Thalea Nowak
Gesellschaft | Politik, 01.06.2026
Frauen und Frieden
Betroffen und überhört
Frauen dürfen im Krieg selten die maßgeblichen Entscheidungen treffen. Trotzdem organisieren sie das Leben im Ausnahmezustand, tragen Verantwortung für Familien und bauen Strukturen wieder auf, während anderswo ohne sie verhandelt wird.
Was wäre, wenn diejenigen, die über Krieg entscheiden, selbst an die Front müssten? Wenn Staats- und Regierungschefs nicht nur Strategien entwerfen, sondern im Ernstfall selbst an der Front stehen würden? Wenn Merz und Putin, Trump, Selenski und Netanjahu vom Bombenalarm geweckt und im Schützengraben stehen würden und sie abends mit der Angst ins Bett gingen, der nächste Einschlag könne sie treffen?Vielleicht würden sie sich dann zu Pazifisten erklären, Machtspiele infrage stellen und sich doch noch einmal in Verhandlungen begeben, die schon längst als aussichtslos galten.
Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht würden Sie einfach weitermachen wie bisher, weil sich politische Stärke immer noch für sie darüber definiert, nicht nachzugeben, keine Schwäche zu zeigen, die eigene Position um jeden Preis zu behaupten. In ihrer Logik zählt nicht der Kompromiss, sondern das Durchhalten und die Demonstration der Härte. Und so entsteht eine Dynamik, in der das Festhalten an Macht wichtiger wird als die Frage, was ein Krieg tatsächlich kostet. Für diejenigen, die ihn führen müssen, und für die Gesellschaften, die danach mit den Folgen leben.
Kriege werden von Menschen entschieden, die sie selten selbst führen müssen. Gekämpft wird von den Jungen, gelitten von (fast) allen und die Folgen tragen ganze Generationen.
Die unsichtbare Last des Krieges
Während an Fronten gekämpft und in Konferenzräumen über Strategien und Waffenstillstände verhandelt wird, sind es meist Frauen, die unter unsicheren Bedingungen den Alltag meistern: Sie kümmern sich um die Kinder, sichern Unterkunft, Einkommen und Versorgung. Männer fehlen, sind verwundet, gefallen oder im Kriegseinsatz. Plötzlich tragen Frauen die Verantwortung allein für Familie, Einkommen und Überleben, obwohl sie vorher nur eingeschränkten Zugang zu Bildung, Arbeit und Einkommen hatten. Doch trotz dieser zusätzlichen Last erhalten Sie kaum Zugang zu Ressourcen oder politischem Einfluss, wodurch sich ihre Situation doppelt erschwert.
Sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie
Sexualisierte Gewalt nimmt in vielen Konflikten zu und wird teils systematisch eingesetzt, um Angst zu verbreiten, Menschen zu vertreiben und Gemeinschaften zu zerstören. Betroffene verlieren ihr soziales Umfeld, werden stigmatisiert oder aus Gemeinschaften ausgeschlossen. Diese Gewalt richtet sich nicht nur gegen einzelne Personen, sie soll ganze Dorfgemeinschaften einschüchtern, auseinanderreißen oder zur Flucht zwingen. Vergewaltigungen sind Teil der psychologischen Kriegsführung und Ausdruck brutalster Dominanz.
Und es gibt noch mehr Auswüchse: Ab dem zweiten Weltkrieg wurde organisierte Prostitution sogar von Regierungen gefördert. Allein das japanische Militär hat während des Asien-Pazifik-Krieges (1931- 1945) im gesamten asiatisch-pazifischen Raum über 200.000 Mädchen und Frauen aus 14 Ländern als sogenannte „Trostfrauen" sexuell versklavt. Viele überlebten den Krieg nicht, nur ein kleiner Teil entkam den Folgen von Krankheit, Hunger, Misshandlung oder Folter. Aber auch die „Rest & Recreation"-Aufenthalte der US-Soldaten im Vietnamkrieg waren entscheidend für den Boom und die Internationalisierung des Sextourismus in Thailand.
Der Krieg kennt keine „Männerjobs"
In der Ukraine wird bereits deutlich, dass Frauen die Lücken im Arbeitsmarkt seit Beginn des Krieges füllen. Sie arbeiten heute als Landwirtinnen, Fabrikarbeiterinnen, Lkw-Fahrerinnen oder am Bau. Sie sind eingesetzt in körperlich anstrengenden Berufen wie Tischlerin oder im Feuerwehrdienst, was ihnen bis 2017 sogar gesetzlich verwehrt war, mit der Begründung sie wären gefährlich für ihre „Reproduktive Gesundheit". Mit der Mobilisierung von über einer Million Soldaten, hat sich ihre Realität radikal verschoben. Frauen übernehmen nicht nur neue Jobs, sondern sichern Wirtschafts- und Versorgungsstrukturen, sie sind tätig im Wiederaufbau aber nach wie vor politisch kaum vertreten.
