Frank Schweikert
Gesellschaft | Bildung, 01.09.2025
Ein Weckruf für die Menschheit
Résumé der UN Ocean Conference 2025
Warum die Zukunft der Menschheit vom Zustand der Meere abhängt – und was das mit Algen, Mangroven, Seegras, Plastik und dem Klimawandel zu tun hat – war Gegenstand der UN Ocean Conference 2025, die Frank Schweikert von der Deutschen Meeresstiftung für forum besucht hat.
Im Juni 2025 traf sich die Weltgemeinschaft in Nizza und Monaco zur bislang größten internationalen Meereskonferenz. Über 10.000 Teilnehmer*innen aus Wissenschaft, Politik, Finanzwelt und Zivilgesellschaft diskutierten drei Tage lang diese fundamentale Frage: Wie retten wir den Ozean – und mit ihm unsere eigene Zukunft? Die Antwort ist ebenso klar wie dringend: Nur durch entschlossenes gemeinsames Handeln. Die 3. UN Ocean Conference (UNOC3), flankiert von der Ocean Science Conference und dem Blue Environment Finance forum, wurde so zum globalen Weckruf – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich.
Der Ozean – unsere Lebensversicherung
71 Prozent der Erdoberfläche, 97 Prozent des Wassers, 50 bis 80 Prozent des globalen Sauerstoffs – die Meere sind kein Nebenstrang des globalen Ökosystems, sondern ihr Herzschlag. Und sie sind essenzieller Teil unseres Klimasystem, denn sie nehmen 93 Prozent der überschüssigen Wärme auf und speichern rund ein Drittel der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen. Der Ozean ist Kohlenstoffsenke, Biodiversitätsarchiv, Nahrungsquelle, Verkehrsweg und Innovationsraum.
Und er ist bedroht: durch Überfischung, Plastikmüll, Versauerung, Korallensterben, Lärm und Wärmestress. Jährlich nimmt er 11 Millionen Tonnen Müll auf, und bis zu eine Million Seevögel und hunderttausende Meeressäuger sterben daran. Kaum wissenschaftlich erforscht, sind wir bereits im Begriff, den Ozean zu ruinieren.
Die Wissenschaft schlägt Alarm – und bietet Lösungen
Die Ocean Science Conference machte deutlich, wie akut die Lage ist. Dazu ein Beispiel: Seegraswiesen verschwinden mit der Geschwindigkeit eines Fußballfeldes pro Minute – und mit ihnen wertvolle CO2-Speicher und Kinderstuben der Meeresfauna. Dieser Verlust der biologischen Vielfalt bedroht nicht nur die Nahrungskette im Meer, sondern die globale Ernährungssicherheit.
Doch die Wissenschaft liefert auch Hoffnung: mit KI-gestützter Überwachung von Fischbeständen, satellitengestütztem Monitoring und naturbasierten Lösungen wie Mangroven-Renaturierung, Algenfarmen und Meeresgärten.
„Der Ozean ist unser größter Verbündeter im Kampf gegen den Klimawandel – und zugleich das größte Opfer unseres bisherigen Nichthandelns.”
Dr. Sylvia Earle, UNEP Champion of the Earth
Algen – unterschätzte Klimaretter der Meere
Algen sind weit mehr als Sushi-Beilage oder Nahrungsergänzung. Insbesondere Großalgen wie Kelp oder Sargassum zählen zu den effektivsten natürlichen CO2-Speichern überhaupt: Sie wachsen bis zu 30-mal schneller als Landpflanzen, benötigen weder Ackerfläche noch Dünger – und binden dabei enorme Mengen Kohlendioxid. Wissenschaftler schätzen das weltweite CO2-Entnahmepotenzial durch ozeanisches Algen-Farming auf bis zu 450 Gigatonnen.
Zugleich liefern solche Makroalgen wertvolle Biomasse für Dünger und Nahrungsmittel, Baumaterial oder Biotreibstoffe – und könnten so Teil einer neuen marinen Kreislaufwirtschaft werden. In Europa und Asien entstehen erste Pilotfarmen. Der Ansatz gilt als vielversprechend, aber bislang unterfinanziert. Es braucht Forschung, politische Unterstützung – und ein Umdenken: Algen sind keine Vision aus der Zukunft, sondern eine stille Chance im Jetzt. Mehr dazu in den kommenden Ausgaben von forum.
Mangroven – Küstenwälder mit doppelter Wirkung
Auch Mangroven sind stille Helden des Klimaschutzes. Diese einzigartigen Ökosysteme, die sich zwischen Land und Meer entfalten, speichern pro Hektar bis zu fünfmal mehr CO2 als tropische Regenwälder – und das dauerhaft im Sediment. Gleichzeitig schützen sie Küstenregionen vor Erosion, Sturmfluten und dem steigenden Meeresspiegel. Sie wirken wie natürliche Deiche – und sind Kinderstube für unzählige Fischarten, Krebse und Vögel. Doch ein Drittel der weltweiten Mangrovenflächen ist bereits verloren.
