Studie der Food and Agriculture Organization (FAO) aus 2020 trägt die Papierindustrie mit rund 40 Prozent zur globalen industriellen Holzernte bei, was sie zu einem der größten Treiber der Abholzung macht.

Recyclingpapier dagegen schneidet in der Ökobilanz wesentlich besser ab: Während die Produktion von Frischfaser im Durchschnitt etwa 1,3 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm erzeugt, sind es bei Recyclingpapier lediglich 0,3 bis 0,5 Kilogramm CO2-Äquivalente. Auch der Wasserverbrauch sinkt bei letzterem gewaltig, nämlich um ca. 78 Prozent. Zudem müssen keine Bäume dafür gefällt werden.

Nachhaltigkeitssiegel – Pflicht oder Kür?
Wer sich nicht an unlauteren Praktiken in der Holzwirtschaft beteiligen möchte, wie z.B. illegalem Holzeinschlag, setzt auf Zertifizierungen bekannter Organisationen wie FSC, Blauer Engel oder PEFC. Sie fördern nachhaltige Waldwirtschaft und stellen eine unabhängige Entität dar, um die Konsument*innen zu dem Thema aufzuklären. Mit der EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) tritt zudem ein neues Gesetz in Kraft, das Unternehmen dazu verpflichtet sicherzustellen, dass ihre Produkte nicht zu Waldschädigungen beitragen. Siegel wie FSC sind mittlerweile so bekannt und beliebt, dass Brands gar nicht mehr davon abweichen möchten.

Papier ist nicht gleich Papier
Die meisten Papiere werden für verschiedenste Anwendungen bedruckt, veredelt und beschichtet. Mineralölbestandteile (MOSH, MOAH) aus Druckfarben können beim Recycling zu Problemen führen, da sie mitunter gesundheitsschädigend sind und deshalb nicht in direkten Kontakt mit Lebensmitteln kommen sollten. Um dieses Risiko zu vermeiden, wird bei der Verpackung von Lebensmitteln deshalb meist auf Frischfaser gesetzt. Auch zu stark kontaminiertes Papier eignet sich nicht für das Recycling, wie z.B. der Pizzakarton.
 
Nur saubere, nicht beschichtete Kartons sollten im Altpapier entsorgt werden. Recyclingquoten von Papier (und auch allgemein) sind deshalb mit Vorsicht zu betrachten: Erfasst wird, was in der blauen Tonne ankommt, nicht das, was tatsächlich wieder zu Fasern verarbeitet wird. Laut Umweltbundesamt lag die Altpapierrücklaufquote in Deutschland im Jahr 2023 bei 83 Prozent.

Echte Recyclingfähigkeit statt Mogelpackung
Fragwürdig ist der Einsatz von Papier in Verpackungen vor auch allem dann, wenn er nur der emotionalen Nachhaltigkeit dient. Verbraucher*innen wird durch den Anschein, bei einer Verpackung handle es sich um Papier, das Gefühl einer guten Entscheidung suggeriert, zum Beispiel wenn Kunststoffverpackungen mit „Paper-Touch" veredelt werden, also eine reine Papierimitation darstellen. Oder durch den Einsatz von Verbundstoffen aus verschiedenen Materialien mit einer Außenschicht aus Papier. Solche Stoffe lassen sich in der Regel nicht recyceln und landen in der Verbrennung. Als Konsument*in kann man dem Kauf solcher Mogelpackungen vorbeugen, indem man genau auf die Kennzeichnungscodes der Verpackungen achtet – nur was in die blaue Tonne darf, hat einen so hohen Papieranteil (i.d.R. 95 Prozent), dass es sinnvoll recycelt werden kann.

Neue Technologien – neue Rohstoffe
Eleonore Eisath © Eleonore Eisath
Papiere mit anderen Materialien zu kombinieren kann jedoch aus Nachhaltigkeitssicht auch vorteilhaft sein: Sogenannte „Funktionspapiere" sorgen für die Verdrängung von Kunststoffprodukten und fossilen Verbunden. Durch hauchfein aufgetragene Barrierebeschichtungen aus Aluminium oder (Bio-)Kunststoffen können Papiere besseren Schutz gegen Feuchtigkeit, Sauerstoff und Co. bieten. Hersteller übertreffen sich darin, die dünnsten Beschichtungen aus den nachhaltigsten Rohstoffen auf Papier zu bringen. Lebensmittel- aber auch Tiernahrungshersteller, deren anfällige Produkte bisher auf Kunststoffe oder Glas angewiesen waren, können nun auf Barrierepapiere setzen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgen die Faserguss-Technologien („Fibermold"). Hier wird entweder der Faserbrei direkt in eine Form gegossen und ausgehärtet (Wet Fiber Molding) oder formbare Platten aus Papierfasern werden mithilfe von Hitze und Druck geformt. Das Ergebnis sind komplexe Formen aus Papier, die Plastikteile komplett ersetzen können – von Margarineverpackungen bis zu Formteilen für Unterhaltungselektronik. Auch hier wird mit Barrieren gearbeitet, um möglichst viele verschiedene Produkte verpacken zu können.

