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David Quirchmayr

Wo der Frieden wächst

Bericht vom IX. World Organic Forum, das am 12.-15. Juli auf Schloss Kirchberg stattgefunden hat

Vier Tage lang verwandelte sich die barocke Residenz im Hohenloher Jagsttal in ein internationales Forum für Frieden und nachhaltige Landwirtschaft. Unter dem Motto „Frieden neu denken" trafen Bio-Landwirt:innen auf Rüstungskritiker, Ordensleute auf Ministerinnen - mit dem Ziel, echte Impulse für globale Lösungsansätze zu setzen und die Ergebnisse der Konferenz mit der Kirchberger Erklärung als konkreten Handlungsauftrag in die Welt zu tragen.

© Akademie Schloss KirchbergHoch über dem Jagsttal, eingebettet in die kleine Altstadt von Kirchberg an der Jagst, thront das mächtige Schloss Kirchberg. Einst war es eine Burg zur Sicherung einer alten Salzstraße, dann Renaissanceschloss, ab 1738 wurde es zur größten barocken Residenzanlage im Hohenloher Land ausgebaut. Rittersaal, Rokokosaal und ein blühender Hofgarten erzählen von fürstlichem Anspruch, heute lädt die historische Anlage vor allem zum Flanieren, Verweilen und Innehalten ein. Seit 2016 residiert hier die Akademie für Ökologische Land- und Ernährungswirtschaft, seither ist das Schloss auch Biohotel. Normalerweise mischen sich hier durstige Radurlauber unter erholungssuchende Tagesgäste.

© Akademie Schloss KirchbergVom 12. bis 15. Juli 2026 aber rückt das in den Hintergrund. Drei Tage lang füllen sich Rokokosaal, Rittersaal und Hofgarten mit Rednerinnen, Aktivisten, Wissenschaftlerinnen, Landwirten und Journalistinnen aus aller Welt. Sie alle sind angereist, um einer zentralen Frage ein Stück näherzukommen: Wie schaffen wir Frieden?

Bauern, die Frieden stiften wollen
Das World Organic Forum ist längst kein Nischenevent mehr. Seit der Erstauflage 2017 hat sich die von der „Stiftung Haus der Bauern" getragene Konferenz zu einer der wichtigsten Bühnen für ökologische Landwirtschaft im internationalen Kontext entwickelt. Mitverfasst wurde hier sogar ein früher Entwurf der UN-Erklärung zu den Rechten von Kleinbauern, die 2018 in New York verabschiedet wurde. Kopf hinter alldem ist Rudolf Bühler, Biolandwirt vom Sonnenhof in Hohenlohe, der 1988 mit acht Kollegen die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall gründete – heute die älteste Regionalinitiative Deutschlands mit rund 1.480 Höfen. An seiner Seite: Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Agrarethiker und Senior Advisor der Akademie, welche er fortwährend mit seinem intellektuellen Input bereichert. Dass ausgerechnet zwei Männer aus der Bio-Fleisch- und Ackerbauwelt in diesem Jahr zum internationalen Friedensfestival luden, ist kein Zufall: Wer seit Jahrzehnten für gerechtere Landwirtschaft kämpft, landet zwangsläufig bei den Themen, die auch hinter jedem Krieg stehen: Ressourcen, Gerechtigkeit sowie Zugang zu Land und Nahrung.

Ein Sonntag für den Frieden
Los geht es mit einem öffentlichen Friedensfestival: Ökumenischer Gottesdienst im Hofgarten, Marktstände von Eine-Welt-Initiativen, Redebeiträge von Aktivistinnen aus Indien und der Dominikanischen Republik, dazwischen ukrainisch-deutsche „Lebenslieder", indische Baul-Musik, Irish Folk und am Abend die Stuttgarter Saloniker. Bunt, international und gemeinschaftlich – Das ist der Auftakt für die Viertägige Konferenz.

Wir haben die Vision einer ökologisch intakten und friedlichen, solidarischen und sozial gerechten Welt", heißt es programmatisch in der Kirchberger Erklärung, die an diesem Wochenende noch nicht existiert, aber in den kommenden Tagen wachsen wird.

Bernward Geier, ehemaliger Direktor von IFOAM Organics International © Akademie Schloss KirchbergAm Montag geht es dann richtig los: Im Rittersaal eröffnet Rudolf Bühler die Veranstaltung. Bernward Geier, jahrzehntelanger Direktor von IFOAM Organics International, spricht über die biologische Verbindung von Bio-Landbau und Frieden. Franz-Theo Gottwald widmet sich dem Thema „Frieden unter den Menschen". Am Nachmittag der erste Moment, in dem zwei Welten aufeinanderprallen: In einer Arbeitsgruppe diskutiert Peter Aichelin, Kriegsdienstverweigerer der ersten Stunde und Mitbegründer der Initiative „Sicherheit neu denken", gemeinsam mit dem Theologen Dr. Eberhard Müller über zivile statt militärischer Sicherheitspolitik. Inhalte, die im Hohenloher Bauernland, wo Traktoren und nicht Panzer das Landschaftsbild prägen, ungewohnt konkret klingen. Den Abend beschließt eine Dokumentation mit bislang unveröffentlichten Filmaufnahmen von Albert Schweitzer. Der Anlass: sein Vermächtnis und seinen frühen Pazifismus als Vorbild für die Konflikte der Gegenwart neu zu lesen.