Frauen in Friedensprozessen
Die mangelnde Berücksichtigung von Geschlechtergerechtigkeit in Friedensprozessen blendet die Perspektiven der Hälfte der Weltbevölkerung aus. Dabei zeigen Studien, dass eine stärkere Beteiligung von Frauen Friedensabkommen wirksamer und nachhaltiger machen kann. Ihre Einbeziehung erweitert nachweislich die Perspektiven, die in Verhandlungen berücksichtigt werden. Gerade weil sie in Gesellschaften oft die Rolle von sozialen Diensten übernehmen und häufiger mit Alltags-Realitäten konfrontiert sind, können sie auch die Interessen marginalisierter Gruppen wie SeniorInnen, Kindern oder Menschen mit Beeinträchtigungen stärker einbringen.
Wo Frauen substanziell beteiligt sind, werden Abkommen oft breiter gedacht: Sie beziehen nicht nur Waffenstillstände und Machtfragen ein, sondern auch Themen wie Versorgung, Gerechtigkeit, Bildung, Reintegration oder die Rechte von Minderheiten. So entstehen inklusivere Vereinbarungen, die statistisch häufiger umgesetzt werden und stabiler bleiben.
Frauen für den Frieden
Frauen als Friedensaktivistinnen haben eine lange Tradition, bereits im 1. Weltkrieg versammelten sich rund 1.000 Frauen in Den Haag zum internationalen Friedenskongress. In diesem Zuge gründet sich auch die älteste internationale Frauen-Friedensorganisation der Welt, die Women's International League for Peace and Freedom (WILPF). Danach engagierten sie sich immer wieder aktiv für eine Verständigung über Landesgrenzen hinweg.
Ein starkes, öffentlichkeitswirksames Symbol war der „Peace Train" im Jahr 1995. Mehr als 200 Frauen reisten gemeinsam quer durch Europa und Asien zur Weltfrauenkonferenz in Peking, machten Halt in Städten wie Kiew oder Istanbul und vernetzten sich über politische Grenzen hinweg. Ein wichtiger politischer Meilenstein folgte im Jahr 2000 mit der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats. Sie erkennt erstmals offiziell an, dass Frauen an Friedensprozessen beteiligt werden müssen. Eine Forderung, für die Frauenbewegungen jahrzehntelang gekämpft hatten.
Diese Beispiele zeigen, dass Frauen nicht nur von Krieg betroffen sind, sie arbeiten seit Langem auch aktiv daran, Frieden zu schaffen, übernehmen Verantwortung und entwickeln eigene Ansätze für ein Leben jenseits von Gewalt. Oft dort, wo staatliche Strukturen versagen oder politische Prozesse stagnieren, entstehen Initiativen von Frauen für Frauen, die konkrete Alternativen schaffen.
Friedensarbeit beginnt dabei lokal, mit Schutzräumen für Überlebende sexualisierter Gewalt, in Trauma- und Rechtsberatung, in Gemeinschaftsküchen oder mit Bildungsangeboten für Frauen und Kinder. In Konfliktregionen organisieren Frauennetzwerke Evakuierungen, vermitteln zwischen verfeindeten Gruppen, dokumentieren Menschenrechtsverletzungen, begleiten Vermisstensuche, schaffen Einkommenskooperativen für Witwen oder bauen mit lokalen Friedenskomitees soziale Infrastruktur wieder auf.
In der Ukraine übernehmen Frauen Wiederaufbauarbeit und Versorgung, im Sudan organisieren Aktivistinnen Nachbarschaftshilfe und Schutznetzwerke, in Iran und Kurdistan entstehen aus Frauensolidarität Räume für Widerstand und Selbstverwaltung. Frieden beginnt nicht erst bei großen Abkommen, sondern dort, wo Menschen im Kleinen Sicherheit, Würde und Zusammenhalt verteidigen.
„Sexualisierte Gewalt und die mangelnde Berücksichtigung von Geschlechtergerechtigkeit in Friedensprozessen blendet die Perspektiven der Hälfte der Weltbevölkerung aus.”
Frieden ohne Abhängigkeit
Das Frauendorf Jinwar im Norden Syriens zeigt, wie diese Alternativen aussehen können. Mitten im Bürgerkrieg entstand hier 2018 ein Ort für ein selbstbestimmtes und gemeinschaftliches Leben, gebaut von Frauen für Frauen. „Jinwar" bedeutet übersetzt „Land der Frauen". In dieser ökologisch orientierten, freiverwalteten Kommune können sie abseits von jeglicher Gewalt und unabhängig von ihrer Herkunft, ob kurdisch, jesidisch oder arabisch, zusammenleben.