Auch nach Holzalternativen wird gesucht: Nachdem Gras- oder Silphie-Papiere bereits wieder etwas an Fahrt verloren haben, rückt Moorpapier stärker in den Fokus. Hier werden pflanzliche Reste verwertet, die bei der Renaturierung von Mooren entstehen – eine Mischung aus verschiedenen Schilfgräsern, die sich Paludi nennt. Die Wiedervernässung von Mooren ist eine Win-Win-Situation im Sinne der Nachhaltigkeit, da diese CO2 bindet und die dabei gewonnen Rohstoffe sinnvoll eingesetzt werden können. Die Prozesse stecken noch in der Entwicklung, aber durch erfolgreiche Pilotprojekte (wie z.B. mit dem Versandhandel Otto) besteht große Hoffnung auf eine skalierbare Lösung.

Fazit – es kommt auf den Kontext an
Per se ist ein Material niemals gut oder schlecht – auch Papier nicht. Am Ende entscheiden viele Faktoren darüber, ob der Einsatz eines Materials nachhaltig ist. Die Packaging und Packaging Waste Regulation (PPWR), die ab nächstem Jahr neue Regelungen für den EU-Markt vorgeben wird, soll dafür sorgen, dass immer mehr Verpackungen in den Kreislauf zurückgeführt werden können, und sie soll das System vereinheitlichen. Auch wenn die Maßnahmen sich stärker auf andere Materialien auswirken, muss sich auch die Papierbranche auf Recyclingziele, Designvorgaben und Minimierungsgebote einstellen. Besonders relevant ist der neue Grenzwert für PFAS, einer Chemikalie, die vor allem in Spezial- und Funktionspapieren Anwendung findet. Ab dem 12.08.2026 dürfen keine Papierverpackungen auf den Markt gebracht werden, die den PPWR-Grenzwert überschreiten.

Vom zu verpackenden Produkt über den Verkaufskontext bis hin zum Zustand der Entsorgungsinfrastruktur trägt jeder Schritt im Lebenszyklus einer Verpackung dazu bei, ob sie zum Wertstoff wird oder „abfällt". Verpackungshersteller, aber auch Endkonsument*innen stehen in der Verantwortung, die gesamte Wertschöpfungskette positiv zu beeinflussen.
 
Eleonore Eisath ist Produktdesignerin, arbeitet jedoch lieber daran, dass Produkte wieder verschwinden. Als Leiterin des Innovation Lab der Design- und Innovationsagentur MILK.

Verpackungen von morgen:  Neue forum-Serie - Teil 1

Die neue forum-Serie widmet sich einem unscheinbaren, aber omnipräsenten Konsumprodukt: Verpackungen. In der fünfteiligen Serie beleuchten wir die Vor- und Nachteile der wichtigsten Verpackungsmaterialien Papier, Glas, Metall, fossile Kunststoffe sowie alternative Materialien und stellen nachhaltige Lösungen in jeder Kategorie vor.


Gut zu wissen

Fünf Fakten zu Papier
  • Papier wurde erstmals um 105 n. Chr. in China hergestellt.
  • Pro Jahr und Kopf werden in Deutschland 175 bis 200 Kilogramm Pappe, Papier und Karton verbraucht.
  • Wie oft Papier recycelt werden kann, ist strittig – während konservative Angaben etwa sieben Mal nennen, kommt die TU Darmstadt in einer Studie von 2019 auf ganze 25 Mal.
  • Die Altpapierrücklaufquote lag in Deutschland im Jahr 2023 bei 83 Prozent.
  • Für die Herstellung von 500 Blatt DIN A4-Papier werden etwa fünf Kilogramm Holz benötigt.

Alternativen zu Holzfaserpapier

Grasfaser oder Silphie
  • Vorteile: schnell nachwachsend, geringer Wasser- und Energieverbrauch
  • Nachteile: begrenzte Festigkeit, oft Beimischung von Holzfasern nötig
Agrarreste (z.B. Weizen-, Reis- oder Zuckerrohr-Bagasse)
  • Vorteile: Nutzung von Nebenprodukten, reduziert Abfall
  • Nachteile: regionale Verfügbarkeit schwankt, teils hoher Transportaufwand
Fruchtreste oder Nussschalen
  • Vorteile: optisch und haptisch besonders, Upcycling von Reststoffen
  • Nachteile: Aufbereitung kann energieintensiv sein, begrenzte Mengen
Moorpapier (Papier aus Moorgras )
  • Vorteile: Nutzung von Rohstoffen aus wiedervernässten Moorflächen fördert Klimaschutz (CO2-Speicherung), regional anbaubar
  • Nachteile: Ernte und Aufbereitung noch im Pilotstadium
Im Material-Lab-Glossar der Verpackungsdesign Agentur MILK. finden Sie eine Vielzahl spannender Papiere, zum Beispiel aus Gras, Biertreber, Kakao oder Apfelresten.

Dieser Artikel ist in forum 03/2026 - Frau Reiche – es reicht! erschienen.



     
        
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