10. Internationaler Cradle to Cradle Congress 2026
Elisabeth Mader

Klimawissen, das bewegt

Mehr als ein Workshop: vom Wissen zum Handeln

Die ökologischen Krisen erfordern entschlossenes Handeln, aber es passiert immer noch zu wenig und das zu langsam. Die französische Organisation „Climate Fresk" hat einen Workshop zur Klimabildung entwickelt, der das ändern will. Mehr als 2,2 Millionen Menschen haben weltweit bereits am Climate Fresk teilgenommen.

© Climate FreskIm Juni 2024 wurde der gemeinnützige Verein Climate Fresk Deutschland gegründet, seit April 2025 gibt es auch die Tochtergesellschaft des Vereins, die Climate Fresk pro GmbH, um Climate Fresk (auch bekannt als Klima Puzzle) weiter in Firmen zu verankern. Wie das gelingen soll, erläutern die Nachhaltigkeitsberaterin Bénédicte Herbout, die
Climate Fresk seit 2019 ehrenamtlich in Deutschland aufgebaut hat, und Martina Weinberger, Vorsitzende des Vereins und hauptberuflich Unternehmensberaterin.

Sie engagieren sich beide ehrenamtlich für Climate Fresk. Was hat Sie von dem Format überzeugt?
Bénédicte Herbout: Wissen, was der Klimawandel ist, ist wichtig, um ins Handeln zu kommen. Aber das ist nicht alles. Genauso bedeutsam ist es, damit verbundene Gefühle zu reflektieren und dass wir uns klar machen, was wir selbst tun können. Diese drei Ebenen – wir nennen sie Kopf, Herz und Hand – spricht das Workshopformat Climate Fresk an. Climate Fresk ist zudem kein Vortrag, bei dem alle irgendwann abschalten.
 
Im Gegenteil: Die Teilnehmenden erarbeiten ihre Ergebnisse selbst. Das macht alles viel greifbarer und macht außerdem Spaß!

Martina Weinberger: Die Verbindung der drei Ebenen hat auch mich überzeugt. Wenn die Teilnehmenden über Gefühle und ihre Handlungen sprechen, kommt etwas Positives und Konstruktives in die Debatte. Und genau das brauchen wir.
 
Für wen ist das Climate Fresk geeignet?
Herbout: Die große Stärke von Climate Fresk ist: Jeder, wirklich jeder kann etwas lernen und beitragen. Wir halten die Climate Fresk-Workshops an Schulen, Unis, in Kirchengemeinden, Sportvereinen und vor allem auch in Unternehmen – mit allen Mitarbeitenden: von den Nachhaltigkeitsbeauftragten bis zum Senior Management.

Das Klimasystem ist komplex. Wie viel wissen die Teilnehmenden über die Klimakrise?
Weinberger: Man hört oft, das Thema sei doch bekannt. Wir erleben aber täglich, dass dem nicht so ist. Die Menschen haben beispielsweise absolut nicht auf dem Schirm, was 1,5 Grad Erderwärmung bedeutet, etwa wie dies mit Extremwettern zusammenhängt, die wir mehr und mehr erleben. Wir hören nach jedem Workshop: „Ich habe erst jetzt verstanden, wie wenig ich eigentlich weiß." Übrigens auch von denen, die sich gut informiert fühlen.
„Es ist besser, wenn sich 95 Prozent der Menschen in Bewegung setzen, als dass sich zwei Prozent perfekt verhalten.”

Welche Emotionen kommen bei den Teilnehmenden hoch, wenn sie mit so viel Neuem konfrontiert werden?
Herbout: Einige versuchen die Fakten zu relativieren. Andere äußern die Hoffnung, dass es nur die eine Technologie braucht, um die Krise abzuwenden. Doch diese Reaktionen werden seltener. Die meisten sagen, dass sie sich machtlos fühlen, dass sie Wut empfinden, dass so wenig passiert, und dass sie Angst haben. Mit diesen Emotionen umzugehen, erfordert Empathie von den Moderierenden.

Warum thematisiert Climate Fresk dann überhaupt Emotionen?
Herbout: Ich bin davon überzeugt: Die Fakten zu akzeptieren und sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden, sind wichtige Schritte, um ins Handeln zu kommen.

Weinberger: Am Ende des Wissensteils bitten wir die Teilnehmenden, einen Titel für ihr Klimapuzzle zu finden. Meist schlagen sie zunächst Titel vor, die düster sind, bis dann jemand sagt: „Moment mal, so sollten wir das nicht stehenlassen. Wir als Menschen haben die Dinge doch in der Hand." Das ist einer der schönsten Momente: wenn die Frustration in etwas Konstruktives umschlägt.
Bénédicte Herbout ist Mitgründerin von Climate Fresk Deutschland und Beraterin bei CHANGESthatMATTER. Sie leitet Klimaworkshops und setzte 2021 mit einer Fahrradtour zur COP26 ein Zeichen für Nachhaltigkeit. © Vincent Kleemann Martina Weinberger ist Vorsitzende von Climate Fresk und Executive Coach mit über 30 Jahren Erfahrung. Sie unterstützt Führungskräfte bei nachhaltigen Veränderungen und fördert durch Toguna Leadership nachhaltige Führung und Diversity. © Martina Weinberger

Die Debatten um die Umweltkrise sind häufig konfliktreich. Oft genügt es, wenn man einen Begriff in den Raum wirft und schon verdrehen viele die Augen.
Herbout: Climate Fresk bietet auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse einen geschützten Rahmen, in dem diese Gespräche anders geführt werden können. Oft geht dabei unter, dass klimafreundliches Verhalten Vorteile mit sich bringt. Etwa dass sich jemand fitter fühlt, der nun häufiger Rad fährt. Oder dass die Kollegin vegane Brownies mitgebracht hat, weil die so gut schmecken und sie die anderen daran teilhaben lassen wollte – nicht, weil sie andere von einem bestimmten Ernährungsstil überzeugen wollte.