Ursachen sind vor allem Tourismus, Aquakultur, Entwässerung und Landnutzungswandel. Dabei sind Renaturierungen vergleichsweise kostengünstig und hochwirksam: In Mosambik, Indonesien und Kolumbien zeigen großangelegte Wiederaufforstungsprojekte, wie lokale Gemeinden wirtschaftlich profitieren können – durch Fischerei, ökologische Dienstleistungen und Ökotourismus. Mangroven sind damit ein Paradebeispiel für naturbasierte Lösungen, die Klimaschutz, Biodiversität und soziale Resilienz verbinden. Ihre Wiederherstellung ist kein „Nice to have", sondern eine Überlebensstrategie – für Küstenbewohner ebenso wie für das Weltklima.
Geld trifft Meer: die Entdeckung des „blauen Kapitals"
Erstmals rückte beim Blue Environment Finance forum auch das große Kapital auf die Bühne der Meereswende. BlackRock, Allianz Global Investors, die EIB und andere institutionelle Investoren präsentierten Finanzierungsmodelle wie Blue Bonds, Ocean Credits und Versicherungen gegen Meeresrisiken. Das Ziel: Kapitalströme in nachhaltige Projekte lenken, die die Meeresgesundheit stärken – und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sind.
Ein Meilenstein war der Launch des European Ocean Pact, einer milliardenschweren europäischen Innovations- und Investitionsinitiative für nachhaltige Meeresprojekte. Mit Seegras-Renaturierung, emissionsarmer Schifffahrt, Bildungsbündnissen und digitalen Meeresplattformen will Europa nicht nur sein Naturerbe schützen, sondern auch seine Führungsrolle in der globalen Meerespolitik ausbauen.
Vom Rand ins Zentrum – eine neue Meerespolitik
Bislang spielte das Meer in der internationalen Umweltpolitik eine Randrolle – das hat sich mit UNOC3 grundlegend geändert. Der Ozean wird nicht länger nur als „Opfer" gesehen, sondern als aktiver Hebel für Klimaschutz, Biodiversität und Transformation. Allerdings fehlt es vielerorts noch an politischer Kohärenz: In Europa sind Zuständigkeiten zersplittert, viele Schutzgebiete existieren nur auf dem Papier und der Offshore-Wind-Ausbau kollidiert mit dem Naturschutz. Meeresbildung fristet ein Nischendasein – dabei braucht es genau das Gegenteil: mehr Bewusstsein, mehr Kooperation – und mehr Mut.
Frankreich und Costa Rica, die Gastgeberländer von UNOC3, haben es vorgemacht: Allianzen über Kontinente hinweg sind möglich – wenn der politische Wille da ist. Die Vision: ein Ozean als gemeinsames Erbe der Menschheit. Elisabeth Mann Borgese, die „First Lady der Meere", formulierte es einst so: „Der Ozean wird uns zur Zusammenarbeit zwingen."
Was Europa jetzt braucht, ist ein „blau-grüner Deal" – eine neue Erzählung vom Meer als Quelle der Innovation, der Resilienz und des Friedens. Mit der European Ocean Mission, der UN Ozean-Dekade und dem Ocean Pact sind
die ersten Kapitel geschrieben. Nun gilt es, sie umzusetzen – mit konkreten Projekten, klaren Zielvorgaben und verbindlicher Finanzierung.
Frank Schweikert ist Journalist und Biologe. Er ist Gründer und Vorstand der Deutschen Meeresstiftung sowie stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Meeresforschung. Als Mitglied im EU Mission Board für Ozeane und Gewässer engagiert er sich für eine nachhaltige Zukunft. Außerdem ist er Vorstand des Bundesverbands Meeresmüll und Mitbegründer der Hamburger Klimawoche.
The Sustainable Islands Project
Kanarische Inseln als Leuchttürme für eine enkeltaugliche Entwicklung und als Vorbild für ganzheitliches, vernetztes Handeln
Auf Initiative der Umweltorganisation Protect the Planet und mit Unterstützung von forum future economy, der Deutschen Meeresstiftung und zahlreichen anderen internationalen und lokalen Akteuren entsteht gegenwärtig eine Koalition von Changemakern, die auf ausgewählten Inseln den Weg in eine nachhaltige Zukunft aufzeigen. Die ersten Projekte: Blue Green Fuerteventura, Gran Canaria, Lanzarote und El Hierro.
Inseln als Experimentierfeld und Vorbild
Inseln sind oft touristische Sehnsuchtsorte und gleichzeitig zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt. Sei es Overtourism, Verkehrsbelastung und Bausünden, Meeresverschmutzung, Landdegradation und Abwasserprobleme, oder Klimawandel, Armut und Migration. Jetzt sollen ausgewählte Inseln aufzeigen, wie man mit diesen Herausforderungen unserer Epoche, die nicht nur Inseln betreffen, sondern global zunehmen, umgehen und die Probleme lösen kann.
Dies wird möglich durch eine Vernetzung der verschiedenen Handlungsfelder. Sie reichen von der regenerativen Energieerzeugung und Meerwasserentsalzung über die Verwertung von Müll und Abwasser, den Aufbau einer funktionierenden Landwirtschaft mit Wiederbelebung der Böden, bis hin zu kreislauffähigem Bauen und einer modernen, digitalen Infrastruktur.
Wenn auch Sie dazu beitragen möchten, dass Inseln zu Vorreitern für Klimaschutz und zukunftsfähigem Wirtschaften werden, dann schreiben Sie an Fritz Lietsch: f.lietsch@forum-csr.net.
Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.
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