Frieden mit der Natur, Frieden unter Frauen
Dienstag steht unter dem Zeichen „Frieden mit der Natur". Renate Künast, ehemalige Bundesministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, spricht über Tierwohl als politische Frage. Ein Thema, das im Publikum durchaus unterschiedlich bewertet wird, sitzen hier neben veganen Aktivisten schließlich auch Schweinezüchter aus der Region. Direkt danach übernimmt Janet Maro, Geschäftsführerin von Sustainable Agriculture Tanzania und Trägerin des One World Award, gemeinsam mit der jungen forum-Journalistin Thalea Nowak das Podium: „Frieden schaffen – Frauen schaffen das." Später am Vormittag diskutieren Künast, Maro, Nowak und Prof. Carolyn Hutter von der DHBW Heilbronn gemeinsam mit Gottwald über die Rolle von Frauen im Kontext von Klima und Konflikt. 

Jürgen Grässlin, einer der Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen © Akademie Schloss KirchbergDass sich Frauenrechte, Friedensarbeit und Landwirtschaftspolitik nicht in einem Vormittag in Einklang bringen lassen, merkt man den Diskussionen zeitweise an – doch gerade aus dieser Reibung entwickelt sich im Tagesverlauf ein Austausch, der überraschend konkrete Lösungsansätze zutage fördert.

Politische Entscheidungen sind zentral an den Zielen Ernährungssicherung, Gesundheit, Klimaresilienz und sozialer Stabilität auszurichten … denn Frauen spüren die Folgen von Klimawandel, Bodendegradation und Wasserknappheit als Erste", hält die Kirchberger Erklärung später fest.

Am Nachmittag wechselt der Blick nach Afrika: Pater Dr. Déogratias Maruhukiro von der Universität Freiburg stellt das Konzept des „Grünen Ubuntu" vor: „Ich bin, weil wir sind". Er verknüpft Landnutzung mit Armutsbekämpfung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Rev. Dr. Tolbert Thomas Jallah berichtet, wie sich Liberia vom Bürgerkrieg zu einer Stimme im UN-Sicherheitsrat für Frieden entwickelte. Es sind Momente, in denen der Bezug zwischen einem Hohenloher Bauernhof und einem westafrikanischen Nachkriegsland plötzlich greifbar wird. Am Nachmittag ringen vier Arbeitsgruppen zu solidarischer Wirtschaft, Frauen und Frieden, Biodiversität und CO2-Zertifizierung sowie zum Grünen Ubuntu, um konkrete Formulierungen, ehe am frühen Abend die Kirchberger Erklärung im Plenum akklamiert, diskutiert und finalisiert wird.

„Ökologischer Landbau, Agrarökologie, Agroforst und Permakultur müssen primär gefördert werden. Sie können zum Frieden zwischen Hirtenvölkern und sesshaften Landbewirtschaftungsformen genauso beitragen wie zu geringeren Eingriffen in Boden, Wasser und Landschaft", heißt es unter der Überschrift „Frieden mit der Natur". Bemerkenswert deutlich fällt auch diese Forderung aus: „Die Zahl der Nutztiere muss deutlich verringert werden, um Flächen- und Nahrungskonkurrenzen zwischen Tier und Mensch signifikant zu reduzieren." Ein Satz, der ausgerechnet von einem Forum verabschiedet wird, das eng mit dem Erzeugerschlachthof Schwäbisch Hall verwoben ist. Ein Beleg dafür, wie ehrlich hier gerungen wurde, statt sich auf bequeme Kompromisse zu einigen.
Der Abend endet mit einem internationalen Gottesdienst und Friedensmanifest im Rosengarten, begleitet von Father Robin Joseph, der jeden Donnerstag in der Schlosskapelle zur Andacht für den Frieden lädt.

© Akademie Schloss KirchbergAm Mittwoch schließlich verlässt das Forum das Schloss: Exkursionen führen zur Bio-Gewürzmanufaktur Ecoland, zum Demeter-Sonnenhof der Familie Bühler und zum Erzeugerschlachthof Schwäbisch Hall, ehe am Nachmittag die Friedensarbeit ganz konkret in der Geschichte verankert wird – mit einem Besuch des Nikolaifriedhofs und einer Gedenkveranstaltung zum Bauernkrieg von 1525 und der Hungersnot von 1815 bis 1817. Wer für Frieden mit der Natur kämpft, so die Botschaft, kann aus der eigenen Agrargeschichte lernen.

Ein Glas Bio-Wein zum Ausklang
Am letzten Abend sitzt man wieder im Rosengarten, ein Glas Bio-Wein in der Hand, das Buffet mit regionalen Produkten aus der Schlossküche fast leergegessen. Drei Tage lang ist man sich hier nähergekommen: vegetarische Change Maker aus Indien trafen auf Landwirte aus Schwäbisch Hall, Gen-Z auf Alt-68er, Ex-Ministerinnen auf interessierte Laien. Nicht immer fiel es leicht, die Sprache der Friedensbewegung mit der Sprache der klassischen Agrarpolitik zusammenzubringen. Aber genau aus dieser Reibung sind an den Nachmittagen dieser Tage einige der angeregtesten Gespräche entstanden. Was am Ende bleibt, ist mehr als die Erinnerung an ein schönes Schloss im Jagsttal: Mit der Kirchberger Erklärung haben die unterschiedlichsten Perspektiven einen gemeinsamen Nenner gefunden – und all jene, die sich für eine friedlichere, gerechtere Welt einsetzen, mit einem Gefühl nach Hause geschickt, das in Krisenzeiten selten geworden ist: Wir sind nicht allein.
 
Zum Weiterlesen:
"Frieden mit der Natur - Frieden unter den Menschen"
Die Kirchberger Erklärung zum Frieden ist das wegweisende Ergebnis des IX. World Organic Forums 2026 auf Schloss Kirchberg.

David Quirchmayr ist Journalist mit den Schwerpunkten politische Ökonomie und Landwirtschaft. Sein besonderes Interesse gilt den Themen regenerativer, ökologischer Landbau, gesunde und genussvolle Ernährung.

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