Man könnte kritisch einwenden, dass vegane Brownies allein die Welt nicht retten.
Weinberger: Kann man, und gleichzeitig ist es ein Anfang. Außerdem: Wer ist schon perfekt? Ich kann der Formel viel abgewinnen: Es ist besser, wenn sich 95 Prozent der Menschen in Bewegung setzen als dass sich zwei Prozent perfekt verhalten.
 
Zudem thematisieren wir, welche Hebel wir haben – etwa als Managerin eines Unternehmens oder als Wähler. Klar ist aber: Im Climate-Fresk-Workshop können wir die Klimakrise nicht lösen, aber wir schaffen es wieder ins Gespräch zu kommen – unpolitisch und lösungsorientiert.

Sie beide halten Workshops auch in Unternehmen. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus?
Herbout: Sich der klimabedingten Auswirkungen, Risiken und Chancen bewusst zu werden und entsprechend zu handeln, wird für Unternehmen wichtiger – nicht nur weil es die Regulatorik erfordert. Mit Climate Fresk kann man abstrakte Dinge konkret diskutieren. Beispielsweise, was eine anhaltende Dürre für Produktionsstätten im Ausland oder in Deutschland bedeutet.

Weinberger: Wichtig ist auch, sich der Chancen bewusst zu werden. Es werden neue Geschäftsmodelle aufgrund der Transition entstehen. Da gilt es, dabei zu sein und nicht aufs falsche Pferd zu setzen, auch wenn das Geschäftsmodell in der Vergangenheit funktioniert hat. Nachhaltigkeit ist zudem ein wichtiger Faktor, um Talente zu gewinnen. Und schließlich ist Climate Fresk in Unternehmen ein guter Startpunkt, die Mitarbeitenden mitzunehmen.

Im Moment hat man eher den Eindruck, dass Nachhaltigkeit in Gesellschaft und Unternehmen als weniger wichtig wahrgenommen wird.
Weinberger: Die Frage, wie Unternehmen nachhaltiger werden und Risiken besser managen können, bleibt bestehen – denn da geht es um sehr konkrete Fragen: Wie sicher ist unsere Lieferkette? Wie können wir resilienter in der Energieversorgung werden? Oder welche Produkte und Dienstleistungen brauchen unsere Kunden vor dem Hintergrund wachsender klimabedingter Auswirkungen?
 
Diese Fragen können nicht allein von den Nachhaltigkeitsmanagern beantwortet werden. Da braucht es ‚all hands on deck‘. Und auch wenn das politische Klima gerade anders ist, wir sprechen hier über Physik, und der ist unsere derzeitige Lustlosigkeit in Sachen Nachhaltigkeit herzlich egal. Das Thema Klimawandel wird wichtig bleiben.

Kann Climate Fresk dabei unterstützen, intern mehr für Nachhaltigkeit zu werben?
Herbout: Ja, ein Beispiel: Oft wird in Unternehmen eine Nachhaltigkeitsabteilung neu eingerichtet, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist und man die ökologischen Auswirkungen und Risiken besser managen will und muss. Doch die Mitarbeitenden dieser Abteilung werden manchmal als Kollegen gesehen, die vor allem zusätzliche Arbeit und Kosten verursachen.
 
Die Herausforderung für Nachhaltigkeitsmanager und -managerinnen besteht darin, verschiedene Abteilungen zusammenzubringen und alle Teams mitzunehmen. Dabei kommt es oft zu Reibungen, die in normalen Meetings schwer zu lösen sind. Climate Fresk bietet einen geschützten Raum und eine Grundlage, um gemeinsam konstruktive Lösungen zu finden.

Frau Weinberger, Sie sind seit September neue Vorsitzende von Climate Fresk Deutschland. Was haben sie vor?
Weinberger: Wir wollen wachsen! Wir haben bisher 46.000 Menschen in Deutschland erreicht, wir wollen, dass es mindestens 2 Millionen werden. Denn wir wissen, dass das Thema noch nicht ausreichend verstanden ist. Unser Ziel ist es, positive, soziale Kipppunkte zu schaffen – das ist in unser aller Interesse. Wir müssen nicht das Klima schützen, sondern uns Menschen.
 
Herbout: Ich kann nur jeden ermutigen, bei uns mitzumachen. Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Moderator dauert drei Stunden, die Ausbildung, um Climate Fresk im Unternehmen einzusetzen, einen Tag. Man muss kein Klimaexperte sein, um das zu machen. Das Format ist so designt, dass die Antworten – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Tisch liegen.

Weinberger: Die Community ist unheimlich stark. Wir helfen und unterstützen uns und freuen uns über alle, die mitmachen Und über alle, die sich bei uns melden.

Vielen Dank für das spannende Gespräch und viel Erfolg weiterhin!

Mehr Informationen zu Climate Fresk finden sich unter climatefresk.org/de-de/

Elisabeth Mader arbeitet als Beraterin für Nachhaltigkeitskommunikation und -reporting in München.
www.hearts-and-minds.biz

Dieser Artikel ist in forum 04/2025 - Zukunft gestalten erschienen.



     
        
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