Das Dorf bietet Raum für Selbstbestimmung, für Frauen, die nicht heiraten wollen, die ihre Ehemänner im Krieg verloren haben, die in ihren Familien Gewalt erleiden mussten, die einfach frei leben wollen. Entscheidungen werden gemeinsam in Versammlungen getroffen und Konflikte kollektiv gelöst.
Ziel ist ein möglichst unabhängiges Leben, sowohl wirtschaftlich wie sozial. Die Frauen bauen dafür ihr eigenes Gemüse an, halten Tiere und betreiben eine Bäckerei. Mit einem eigenen Gesundheitszentrum und einer Akademie schaffen sie Strukturen, die sonst oft fehlen. So entsteht Schritt für Schritt eine weitgehend selbstversorgende Gemeinschaft, die nicht auf Abhängigkeit, sondern auf Kooperation basiert.
Nachhaltiger Frieden
Frieden wird nur dann tragfähig, wenn er nicht allein als Waffenstillstand gedacht wird, sondern als gerechter Aufbau von Gesellschaft. Doch dies kann nicht allein von NGOs getragen werden, deren Erhaltung von finanzieller Förderung abhängig ist.
Ohne politische Unterstützung, verlässliche Finanzierung und strukturelle Verankerung laufen viele Initiativen Gefahr wieder zu verschwinden, sobald Aufmerksamkeit oder Mittel fehlen. Frieden braucht daher nicht nur Engagement, sondern auch Infrastruktur.
Eine feministische Außenpolitik setzt genau hier an: Sie verschiebt den Blick weg von reiner militärischer Sicherheit hin zu gesellschaftlicher Stabilität, sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe. Gerade in Zeiten von Aufrüstung und geopolitischen Machtlogiken braucht es deshalb neue Sicherheitsbegriffe, die menschliche Sicherheit über Dominanz stellen.
Dieser Wandel ist keine Aufgabe von Frauen allein. Er braucht auch Männer, die sich gegen Militarisierung und patriarchale Ideale stellen, denn auch sie sind von Krieg betroffen und leiden selbst unter Dominanz-Strukturen, etwa durch die Wehrpflicht oder den gesellschaftlichen Zwang, kämpfen zu müssen.
Ein freiwilliges, demokratisch legitimiertes Sicherheitsverständnis würde allen Geschlechtern mehr Entscheidungs-Autonomie geben und den politischen Druck von alten Rollenbildern lösen. Frieden bleibt eine gemeinsame Aufgabe – und vielleicht liegt die eigentliche Veränderung darin, wie Sicherheit überhaupt gedacht wird: weniger als Frage von Macht und Abschreckung, sondern als Frage von Teilhabe, Fürsorge und Verantwortung für die Gesellschaft und letztendlich unseren Heimatplaneten als Ganzes.
Filmtipp: Traces – Ein Film von Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk über Frauen, Krieg und Erinnerung. 2026
Thalea Nowak ist Journalistin und als forum-Redakteurin spezialisiert auf die Themen gerechter Handel und Feminismus.
Gut zu wissen
Wie kann man Frieden unterstützen?
Spenden hilft. Aufmerksamkeit auch. Nachfolgende Frauen- und Friedensinitiativen leben von Sichtbarkeit und Finanzierung.
Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF / IFFF)
Eine der ältesten Frauen-Friedensorganisationen weltweit – aktiv in Abrüstung, Konfliktprävention und feministischer Friedensarbeit.
Peace Track Initiative
Bringt Frauen in Friedensprozesse ein und stärkt weibliche Mediation in Konfliktregionen.
Jinwar – Frauendorf in Nordsyrien
Ein radikales Friedensprojekt von Frauen für Frauen: Selbstverwaltung, Schutzraum und Wiederaufbau zugleich.
Sema Ukraine / Amica e.V.
Unterstützung für Frauen in Kriegsgebieten – von psychosozialer Hilfe bis Traumabegleitung.
Rondine Cittadella della Pace
Praktische Friedensarbeit und internationale Solidaritätsprojekte in einem Dorf in der Toskana.
Berghof Foundation
Stärkt inklusive Friedensprozesse weltweit, mit Fokus auf Dialog, Mediation und die gezielte Förderung von Frauen als Insider-Mediatorinnen in Konflikt- und Protestkontexten.
swisspeace
Verbindet Forschung und Praxis der Friedensförderung und setzt sich für inklusive Friedensprozesse ein – unter anderem durch Mediation, Gender-Arbeit und Unterstützung lokaler Friedensakteurinnen.
humedica
Humanitäre Hilfe in Krisen- und Kriegsregionen.
AMICA e.V.
Frauenrechtsorganisation, die Frauen in Kriegs- und Krisengebieten unterstützt und verbindet psychosoziale Hilfe für Überlebende sexualisierter Gewalt.
Dieser Artikel ist in forum 03/2026 - Frau Reiche – es reicht! erschienen.
Frau Reiche – es reicht!
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